Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1907)
- Date
- 1907-03-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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MrlMtkches. Seitdem es eine Bibelkritik gibt, haben ihre Wortführer das begreifliche Streben, nicht nur für das kleine Fähnlein der Fachgelehrten zu arbeiten, sondern mik den Forschungen und den daraus gewonnenen Resultaten auch in die große Masse zu dringen. Ein Jahrhundert ist fast verflossen, seitdem das Kritisieren des Bibeltextes ' als Wissenschaft geriert und alle Prätension jebt, zu welcher dieser stolze Name ohne weitere ^Prüfung berechtigt. Wenn die Bibelkritik eine Wissenschaft ist, d. h. wenn das, was sie in die Bibel hineinkonjekturiert und herausescamotiert, wirklich dasjenige ist, was wir von der Bibel wissen, dann haben ihre luftigen Hypothesen den Wert und die Bedeutung ganz fest gefügter, wohl erprobter Thesen, dann muß jede bisherige Ueber^eugung, die mit diesem neuen Wissen, die mit dieser jungen Wissenschaft in Widerspruch steht, als abgetan und überwunden unters alte Eisen geworfen werden. So meinen's auch die Bibelktttiker vom Fach,- so sollte es wenigstens fein, und man kann recht wohl das schmerzliche Empfinden eines bibelkritischen Gemütes verstehen, das diese Rücksichtnahme so allenhalben vermißt. Hundert Jahre fast amendieren, kritisieren, konjektrrrieren und ballhornisieren sie am alten Bibeltext herum und er steht heute noch genau auf demselben Fleck wie vor hundert Jahren. Außerhalb des beschränkten Kreises der hohen Exegetenzunst weiß man gar nichts von den vielen neuen Lesarten und der Verdächtigung der alten, von der Razzia des kritischen Rotstifts und der Verwüstungen, welche die m.oderne und scharf geschliffene Exegetenscheere unter den alten, überlieferten Texten angerichtet hat. Diesen überlieferten masoretischen Text, den kein kritisches Scheidewasser auslöschen, den aus der Welt zu streichen alle exegetischen Streichinstrumente nicht vermögen, ihm gilt daher der Kampf dieser Exegetenschule auf der ganzen Linie. Wie nun die Mäuse ihr bekanntes probates Mittel gefunden haben, um den verderblichen Einfluß der Katzen unschädlich zu machen, so kennen auch die gelehrten Bibelkritiker ganz genau den Weg, die alte Bibel aus den Geistern und Gemütern der Massen zu reißen und die neue dafür einzuschmuggeln. Man braucht nur eine Volksausgabe der bibelkritisch revidierten und gereinigten alten Bibel zu veranstalten und der alte, verknöcherte massoretische Jammer ist abgetan. , „Es ist ein Uebelstand, daß während dem griechischen und lateinischen Unterricht berichtigte Texte mit Angabe der Varianten zu Grunde gelegt werden, hebräisch gelehrt wird nach der editio p'iveepa des massoretischen Textes ... Es ist ein Uebelstand, daß dje akademische Jugend mit dem Vorurteil, indem hebräischen Codex den überlieferten Text, oder gar die authentische Schrift des biblischen Autors zu besitzen, in die Vorlesung kommt - und deshalb jede Abweichung des Lehrers ihr Mit dieser Klage leitet Klo st ermann das erste Heft seiner 1893 begonnenen Sammlung hebräisch-deutscher Bibeltexte ein. Herr Professor Rudolf Kittel in Leipzig hat sich mit dieser Klage so vollständig identifiziert, daß er sie ün die Spitze einer im Jahre 1901 gehaltenen Rektoratsrede stellt, die den Titel führt: „Ueber die Notwendigkeit und Möglichkeit einer neuen Ausgabe der hebräischen B bel." Ueber die Notwendigkeit war unter den Bibelkritikern nie ein Zweifel. Aber die Möglichkeit? Eher hätten die vereinigten Mäuse einer Katze ein Dutzend Schellen anhängen können, als die verschiedenen Köpfe der verschiedenen Bibelkritiker unter einen Hut zu bringen oder in einer Textausgabe der Bibel zu vereinigen. Herrn Professor Kittel gebührt das Verdienst in dieser Rede die Möglichkeit, die bisher unmöglich geschienen, nachzuweisen. Inwiefern dieser Nachweis wirklich gelungen ist, ist hier ohne Interesse. Es handelt sich hier nur darum, daß ein hervorragender, zeitgenössischer Fachmann selber an die Möglichkeit einer neuen, von dem massoretischen Text unabhängigen Bibelausgabe glaubt und den Weg dazu in allen Einzelheiten angibt. Bon einem Manne, der wie Professor Kittel das Uebel und seine Heilung kennt, durfte man sicher erwarten, daß er diese Kenntnis nicht tot und ungenützt liegen lasse, sondern sie in Taten umsetze. In Wirklichkeit erschien fünf Jahre später unter Kittels Redaktion im Verein mit einem Stab gelehrter Mitarbeiter eine neue Ausgabe unter dem Titel: D'siroi rhin Biblia, Hebraica, adjuvantibus Professoribus G. Beer, Fr. Buhl, G. Dalman, S. B. Driver, M. Löhr, W. Nowack, I. W. Rothstein, V. Ryssel. Edidit Rud. Kittel, Professor, EipÄeusis. Leipzig. Verlag von I. C. Hinrichs, 1906. Ungewöhnlich war die Spannung, mit der man das groß angelegte, 85 Druckbogen umfassende und vorzüglich ausgestattete Werk in den Kreisen der Bibelkritiker aufschlug, aber noch größer war die Enttäuschung darüber, daß es die Erwartungen keineswegs erfüllte, die man von dieser Seite nach allem bisherigen hegen durfte. „Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern," ruft* Giesebrecht bei ihrem Anblick aus. (Theologische Litteraturzeitung 1906 Nr. 13). „Wir dachten," klagt er, „jetzt hörten für uns die Rabbinerprobleme einmal auf, nun stecken wir erst recht darin."*) Die Verlagsbuchhandlung und Pros. Kittel sind in einer Beilage zur gleichen Nummer der genannten Zeitung diesen Ausstellungen mit Geschick und Erfolg entgegengetreten. Ihre Ausführungen lausen darauf hinans, daß die Abhandlung „Ueber die Notwendigkeit und Möglichkeit. einer neuen Ausgabe der hebräischen Bibel" nicht in unmittelbarem Zusammenhänge *) Unter „Rabbinerprobleme" versteht Giesebrecht die mit der fünf Jahre später erschienenen Biblia Hebraica stehe, daß sie zudem nur das Ideal einer solchen behandele, die aber durch buchhändlerische, finanzielle Erwägungen sehr malefiziert werde. Kurz, Herr Kittel hätte keinen Verleger gefunden, der eine Bibelausgabe riskiert hätte, wie sie den leitenden Geistern der Bibelkritik als Ideal vorschwebt. Damit ist Herr Professor Kittel gegen alle Vorwürfe gedeckt. Aber daß sie nunmehr umso mächtiger auf die von ihm vertretene Sache, auf die Bibelkritik fallen, das ist es, was uns an dieser ganzen Angelegenheit in erster Reihe interessiert. Die Herren Verleger sind in der Regel recht praktische Leute, die ihr Publikum kennen. Wenn diese glauben, eine Bibelausgabe nach dem Herzen ter Herren Bibelkritiker finde keine Käufer, so darf man ruhig noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, sie fänden auch keine Leser, selbst wenn die reichsten Geldmittel znr Verfügung stünden, um sie kostenlos zu liefern. Die heilige Schrift jselber ist in fast 300 Sprachen übersetzt und war unter den Menschen aller Farben und Zonen verbreitet, noch lange bevor es Buchhändler und Verleger gab. Aber es ist der alte massoretische Text, der sich dieser Beachtung und Verbreitung zu erfreuen hat, die alte massoretische Bibel, von der Herr Professor Kittel nock vor sechs Jahren bedauert hat, daß die akademische Jugend an ihre Authentizität glaubt, über die er heute allerdings etwas anders zu denken scheint. Seine Biblia Hebraica ist in der Tat ein mustergiltiger Abdruck der sorgfältig massorettsch redigierten, sogenannten Editio Brombergiana H, deren terausgeber Rabbi Jakob Ben Chajim war. iesebrecht hat also so Unrecht nicht, wenn er meint, daß wir tiefer als je in den Rabbinerproblemen stecken. Sagt doch Kittel in seiner Rechtfertigung selber: „Ein vollständiges Beiseitesetzen der massoretischen Ueberlieserung ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wir kamen über die letztere nicht hinüber.-Wer den massoretischen Text vollständig über Bord werfen wollte, wäre in der Gefahr, den unkundigen Leser (Studenten re.) über den überaus subjektivenCharaktere einerMenge von Textänderungen hinwegzutä uschern -:-Man vergesse doch nie, daß V der Text d es A. T. in keiner Weiso mit dem des N. T. oder irgend eines Klassikers verglichen werden kann." Diesen letzteren Vergleich hat aber Kittel selber noch vor sechs Jahren in dem oben angeführten Klostermann'schen Citat sich angeeignet. Es gehört zu den zahlreichen Lichtseiten der Kittel'scheu Biblia Hebraica, daß aus seinen Äeußerungen über die Mafforah jetzt doch ein ganz anderem Geist spricht. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß. "die Mängel, welche die radikale Bibelkritik an dieser neuesten Bibelausgabe suchet, inchMAur dch BetzMer) ' ‘ ' .. ‘