Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1907)
- Date
- 1907-03-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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welche eine Jnterventton des Staats in Kuitusanaeieflenheiten herbeiDhren wollen. — Es ist hier nicht der Ort dazu, die wahren Motive lener gegen ein geheiligtes Gmndprinzip des Judentums gerichteteten Bestrebungen aufzudecken. Wenn von dieser Seite her aber der Konservatismus so scharf betont und als die bewegende Ursache vorgegeben wird, so wollen wir doch auf ein älteres, unseres Wissens bisher nicht in die Oeffentlichkeit gelangtes Ministerial-Reslript Hinweisen, woraus das Bedenkliche des von dem angeblichen Konservatismus versuchten Mittels ersichtlich wird. DaS gedachte, an dieAeltesten der jüdischen Gemeinde zu Berlin erlassene Reskript lautet wörtlich: „Der hiesige Bankier N. N. hat bei des Königs Majestät unmittelbar den Antrag gemacht, neben der Synagoge noch einen besonderen Versammlungsort der jüdischen Gemeinde für einen in deutscher Sprache zu haltenden Gottesdienst zu gestatten und Sie werden aus der abschriftlichen Anlage vom 12. d. Mts. ersehen, daß und in welcher Art dieser Antrag auf Allerhöchsten Befehl von Seiner Durchlaucht dem Hertzn Staatskanzler zurückgewiesen worden ist. Mit Bezug auf den Inhalt dieser Resolution werden Sie hiermit aufgeford rt, Vorsorge zu tragen, daß die hebräische Sprache abgeschafft und die Landessprache in der Synagoge und bei religiösen Feierlichkeiten eingeführt werde, zumal wenn eS, nach dem Anführen des N., gegründet ist, daß der größere Teil der Gemeinde, mit Inbegriff des weiblichen Geschlechts und der Jugend, der hebräischen Sprache unkundig sei. Berlin, den 16. Februar l816. Ministerium des Innern." Wer nicht mit voller Absicht sein Auge verschließen will, wird hieraus ersehen, daß, wenn auch ein so bedeutender Eingriff in d'e inneren Kultusangelegenheiten gegenwärtig nicht zu befürchten sein dürfte, es doch immerhin höchst bedenklich bleibt, die Einmischung des Staates anzurufen und der Relig onsgemeinde ihre seit Jahrtausenden geheiligten Prärogative zu nehmen. Mit Recht verwahren sich darum die Gemeinden gegen die tendenziösen Bestrebungen, die trotz der Erfahrungen von Jahrtausenden nicht der Macht unseres Glaubens und der Kraft seiner Lehre vertrauen, sondern das Heil in Zwanasmaßregeln suchen, welche ihre Wirkung auf das Judentum Gottlob stets verfehlt haben.-" Diese Ausführungen, was noch einmal wiederholt werden soll, sind nicht Bemerkungen zu dem Rosin'schen Entwurf, sondern bereits vor bald fünfzig Jahren erschienen. Es scheint wirklich, daß es nichts Neues giebt unter der Sonne. vr. A. K. und Nachrichten. orrespondenzen Deutsches R^icy. Berlin, 3. März. Am Sonntag d. 3. März vormittags 7210 Uhr fand eine Sitzung des Centralkomitees des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Berlin statt. In der Sitzung wurde der Geschäftsbericht, der den sämtlichen Mitgliedern bereits Vorgelegen hatte, genehmigt. An die Sitzung des Zentralkomitös schloß sich die Versammlung der Mitglieder des Hilfsvereins der Deutschen Juden. Herr James Simon gedachte zunächst der Verstorbenen und zu Ehren jener verstorbenen Mitglieder, die sich dem Hilfsverein der Deutschen Juden in aufopferndster Weise gewidmet haben, erhoben sich die Versammelten von ihren Plätzen. Der Vorsitzende dankte darauf der großen Anzahl ehrenamtlicher Mitglieder, die im ganzen deutschen Reich dem Hilfsverein ihre Dienste zur Verfügung stellen. Herr James Simon erstattete darauf den Geschäfts - Bericht. Ueber die Lage in Rußland sprach Herr Dr. Nathan, den Kassenbericht trug Herr Dr. Ellstätter vor. Der Geschäftsbericht wurde darauf seitens der Versammlung genehmigt und Entlastung für die Verwaltung erteilt. Herr Schwarz-Berlin bat die Anwesenden, sich zum Zeichen der Dankbarkeit für die Geschäftsführung von den Sitzen zu erheben. Das geschah. Die Generalversammlung wurde darauf geschlossen. Nunmshr leitete Herr Privatdozent Dr. Mittwoch mit einigen einführenden Worten über die Falaschas einen Vortrag von Herrn Dr. Faitlowitsch aus Paris über dasselbe Thema ein. Herr Faitlowitsch ist 18 Monate in Abesynien gewesen und war daher in der Lage, auf Grund persönlicher Anschauungen über die Falaschas, diesen versprengten Stamm des Judentums, Bericht zu erstatten. Er schloß seinen interessanten Vortrag mit der Bitte, dast die Juden der zivilisierten Welt sich der Falaschas annehmen mögen. Herr James Simon konnte feststellen, daß seitens des Hilfsvereins der Deutschen Juden bereits ein Betrag beivilligt worden ist, zu dem Zwecke, junge Falaschas in Jerusalem der Segnungen moderner Erziehung teilhastig werden zu lassen. Der Schluß der Sitzung fand um 1 Uhr statt. Berlin, 6. März. Der Präsident der Alliance Israelite Universelle, Herr Narcisse Leven, hat am 12. Februar an den französischen Minister des Auswärtigen nachstehendes Schreiben gerichtet: Herr Minister! Wir haben die Ehre, Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit auf die Lage hinzulenken, die unseren Glaubensgenossen in Jspahan bereitet worden ist. Ein Telegramm, das wir soeben von dem Direktor unserer Schulen in dieser Stadt erhalten haben, meldet uns, daß die Geistlichkeit die Juden gezwungen hat, sich zum Tragen unterscheidender Gewänder und zum Verzicht auf den Handel im Umherziehen zu verpflichten. Zu jeder Zeit haben die Vertreter Frankreichs in Persien sich bemüht, die Israeliten gegen ähnliche Angriffe auf ihre Menschenwürde in Schutz zu nehmen, und die Intervention der französischen Vertretung bei der Regierung des Schah ist stets wirksam gewesen und mit Entgegenkommen ausgenommen worden. Wir würden Ihnen zu tiefer Dankbarkeit verbunden sein, wenn Sie die Güte haben wollten, möglichst auf telegraphischem Wege der französischen Gesandtschaft in Teheran aufzugeben, daß sie bei den hauptstädtischen Behörden die Rücknahme der gegen die Israeliten von Jspahan erlassenen Befehle erwirke. Wir richten diesen Appell an Ihren Geist der Menschlichkeit und des Liberalismus und sind überzeugt, daß Sie diesen durch Gewährung unseren Ersuchens aufs neue beweisen werden. Genehmigen Sie, Herr Minister, die Versicherung unserer Hochachtung. Der Präsident Narcisse Leven. Hierauf ist folgende Antwort an Herrn Leven gelangt: Republique Fran^aise Ministere des affaires etrangeres Paris, den 18. Februar 1907. Geehrter Herr! Durch einen Brief vom 12. Februar haben Sie die Güte gehabt, meine Aufmerksamkeit auf. gewiffe Verfolgungen zu lenken,, denen Ihre Glaubensgenoffen in Jspahan von seiten der Ortsgeistlichkeit dieser Stadt ausgesetzt werden. In diesem Schreiben drückten Sie mir zugleich den Wunsch aus, daß die Gesandtschaft der Republik in Teheran bei den hauptstädtischen Behörden auf die Rücknahme der gegen die Israeliten von Jspahan erlassenen Verfügungen wirke. Ich habe die Ehre Ihnen 'mitzuteilen, daß ich soeben unserm Gesandten in Persien telegraphisch die Weisung habe zugehen lassen, er möchte in dem von Ihnen angegebenen Sinne bei der Regierung des Schah me erforderlichen Schritte tun, die, wie ich hoffe, wirksam sein werden, und im übrigen dem Geist der Menschlichkeit und des Liberalismus' der Regierung der Republik entsprechen, an den Sie neuerdings appelliert haben. Empfangen sie, geehrter Herr, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. _ S. Pichon. Der baöisäie Oberraf als waklmacker. Karlsruhe, 5. März. Der badische Oberrat, unser alter Freund, hat wieder einmal eine Tat getan. „Entwurf einer Verordnung, die Wahlordnung für die Wahlen zur Synode betreffend", so lautet das Opus, das er geschaffen und — nicht in die Lande, sondern nur an den engen Kreis der Synodalen selbst hat gehen lassen. Dieser Entwurf soll in einer auf den 18. d. Mts. einberufenen außerordentlichen Sitzung der Synode dieser zur Beschlußfassung vorliegeu. Er enthält eine Reihe von Abänderungen des jetzt geltenden Wahlmodus zur Synode, von denen wir die wichtigsten und einschneidendsten hier folgen lassen. V. Nach § 11 werden folgende Bestimmungen eingefügt: ß 11s. Frühestens zehn Tage und spätestens eine Woche vor dem Wahltage wird jeder in die Wählerliste aufgenommene Stimmberechtigte von dem § ynagogenrate unter Uebersendung eines unausgefüllten Stimmzettels und zweier verschieden großer Umschläge, von denen der größere mic der Nummer, unter welcher der Stimmberechtigte in der Wählerliste erscheint und mit amtlichem Stempel versehen ist, schriftlich eingeladen, die Wahl in der Weise vorzunehmen, daß er den mit seinem Vorschläge versehenen Stimmzettel in den kleineren Umschlag und hierauf diesen in den größeren Umschlag verschließt, letzteren mit der eigenhändigen Aufschrift seines Namens versieht und sodann den doppelt verschlossenen Stim nzettel entweder vor dem Wahltermine denr Vorsteher des Shnagogenrates zugehen läßt oder im Wahltermine persönlich übergibt. § 116. Er (der Vorsteher des Synagogenrats) kann zur Erleichterung der Stimmabgabe die mit den abgestempelten Umschlägen verschlossenen Stimmzettel bei den Stimmberechtigten abholen lassen Diese sind jedoch zur Aushändigung des Stimmzettels an den Beauftragten des Vorstehers nicht verpflichtet. , VIII. Nach § 20 wird eingeschaltet: 8 20b. Die nicht beanstandeten äußeren Umschläge werden so gelegt, daß die Namensaufschriften verdeckt sind, und dann ecst geöffnet. 8 20c. .Hierauf werden die nicht beanstandeten inneren Umschläge geöffnet und die Stimmzettel in zusammengefaltetem Zustande herausgenommen) mehrere in einem Umschlag enthaltene gleichlautende Stimmzettel gelten als eine Stimmein einem Umschlag enthaltene, auf verschiedene Personen lautende Stimmzettel bleiben sämtlich unberücksichtigt und werden dem Protokoll angeschloffen. Die übrigen Sttmmzettel werden in der Wahlurne gesammelt und gem sckir. Der Oberrat motiviert seine Abänderungsvorschläge mit dem Hinweis auf die äußerst geringe Beteiligung, unter der die letzten Wahlen zur Synode vor sich gegangen sind; mit den in dem Entwurf vorgesehenen Neuerungen soll durch möglichste Erleichterung der Wahl eine regere Beteiligung an derselben herbeigeführt werden. Die Erleichterung besteht in der Zulassung einer Abstimmung außerhalb des Wahlhermines durch Abgabe des Stimmkouverts an den Wahlvorsteher (d i. der Vorsteher des Synagogenrats) und ferner der Ersparurm des Ganges ins Wahllokal dadurch, daß der Vorsteher die Kouverts von den Berechtigten a b h o l en läßt. Daß der Oberrat diese Vorlage noch durch die jetzige Synode, die noch in diesem Jahre der Auflösung verfällt, und nicht durch die im Herbst dieses Jahres zusammentretende neue Synode erledigen lassen will, wird hauptsächlich damit begründet, daß die letztere sich mit mehreren sehr bedeutsamen Aufgaben, darunter der Beschlußfassung über die Einführung des oberrätlichen Gebetbuches, zu beschäftigen haben werde/ das lasse es wünschenswert erscheinen, daß die neue Synode durch eine unter starker Betätigung erfolgende Wahl zustande komme und so in der