Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1907)
- Date
- 1907-03-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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7. März 1907. - Dek JSräeÜt. Sette 3. Nr 1« Schriftsteller so überaus notwendige Gabe logisch richtigen Denkens vermissen läßt, umso auffallender und verwunderlicher muß es erscheinen, daß er diesen Artikel so gar -nicht verstanden — aber auch total mißverstanden hat. Mit dankenswerter Ausführlichkeit trägt Herr Loeb eine Fülle hochinteressanten biographischen Materials zusammen, glaubt mit diesen Daten als Schlußeffekt eine Widerlegung meines Artikels m erzielen und sieht nicht, welch herrlichen, welch unerwartet trefflichen Kommentar er zu dem Kerngedanken dieses Aussatzes geliefert hat. Je schlagender Herrn Loeb der Nachweis gelingt, auf welch unjüdischem Boden die Wiege meines telden stand, in welch unjüdischer Atmosphäre erdinand Lassalle als Knabe und Jüngling geatmet, wie vergiftet bereits des Vaters Gesinnung war und wie fern von der jüdischen Heimat diesen ungewöhnlichen Menschen das Geschick an ein ftemdes Gestade verschlug, wo auch die letzte blasse Erinnerung an sein jüdisches Stammhaus ihm verloren ging, je fremder Lassalle dem Judentum gegenüberstand, mit umso tragischerem Ernst tritt uns in ihm ein typischer Vertreter jener, unzähligen Talente entgegen, die im Gewoge des Jahrhunderts sich selbst und — ihre jüdische Msssion verlorendesto mehr ist man berechtigt, bei diesen Menschen von kurzsichtigem Leichtsinn, von einer an Verbohrtheit grenzenden Verkennung ihrer eigentlichen Bestimmung zu reden. Daß Ferdinand Laffalle sich dieser Kurzsichtigkeit nicht bewußt war, daß er meilenweit zu schauen glaubte, während sein Gesichtskreis im Vergleich zu den Aufgaben, die einem solchen Genius harrten, ein paar armselige Ellen umfing — ist die tragische Schuld, die auf seinem Leben lastet, darum etwa geringer anzuschlagen? Er war ein Opfer der Zeiteinflüsse, die nicht nur ihn vernichtet haben. Heymann Lassalle war Besitzer eines am Sabbat geöffneten Engrosgeschäftes. Als Leipziger Student hat Ferdinand in einem nichtjüdischen Hause logiert, und, um die silberne Hochzeit seiner Eltern mitzufeiern, hat er für die Heimreise auch den Sonnabend benutzt. Am Sederabend denkt er statt an den Auszug aus Aegypten an das kichernde „Rickchen mit den lachenden roten Wangen", und in dem Lebensprogramm des immer energischer der Assimilation zueilenden Jünglings fehlt jeder Hinweis auf das Judentum. Trefflich ist Herrn Loeb der Nachweis gelungen, daß von einer lebendigen, inneren Beziehung Lassalles zum Judentum nicht gesprochen werden kann. Ich begreife nicht, wie es Herrn Loeb entgangen ist, daß gerade dieser vollständige Mangel eines wirklichen und nicht nur äußerlichen Zusammenhangs eines solchen Talents mit dem nationalen Mutterboden, aus dem es hervorging, Verstorbenen bestattete sie in Kriegshaber bei Augsburg. 1816 wurde der israelitische Friedhof an der Thalkirchnerstraße angelegt, nachdem der frühere, an der Dachauerstraße gelegene, während des von 1442 bis zum Anfänge des 19. Jahrhunderts bauernden Exils außer Gebrauch gekommen und vielfach überbaut worden war. Eine Synagoge wurde 1826 an der Theatern raße (jetzt Westenriederstraße) nach den ’i länen des Baumeisters Met vier erbautfie verdankte ihr Entstehen dem Großhändler M. Pappen! eimrr. Der rasch aufblühenden Gemeinde wurde dieses Gotteshaus allmählich zu klein und so erbaute Albert Schmidt im Aufträge der Kultusgemeinde in den Jahren 1884—1887 die neue Synago e an der Herzog-Masstraße. Dieselbe faßt über 2000 Personen und ist Deutschlands größtes und schönstes israelitisches Bethaus. Die alte Synagoge wurde abgebrochen. Zum Schluffe dieser flüchtige Skizze sei noch eine kürze Statistik der wachsenden Gemeinde angeführt. 1824 war die Zahl der Juden auf 592 angewachsen, 1830 belief fie fich auf 855, 1875 aber bereits 3475, 1890 6108 und steigt schließlich 1905 auf 10,056. („Der Schlüsfelgeißt".) Unter dieser Überschrift veröffentlichte Anton B.treiheim im ersten Morgenblatt der «Fr nkfurter Zeiung" vom 17. v. M. ein Märchen von Berthild Auerbach, das im Jatire 1843 im Deutschen Familienbuch zur Belehrung und Unterhaltung erschienen ist. In e ner Nachschrift bemerkt der H rausgebe, es sei ihm t otz aller Muhe nicht geglückt, die Quelle dieses Märchens aufzufinden. Eigentlich deutet Auerbach im Märchen selbn die Quelle an. „Woher ich den Kern dieses Märchens habe? AuS einem jüdischen Buche" •— erzählt er beinahe zu gewissenhaft und, wie es scheint, nicht VWe Absicht den chm m t großer Aufmerksamkeit lauschenden Kindern. Aber er ne nt dieses Buch nicht. Dteses Buch ist ein älteres hebräisches Sittenbuch, be- (DoS Maß des. Rechtes), baS in meinem Artikel als das traurigste Merkmal einer geschichtlichen Epoche hervorgehoben wurde, in der alles — Elternhaus, das hohle Kanzelwort des Predigers und akademische Sturmjahre — zusammenwirkte, dem Judentum seine besten Kräfte zu entftemden Gerne wälze auch ich die . größere Hälfte seiner Schuld den unglückseligen Gestirnen. zu. Jedoch wenn Herr Loeb in meinem Artikel die Mitteilung vermißt, wann und wo Laffalle seitens der Vorsehung von der ihm zugedachten Mission in Kenntnis gesetzt wurde und daher annehmen zu müssen glaubt, daß äußere Umstände in Lassalles Leben vorhanden gewesen seien, die ihm über seine eigentliche Bestimmung gar keinen Zweifel lassen konnten, so gestatte mir Herr Loeb die Bemerkung, daß mir dieser Gedankengang nicht nur unverständlich, sondern einfach unstatthaft und unaussprechlich erscheint. Seit wann ist denn die Vorsehung eine so redselige und mitteilsame Göttin, wie sie Herr Loeb in ihr vermutet, eine Vorsehung, die ihre Sendlinge von der ihnen zugedachten Mission in Kenntnis setzt! Die Vorsehung redet nicht — schweigt und wartet, daß wir alle unsere Mission auf Erden erfüllen, zu deren Erkenntnis wir nicht durch eine überirdische Mitteilung gelangen, die vielmehr lediglich durch die Stimme des Gewissens zu uns spricht und nicht aufhört zu mahnen, den richtigen Weg einzuschlagen, damit unser Leben s o fruchtbar sich gestalte,. wie es jedem kraft der in ihm schlummernden Anlage möglich ist. Wo käme die Willensfreiheit hin, wenn uns die Vorsehung die Alternative ersparte, das Leben oder den Tod zu wählen! Als geborener Jude hatte Laffalle die Verpflichtung, sein sozialreformatorisches Können derart mit dem Judentum zu vermählen, daß der wunderbare Reichtum seiner geistigen Befähigung zu einer glänzenden Manifestation seiner jüdischen Abkunft würde. Wenn Gott ein solches Talent von jüdischen Eltern geboren werden läßt, dann erwartet Er wahrlich nicht, daß es seinem jüdischen Stammhaus den Rücken wende, dann erwartet Er, daß ein solches Talent — "DJJ ruptf HD 121 n:p — Zeugenschaft ablege im Kreise der Menschen für Sein Dasein, für Sein Walten in den Ereignissen der Geschichte. Und wenn Laffalle in seiner Kurzsichtigkeit die Mission nicht sah, die auf seinen Schultern ruhte, so liegt in dieser blinden Verkennung der ewigen Bestimmung, zu der er auserkoren war, eine tragische Schuld, oie sicherlich zum größten Teile die Zeitumstände trifft. Nicht was Laffalle in dem wirklichen Ablauf, seiner Entwicklung wurde und war, was er in einer anderen Atmosphäre und bei geringerer Kurzsichtigkeit hätte sein und werden können, macht ihn zur typischen Heldengestalt Auerbach wahrscheinlich noch in semem Elternhause gelesen halte. Dieses merkwürdige Sittenbuch, das in hundertundzwei Abschnitten alle möglichen ethischen und religiösen Fragen in einer bald mH risch-kabbalistischen, bald philosophisch-pädagoc ischen Weise behandelt und eine Fülle von moralischen Sentenzen, Gleichnissen, Märchen und Legenden t thcilt, ist in Venedig 1705 erschien n und erfreute sich fast 200 Jahre lang in orthodox-jüdischen Kreisen eines hohen Ansehens. Es erlebte mehrere Auflagenbefand rs ober fand die in Sulzbach lb25 veranstaltete Neuauflage des hebräisch n Textes nebst einer deutsch n Uebersetzung in jüdischen Lettern eine große Verbreitung. D >s Buch' wu de dadurch auch den Frauen zugänglich gemacht, und manche fromme Hausfrau pflegte am Sabbatnachmittag neben dem Wochenabschnitt der Bibel auch einige Seiten des Kabh hajaschar zu lesen. - Der Verfasser dieses Sittenbuches ist Zebi Hirsch Kaidanover,cin Sohn des Frankfurter Rabbiners Ahron Samuel Kaidanover, oer in Horovitz' Schrift frankfurter Rabbinen" erwähnt wird. Zebi Hirsch ist in Wilna geborener lernte Talmud und Kabbalah, und soll später als Wanderpred ger ganz Deutschland, Polen und Lit hauenbereist haben. Er starb am 23. Mä z 1712 in Frankfurt am Main. Das Bo »wort zu dem erwähnten Sttenbuch unterzeichnet er: „Zebi, Sohn des Ahron Samuel Kaidanover, Schwi gersohn des Jsak Gans-Katz aus Frankfurt am Main." Das Märchen vom ,,S ch l ü s s e l s a a l" (nicht „Schlüsselge st", wie Auerbach schreibt) befindet sich.im 25. Abschnitt, der über die Wohltatiak.it handelt. Es lautet in möglichst wörtlicher Uebersetzung wie folgt: „Unsere We sen sagen: Gott segne dich mit Reichümern, und ec schütze dich vor bösen Ge.stern. Dieser Ausspruch bedarf e uer Erklärung. Ich will es am besten durch eaS folgende Märchen versuche.,. — Es war einmal ein reicher Manm der besaß viele Schätze an Gold und Silber und Ecksteinen. - Allein er war Un großer Geizeiner Tragödie, als die fich dem rückschauenden Blicke die Geschichte des deutschen Judentums im neunzehnten Jahrhundert erweist. Es tut mir aufrichtig leid, daß gerade Herr Loeb den Kerngedanken meines Artikels völlig mißverstanden hat. Was ferner die echt semitischen Züge, das markant jüdische Aussehen Laffalles betrifft, deren Erwähnung Herr Loeb zum Anlaß nimmt, als Quelle meiner Ausführungen eine „blühende Phantasie" und nicht „Tatsachen" anzunehmen, so würde ich mich schon, um Raum zu ersparen, in diesem nebensächlichen Punkte Herrn Loeb gefangen geben, wenn dann nicht die Gefahr bestände, daß die geneigten Leser glauben werden, Serr Loeb habe Recht. Auf physiognomischem ebiete tummeln sich bekanntlich die meisten Kontroversen. Ob Laffalles Gesicht an das Aussehen eines Talmudjüngers erinnert, hängt ganz von dem Eindruck ab, den der Betrachter von seinen Bildnissen empfängt. Trotz seiner blonden Haare, trotz seiner geraden Nase, trotz seiner blauen Augen hat sein Bildnis bei mir diesen Eindruck erweckt. Nichtsdestoweniger glaube ich Herrn Loeb sehr gerne, daß er von einem solchen Eindruck nichts verspürt. Wir haben vielleicht beide Recht. Jeder von seinem Gesichtswinkel aus. Wenn auch die vergleichende Raffenphysiognomienlehre— es wird ja auf diesem Gebiete viel Unfug getrieben — richtig sieht, indem sie eine krumme Nase, dunkles Haar und dunkle Augen als Kennzeichen der jüdischen Raffe erklärt, so kann ich doch auf Grund langjähriger Beobachtungen in der Schiurstube behaupten, daß sich in Bezug auf die jüdische Nationalfarbe der Talmudjünger ein physiognomisches Urteil von objektiver Allgemeingültigkeit überhaupt nicht fällen läßt. Es kommt eben dabei ganz auf den Eindruck an. Unter Umständen kann ein traditionell gefärbter Talmudjünger einen ungewöhnlich arischen Eindruck Hervorrufen, während umgekehrt auch ein Heller Teint sich ganz gemütlich mit dem Studium des Talmuds verträgt. Lebhaft schwebt mir im Augenblick das Bild eines Studiengen offen vor, dessen Haupt helles Blondhaar umwallt und der sich des Besitzes der hälften Augen von der Welt, sowie einer wohlproportionierten, fast griechisch zu nennenden Nase erfteut. Es sind eben nicht diese Aeußerlichkeiten allein, die ein jüdisches Gesicht zu einem jüdischen machen. Auf den Zügen Laffalles liegt, wie auf den meisten jüdischen Gesichtern, etwas von dem Wolkendüster jener schweren Ghettomelancholie, jener trüben niffDtrn ''2-Stimmung, in der Jehuda Hallevi seine palästinensischen Sehnsuchtslieder sang, und die auch dem modernen Zionismus seinen agitahals, der seinesgleichen in üer ganzen Welt suchen mußte Selbst am Montag und Donnerstag ging er nicht in die Synagoge, werk er befürchtete, er würbe etwaS für wohltätige Zwecke spenden müffen. Aber ein göttl ches Gebot übte er mit g oßer Liebe - er war nämlich Mohel. Um ein neugeborenes jüdisches Kind in den Bund Abrahams aufzunehmen, pflegte er oft einige Meilen zurückzulegen und scheute vor k. irrer Strapaze zurück. Eines Tages meldete fich bei ihm ein Mann, der ihm mitte ilte, seine Frau habe ihm ein Knäulein geboren und er bitt ihn, das Amr eines Mohel versehen zu wollen. Ohne viel zu überlegen, setzte fich unser Mann in den. bereitst, henben Wagen und schn ll ging's über Berg und Hügel, durch Wälder und Wüsteneien.. Die Reise dauerte zwei Tage. Am dritten Tag gelangten fie in ein kleines Dorf, oaS ungefähr zwanz g schöngebaute Häuschen hatte. In eines dieser schmucken Häuschm wurde unser Mann gekettet, und er merkte nicht, daß er es mtt einem bösen Geist zu tun habe. Hierauf wurde er in das Zimmer der Wöchnerin geführt. Diese fteute fich sehr bei seinem Anvl ch und da fie mit ihm kurze Zei allein war, benutzte fie die Gelegenheit, ihm folgendes Geheimnis anzuvertraueN: „Wiffe", sagte fie, „mein Mann ist ein böser Geist, ich jedoch bin ein M nschenklnd. Ich wurde in frühester Jugend von den böfin Geistern meinen Eltern entrissen. Mich vermag nichts mehr aus chrer Gewalt zu retten. ' 'Aber dich will ich warnen. Du darfft hier weder effeit noch trinken, noch irgend welches G schenk aNn hmen. Du bleibst sonst auf ewig in deS Satans Macht." — Als unser Mann solches hotte, erfchrack er sehr, und nahm fich vor, diesen Rat treu zu befolgen. Am AbeNd kam eine zahlr.tche Gesellschaft, reichgekleidere Männer und Frauen. Die Gäste wurden mit dm bestm Speisen und den feinstm Weinen bew ttet. Sie drangen in ihn, daß er. etwas genieße, er aber sagte, ich bin von der langen Reise müde und kann weder essen noch trinhn' Am darauffolgenden Tage waren fie ihm noch zudring- 3