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Der Israelit · 1907-02-28 · Heft 9 (28.2.1907) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 9 (28.2.1907)
Date
1907-02-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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on-Beilage zu Nr. 9 des „Israelit". r.d.-^ euilleton. VerSsal-Zchem von MicbelstM. Bon JudSuS. h~ 25 Nachdruck verboten. Der Hausherr jedoch, der Menschenkenner genug war, um die Verlegenheit seines Gastes zu -M«reifen, suchte ihn mit liebenswürdiger Nach- /siM zu beruhigener sei vielleicht von der Hroßen Reise noch zu erregt und werde Wohl 'Morgen besser in der Lage sein, aus dem reichen Schatz seiner Erlebnisse etwas mitzuteilen. '7 Aber am andern Tag wiederholte sich dasselbe Schauspiel, so daß Rabbi Seligmann sich Aber seine ungewohnte Vergeßlichkeit noch mehr Als sein Gastgeber wunderte. Er schämte sich ^«och einmal bei Tisch zu erscheinen und ging Ach Ausgang des Sabbat zu Guiseppe Manaffe, Am ihm für seine gastliche Aufnahme zu danken Änd sich zu entschuldigen. Er gestand ihm beim -Abschied offen, daß er die weite Reise nur ge- «wcht habe, weil er gehört hatte, daß Signore Manaffe Jeden so reichlich belohne, der ihm vom Wtchelstädter Baal-Schem erzähle. Aber er stehe Hier vor einem Rätsel, für das er keine Lösung Affe. Seitdem er hier sei, könne er sich nicht nur keiner einzigen Tat aus dem reichen Wirken Hes Baal-Schem entsinnen, es falle ihm oft sogar schwer, sich nur die Gesichtszüge des großen Meisters vorzuftellen. Er schließe daraus, daß er mit dieser Reise nicht in seinem Sinn gehandelt habe und wolle morgen zurückreisen.?• Der edle Wirt suchte die Bedenken seines ' Gastes zu zerstreuen. So interessant ihm auch /Erzählungen aus dem Leben des großen Mannes /seien, so erscheine ihm das Erlebnis, das er hier ..«nt seinem Gaste erlebe, doch noch bedeutsamer. ߣt möge noch einige Tage hier verweilen, vielleicht seien ihm die zu erzähenden Begebenheiten nur deshalb entfallen, um ihn länger an diesen -Ort zu feffeln, da er sicher hoffe, daß seine dem Bewußtsein entschwundenen Erfahrungen ihm / wieder gegenwärtig würden. Rabbi Seligmann? blieb jedoch bei feinem Entschluffe Venedig zu /verlassen, versprach jedoch auf dringendes Bitten ^«och einmal den andern Tag vorzusprechen, sich /Aber dann sicher zu verabschieden. ji-° . Er wurde schon in früher Morgenstunde er- /wartet und rief dem ihm mit gewohnter Herz-! lichkeit begrüßenden Wirte schon beim Eintritt ^entgegen: l „Signore, die ganze Nacht durchwühle ich /Mein Gedächtnis, um wenigstens zum Abschied --etwas erzählen zu können, aber ohne Erfolg. (Hedoch in diesem Augenblick, in dem ich die / Stufen dieses Hauses hinanstieg, fiel mir ein / merkwürdiges Erlebnis ein, das in seiner ganzen Frische vor mir steht, als ob es gestern geschehen //wäre und dennoch sind schon zwei Jahrzehnte Wtdem dahin gegangen. Hoffentlich meibt mir dieses mal mein Gedächtnis treu, daß ich es v der Wirklichkeit entsprechend zu Ende erzählen -kann." £7? Rabbi Seligmann nahm Platz und begann, der herzlichen Gastlichkeit und Nachsicht seines /Wirtes ermutigt, mit folgender Erzählung^ Es war einige Tage nach Purim des Jahres (1830) als ich den Rabbi des Morgens bei ^chsicht der soeben eingetroffenen großen Post Alls er alle Briefe durchgelesen hatte, nahm einen heraus, stellte sich Hamit ans Fenster und las ihn noch einmal. Dann sagte er zu mir: Es wäre mir lieb, wenn Ihr dieses Jahr nicht wie sonst nach Pesach, sondern schon vorher Euere Reise macht und mich mitnehmt! Ihr geht doch jetzt ins Badische und kommt bis Konstanz. Dann müßt Ihr mit mir noch ein Stück weiter nach Dornbirn in Tirol, dort habe ich etwas Dringliches zu tun und Ihr sollt mir dabei behilflich sein. Ob ich auf Pesach wieder zu Hause bin, ist noch zweifelhaft, denn ich muß am ersten christlichen Osterfeiertag in Dornbirn sein. Um es kurz zu erzählen-" „Nein, Rabbi Seligmann," unterbrach ihn Signore Manaffe. „Kurz sollt Jhr's nicht erzählen, sondern so ausführlich, wie es Euch erinnerlich ist; und nun entschuldigt, daß ich Euch unterbrochen habe und erzählt weiter." „Wir reisten bald ab und kamen am Freitag vor Ostern in Dornbirn an. Dort durften keine Juden wohnen, wie in ganz Tirol, mit Ausnahme einer einzigen Familie, der es durch eine besondere Vergünstigung gestattet war. Bei dieser Familie fuhren wir vor, wurden aber sehr schlecht empfangen. Die Leute waren wohl brav und fromm, aber sie sagten, sie setzen sich der größten Lebensgefahr aus, wenn sie jetzt jüdische Gäste aufnähmen. Sonntag sei eine große Prozession, zu der extra der Bischof von Feldkirch hierherkomme, um das Hochamt zu zelebrieren. Ihr Haus war gerade vor dem errichteten Altar am Marktplatz, seit einigen Tagen ströme schon in großen Massen die Landbevölkerung herbei. Sie selber dürften sich an diesen Tagen kaum auf der Straße blicken lassen, wenn aber gar noch andere Juden am Orte wären, so könnten sie die Folgen nicht verantworten. Der Rabbi mit seinem langen Rock und großem Bart sei besonders geeignet, die Aufmerksamkeit der um diese Zeit besonders leicht erregten Bevölkerung auf sich zu ziehen. Sie baten und beschworen uns daher in unserem und ihrem Interesse Dornbirn sofort zu verlassen. Der Rabbi versprach ihnen zunächst, sich nicht auf der Straße blicken zu lassen und auch im Laufe des Sonntag wieder abzureisenaber über Schabbos bitte er für sich und für mich um ihre Gastfreundschaft, die ihm dann auch gewährt wurde. Am Sonntag Morgen standen wir, der Rabbi, ich und die ganze Familie unseres Wirts, hinter den geschloffenen Fensterläden und beobachteten die wogende Menschenmenge, die von Minute zu Minute immer mehr anschwoll, bis gegen zehn Uhr der Bischof selber angefahren kam. Vor dem Marktplatz verließ er in vollem Ornat seine Karoffe, um auf dem abgesperrten, mit Blumen bestreuten Wege zu dem Hochaltar hinzuschreiten. Da sagte leise der Baal-Schem zu mir: „Geht hinunter und seht zu, daß Ihr an den Bischof herankommt, bevor er die Stufen des Altars betritt und sagt ihm, ohne daß es ein anderer hört: Rabbi Seckel Löb von Michelstadt sei hier und wolle ihn sofort sprechen." Ich starrte den Meister einen Augenblick starr an. Ein Jude,, der sich in dieser Menschenmenge an den Bischof herandrängte, war verloren. Aber ich wußte, daß ich nichts zu riskieren hatte,^ wenn ich im Dienste des Rabbi handle. Ohne^ unseren Wirtsleuten ein Wort zu sagen, verließ ich das Zimmer, drängte mich verzweifelt durch die Masse und hatte den Bischof erreicht, als er eben den Fuß auf die erste Sttrfe setzte. Leise richtete ich meinen Auftrag aus, den die Umstehenden»wohl für eine Bitte um Segen hielten. Aber der Bischof hatte mich verstanden. Ich sah, wie er sich verfärbte und die.Gesichtsmuskeln zu zucken anfingen. Er legte seine Hand auf mein Haupt und sagte leise: „In einer halben Stunde bin ich beim Rabbi, sobald ich das Hochamt zelebriert habe." FlugH We ich zurück, um meinen Auftrag auszuriWG» Der Menschenknäuel öffnete sich ehrerbietig» vor mir, da er gesehen hatte, wie ich durch den bischöflichen Segen ausgezeichnet worden war. Unsere Wirtsleute, die alles hinter ihren Fensterläden gesehen hatten, hielten mich für wahnsinnig und wurden in ihrem Glauben noch bestärkt, als sie die Botschaft hörten, die ich dem Rabbi zu bringen hatte. Dieser runzelte aber die Stirne und sagte: „Ihr müßt rasch noch e nmal hin und ihm sagen, daß ich ihn sofort erwarte und daß keine Minute zu verlieren sei." Zum zweitenmal eilte ich die Treppe hinab, stürzte mich in die Menge, drängte mich zur Empore vor, auf deren Höhe der Bischof bereits stand. Dieser gewahrte mich sofort, näherte sich mir in unmerklicher Weise, ließ sein Brevier aus der Hand fallen, das ich aufhob und ihm mit den Worten reichte: „Sofort, jede Minute Verzug bedeutet eine Gefahr!" Darallf sagte der Bischof einem neben ihm stehenden höheren Kirchenfürsten, er fühle sich nicht ganz wohl und müsse sich auf einige Zeit zurückziehen, er möge nur das Hochamt leiten und sofort das Te Deum anstimmen lassen, damit er sich ohne allgemeine Aufmerksamkeit entfernen könne - in Feldkirch würden sie sich wiedertreffen, er fahre direkt zurück. In Wirklichkeit aber folgte er mir durch die Menge, die begeistert in das Lied einstimmte und darin so aufzugehen schien, daß sie uns nur geringe Aufmerksamkeit schenkte. Wir erreichten unser Haus in wenigen Minuten. Der Rabbi erbat sich von den Hausleuten ein besonderes Zimmer, um ungestört mit dem Bischof sprechen.zu können, was ihm sofort angewiesen wurde. Zwei Stunden dauerte die Besprechung. Das Hochamt war längst zu Ende und die Menge hatte sich verlaufen. Der Rabbi ließ dann unfern Wagen Vorfahren, wir fuhren fort, und der Bischof fuhr in seiner Karosse nach Feldkirch zurück. Was die beiden miteinander verhandelt haben, weiß ich nicht. Oft habe ich in späteren Jahren gehofft, der Rabbi werde mir. ein aufklärendes Wort darüber sagen. Es ist aber nicht geschehen. Daß ein großes Geheimnis dahinter steckt, ist ja sicher, aber da ich mir Wahres erzähle, so muß ich die Erzählung hier schließen, wo sie am interessantesten ist, denn mehr weiß ich selber nicht." Da erhob sich Giuseppe Manaffe, ergriff die beiden Hände Rabbi Seligmanns und sprach laut und feierlich in der heiligen Sprache seinen Dank gegen Gott, daß er ihn die'en Augenblick hale erleben lasten und fuhr zu Rabbi Seligmann gewendet fort: „Das ist die Stunde, die ich viele Jahre schon ersehnt habe. Der Bischof bin ich oder richttger war ich, wie ich hier vor Euch sitze. Ich heiße von Haus aus — doch mein Name tut ja nichts zur Sache, da ich zu Hause im Elsaß, noch lebende Verwandte meines Namens habe, die alle Ursache hätten, sich meiner Verwandtschaft zu schämen. Im Alter von siebzehn Jahren kam ich nach Michelstadt und gehörte zu oen fleißigsten und begabtesten Schülern des Baal-Sckem. Vier Jahre war ich Hort und berechttgte Hurch meine Anlagen und Kenntnisse zu den schönsten t offnungen. Da wurde ich mit dem Schloßaplan des Grafen von Erbach bekannt, wie ich in meiner jugendlichen Unerfahrenheit glaubte, durch einen Zufall, wie sich aber später herausstellte, durch einen schlau angelegten Plan des Pfarrers, der mich in seine Netze lockte. Er 'gab sich den Anschein, als ob er sich bei mir im Hebräischen vervollkommnen wollte, nahm bet mir Unterricht in der heiligen Sprache, alles in der planmäßig betriebenen Absicht, mich dem Judentum zu entfremden und so für die Kirche zu gewinnen. Er .schmeichelte meiner jugendlichen Eitelkeit, indem er mir von meinen glänzenden Fähigkeiten sprach, wie es schade wäre, datz diese Artlagen,, wenn ich Jude bliebe, verkümmern müßten und welche große Zukunft, welch' ungeahnte Karriere mir bevorstehe, wenn ich zum Christentum übertreten würde. Er setzte diese Bekehrchsgs-Bersuche so lange fort, bis sie endlich ihre» Zweck erreicht hatten. .. (Schluß fotzt.)

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