Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1907)
- Date
- 1907-02-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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28. Februar 1907. Der Israelit. 11 miiiimni |i| ii.l i »I iij!||ll)i| im Willi p|| 9fr. 9. Seite ll. Zurückführung des Daseins und der merkwürdigen Eigenschaften der Organismen auf eine schaffende Gottheit nicht nur die begreiflichste, sondern die einzig vorstellbare Erklärung finden - ihm folgt sie mit überzeugender Logik aus den Tatsachen." So schreibt Nniversitätsprofeffor Reinke in Kiel in seinem eben erschienenen Werke „Die Welt als Tat". Wer die von mir zitierten Nnterrichtsbeispiele aus dem „Leben" der Pstanze vorurteilsfrei prüft, wird mir zustimmen, wenn ich sage, daß die Weltvernunft, die speziell in den Pflanzen und Tieren sich zeigt, für den Schüler eine oeutliche Offenbarung Gottes werden nluß. Es gab freilich in der Wissenschaft eine Zeit, da der Naturforscher den Begriff Gott mit der Natur nicht in Verbindung bringen durfte. Es war die Zeit, da Physik und Chemie ungeahnte Erfolge aufzuweisen hatten, als die Maschine ihre ersten Triumphe feierte. Weil man am timmel nur Physik und auf der Erde nur henrie sah, glaubte man, der Mensch, das Leben und alles sei nur Physik und Chemie, und diese materialistische Weltauffaffung, die lange die Naturwissenschaft beherrscht hat, scheint mir der Grund zu sein, warum gerade diejenigen Pädagogen, denen die religiöse Gemütsbildung der Kinder am Herzen liegt, von der Naturwissenschaft nichts wiffen oder eine eigene Naturgeschichte in der Schule lehren wollten. Man ist aber heute auch in naturwissenschaftlichen Kreisen zur Erkenntnis gekommen, daß mit dem Atheismus die Welträtsel nicht gelöst sind. Man gibt zu, daß die Tatsache, daß wir Gott nicht sehen, auch durch Fernrohre und Mikroskope nicht sehen und durch keine chemische Reaktion Nachweisen können, kein stichhaltiger Grund gegen seine Existenz ist. Ja manche Naturforscher stehen auf dem Standpunkte, daß in den Lebenswundern der Natur und speziell der Pstanze der Geist des Schöpfers sich offenbart, wie der Geist eines Erfinders in seiner Maschine. (Schluß folgt.) Ao bleibt der Calmud? Eine Erwiderung und eine Anregung. (Schluß.) Bei unseren bisherigen Betrachtungen haben wir eines Standes kaum gedacht, der doch in erster Linie berufen ist min zu fein; wir meinen die Herren Rabbiner. Das hat seine guten Gründe. Ein Rabbiner ist heute in der Regel ein vielbeschäftigter Mann, der für alles Mögliche Interesse haben und sich mit hunderterlei Dingen befassen muß, die nur insofern nnt seinem Beruf Zusammenhängen, als man heute gewöhnt ist, die Wahrnehmung aller geistigen Interessen in der Gemeinde nur von oem „Geistlichen", eventuell auch von dem Lehrer zu erwarten. Sollen wir die lange Lifte von Pflichten aufzählen, die dem Rabbiner obliegen? Sollen wir die Gründe anführen, warum nur eine ganz beschränkte Anzahl derselben ihrer ersten und vornehmsten Pflicht Nachkommen kann? Das hieße Stroh nach Egypten exportieren, und wir wollen ja nur die Wege zeigen, wie trotz ungünstiger Verhältnisse noch einiger Erfolg'erzielt werden kann. Eine weise Oekonomie der Kräfte wird es vielen Rabbinern ermöglichen, sich ihrem Lehramt wieder in größerem Maße zu widmen und ihre Kraft in den Dienst der Thora zu stellen. Wir sehen es beispielsweise als eine Ehrenpflicht des Rabbiners an, daß er den Religionsunterricht in den unteren Klaffen der staatlichen Anstalten dem Lehrer überläßt und sich nur die oberen Klaffen vorbehält. Das Gleiche gilt für die Religionsschulen. Der Unterricht im Uebersetzen des Pentateuch und der Gebete sollte immer die Domäne des Lehrers bleiben, und der Rabbiner müßte seine Kraft darauf verwenden, -einzelne besonders begabte Schüler in das eigentliche Thorastudium einzuführen. ' Wie die Verhältnisse nun einmal liegen, kann nämlich auch beim besten Willen in unseren Religionsschulen nur Bescheidenes geleistet werden. Bon der beschränkten Zeit ganz abgesehen ist vor allem die Ung lei ch mäßi gkeit des Schülermaterials die Hauptursache der mangelhaften Leistungen. Da wo mehrere Lehrkräfte zur Verfügung stehen,, läßt sich eine Auswahl der best-- begabtesten Schüler zwecks Bildung einer Iortbildungsklaffe auch pädagogisch rechtferttgen. Sie ist der einzige Weg, um höhere als Durchschnittsleistungen zu erzielen. Diese Auslese nach Begabung und — Fleiß hätte etwa vom siebenten Schuljahre an zu geschehen. Und wenn diese Schüler auch nur bis zum Talmud geführt werden, wir haben in Deutschland gelernt, nach dieser Richtung hin bescheiden zu sein. Der Rabbiner wird freilich zuweilen nicht umhin können, mit seinen Schülern nicht nur Tny?rw nxp oder '"vn zu lernen, sondern auch einmal den Livius und Homer mit ihnen zu präparieren wie ein mir bekannter Rabbiner mit gutem Erfolge getan, um die für das „Lernen" verwendete Zeit wieder einzuholen. Das läuft ja im Grunde genommen auf den in der vorigen Nummer gemachten Vorschlag hinaus: Gründung von Halbpensionaten, in denen neben dem profanen auch das jüdische Wiffen zu seinem Rechte kommt. Günstiger als in der Stadt liegen die Verhältnisse auf dem flachen Lande, besonders in Gegenden, wo noch echte Religiösität zu Hause ist. Dort müßte der Lehrer eigentlich recht günstige Erfolge erzielen können, denn an der nötigen Zeit fehlt es weder ihm noch seinen Schülern, die mit häuslichen Schularbeiten ja nur ganz mäßig belastet sind, und auch die Eltern sehen es recht gern, wenn ihre Kinder ein wenig „lernen" können. Wirklich sind uns Landschulen bekannt, die recht schöne Leistungen aufzuweisen haben. Wenn aber unsere jüdischen Präparanden-Anstalten, deren Schülernraterial sich aus jenen Gegenden rekrutiert, jahraus jahrein Klage erheben über den Rückgang des jüdischen Wiffens bei den neu eintretenden Zöglingen, so liegen die Ursachen hierfür klar zutage. Die Gemeinden gewähren ihren Beamten in der Regel nur das Existenzminimum und zuweilen nicht einmal das an Gehalt und Nebeneinkommen. Was bleibt dem Lehrer anders übrig, als Nebenverdiensten nachzugehen, die zuweilen mit dem eigentlichen Beruf nur sehr locker oder vielleicht auch gar nicht Zusammenhängen, jedenfalls aber seine freie Zeit ganz beanspruchen. Und dann, woher sollte denn die Aneiferung und die Anregung kommen? Wird ihm denn der freimütige Mehraufwand und an Zeit und Mühe irgendwie gelohnt? Wird seine Karriere eine bessere sein, wird er eine besser dotierte Stelle erlangen, wenn er mehr leistet als man von ihm verlangt? Schaffet Berufsfreudigkeit, gewähret den Lehrern ein gesichertes und behagliches Auskommen, und auch sie werden sich gern und freudig in den Dienst der Thora stellen. Noch eine Frage möchten wir in diesem Zusammenhang streifen. Sonst im Leben mag der Grundsatz gelten: □’wn Q-nu p« dm, mag die Forderung erhoben werden, daß eine Besserung von unten auf erfolgen muß. Wenn es sich aber um eine Reform des Unterrichts handelt, dann muß bei den Lehrerbildungs-Anstalten begonnen werden. Wir sind der zuversichtlichen Hoffnung, daß die beiden für uns hauptsächlich in Betracht kommenden Seminare ihren Zöglingen nicht nur eine gediegenes jüdisches Wiffen, sondern auch methooisches Geschick und vor allem das freudige Streben mit auf den Weg geben werden, das Erlernte der Jugend als das 2py' r6np nnia mitzuteilen. Thorastudium, in welcher Form es auch betrieben wird, ob als gründlicher "s"2n- Unterricht oder als Unterweisung in den D'n, oder als eingehendes Lernen von *od:»i es kann seinen Zweck erfüllen, wenn es nur der jüdischen Jugend den richtigen G e i st einflößt, den festen Willen, die Thora zur Norm des Lebens zu machen, denn ttbtf "'p'P trviön K*? nrpyon. _ Correspondenzen u. Nachrichten. Aus Bayern. Die bayer. Lehrerzeitung erzählt von einer christl. Gemeinde in Unterfranken, für welche ein im Auslande' lebender Fürst das Präsentattonsrecht und die Kirchenaemeinde wiederum die Befugnis hat, bei dem Fürsten einen Bewerber zur Präsentatton vorzuschlagen. Als unlängst die Schulstelle zur Erledigung kam, meldeten sich zehn Leute, denen die Verpflichtung auferlegt wurde, bei einem Sonntagsgottesdienste die Orgel zu spielen, und siehe da! Den Sieg errang ein Minderbegabter Musiker gegenüber einem hervorragenden Kennst' dieser Kunst, der auch zu den Reflektanten gegehörte. In den Kreisen der Beteiligten herrscht daher große Verstimmung, denn der Posten zählt zu den „wohldotterten". „Solche Zustände, heißt es deshalb am Schluffe jenes Artikels, „fördern nicht das Ansehen des Lehrerstandes. Kein Lehrer sollte sich einem solchen Verlangen unterziehen. Er braucht nur zu erklären: hier sind meine Zeugnisse! Aus diesen ist zu ersehen, daß und in welchem Grade ich die Befähigung zu einem Lehrer und Kantor erworben habe. Wozu noch dieses Examen vor einer unberufenen Prüfunäskommission?" Was würden aber unsere christl. Kollegen erst dazu sagen, wenn sie wüßten, in welcher Weise bei den jüdischen Lehrern die Probe gemacht werden muß? Bei Vakanz einer Lehrerstelle in einer jüd. Gemeinde laufen nicht bloß 10 Meldungen ein, sondern, wenn es sich um ein annehmbar gutes Pöstchen handelt, sind im Handumdrehen gleich zwei Dutzend Bewerbungen vorhanden, obwohl es beim Ausschreiben heißt, daß Reisekosten nur dem Gewählten erstattet werden. Da müssen dann Proberennen abgehalten werden als Kantor, Schochet und sogar als Lehrer und Prediger. Auch ein Gesellschafter muß der Glückliche sein, und da gilt es denn? sich noch auf manch anderen Gebieten zu produzieren, sogar die Damenwelt hat hie und da ein gewichttges Wörtchen bei der Wahl mitzusprechen. Und wenn dann die ganze Parade absolviert ist, geht es erst noch an den Vertrag mit seinen manigfachen Knebelparaaraphen und Klauseln. Rufen demnach unter Berücksichtigung des eingangs erwähnten Ausnahmefalles in Unterfranken die christl. Kollegen einander zu: Mehr Rückgrat, mehr Stgndesbewußtsein! dann dürften und müßten die jüdischen Lehrer solches mit doppeltem Nachdrucke hervorheben und zur Beherzigung empfehlen, denn bei ihnen gehören solche Produkttonen, die das Ansehen schmälern, zur Regel. Nur wenn man sich zu einmütigem Handeln aufschwingt, muß die ersehnte Befferung vor: selbst kommen. -- ■=--=-= a Die israelitische Präparaudenschule „Talmud-Thora" in Burgpreppach Der Rechenschaftsbericht der Talmud-Thora-Schule in Burgpreppach für daS. Schuljahr 1905/06 — es schließt bekanntlich in Bayern im Herbst ab — liegt uns vor und wir wollen uns nicht damit begnügen, aus demselben trockene Zahlen anzuführen, sondern wir wollen vor allem darauf Hinweisen, welch hohe soziale Aufgaben unsere Präparandenschulen erfüllen. Sie sind die Bildungsstätten unserer minderbemittelten Glaubensgenossen, axn OHD» '23Q IlilM min/ das war der Grundsatz, der den edlen Stifter der oben genannten Schule, den leider so früh verstorbenen Rabbiner Abraham Hirsch y\fl> bei der Gründung leitete und seine Nachfolger find in seine Fußstapfen getreten und sehen es als eine' Hauptaufgabe an, den Besuch der Anstalt auch den Söhnen der armen Eltern zu ermöglichen durch niedrigen Pensionspreis und durch direkte Unterstützungen an bedürftige Schüler. Dafür wurden im Berichtsjahr 2340 Mk. aufgewandt und es wäre zu wünschen, daß der warme Appell, den der verdienstvolle Leiter der Schule, Herr Distriktsrabbiner Dr. Naftali Cohn insbesondere an die früher« - Schüler der Anstalt richtet, ihm zu diesem Zwecke größere Mittel zur Verfügung zu stellen, nicht ungehört verhallen möchte. Auf die vorzüglichen Leistungen der Schule. kn dm jüdischen Fächern wurde schon bei früheren Gelegenheit« hingewiesen. So wurde beispielsweise im 2. Kurs in Talmud Traktat Bezah IU, IV und V, im 3. (Ober) Kurs TraktatRosch haschonoh, Folio 2a bis 25ddurchgenommm. Von den 10 Zögling« des Oberkursus ttaten 5 irr das Würzburger Seminar, die übrigen in norddeutsche Seminare ein. Im Ganzen wurde die Anstalt von 5ä Schülern besucht. Sie ist aber nicht ausschließlich eine Präparandenschule, sie bereitet für jeden praktischen Beruf mindestens ebensogut vor, wie etwa eine gehobene Bürgerschule, denn sie gewährt, wie ein Blick auf das Pensenverzeichnis beweist, eine durchaus harmonische Ausbildung und im bürgerlichen Rechnm, Schön- und Rechtschreibm, Facher, die für den angehenden Kaufmann besonders wichtig such, überttisst sie viele andere Schulen. Französisch und Stenographie fehlen nicht und Musik (Gesang, Harmonielehre^ Biolin und Klavier) wird recht gründlich betrieben. Dabei herrscht in den Präparandenschulen ein vorzüglicher Geist: Fleiß und zielbewußtes Streben erfüll«' Lehrer und Schüler und Erziehungsnieten gehör« hier«» dm Seltenheiten, denn auch der zur Lässigkeit Neigende wird mitgeriffen. Möge die Talmud-Thora-Schule sich auch fernerhin das Wohlwollen weiter Kreise bewahrm und zu dm bisherigen Gönnern neue hinzugewinnm. .Sf