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Der Israelit · 1907-02-28 · Heft 9 (28.2.1907) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 9 (28.2.1907)
Date
1907-02-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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L Crzie^ung and I>et) Päcfacjocjiscf?e Beilage zum_0 E.D-G ..... Der naturkundliche Unterricht in reinem UerdSItnis rur ästketirchen, elbische« und religiösen Mdung des Kindes. £- Von Seminar-Oberlehrer Jakob Stoll in Würzburg. K - . in. L; Daß die Gemütsbildung nur durch die Be- /trachtung vom Leben zu ihrem Rechte kommt, wird in der Pädagogik anerkannt. „Das Richtige -und für die Genrütsbildung Wichtigste an der biologischen Methode ist wohl das, daß sie Leben darftellen will, und zwar persönliches, fühlendes, strebendes Leben" Diese Worte? schreibt ein feinsinniger Beobachter und Kenner der Kindesnatur, Ernst Linde in seiner „Persön- Mchkeitspädagogik", einem Buche, das wohl das ' Beste enthält, was über die Gemütsbildung bischer geschrieben wurde. Aber gerade Linde kann «ns lehren, daß der Pädagoge einen guten natur- - geschichtlichen Unterricht nicht bieten kann, wenn /er nicht auch beinr Naturwissenschaftler in die Schule gegangen. Persönliches, fühlendes, ' streben des Leben hat Linde in den Naturdingen - selbst nicht gesunden, darum muß es in sie hineingelegt werden, d. h. wir haben die Naturgeschöpse, i msbesöndere Pflanzen im Lichte der Beziehungen .aufzuzeigen, die sie wie von innen belebt erscheinen lassen, obgleich sie ihrer: Sitz eigerrtlich ' im Gemüte und in der Phantasie des Menschen 'haben. Darum verlangen die Anhänger der ^modernen Kunsterziehung, daß Tiere und.Pflanzen (im Naturgeschichtsunterricht personifiziert werde.i .müssen wie in Fabel und Märchen. Was Sage Md Märchen einem Naturwesen angedichtet haben, soll in erster Linie den Inhalt des Naturgeschichts-?unterrichts ausmachen oder es soll das Leben der Dinge in Märchen umgedichtet werden. Wie -eine solche Behandlung gedacht wird, dafür eine 'Probe, die E. Linde im „darstellenden Unterricht" rin einem Musterbeispiel von der Eiche im Unterrichte bieten will: „Die Eiche ist der Baum der /Stärke: Wenn wir seine im Zickzack gewachsenen Weste, seinen knorrigen Stamm betrachten, so - kommt er uns vor wie ein riesiger Held, der eben ausholt zum alles zerschmetternden Streich. . — Er ist der König der Bäumesucht doch - der-König unter den Vögeln, der Adler, auch seine Gesellschaft auf. Wie ein Harnisch legt sich die darchrissene Rinde dem Recken um Leib und 'Glieder, zornig zucken die knorrigen Aeste, und wo der Nordwind seine Speere gegen den '.Eichenstamm schleudert, deckt ihn die zottige Moos- 'hülle mit dichtem Schilde. — ' Durch solche Darstellungen des „Lebens" soll doch sympathetische Interesse des Schülers geweckt l^»rden, solche Personifikationen sollen sein inneres | Seelenleben mit dem Naturleben verknüpfen, daß! er die "Natur mit Pietät und Mitgefühl betrachte. Eine solche „Naturgeschichte" würde nicht geboten werden, wenn die Lehrer mit den Ergebnissen der modernen Naturwissenschaften besser vertraut wären. Daß die Natur und insbesondere die Pflanzenwelt persönliches, strebendes Leben aufweist, und zwar wirkliches, in objektivem Sinne, nicht angedichtetes, ist eines der schönsten Ergebnisse der neuesten Naturwissenschaft. In herrlicher Klarheit erstrahlt heute im Lichte der Pflanzenbiologie das Bibelwort (V.B. M. 20,19): „Ein menschliches Wesen ist der Baum des Feldes", das in buchstäblichen Sinne sich als wahr erweist. Die Bibel enthüllt uns mit diesem Satze nicht nur eine tiefe naturwissenschaftliche Einsicht, sondern verrät uns auch ein feines psychologisches Verständnis, wem: sie diesen Satz in der Absicht ausspricht, die Menschen zu einer schonenden, teilnahmevollen Behandlung der Pflanzenwelt zu erziehen. Auch die neueste Wissenschaft faßt die Pflanze als ein lebendes Wesen auf und es ist deshalb nicht nötig, wie es in: Interesse der Herzensstellung des Schülers zur "Natur geschieht, solche Personifikationen mit der Pflanze vorzunehmen, die jeder objektiven "Naturauffaffung Hohn sprechen. Für die wirklich gemütvolle und doch wissenschaftliche Auffassung der Natur zitiere ich wiederum als klassisches Beispiel den Bienensaug, „ein Schmuckstück der "Natur, an dem man achtlos vorübereilt, weil n:an glaubt, nur Bergkonturen und Steingestalten lohnen mit ästhetischen: Genuß. Bei der Taubnessel kommt nicht nur der Aesthet auf seine Rechnung, — sie kan > einen Denker fast tiefsinnig machen". ..Aus „France, Liebesleben der Pflanze".) Führen wir unsere Kinder hinaus auf-den sonnigen Hag, an dessen Rande die keuschweißen Blüten der Taubnessel, weithin sichtbar, leuchten! Wie lieblich ist schon der Kranz der elfenbeinweißen Blumen, der den Zwischenraum zwischen je 2 Blättern mit weitausgerissenen Mäulchen besetzt! Aus einmal läßt sich eine Hummel, die schon lange mit melodischem Summen den Blütenstand umschwärmt, auf einer der Blüten nieder. Woher kam sie? Ein feiner Duft, für uns kaum wahrnehmbar, hat sie aus weiter Ferne „herbeigelockt". "Nun kriecht sie kopfüber in die Blüte. Da gewinnt die bizarre Form der Blüte einen tiefen Sinn: Die wagrechte „Unterlippe" ist ein praktisches Sitzbrett, bequemer baut kein Kunstgewerbler einen Sessel. Die Oberlippe, kühn geschwungen wie eine Adlernase, schmiegt sich weich auf den Rücken des Tierchens, das sich kopfüber in die Blüte verkriecht. Der Honig ist so tief unten verborgen, daß keine genäschige Fliege dazu kann und in einem so merkwürdigen Gesäß, daß kein Schmetterling sich an ihm festhalten könnte. Warum ist diese Schenke aber nur für Bienen und Hummeln berechnet? Daß dies alles seinen tiefen Sinn hat, sieht man sofort ein, wenn man die Wirkung des Besuches betrachtet. Bon der Decke herunter hängen vier Staubbeutel und zwischen ihnen blickt, zwiegespalten wie ein Schlangenzünglein, eine Narbe hervor. Während die Hummel saugt, lvird sie :nit Pollen bestreut, aber da der eine Narbenast tiefer reicht als der Staubbeutel, streift er zuerst den Pollen ab, den der Gast von: vorigen Besuch einer Blüte in: Haarschopfe mitbringt. Die Pflanze „will" eben die Fremdbestäubung, sie „widerstrebt" mit allem Raffinement der Selbstbestäubung, als ob sie „wüßte", daß sie sonst der Tragik jener Adelsgeschlechter verfällt, die immer nur in der eigenen Familie heirateten und deshalb degenerierter:. — Ueberhaupt scheint die ganze Tragik des Menschenlebens in der Pflanzenwelt ihr Spiegelbild zu haben. Wie beim Bienensaug, so ist auch bei vieler: andern mit einem Sporn ausgestatteten Blüten, wie beim Leinkraut, dem roten Wiesenklee, der Horrig in der tiefer: Röhre verborgen und wird r:ur der:: geboterr, der das „Vexierschloß" zu öffnen versteht. Dazu gehört aber Kraft. Darun: wird der Willkommentrunk nur den großen Honigbienen und Hummeln gereicht, die den Liebesdienst der Bestäubung vollziehen kör:r:en. Aber auch in: Jnsektenreiche triumphiert die Lift über die Kraft. Kleinere Insekten, die an der Mauer des für sie verschlossenen Paradieses herumklettern und dene:: der aus dem Innern herausdringende Honigduft angenehm den Riechkolben kitzelt, begehen „Einbruchsdiebstahl". Weil sic die Türe der Schenke nicht öffnen können, bohren sie die Wände an, indem sie mit ihren kräftigen Kiefern ein Loch in bei: Sporn zwacken. Sie trinken der Blume den Met weg und betrügen sie um ihr Lebensglück, indem sie ihr die Mitgift stehlen. — Betrachten wir das Leben der wachsenden Wurzeln, deren Enden wie n:it geheimnisvollen Fäden in die Tiefe gezogen werden (man nennt es Geotropismus, Schwerkrastsempsindung), oder sehen wir das Wurzelnde sich stets dorthin wenden, wo mehr Feuchtigkeit ist (die Physiologie nennt dies Hygrotropismus, Sinn für Wassernähe), oder erkennen wir, wie schwache, wachsende Wurzelspitzchen Papier durchbohren, Hindernisse überwinden oder gefahrbringende Stellen umgehen, so wird man zugeben müssen, daß überall strebendes Leben in der Natur sich offenbart. Wie die Naturphilosophie diese - scheinbare Beseeltheit der Natur auch erklären will, das kommt für unsere Zwecke nicht weiter in Betracht. Wir stehen hier vor Lebenswundern, die uns noch für eine dritte Seite der Gemütsbildung wichtige Dienste leisten können, nämlich für die religiöse Bildung des Kindes. Die Kenntnis der Natur führt unausweichlich zur Gottesidee. Der Naturforscher wird in der

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