Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1907)
- Date
- 1907-02-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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zeigt, wie die Ausführungen Breuer's wehr iu einer blühenden Phantasie als in den Tatsachen wurzeln. Das führt Breuer dazu, in seinem Essay eine ganze Reihe weiterer Behauptungen aufzustellen, die sämtlich gleich unhaltbar sind. So ist es ein beinahe unentschuldbarer Irrtum, wenn Breuer unter den Leistungen Laffalle's die „Aufstellung des ehernen Lohngesetzes" anführt. Wer auch nur eine der volkswirtschaftlichen Schriften Lassalles gelesen hat, muß wissen, daß Lassalle sich gegen nichts so wehrt, wie gegen die Behauptung seiner liberalen Gegner, das sogenannte „eherne Lohngesetz" rühre von ihm her. Lassalle wird nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, daß dieses Gesetz in der Volkswissenschaft von allen ihren bedeutenden Vertretern längst anerkannt sei. So führt er z. B. im „Offnen Antwortschreiben" (Bd. 2, S. 422 der Gesamtausgabe) dafür an: Adam Smith, Say, Ricardo, Malthus, Bastiat und Mill. Als sein Verdienst nimmt Laffalle einzig in Anspruch, dies Gesetz aus dem Dunkel schwer verständlicher Folianten an das Helle Licht des Tages gebracht und es als wirksames Argument in den wirtschaftlichen Streit der Parteien geworfen zu haben. Was Lassalle eigentümlich angehört, ist nur das schmückende Beiwort „ehern" und auch dieses ist bekanntlich Goethe entlehnt. Die Tatsachen aus den Kopf stellt Breuer ferner in dem Satze: „Sein (Laffalle's) stürmisches Pathos im Kampf gegen Lüge und Heuchelei hat in erster Linie nicht wirtschaftliche Schäden, sondern moralische Gebresten im Auge" *). Das ist eine völlige Verkennung der wirtschaftlichen Grundanschauungen Lassalles, der sich aus der Hegelschen Ideologie zum historischen Materialismus der Marx und Engels durchgemausert hatte. Es sei hier nur eine Stelle aus dem Anhang des „Bastiat-Schulze" (S. 277 Bd. 3) angeführt: „Denn im Allgemeinen ist der Mensch eben ein Produkt seiner Lage, und wer ganze Klassen von Menschen wirklich ändern will, muß zuvor die Bedingungen ihrer Lage ändern, die sie eben zu dem machen was sie sind."**) Rücksicht auf den Raum verbietet auf die zahlreichen weiteren Jrrtümer Breuers einzugehen, nur seien noch ein paar Worte der Abwehr jenes scharfen Tadels gewidmet, mit denen Breuer des Zweikampfes gedenkt, in dem Laffalle seinen Tod fand. Nicht als ob sich dieser Zweikgmpf an und für sich verteidigen ließe,' er war und bleibt bei einem Manne wie Laffalle eine Inkonsequenz. Aber wer in der Art wie Breuer es tut, deshalb den Stab über Laffalle bricht, *) Im Original nicht gesperrt! **) Auch im Original gesperrt! der zeigt damit nur, daß er die ganze Lage, in der Laffalle sich in jener Zeit befand, nicht kennt. In dem Leben Laffalles waren Liebesaffären nicht allzu seltenwenn er trotzdem auf die Erringung einer Helene v. Dönniges überhaupt so hohen Wert legen konnte, daß er, als die geplante Verbindung scheiterte ein Duell provozierte, so wird dies psychologisch erst aus der Gemütsverfaffung verständlich; in der er sich damals befand. Das erheischt ein Paar Worte über die Lage Laffalle's in jener Zeit. Am 8. Mai 1864 trat Laffalle seine Sommerreise an, von der er lebend nicht mehr zurückkehren sollte. Die Anstrengungen, die hinter ihm lagen, hatten seine Gesundheit völlig zerrüttet. So schreibt er von sich bereits im Februar: „Ich bin todmüde, und so stark meine Organisation ist, so wankt sie doch bis in ihr Mark hinein. Meine Aufregung ist so groß, daß ich keine Nacht mehr schlafen kann . . ." „Ich bin vor Anstrengung und Aufregung so herunter, daß meine Nerven mir wie Stricke um den Körper schlottern." Aber auch sonst waren Lassalles Tage gezählt, denn ein Halsleiden ließ ihm, nach dem Urteil seines Arztes, nur noch eine kurze Lebensfrist. Zu dieser physischen Erschöpfung kam noch eine gewaltige psychische Depression. Als Laffalle den „Allgemeinen deutschen Arbeiterverein" gründete und selbst das Präsidium übernahm, da hegte er keinen Zweifel, daß er binnen einem Jahre 100000 Arbeiter unter seiner Fahne haben würde. Aber trotz der übermenschlichen Arbeit, die er daran gesetzt hatte, wurde noch nicht der zwanzigste Teil gewonnen. Insbesondere mißlang der große Sturm auf Berlin, den Laffalle selbst leitete, gänzlich. Daß das Erreichte in Wirklichkeit ein sehrbedeutendes Resultat war, daß die 50 innerhalb des ersten Jahres geschaffenen Ortsgruppen das feste Gerüst wurden, aus dem die ganze spätere Arbeiterbewegung Deutschlands sich aufbaute, das konnte Laffalle nicht erkennen. So kam es, daß Laffalle der Politik, wie er selbst schreibt, „voll Ekel" gegenttberstand. In einem nur wenige Tage vor seinem Tode an die Gräfin Hatzfeldt gerichteten Schreiben heißt es: „Ich wünsche nichts sehnlicher, als die ganze Politik los zu werden ... Ich bin der Politik müde und satt.. ohne höchste Macht läßt sich nichts machen, zum Kinderspiel bin ich zu alt und zu groß." Dazu kam noch ein Weiteres. Lassalles Reden und Schriften hatten zu einer Reihe von Anklagen geführt, in denen er zu teilweise erheblichen Gefängnisstrafen verurteilt worden war. Diese zu überstehen, fühlte Laffalle die Kraft nicht mehr in sich und so erwirkte er sich durch seinen Freund Joh. PH. Becker in Genf von der dortigen Regierung eine Aufenthalts-Erlaubnis/ ein Beweis, daß er mit den Gedanken eines dauernden Aufenthaltes im Auslande rechnete. - Fassen wir alle diese Momente zusammen, so wird der Entschluß Laffalles sich der Pistole des walachischen Bojaren zu stellen erklärlich, wenn auch nicht gerechtfertigt, und die herben Worte, die Breuer an diesen Pistolenschuß knüpft, sinken in nichts zusammen. So starb Laffalle in Wahrheit nicht an jenem Pistolenschußer unterlag vielmehr dem tragischen Schicksal, das so viele Vorkämpfer einer neuen großen Idee in jungeil Jahren dahinrafft. Sie werden zum Fanal, das Hunderttausenden Weg und Richtung zeigt, aber das Licht, das von ihnen ausgeht, verzehrt auch die Träger. Aus der objektiven Schilderung von Laffalles Lebens- und Bildungsgang, wie wir ihn ober: in kurzen Umrissen gegeben haben, ergibt sich in aller Klarheit, daß von einer spezifisch jüdischen Mission bei ihm keine Rede sein konnte. Dazu mangelt es an allen Voraussetzungen. Wenn wir also das Fehlen jeder Be-' ziehung zwischen Laffalle und dem Judentum feststellen müssen, so zeigt uns dafür ein Blick auf die Geschichte der antisemitischen',Bewegung in Deutschland, daß die deutsche Ju denheit Laffalle tief verpflichtet ist, wenn das Bewußtsein dieser Verpflichtung heute auch erst bei wenigen vorhanden ist. Je mehr sich die Schleier lüften, die über der Geschichte der inneren Politik Deutschlands in den Jahren 1880—1890 ruhen, um so mehr erkennen wir, daß die deutschen Juden damals in der Gefahr schwebten ihre staatsbürgerliche Gleichberechtigung zu verlieren. Die tiefe wirtschaftliche Depression, unter der Landwirtschaft, Kleinbürgertum und Mittelstand zu jener Zeit litten, gab den Untergrund für jene wilde und maßlose Agitation her, d:e von Stöcker-entfacht, von in ihrem Fache namhaften Gelehrten wie Tveitschke und Adolf Wagner unterstütztmit dem Schlachtruf: „Die Juden sind unser Unglück!" bald Hunderttausende unter ihren Fahnen zählte. Bismarck, den die Antisemiten ja heute noch auf Grund seiner Reden im vereinigten Landtag als Gesinnungsgenossen reklamieren, ließ der Bewegung die wohlwollendste Duldung zu Teil werden. Am Hofe war eine einflußreiche Partei des Grafen Walderseeim Sinne Stöckers tätig, und unter den politischen Parteien waren die Konservativen sofort bereit, die antisemitischen Forderungen zu unterschreiben. Das Zentrum verhielt sich allerdings ablehnend, ohne aber aus seiner kühlen Reserve herauszutretenauch war sein Einfluß damals nur gering. So blieb die Chajim empfand etwas wie Mitleid mit dem Tyrannen, dessen Macht er so oft fühlen mußte und der nun so kleinmütig und zerknirscht sich seinem Schutze anvertraute. „Aber es muß etwas geschehen, ein kleiner Schabernak, von dem er keinen Schaden trägt, der aber ihm und seinen Mitmenschen zu Nutzen und Frommen gereicht," dachte er, während er nebenher ging und sich am linken Rad zu schaffen machte. Und nun hielt der Wagen still. „Kommt Ihr wieder, Reb Chajim?" Dieser hatte jedoch unterdeffen bereits hoch oben seinen Platz eingenommen. „Es war mir angst und bange," — fuhr der Schamosch ftöstelnd fort — „es schien mir als ob alles lebendig würdees knasterte und rauschte in allen Ecken. Dort leuchteten wieder Feueraugcn auf und bewegten sich drohend riesenhafte Gestalten. Nun, da Ihr, lieber Freund, neben mir^ fitzt" — fitzte er fast zärtlich hinzu — „ist wieder alles verschwunden!" „Ja ja" — lachte Chajim — „sie kennt mich, die unheimliche, stnstere Bande und zieht den kürzeren." „Sprech Ihr von Geistern?^ fragte Meter schlotternd. „Bah! ... Nicht erwähnen!" warnte der Fuhrmann bedeutungsvoll. „Ich meine nur so ..." wollte sich Meier weiter erklären — doch er kam' nicht weiter und ein angsterfüllter Schrei ergänzte seinen Satz. „Was ist? Was aibts?" „Geschlagen!" — schrie Meier außer sich — „hat mich jemand, mit dürrer Hand aufs Gesicht geschlagen! Haltet S! habt Mitleid! Oder nein, treibt die Pferde an! Gelind Wetter! Es verfolgt mich jemand, schlägt! O n wieder! Eilig fort fort!" Dieser Aufforderung kam Chajim bereitwillig nach. / AVer die Situation für seinen Fahrgast schien sich noch dadurch zu verschlimmern. „Man schlägt mich" — schrie er aus Leibeskräiten, sich krampfhaft an den Fuhrmann klammernd — „schon wieder! O nun noch rascher, noch ft ä r k e r! Eine furchtbare Hand! Ein Strafgericht ich bin verloren! O chotossi! owissi! Habt Mitleid! rettet mich, haltet an!" „Grausame Täuschung!" — zuckte Chajim skeptisch mit den Achseln. Aber das Wehegeschrei des von Angst und Schmerz Gefilterten hatte sein Herz erweicht und er hielt an. „Nicht hinunter" — flehte der Schamosch — „aber laßt mich an Euren Platz! Ihr sollt es nicht bereuen! Werde Euch ewig Dank wissen!" „Es hat gewirkt!" — dachte Chajim zufrieden, indem er den gefährlichen Platz seines Passagiers einnahm, während dieser dicht an seinem Beschützer, auf dem eigentlichen Bock ntederkauerte. Meier getraute sich weder rechts noch links zu schauen. Doch der Fuhrmann lehnte, als wollte er das grausame Räisel i rforschen, mit seiner Laterne hinaus, suchte und spähte nach allen Richtungen, machte sich auch am linken Rade elwas zu schaffen. Dann fuhr der Wagen in raschem Tempo und ohne Zwischenfall weiter. Da sie nun aus dem Walde hinauskamen und bereits von der Ferne einzelne unsichere Lichtpunkte von der Stadt ihnen entgegenblinkten, hatte sich der Schamosch nach und nach ein wenig erholt. Wie aus einem unheimlichen, gespemterhaften Traum erwachend konnte er nur langsam seine Sinne sammeln. Und im Tone eines Menschen, der gerade eine Lebensgefahr oder eine längere Krankhett Überstanden hat, wagte er wieder zu fragen: „Sonderbar! He Reb Chajim? Und dabei gibt es Menschen, die an G^istergeschichten nicht glauben!" ,/$<* ja" — lachte Chajim — „die nicht an die bösen Geister glauben, werben auch selten die Ehre haben, von ihnen heimgesucht zu werden." — philosophierte Meier sehr geschlagen und reuevoll, ohne die sarkastische Bemerkung des Fuhrmanns zu hören, weiter — „heißt es doch auch im Talmud: An Stellender Gefahr werden dem Menschen seine Sünden oft heimgezahlt! Möge ich die «einigen nun gebüßt haben!" „Und in Zukunft keine neuen begehen" — bekräftigte Chajim, während sich der Schamosch am Ziele angelangt m t vielen und aufrichtigen Dankesbezeugungen für die Lebensrettung von ihm verabschiedete. Am andern Morgen wurde Chajim in der Synagoge vom Schamosch, in besten bleichem Gesichte noch alle Spuren des ausgestandenen Schreckens zu merken waren, mit ausgesuchter und nie gewohnter Höflichkeit und Zuvorkomm, nheit behandelt. Er überreichte ihm unaufgefordert eine ganze Kerze und überhäufte ihn auch mit EhrenfunktionenL Als Meier dann vor der offenen Thora sehr ergreifend und mit vor Tranen fast erstickter Stimme den vorgeschriebenen Segensspruch für „der Lebensgefahr Entgangene" (Gomelbenschen) laut betete, da trat erst ein stummes Staunen ein, dann aber ging ein Tuscheln und Flüstern, auch ein leises Kichern durch die ganze Gemeinde. Als man aber den Grund dieses Gomelbenschens erfuhr, umringte man Chajim rnd bestürmte ihn mtt den Fragen, was er von der Sache Wiste und halte. Dieser aber antwortete nur kurz: ,Jch halte davon, daß Meier seine Schläge vollauf verdient hat." „Aber es war doch wohl pure Phantasie, Hirngespinnst bei diesem feigen Schwachkopf?" ließ sich einer der Klügler hören. j ÄHN' W 0 Chajim schüttelte vielsagend das Haupt. Einem vertrauten Kreise aber bemerkte er: „Oder ein langer, dürrer Baumast, der sich nicht ohne menschliche Hilfe in das linke Rad eingeklemmt und sich mit demselben, in die Runde bewegend, rollendes und rächendes Strafgericht spielte."