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Der Israelit · 1907-02-28 · Heft 9 (28.2.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 9 (28.2.1907)
Date
1907-02-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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ttt. 9 Sette 4. wieder aus dem Staub sich zu erheben vermag und in imgeschwächter Lebenskraft fortbesteht? Darauf läßt sich wohl diese oder jene Antwort geben, doch wissenschaftlich genügen muß letzten Endes immer: Israel ist im Besitz der Thora und solange es diese Lehre beherzigt, kann es nicht untergehen. Diese Lehre ist so großartig, daß die Weisen der Welt sie bewunderten und auch heute noch die vornehmsten Geister darüber einig sind, daß die moderne Gesellschaft bedeutend glücklicher wäre, wollten sich die Menschen nach den sozialen Einrichtungen dieser Lehre richten. Diese Lehre ist so weise, daß jene Menschen, die sich nicht zu dem Gedanken erheben können, daß Gott am Sinai sich offenbart, geradezu gezwungen sind 2'2") ntPö als einen Gottmenschen hinzustellen, indem sie ihm übermenschliches Lob zollen. Vor einigen Wochen hat eine Pariser Zeitung eine Rundfrage veranstaltet: Wer ist der größte Franzose des letzten Jahrhunderts? Die" meisten Stimmen erhielt Pasteur, der durch die Wissenschaft seinem Baterlande und der Welt die größten Dienste geleistet. Wollte man heute die intelligente Welt fragen, welcher Mann der Vergangenheit der Welt' die größten Dienste geleistet hätte, so würden wohl viele Zaratustra, Brahma, Buddha, den Stifter des Christentums, Mohammed, Alexander, Caesar, Aristoteles, Kant, Shakespeare oder gar Tolstoi nennen. Doch die meisten Stimmen würde sicherlich ir2i ntPö erhalten. Drei großen Religionen ist er der Dolmetscher des Höchsten, durch den der göttliche Wille gesprochen hat. Den Männern der Wissenschaft ist er der große Psychologe und Physiologe, der weise Arzt, der große Politiker, Patriot, Philosoph und Staatsmann. Und daß selbst Könige vor Moses in Anbetung niederkieen und ihn als den größten aller Könige verehren müssen, das hat eine Königin selbst ja erst unlängst ausgesvrochen. Carmen Sylva schreibt: „Die Juden sind das einzige Volk, das keinen Verfall erlebt. Sie bleiben fest und stark und einig in sich geschloffen, einander hilfreich, gesund und kinderreich und mächtig. Und das alles verdanken sie dem einzigen Manne, dem größten Herrscher, den die Welt gesehen, Moses. Er ist ein Herrscher, der sein Volk erst gemacht hat und der es so gebaut hat, daß es allen Stürmen trotzen konnte." Wir nehmen es den großen Persönlichkeiten, die nicht dem Judentum angehören, nicht übel, wenn sie den Ruhm, der unserem Gotte gebührt, auf Moses übertragen. Dem wissenschaftlichen Denken von heute beliebt es nur nach greifbaren Ursachen zu forschen und jede Metaphysik, welcher Art auch immer sie sein möge, zu verbannen. Man will von nichts anderem wissen als von dem, was man mit den Augen sehen und mit Der JSraeltt._ den Händen tasten kann. Sie wird schon noch wiederkommen, die Zeit, wo es allen Menschen offenbar sein wird, daß es, wie Shakespeare sagt, Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. Sie wird kommen, die Zeit, wo erkannt werden wird der göttliche Ursprung unserer Thora und die ganze Welt voll sein wird von Gotteserkenntnis. Wir aber sind auch heute schon felsenfest überzeugt: rmon rmnn DiWn w2i nt?»1? ruinan kvi irT2 nny. Man vergißt, daß kein Geringerer als Kant es war, der sagte, daß die religiöse Gesinnung in der Erkenntnis unserer Pflichten als göttlicher Gebote liegt. Es gibt Erkenntniswahrheiten und Willenswahrheitenerstere lassen sieb beweisen, letztere nur fühlen. Glauben uno Wissen sind nicht zwei Reiche, die einander bekämpfen, sondern die nebeneinander bestehen. So wenig der Glaube den Verstand negieren kann, so wenig kann der Verstand den Glauben Negieren. Würde unsere Ueberzeugung von der Göttlichkeit der Thora nui auf reinen Glauben etwa im Sinne des riTP 1N3Q82 pnx beruhen, so wäre auch dies genügend, da ja auch das Gefühl zu überzeugen vermag. Unser Glauben basiert jedoch ni^t nur auf Äefühl, sondern auch auf Erkenntnis. Ganz abgesehen von den Gründen, die im Buche Kusari I. 48 u. More HI. 50 aufgezählt sind, können wir uns schlechterdings nicht vorstellen, daß ein Mensch, und selbst wenn es ein Moses gewesen, seiner Zeit soweit voraus sein konnte, als wir es bei dem Geist der Thora konstatieren müssen. „Die einzelnen abgefallenen Aehren, die zurückgelassenen Garbenhaufen, den Rand am Fruchtfelde den Armen, Fremden, Witwen und Waisen zurückzulassen", „von Armen keine Zinsen und keinen Ueberschuß zu nehmen", „keine Selbstpfändung in des Schuldners Haus vorzunehmen", „den obern und den untern Mühlstein nicht zu pfänden", „ebenso auch nicht das Kleid einer Witwe" rc. sind Gesetze, die ganz und gar nicht in den Rahmen der Zeit passen, in der sie gegeben sind, sind Gesetze, die nur diktiert sein können vom Geist der höchsten Liebe und höchsten Weisheit. Vergegenwärtigen wir uns, daß es erst IM Jahre her ist, daß zu London der erste Tierschutzvereiu gegründet wurde und daß damals, wie aus allen Berichten hervorgeht, das sogenannte gebildete Publikum über diese Gründung in allen Tonarten sich lustig machte! Was sollen wir dazu sagen,, wenn es nun in unserer alten, ewigen Thora schon heißt: „verschließe nicht das Maul des Ochsen, wenn er drischt," „Ihr dürft das Rind nebst seinem Jungen nicht schlachten", „es ist das Vieh am Sabbattage ruhen zu lassen" rc.?! An unser _ 28. Februar 190?. Mitgefühl appellieren, uns zu reinen, edlen, wahrhaftigen, heiligen, gottähnlichen Menschen erziehen zu wollen zu einer Zeit, da die ganze Welt im Aberglauben befangen war und dem Wahn Altäre baute, war offenkundig Gottes Werk. Wie viel verdankt doch noch heute die Welt der Thora und wie ist es doch erfreulich zu konstatieren, daß mit den Fortschritten der Wissenschaft die Lösung der sozialen Frage immer mehr in der Weise erfolgt wie unsere Thora anstrebte! Wo unter allen Gesetzbüchern der Welt gibt es eines, das so sehr als die Thora betont, den Nächsten, ja selbst das Tier zu lieben, durch Arbeit, Wahrheitsliebe, Bescheidenheit, Verträglichkeit das Wohl der Nebenmenschen zu fördern und den, Liebesbund der Menschheit herbeizuführen?! Von allen Gesetzbüchern der Welt ist es die Thora, die am meisten den Schutz der Menschlichkeit anstrebt, von allen Staatsordnungen der Welt ist die Thora die einzige, nach welcher selbst dem niedrigsten Menschen noch Freiheit winkt, mon 'bo Dr6 jrow iwrcn fQ’on «"i2312V mon anb fN3V ON> nyro http ran i2iwn 'mm npb vin: 2iv np*> a cfriyn. Ttrdinand Eassalle and das Judentum. Eine Entgegnung. Bon Moritz A. Loeb in Frankfurt a. M. (Schluß). Freilich ist der physiognomische Typus eine Eigentümlichkeit, die Lassalle mit der Majorität seiner Stammesgenossen teilen würde, aber — zum Unglück für Herrn Dr. Breuer — entspricht auch dieses nicht einmal den Tatsachen. In der Vorrede zu dem schon öfter zitierten Tagebuch (S. 29) schildert ihn ein Jugendfreund: „Ferdinand, ein gleichfalls sehr hübscher Bursche, für sein Alter eher groß als klein, von guter Haltung, den Kopf auffallend rund, mit üppigem dunkelblonden, krausen Haaren, hoher Stirn, gerader Nase und großen, klugen, blauen Augen." Dunkelblonde Haare, gerade Nase blaue Augen hat man bisher nicht eigentlich als Merkmal eines „Jeschiwahbachurs" betrachtet, zu dem Lassalle, nach Breuer, fetit Aeußeres stempelte. Daß die obige Schilderung den Tatsachen entspricht, beweisen die zahlreichen Bildnisse Lassalle's, beweist die von Reinhold Begas ausgeführte Büste und endlich die bekannte noch in vielen Exemplaren vorhandene Plakette. Wenn ich auf diesen an und für sich sehr . nebensächlichen Punkt etwas näher eingegangen bin, so geschah es nur, weil sich hier eklatant „Natürlich, ein ander Mal", bemerkte Chajim sehr vielsagend — „man soll nie den Teufel an die Wand Malen — hat schon mein seliger Meister vor dreißig tihren gesagt, und an solchen-gefährlichen tellen am allerwenigsten an die Gefahr denken!" „Au!" „Was gibt es, Reb Meier?" „Nichts, nichts. Aber sehet Ihr nicht dort hinter den Bäumen etwas aufleuchten?" „Das pflegt bei dieser Jahreszeit zuweilen vorzukommen", belehrte Chajim sehr sachverständig. .Was pflegt vorzukommen?" stagte der Schamosch in sichtlich steigernder Angst. «Daß ein durch die Jagd gehetztes Tier mit blitzenden Augen hinter irgend einem Baum Deckung sucht." „Also ein, Wolf?!" — keuchte Meier. „Psch! ..." — wehrte der Fuhrmann ab — „nur nicht ängstlich und nicht oen Teufel beim Namen nennen. Uebrigens" — fügte er nach einer kleinen Kunstpause hinzu — „Hab' auch schon mit solchen Bestien manches Stzräußchen ausfechten müffen. Seht Ihr dort die hohe Pappel, da bin ich einmal bis zur Spitze hinaufgeklettert. Mn ander Mal Hab ich mich kurz entschlossen drüben in den Mühlbach gestürzt und mich schwimmend in die Mühle geflüchtet!" „Au au!", jammerte Meier, „ich kann weder schwimmen noch klettern!" „Meine Gäule auch nicht," meinte Chajim etwas mitleidig, „das heißt kletternschwimmen dagegen können Sie ganz vorzüglich und haben mich schon so mit meiner Ladung gar oft über den nachgebenoen Eisspiegel eines Baches glücklich htnübergestagen." „Müffen wir auch jetzt über solche Bäche?" stagte Meier besorgt. „Wennwirdurch dm Wald fahrm, nur über einunbedtzttcudeS Wüßchen. Oder" — stagte Chajim sehr zuvor-,. „wär' es Euch, Reb Meier, am Ende lieber, den Wald umgehen und über das Eis gekommend - wenn wir radewegs heimsahrm?" Meier überlegte wie jemand, dem man die Wahl Mischen zwei Tooesarten überlassen hat. Da er aber das AufblitzenMnter den Bäumm nicht mehr warnahm, entschied er sich dafür, lieber der Gunst der Bestien als dem unsicheren nassen Elemente sich anzuverstauen. Die Dunkelheit hatte indes zugenommen. Wie drohend hoben sich vom tiefm Schwarz die grauen Zweige und verschneiten Aeste ab. Nur langsam konnte sich der schwere Wagen, auf dem schmalen, holperigen und von Baumstümpfen besäten hügeligen Waldweg fortbewegen. „Chajim!" „Was ist? Was gibt's?" „Nichts! Aber mir war es, als stände dort am Rande irgend eine große riesenhafte Gestalt mit weißer Haube, mir unheinheimlich zugrinsend." „Der soll mir nur kommen!", drohte Chajim, energisch den Peitschenstiel ergreifend. „Wer? Wer soll kommen?" — jammerte Meier — „habt ihr ihn also auch gesehen?" „Gesehen?" — erwiderte der Fuhrmann sehr unbestimmt. — »Man steht gar viel zu dieser Stunde, man kann sich auch täuschen." „Ja, ja, Täuschung" — suchte der Schamosch sich selber zu beruhigen — „Ihr Reb Chajim, wißt wohl nichts von Angst?" „Ich habe ein gutes Gewiffen! Und" — fügte der Fuhrmann scharf betonend hinzu — „dann sage ich, wenn ich allein auf der Sttaße'bin, viel Thtllim. Ihr wißt, Meier, ich habe fast alle Psalmen bald auswendig gelernt, da ja wir ja in der Schul nur selten zu diesem Zwecke ein Licht ausbrtngen können." \ „Ja, ja, man soll Gott verstauen!" versetzte Meier kl.inlaut und ohne auf die letzte Anspielung zu reagiere«. Doch Chajim, einmal in Stimmung geraten, ließ nicht mehr nach. „Gott verstauen" — sagte er den Ton aufgreifend — „dann die A r m e n wie die Reichen behandeln. Wie heißt es doch? „Die Ehre Deines Nächsten sei Dir teuer wie die eigne." Freude am N e h m e n haben wir Staubgeborene alle, doch soll die am Geben noch größer sein. Und, die uns nichts einbringen. find auch Menschen. „Das meinige mir und das Deinige auch mir — sagt der Bösewicht," heißt es im Perck!" „Ihr seid ja ein halber Gelehrter!" — unterbrach ihn Meier ungeduldig. „Beiweitem nicht," wehrte der Fuhrmann bescheiden ab. „Aber ich bin gern dabei, wo gelernt wird, das wißt i.r ja. Dann denke ich ruf einsamer Landsstaße oft über das Gehörte und Gelernte nach. Es sind goldene Worte, Reb Meier, die auch so einen Straßenraub er und Landstreicher wie mich über manche Gefahr hinwegstagen." Auch für diese unzweideutige Anspielung hatte Meier weder Gehör noch Verständnis. Err gt und zähneklapp.rnd wie im Schüttelfröste erkundigte er sich nur, wie lange sie n.ch im Walde zu fahren hätten. Er ist in der rechten Sttmmung! — dachte Chajim. — „Und nun muß etwas geschehen!" — sagte er leise vor sich hin, indem er langsam und bedächtig vom Wagen Hinabstieg. „Wo wollt Ihr um Himmelswillen hin, Reb Chajim?" „Nichts, nirgends" - beruhigte dieser — „muß nur an die Bremse, da wir etwas bergauf fahren!" „Ich komme mtt runter" — bat Meier angstvoll. „Rein, nein!" — beteuerte der Fuhrmann. — „Bleibt ruhig oben, da fitzt Ihr jedenfalls sicherer."

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