Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1907)
- Date
- 1907-02-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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ist im Asten in jüdischen Kreisen die prösäne Volksbildung mehr verbreitet als im Westen. Das Verhältnis der unehelichen zu den ehelichen Geburten, das in der vorliegenden Frage mit die wichtigste Rolle spielt, charakterisiert sich durch folgende Zahlen: / Auf tausend Geburten entsielen im Jahre 1900: Mserer WMyrimgen Der jüdische Kaufmann hat seit dem Ausbau der Eisenbahnen als einziger Pfadfinder für die reichen Naturerzeugnisse des Landes den Wert derselben auf das Fünf- und Sechsfache und dadurch die Einnahmequellen des Bauernstandes ganz besonders gehoben. Dabei unterliegt dieser Kaufmann der Kalamität eines vierfachen Zwischenhandels. Der Markthändler kaust vom Bauer, der kleinstädtische Kaufmann liefert dem Großhändler, der im Auslande meist nur durch Vermittlung des Spediteurs an den Markt gelangen kann. Die Speoiteure sind Millionäre geworden, die Kausteute Bettler. Der Spediteur liefert dem Zwischenhändler, der die Ware an den Konsumenten bringt. Alle Uebel des langen Transtes fallen dem Absender zur Last. Ihn Seit das famose Internationale Berner Eisenn-Uebereinkommen von vornherein dem Empfänger aus Gnade und Ungnade aus, in dessen Belieben es steht, die Existenzmöglichkeit des Lieferanten so lange zu erhalten, als es ihm notwendig erscheint. Dazu kommt der unerträgliche Wettbewerb beim Einkäufe, auf den sich der bedürfnislose Kleinhandel unter Vorauseskomptierung des kleinsten Gewinnes stürzt. Des weiteren haben wir uns nun mit der "in den beiden Ländern üblichen Beschaffenheit der Elementarbildung als einer der Ursachen für die Verwahrlosung Jugendlicher zu beschäftigen. Die Zahl der schulpflichtigen Kinder der ersten Altersstufe (6—12 Jahre, Alltagsschule), welche im Jahre 1904 dem Unterrichte fern geblieben sind, beträgt im ganzen Lande, 247000 (24 Prozent der Schulpflichtigen). In der zweiten Altersstufe (13—15 Jahre, Fortblldungsunterricht) 530000 (60 Prozent). Bon je 100 über 6 Jahre alten Einwohnern waren Analphabeten: Gebiete 1890 1900 Unterschied Galizien .... 73.23 56.58 16.15 Bukowina . . . . 79.26 64.07 15.19 Reichsdurchschnitt 29.42 23.99 5.43 Da hier die jüdische Bevölkerung mit eingerechnet ist, so stellt sich für die christliche das Verhältnis noch weit ungünstiger, denn Analphabeten gibt es bei den Juden keine, wenigstens insoweit das hebräische Alphabet und der Besuch der Chederschule angerechnet wird, die bei der obigen Tabelle nicht in Betracht gezogen wurde. Während in Ostgalizien der Prozentsatz der Analphabeten durchschnittlich um 20 bis 30 Prozent höher.ist als in Westgalizien, (da die ruthenische Bevölkerung aus politischen Rücksichten auf einer niedrigeren Kulturstufe gehalten wird), leines euilleton. Das rollende Strafgericht. . Bon G. Schachnowitz in Endingen. Auf Chajim Mofchiach, den luftigen Fuhrmann von ErSevil, war der Synagoamdiener Meier nicht gut zu sprechen. Abgesehen von dem festen Lebensprinzipe der bienenden Leute aller Länder und Arten : „Wer mir nichts einbringt, existiert für mich nicht," nährte der Schamosch besonder« Haß in seinem Innern gegen den schalkhaften Chajim, der dem unfreundlichen Meier schon manchen Streich gespielt hatte. Meier war ein Mann, besten von ewigen Bücklingen seines devoten Dienstes gekrümmter ^Rücken fich merkwürdig gerade und st r a m m gestaltete, wenn er stch Armen und Niedrigen gegenüber befand. Sein sonst untertänig sanftes Auge bltme scharf und streng und seine schmeichelnde Stimme wurde barsch und befehlend, sobald er fich einmal in der Lage fühlte, anstatt beherrscht zu werden, herrschen zu dürfen. Chajim mußte die Rückenwandlungen dieser Zwitternatur am meisten und in mannigfacher Art empfinden. Verlangte er morgens vor dem Gottesdienste höflich und bescheiden eine Talgkerze, so lautete die Antwort: „Was, Omen? Woher das? Etwa von den Steuern dieser großen Herren?" Chajim nahm dann im Bollbewußtsein seines moralischen Rechtes und ohne die Abweisung weiter zu beachten, fich aus dem ersten besten Leuchter ein Kerzenrestchen heraus. Ehelich 882.30 883.68 863.46 Nicht ehelich 117.70 116.32 136.54 Galizien. Bukowina . . . Retchsdurchschnitt . „Diese schon an und für sich für die beiden Länder günstigen Zahlen find in der Weise berechnet, daß alle aus den rituellen Judenehen stammenden Neugeborenen dem Gesetze entsprechend als unehelich gezählt wurden. Werden die aus rituellen Ehen Geborenen den ehelichen zugezählt, welchen sie, was Pflege und Erziehung anbelangt, tatsächlich aanz gleichstehen, so würde sich die absolute Zahl oer nichtehelichen Geburten 86o8u stricto in Galizien bloß auf etwa 18000, in der Bukowina auf ca. 1800 jährlich (56—58 pro 1000 Geburten) belaufen. Die Verhältnisse der beiden Länder in dieser Hinsicht müssen also ohne Zweifel im ganzen sehr günstig genannt werden-" Hierzu ist zu bemerken, daß die erst seit 20 Jahren gesetzlich eingeführte obligatorische Zivilehe von Anfang an auf das Mißtrauen der jüdischen Bevölkerung stieß, welche dahinter eine Erneuerung der alten theresianischen Heiratsbeschränkungen witterte, die wie die bayrische Judenmatrikel von 1808 von dem Grundprinzip ausginaen: Man muß streben, die Juden zu vermindern, nicht zu vermehren. Da außerdem die Formalität mit Plackereien und Kosten verbunden ist, so hielt man die Trauung TOD ms hinsichtlich der Legitimität der Ehe für vollkommen ausreichend. M. (Schluß folgt.) 'ochenrmöschau. kine wictillge knMelSung. Ein bedeutsames und sehr erfreuliches Urteil wurde dieser Tage von einem französischen Gerichte gefällt. Bor dem Pariser Polizeigericht Der gewistenhafte Schamosch eiferte aber schon ziemlich laut und erregt und in der verächtlichen Form der dritten Person: „Sie nehmen alles, was nicht n i e t - und n a g e l fest ist, als wären fie auf offener Fahrstraße!" Letzteres war eine starke Anspielung auf seinen Beruf, die jedoch Chajim bei weitem nicht so kränkte als die anderen Mißachtungen und Zurücksetzungen, die ihm von dieser Seite bet jeder Gelegenheit zu teil wurden Wenn Freibillets für Mizwaus und andere Ehrenfunktionen verteilt wurden, so verirrte stch Meier nur höchst selten nach der Ecke, wo der Fuhrmann stand. Handelte es fich um eine Einladung, Bekanntmachung oder Aufrufverteilung, so war der Sch» mosch, wie Chajim mit bitterem Humor bemerkte, zum ägyptischen Todesengel geworden, der an feiner Türe geflissentlich vorüberschritt. Chajim, äußerst empfindlich in solchen Dingen, sann auf Rache, eine gelinde Rache, die aber Helsen mußte. Aber wie sollte er es anstellen, um zum Ziele zu gelangen? So viel war ihm bekannt, daß dieser rückfichtslose Despot im Grunde eine sehr bange, höchst abergläubische und ängstliche Seele war und daß er ihn bei dieser Schwäche einmal packen müßte. Die Frage war nur, wie? Der oft erprobte Scharfsinn schien dm sonst erfinderischen Fuhrmann dieses Mal im Sttch lassen zu wollen. Der strenge Winter hatte endlich nachgegeben. Langsam zerschmolz der Schnee, überall das glitzernde Weiß in etnm grauen Schlamm verwandelnd. Bei Tag schien die Sonne bereits so intensiv, daß der zerfloffme Schnee von Dächern und Anhöben strömend berabkam, in tausenden Kanälchen und Pfaden fich Bahn schaffte, um dann dem Memelflusse zuzueilen, dessen Eisdecke überall Riffe bekam und nach und nach völlig zerbrach. Einzelne Bögelchen, die wie Pioniere, des gefieberten Sängervolkes zwitschernd umherflogen. und die Fensterhtztte sich ein jüdischer PärtiewarenhäMer wegen Uebertretung des neuen Gesetzes Wer die Sonntagsruhe zu verantworten. Das Geschäft des Händlers befindet sich gegenüber dem Marktplatz St. Pierre. Die Märkte werden dort jeden Donnerstag und Sonntag abgehalten, weshalb der Mann sein Geschäft auch nur an diesen beiden Tagen offenhält. Er hatte für den Sonntag bei der Behörde um eine Erlaubnis nachgesucht, die ihm jedoch verweigert ward. Da er dennoch seine Gehilfen am Sonntag arbeiten ließ, wurde Anklage gegen ihn erhoben. Das Gericht, unter Vorsitz des Herrn Amiaud, sprach edoch den Angeklagten ftei, weil er seine Angetellten nur an sechs Tagen der Woche bechäftigte und damit dem Gei st e desGesetzes Rechnung getragen sei. Diese Entscheidung, die von einer freien, hochentwickelten Rechtsauffaffung zeugt, wie man sie gerade bei französischen Richtern öfter findet, ist um so wichtiger, als vor einiger Zeit mehrere Gesuche jüdischer Firmen gerade wie im vorliegenden Fall von der Departementsbehörde zurückgewiesen wurden. Wenn sich die oberen gerichtlichen Instanzen und die übrigen Gerichte der Entscheidung des Polizeigerichtes anschließen, so wird auch in dem Verhalten der Verwaltungsorgane eine Aenderung eintreten Müssen. lvslilpogwme in Russland. Jede Wah'lbewegung ist von einer gewissen Erregtheit der Volksmaffen begleitetdaß diese Erregtheit bei den Dumawahlen in Rußland, sich zu richtigen Pogromen entwickelte, darüber wird man sich nicht gerade wundern können. Die Regierung wie die reaktionären Parteien haben auf den Sieg gehofft, und nun ist ihre Hoffnung schmählich zu Schanden geworden — trotz der großen Mühe, die sich die Behörden mit der Unterdrückung der Liberalen gegeben haben. Daß an diesem Resultat ganz allein das Regierungssystem selbst schuld ist, gegen welches das russische Volk energisch zu protestieren fich veranlaßt sieht, diese Thatsache hindert nicht, daß die Juden vor allem für die Niederlage der Regierungsparteien Rechenschaft gezogen werden. Besonders in Odessa, wo der skrupellose General Kaulbars die Herrschaft führt, ist es zu blutigen Angriffen auf die jüdische Bevölkerung gekommen. Die Lage wurde schließlich so bedrohlich, daß die fremden Konsuln Maßregeln zum Schutze ihrer in Odessa ansässigen Landsleute ergreifen und die Intervention ihrer Regierungen telegraphisch anrufen mußten. Nach einer Meldung des Berliner Tageblattes wären diese Pogrome allerdings nicht lediglich auf die zornige Stimmung der Schwarzen fimse und Abhänge der Strohdächer nach Unterkunft durchsuchten, sowie jubelnde Kinderscharen, die in der Sonne fich tummelten, kündeten den nahen Frühling an Auch Chaijm fühlte das sonderbar geheimnisvolle Weben in seiner Brust, auch da war die harte Eiskruste im Schmelzen begriffen. Und die ersten Zeichen des regen Frühjahrsverkehrs und des damit verbundenen guten Verdienstes ließen den allzeit zufriedenen Fuhrmann vollends hoffnungsfreudig in die nahe Zukunft schäum. In dieser flohen Stimmung hatte Chajim den Purim, lustig und schalkhaft, wie er war, ganz zu seinem Rechte kommen lassen, allerdings nicht ohne daß stch ein bitterer Tropfen in den vollen Kelch seiner Freude gemischt hätte. Natürlich kam es wieder von seinem Erb- und Erzfeinde Meier, dem Schamosch. Als Chajim so behaglich den Worten der Megilloh lauschte und beim ersten Erscheinen H am ans weniger aus Groll und Rachsucht gegen dm alten Judenfresser als vielmehr aus einer Art Wohlbehagen und launigem Uebermute mit Händen und Füßen etwas lauter als die anderen demonstrierte, da stand et schon vor ihm, gerade vor ihm, er, der sonst, wo es fich um etwas Besseres und Ehrenvolleres handelte, selten seinen Platz fand, der erboste Synagogmdiener, und erinnerte ihn daran, baß er sich nicht auf der Landstraße befinde. Chajim antwortete mit der ihm eignen beißenden Gelassenheit: ,.Was ich mit Haman vorhabe, geht keinen andern weiter an Ich kümmere mich .auch nicht um seine Freunde und Anhänger, die chn in Schutz nehmen." Meier, ein plumper Mensch ohne jede Schlagfertigkeit, dessen polemischer GetsteSreichtum mtt der ewigen Anspielung auf die Landstraße aufhörte, zog fich brummend zurück. Aber Chajim fühlte, daß er für diese Brüskierung noch keine genügende Satts-