Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1907)
- Date
- 1907-02-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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TW i hfriMri mBrLdnii h IDais 48. Jafuraanfl. Sranhfurf a. M.. Sen 28. Sebruar 1907. 14. Mar 5667. M » HefMMpAe «imt» Sei der «.A.Paftfparkasse Gewöhnliche Ausgabe Mk. ILO vierteljährlich, HestcmSgabe auf Kunstdruckpapier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für die ^rrin^LuslanvS Amerika 50 et»., Mederland« 1,30 0.) AbomwmentS bei allen Postanstalteu, Buchhandlungen, sowie direkt bei ker für die fechSsefWrlte«e.^l«rel-Zeilet Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstei.»n^«SLl<r A^G. rn Wien Ra. 79605. Frankfurt a. M. und deren Mlialen. «aut» bei >e« S. P-stspaHaste»««! «Nwapest«». 18«4 2«r Zudenttage i« Galizien und der Bukowina. „Die Ursachen, Erscheinungsformen und die Ausbreitung der Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen in Oesterreich. Einzeldarstellungen aus allen Teilen Oesterreichs, gesammelt von dem vorbereitenden Komitee des Ersten Oesterreichischen Kinderschutzkongreffes in Wien .1997 mit Vorwort und Einleitung von Dr. Joseph M Baernreither." So lautet der Titel eines Buches von 533 Seiten in Großquart, in welchem den Verhältnissen der österreichischen Kronländer Galizien nutz, Bukowina mit ihrer Million Juden eine AbhaWmng von 29 Seiten eingeräumt ist, geschrieben von Ladislaus Müller, Gerichtssekretär (Oesterr. Titel für Amtsrichter) in Lemberg. Der Aufsatz ist von besonderer Wichtigkeit für die Aufklärung der jüdischen Verhältnisse in beiden Ländern und bietet zum erstenmale eine absolut sachliche^ vorurteilslos unparteiische Behandlung des Stoffes aus Grund .unanfechtbarer Daten. Wenn es sich dabei auch eigentlich nur um den jugendlichen Teil der Bevölkerung handelt, so muß doch die Darstellung notgedrungen immer auf den Zustand der Gesamtbevölkerung als Grundlage zurückgreifen, und wir können dcMr uü§ her Arbeit Müllers auch über die galizischen: und bukowinischen *Juden als Ganzes «tch6ge LchrenLewinney. Als Ursachen der Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen in Galizien und der Bukowina bespricht der Verfasser zunächst die allgemeinen sozialen Berhältniffe dieser in der kulturellen Entwicklung zurückgebliebenen Länder, welche dichter bevölkert sind als die anderen Kronländer der Monarchie und in progressiver Vermehrung dieselben übertreffen. Als statistischer Nachweis letzterer Tatsachen diene folgende Tabelle: Auf ck Quadratmeter entfielen Einwohner , Im Jahre . 1880 1890 1900 Galizien .... 76 84 93 Bukowina . 55 62 70 Reichsdurchschnitt . Länder der ... 74 80 87 ungarischen Krone - - .. 54 Ein Drittel des Terrains nehmen die spärlich bewohnten Karpathen mit ihren Wildnissen ein. 35 Prozentder Grundfläche entfallen auf den Großgrundbesitz. .Da aber 83 Prozent der Einwohner von der Landwirtschaft leben, so muß hiernach das.. Land als übervölkert bezeichnet werden. Die schnellere Zunahme der Bevölkerung Aotz her sehr bedeutenden Auswanderung (1891 bis 1900 aus Galizien 302 793; aus der Bukowina 13644) zeigt folgende Tabelle: Auswan- Faktischer Zuwachs d-rung Zuwachs Prozent Prozent Jahrzehnt 1891/1900 Galizien . . . Bukowina . . . Reichsdurchschnitt Prozent 15.30 15.04 11.11 4.58 10.72 2.11 12.93 1.67 9.44 1890 7758 926 794 542 1900 7682 901 781 636 1890 7571 1110 725 594 1900 7263 1127 857 753 1890 5588 2576 885 951 1900 5213 .2678 996 1083 Die Berufsgliederung der Bevölkerung gestaltet sich folgendermaßen: von je 10,000 Personen Lando Handel Beamt« Berufsklasse. Wirtu. u. freie schüft. °ustrie Verkehr Berufe Galizien Bukowina Reichsdurchschnitt Als Folgeerscheinungen des Mangels an Industrie treten auf: a. die immer zunehmende Zersplitterung des Grundbesitzes. Während 13 Joch als das Minimum angenommen werden, das zur alleinigen Ernährung einer Bauernfamilie genügt, betrug die Durchschnittsfläche eines Bauernanwesens 1897 bloß 4,4 Joch. Die Zahl der besitzlosen Familien und jener, die weniger als 5 Joch besitzen, wird auf 60 bis 70 Prozent, die der bäuerlichen Besitzer von über 10 Joch bloß auf 11 Prozent berechnet. Das Land hat also einen wirtschaftlich sehr inferioren Bauernstand, dessen Notlage nur durch weitgehende Bedürfnislosigkeit gemildert wird. Eine Folge dieser Erscheinung ist b. die Notlage der Industrie und Handel treibenden Bevölkerung, d. h. der Juden, die sich fast ausschließlich mit diesen Erwerbszweigen beschäftigen. Hier geht der Berichterstatter aus leicht begreiflichen Gründen der Erforschung der Krankheitsursachen behutsam aus dem Wege. Die Stellung des Adels, welchem die Unabhängigkeit des Bauernbesitzes durch Aufhebung der Leioeigenschaft und die Ablösung des Frohydienstes erst im Jahre 1848 abgerungen werden konnte, dessen traditionelle Vergnügungssucht und dessen Abneigung gegen die als entehrend betrachtete Beschäftigung mit Industrie und Handel verschulden dieses große Elend. Welchen Aufschwung könnte die Industrie in einem Lande nehmen, in welchem bedeutende Arbeitskräfte brachliegen, mit denen die großen Industrieländer des Westens der Monarchie keine Konkurrenz auszuhalten vermöchten. Was da, namentlich in Westgalizien, an industriellen Betrieben ins Leben gerufen worden ist, kommt lediglich auf Rechnung der Juden. Diese Gründungen konnten nur mit schweren Opfern bewerkstelligt werden, denn sobaldeine Fabrik entstand, waren sofort die Großkartelle bei der Hand, chr das Lebenslicht auszublasen. Für die großen philanthropischen Vereine, die sich eine Besserung der Lage der Juden im Osten zur Aufgabe gemacht haben, sind diese Nachweise ein Fingerzeig, daß 1. eine Ablenkung der jüdischen Arbeitskräfte auf die Landwirtschaft als völlig aussichtslos bezeichnet werden muß, 2. ein Versuch, die jüdischen Berhältniffe zu sanieren nur bei gleichzeitigen Maßnahmen für die Hebung der christlichen Bevölkerung von Erfolg sein kann. Die einzige Hilfe ist die Schaffung reichlicher Arbeitsgelegenheit durch Verpflanzung der großen Industrien des Westens nach dem Osten. Die blühende Textilindustrie ‘ in Russisch-Polen und die entsprechend gehobene Lage der dortigen jüdischen Bevölkerung liefern den besten Beweis dafür. Freilich ist bei der bisherigen Methode des bureaukratischen Beamtenapparates jede Mühe umsonst und alles Kapital hinausgeworfen. Man sollte vielmehr die Initiative der überaus findigen und energischen Privatunternehmung überlassen und dieselbe durch genügende Kontrolle regen die ersten Ueberrennungsversuche der Kartelle widerstandsfähigerhalten. Außer diesen äußeren Feinden sind nameytstch in den letzten Jahren die schönsten und aussichtsvollsten jüdischen Unternehmungen dem alles zerfressenden Zinswucher der großen Banken zum Opfer ge- , fallen. Was den Handelsstand anlangt, so widmen sich diesem Erwerbszweige vor allem traditionell die in beiden Ländern ansässigen Juden (in Westgalizien 7,6 Prozent, in Ostgalizien 12,8 Prozent der Gesamtbevölkerung.) „Besonders der Klein- Und Markthandel ruht beinahe ausschließlich in ihren Händen und wiw von den armen und ärmsten Schichten dieser BevölkernngsklaM betrieben. Solche Handeltreibende stehen meistens sehr nahe oder gehören direkt zu dem jüdischen Proletariat, welches sehr zahlreich und dessen Elend trotz mancher konfessioneller Wohlsahrtseinrichtungen oft grenzenlos ist. Dementsprechend ist die Auswanderung unter den Juden in Galizien besonders im Westen sehr stark (1891 bis 1900 109000 Personen bei einer Gesamtzahl von ca. 800000), während in der Bukowina in derselben Zeit noch eine geringe Einwanderung (Ueberschuß 1282 Personen) stattgefunden hat." Wir haben diesen Ausführungen des vorurteilslosen Philanthropen, den sich manche seiner Kollegen zum Borbilde nehmen könnten, auf Grund ■'."i