Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1907)
- Date
- 1907-02-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Der ZKraüit. m 8. 3^£SI Gemeinde, deren Weh und Leid, deren Klagen und Bedürfnisse vortragen zu sollen vor — dem Allmächtigen und Allgütigen?! Wie muß man da angeschrieben sein, um es wagen zu dürfen hinzutreten vor das Pult, über dem die ernsten Worte prangen: Wisse, vor Wem Du stehst! Wie ängstlich hat man da nach derMischnah Taüni Il2 den rechten Mann zu wählen sich bemüht, der würdig schien, dessen Alter und dessen Wissen, dessen Ernst und desse.« Sittenreinheit ihn zu befähigen schienen, wirklich mit Andacht sein Gebet zu verrichten, mit Würde den hohen Auftrag auszuführen, der ihm von der obersten Behörde der jüdischen Gemeinschaft, der Gemeinde selbst, geworden. Da stritt und haderte man nicht üm die „Ehre", die Zuhörer mit seiner Stimme erfreuen zu dürfen, man war durchdrungen von dem Bewußtsein, daß „Gott das terz des Menschen verlange". Der „Schliach ibbur" ist nicht mehr. Der „Kantor" steht an seiner Stelle. O über die Zeit und das Geschlecht, dessen Sinn sich so veräußerlicht, das weder fähig noch willens ist, die Tiefe eines Gedankens zu erfassen, der den Voreltern gang und gäbe gewesen. Ueberall ist man bestrebt, sich in den Geist des Lebens zu vertiefen, in derJudenheit strebt man aus dieser Verinnerlichung heraus! Wie viel weiter wäre die Welt, wenn bei uns die jüdischen Ideale noch lebten. Heute wäre die Menschheit vielleicht reif, sie zu verstehen und aus ihnen zu lernen, da gehen wir hin und versiegeln für uns und die Welt das Buch unseres Lebens mit sieben Siegeln, uns und der Welt zum Schaden. Wird doch häufig genug gerade die Synagoge, aus der wir von neuem zu Gott gewolltem Leben heimkehren sollten, von deren Stätte wir lebensfroh und mutgestärkt zum Gottesdienst des Lebens kraftgerüstet nach Hause kehren sollten, fast zum — Schauspielhaus. Leider, leider drängt der Vergleich sich auf. Kalt läßt das Gebet die Herzen, denn nicht mit Herzenswärme war es vorgetragen. Alles gekünstelt: Kleidung und Stimme und Mimik des Kantors. Nicht Ueberzeugung klingt heraus, nicht Demut wird vernommen, nicht Trauer gehört, nicht Freude erkannt, nicht Sinn, nicht Bedeutung, liegt dcckn. Was soll die Gemeinde daraus gewinnen? Und horch, was hören wir? Helle, klare Stimmen begleiten den Gesang des Kantors! Was?! Wo sind wir? Sind wir in einem jüdischen Haus, das Gott zu Ehren errichtet ist? Ein trauriges Zeichen für den Rückgang nicht des religiösen, nein, wir sagen es klipp und klar, des sittlichen Empfindens, wenn die Forderung des sich das Judentum schwerlich erhalten. Sie werden, je älter Sie sind, je deutlicher erkennen, daß die ethischen Lehrendes Judentums in den Kreisen am meisten beachtet werden, in denen daS Zeremouialgesetz gehakten wird. Schwindet dieses, so folgt auch bald genug meist die Morallehre," sagte Bär ernst. „Ich hoffe, daß wir recht oft Gelegenheit haben über diesen Gegenstand zu sprechen." Auf einmal lebhaftes Getrappel auf der Treppedie Knaben kamen nach Hause, mit ihnen di^ Mama. „Manfred, Edmund, bitte sagt dem Herrn Doktor guten.Tag," rief diese den Vorausstürmenden nach. Es waren zwei frische Burschen, die jetzt hereinkamen, mit munteren braunen Augen und kräftigen Farben. Sie yahmen gleich die Hüte ab und holten ihre Bücher. Inzwischen war Frau Bankier Löwenberg auch oben angelangt. „Ach entschuldigen Sie man bloß, daß ich erst jetzt kommeaber ich war mit den beider: Jungen aus und da wollten sie in die Konditorei. Aber ich bin immer da, wenn Stunde ist natürlich, es schickt sich doch nicht, daß Sie mit Ernachen allein sind. Aber wie ist das Kind, haben Sie schon so ein gebildetes Mädchen gesehen? Und die Bücher, die sie alle hat. Mir sind sie manchmal zu gelehrt, aber Ernten liest sie alle. Jeder wundert sich darüber. (Fortsetzung folgt.) jüdischen Gesetzes, die Geschlechter in der Synagoge getrennt zu hakten, Damen stimmen beim Gebet zu verpönen, verlacht wird. Nach dem Talmud (Berachoth 24a und Kidduschin 70») und den Ritualkod i ces (Maimonides Jssurei Bioh 21,2 Schulchon Oruch Aurach Chajim 75,3 und Ewen hoeser 21,1 Beth Schmuel z. St. Anm.4) sind Damenstimmen beim Gebet unstatthaft. Da geht aber, ohne sich erst nach den Gesetzen zu erkundigen, heute so mancher „Kantor" auf dem Lande hin und läßt sich Noten senden. Auch er will den „Gottesdienst verschönern". Natürlich ist Orgel und Harmonium für eine kleine Gemeinde nicht zu erschwingen. ^Es geht auch billiger. An freien Nachmittagen" und in freien Abendstunden sammelt der Herr Kantor die jungen Herren und die jungen Damen seiner Gemeinde um sich, und es werden Melodien eingeübt. Ahnungslos, wie sie sind, wissen die Gemeindemitglieder nichts von einem diesbezüglichen Verbote, und sie lassen sich die Reform ohne Weiteres gefallen. In Scherzen und Lachen vergehen die „gemütlichen" Stunden der Herren und Damen zur Einübung des Ehorgesänges beim Gottesdienst. Keiner vermag die Gesänge zu übersetzen, mancher liest sie nur in lateinischer Umschrift aus den Notenbüchern. Daraus erblüht, wohl vorbereitet, der „feierliche" und 1»8t not lvasr „würdige" Gottesdienst. Als auf dem Sittlichkeitskongreß, der vor zwei Jahren in Cöln tagte, ein Antisemit nach der Parteischablone die Judenheit für die unsittliche Lektüre, die sich von Tag zu Tag mehrte, verantwortlich machen zu wollen sich erdreistete, da konnte u. a. mit dem Hinweis darauf die Anschuldigung zurückgewiesen werden, daß die sittlichen Anforderungen des Judentums soweit gingen, daß sogar in der Synagoge die Geschlechter getrennt säßen. Man kann hinzusetzen: Sogar die gesangliche Stimme der Frau darf in der Synagoge nicht gehört werden. Sollten wir diesen Bo^ug preisgeben, den die Weisen unter den drei Volkstugenden der Juden nennen, daß sie □W'Q seien, durch strenge Sittlichkeit hervorragen? Nein, wir wollen uns bemühen, den Geist nnd den Sinn unseres heiligen Gesetzes wieder zu verstehen, wir wollen für den tiefen Inhalt unserer Satzungen kein geistloses Surrogat hohler Aeußerlichkeit schaffen. Was uns not tut, ist die Wiederbelebung der geschwundenen Kraft. Nur aus unserem ureigensten Nährboden können wir sie saugen. Ist der Inhalt erst wieder gewonnen, dann findet sich von selbst die würdige, aber vor allem entsprechende Form, dann, Israel, klingt von selbst „deine Stimme angemessen und weist Schönheit dein Ansehen." kille! der Heitere «na seine Zelt. I. Einleitung. Die Zeitverhältnisse. Zu den herrlichsten und unbestrittensten Wahrheiten, die sich im Verlaufe der israelitischen Geschichte gezeigt haben, gehört jene, durch alle Jahrtausende bestätigte Erfahrung, daß in den Tagen der Gefahr und des Unbestandes die Vorsehung stets zur rechten Zeit die rechten Männer an die rechte Stelle gesetzt hat. Wer wüßte es nicht, welch schwere Stürme über den gotterwählten Stamm hinwegbrausten, Stürme, die alle kaum grünenden Blätter zur Erde wehten, die seines Lebensbaunies Wipfel bogen und beugten und seine Zweige schüttelten, als wäre es die Zeit des Einsammelns und nicht die des Zerstörens — aber des Stammes unverwüstliche Kraft sandte neue Triebe in die stürmgepeitschten Aeste, und es grünte an ihnen und blühte und schloß sich zur duftigen Frucht, und ungebeugt in alter Stärke stand der segentragende Baum und spottete des Sturmes und seiner Ohnmacht! Wer aber war es, der dem Judentum in den Zeiten der Gefahr jene ihm innewohnende Kraft wie eine schützende Decke um die bedrohtender warf? Niemand anders als jene Männer, die, aus der Not heraus geboren, mutvoll in den Riß stellten und mit der “ wältigenden Kraft ihres Geistes, mit der Gewc heit ihres Wortes, ja auch mit der Stärke Armes den wie immer gearteten Feind wanden! Wir brauchen sie nicht zu beschreil diese oft so entsetzensreichen und doch auch wi gottbegnadeten Zeitalter, brauchen sie nichts schildern, die Männer des Geistes und Schwertes; das Kind in der Schule erfährt -1 reits von ihnen und erwärmt sich an ihrer Erha" heit für Leben und Lehre. Wir wissen von Helden Abraham, wie er für die dem Tode stimmten Sünder ohne Zagen steht und wir kennen den Flammenmut eines Moses, dem er die Not seines Volkes in zahllosen lichkeiten gewendet, die Treue eines Kaleb ur eines Josua, den eifervollen Zorn eines Pim wir haben gehört von der feurigen und hvi schwellten Begeisterung der Propheten wie dem unbezwinglichen Kampfesmute der MakkabÄ — alle von Gott gesendet in den Tagen Hj Not, daß sie als rechte Männer zur rechtch Zeit an die rechte Stelle treten sollten — 4s Zu den Zeitaltern, die gemeinhin in bet Schule weniger eingehend betrachtet werden, Ä aber doch reich sind an großen Männern und geisternden Ereignissen, gehört jenes, dessen trachtung wir uns im Folgenden zuwenden: ist das Zeitalter Herodes des Großen, Jahrhundert vor Beginn der gewöhnlichen rechnung. Es waren Jahrzehnte der entsetzli Wirren. Die jüdische Königsherrschaft, die W seit den kraftvollen Tagen oer ersten Makkabä« in der Mitte dieser hochbedeutenden Familie foÄ gepflanzt hatte, war je nach der moralischen W schaffenhett ihrer Träger durch die verschiedenste Wandlungen hindurchgegangen. Keine dieD Wandlungen aber war so nachhaltig und so deutungsschwer für das fünft ge Schicksal dü jüdischen Stammes, als jene, da durch einen Ge waltakt das Königtum dem — allerdings in seines späteren Gliedern seine hohe Aufgabe völlig yeO kennenden — Makkabäergeschlecht entrissen wart und auf einen Bolksstamm überging, der, mp gewaltsam zum Judentum bekehrt, der Begeifter ung für die erhabenen Aufgaben des Judentums entbehren mußte. Der Jdumäer Antipater war erste Herrscher aus dieser Reihe. Er hatte bp reits jenes trugvolle Spiel begonnen, durch welche das judäische Land unter die Botmäßigkeit Romj gebracht werden sollte, das damals auf seiner Raubzügen durch die Welt begriffen war. Antt Paters Sohn und Nachfolger in der Herrschaft Herodes, erniedrigte Judäa vollends zu einerr römischen Vasallenstaat. Blut und rohe Gewakl hatten ihm den Weg zum Throne gebahnt, durH Hinterlist und Berräterei suchte er diesen Thror zu stützen, gegen Roms Mächtige erging er fick in den niedrigsten Kriechereien und wo er Gefahr ür seine Herrschaft witterte, da schonte er selch as Leben seiner nächsten Angehörigen nichts Fiel doch sogar sein Weib, die sanfte Marianne, unter den Streichen des Richtschwertes, welches er auf sie zücken ließ. Welches war in diesen Schreckenszeiten das Schicksal der Gotteslehre? Sollte man nicht annehmen, daß da, wo die höchste Macht im Staatz sich über alles menschliche und göttliche Rech! hinwegsetzte, auch das Gesetz des Ewigen einet Stätte entbehren mußte, wo es gehegt und gepflegt werden konnte? Mußte eine solche Stätte der Liebe und Gerechtigkeit einem blutdürstigen Wüterich, gleich Herodes, nicht ein Dorn im Auge sein? Wird er nicht mit allen Mitteln seiner Macht die Pflege des Gesetzes, seine Erforschung, seine Beobachtung hintertrieben haben? Es ist nur zum Teil in Wirklichkeit eingetreten, was wir hier vermuten. Die herrschsüchtige und eigenwillige Natur des Tyrannen verbarg sich zwar auch vor dem Gottesgesetz und feinen Hütern nicht, vermochte sich selbst vor den ehrwürdige« Häuptern gottesfürchtiger Gesetzeslehrer nicht zu zügelna6er dennoch blieb in der allgemeinen