Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1907)
- Date
- 1907-02-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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item No. 8. Mn. „Dann hört auch auf", so antworten „von jüdischem Selbstbewußtsein zu den." Jude sein wollen, ohne Jude zu sein, is verstehe, wer will. Es gllt aber diese Rah^heit, daß die Teilnahme am Festgelage des Mchaschwerausch nur Unwillen gegen die Juden Wiegte, mit denen man gesellschaftlich nicht verehren mochte, auch verallgemeinert. Es braucht nicht nur ein Gelage zu sein, um die Anwesenheit von Juden unangenehm zu empfinden. Mer sucht denn sonst einen Verkehr in einem ause, wo er kein gern gesehener Gast ist? eder vernünftige Mensch, der noch Ehre in sich rügt, bleibt dem Hause fern, in dem er sich als Listig empfunden fühlt. So beschränken wir uns Auf uns selbst. Wir sind wahrlich uns selbst genug. Was brauchen wir dem Wahn eines , Zeitenfortfchrittes zu huldigen, wir, denen das ^Kel dieser, in der Menschheit notwendigen un8 '-von -ihr zu fordernden Entwicklung, in seiner ^erreichbaren Höhe seit Tausenden Jahren ein Gegebenes, ein Geoffenbartes ist'? Was für die (menschliche Entwicklung einen Fortschritt bedeutet, /würde, vom Juden geübt, ein Rückschritt zu ^-nennen sein. Wir sind der Welt voraus in Gesetz und Recht, in Sitte und Menschlichkeit. Wir brauchen den Hut nicht zu ziehen vor dem Menschenbildnis, das der jeweilige Tag verehrt. Wir / beugen und bücken uns vor Menschen überhaupt / nicht. „Mordechai kniete nicht und warf sich nicht : zu Boden, er erhob sich nicht vor Haman und Dwich nicht vor ihm." Das bedeutet in der angeführten Talmudstelle der Lehrer den Schülern. sDie Teilnahme an dem Mahle ist ja bloß eine Form, in der das Prinzip zum Ausdruck ge- ) langte. Vor Menschen sich beugen und gegen / Gott sich erheben, war, wenn auch nur in der Form vollzogen, die Schuld des damaligen Ge- £ schlechtes.. Vor Gott sich beugen und im '.Vertrauen auf Ihn gegen Menschen Stärke beweisen, das ist die Forderung, R/das war und bleibt die Rettung des Judentums. Der Wiscde baushalt im Dietiste des Judentums. Es besagt ein alter deutscher Spruch: - „Drei K" beherrschen das Leben der Frau: < „Kirche, Küche, Kinderstube." Wir können diesen Ausspruch nicht ohne .Weiteres auf die jüdische Auffassung von den -Pflichten der Frau übertragen. Denn höret und staunet: In die Kirche, selbst, wenn wir für das ^jüdische Leben einmal das Wort mit Synagoge Der JSraeUt. wiedergeben wollten, braucht die jüdische Frau«, nicht zu gehen. Nur einmal im Jahre braucht sie eine Thoravorlesung zu hören. Das ist am Sabbath vor Purim, an welchem die Mahnung verlesen wird, das Andenken an Amalek im jüdischen Kreise zu vernichten. Auch die Megilloh soll sie hören. Beides als Erzieherin ihrer Kinder. Es kann sogar diese Pflicht der jüdischen Frau es dringend erheischen, die Synagoge zu meiden. Sie hat recht häufig weit Besseres und Wichtigeres im Hause zu tun — als selbst die täglichen Gebete zu verrichten. Ist das Beten überhaupt für die Frau ein "Gebot von der Thora, so hat sie ihrer Pflicht genügt, wenn sie einmal am Tage — außer dem Tischgebet — irgend ein Gebet verrichtet. Ist ihr das Gebet nur von den Weisen vorgeschrieben, so braucht sie 'jedenfalls nur die dreimalige Schmone-Eßrei zu beten. Es ist ein bedeutsamer Grundsatz, daß alle von der Thora vorgeschriebenen Pflichten, die an eine bestimmte Zeit gebunden sind, der Frau nicht obliegen. Damit hält das göttliche Gesetz, das die Frau so sehr emanzipiert, daß sie ihr die Erziehung der Kinder in die Hand gibt, sich von jener unvernünftigen Uebertreibung fern, deren sich die heute erst in den Kulturländern den Kampf um die Gleichstellung führenden Frauen schuldig machen. Die von der Natur gegebenen Schranken können ebensowenig künstlich hinweg bewiesen werden, als sich die besonderen Aufgaben verleugnen lassen, die auf Grund der verschiedenen Naturanlagen des Körpers und des Geistes den verschiedenen Geschlechtern verschieden geworden sind. Der Druck des Goluß in Aegypten, so meinen die Weisen, war moralisch darum so groß, weil die Frauen nur für Männer sich ziemende Arbeiten und umgekehrt zu verrichten hatten. Ob wir heute nicht noch einmal ein wirtschaftliches Goluß durch die Folgen des Sturmes und des Dranges in der Frauenbewegung zu erleben haben werden? Doch genug, das jüdische Gesetz, vom Schöpfer des Menschen, dem besten Kenner der menschlichen Eigenschaften und Artunterschiede, gegeben, teilt mit weisem Maß „jeglichem nach seiner Art" seine Pflichten zu. Das Art-Gesetz aber ist es, das uns in so mannigfachen Verhältnissen des Lebens nicht genug vor Äugen stehen kann. Erst durch das Sondern geschieht das Verbinden zu gemeinsamer Arbeit, wie, um in der Musik eine Harmonie zu schaffen, jeder Ton für sich getrennt rein und klar klingen muß, der unklare Ton aber, d. h. ein Ton, der aus Vereinigung mehrerer Töne besteht, eine Disharmonie in das Konzert trägt. So ist die Aufgabe des Mannes nach außen gerichtet, er hat sich in der Welt, im Interesse der Allgemeinheit zu betätigen, die Frau gehört dem Hause, der Famiue. Die Frau erwirkt es, daß die Familie zu ihrem Recht kommt, der Beruf des Mannes verhütet es, daß die Familie sich abschließt und der Ällgemeinheit verloren geht. Es beginnt aber keineswegs dieser Beruf der Frau erst mit der Kinderstube. Zumal im jüdischen Haushalt wird die Beschäftigung mit der Küche von der bloß materiellen zu einer — man darf es ruhig sagen — ideellen Höhe gehoben. Denn der jüdische Haushalt und seine Führung haben einen hervorragenden Wert in der Reihe der Gesetze, die den idealen Sinn des Judentums seinen Bekennern anerziehen wollen. Weiß doch der Prophet für die Charakteristik einer erhofften Zeit, in der das Gotteswort die Welt beherrscht und Könige und Völker „alljährlich nach Jerusalem hinaufziehen, um sich hinzuwerfen vor dem König, Gott der Heerscharen", kein bezeichnenderes Merkmal zu nennen, als daß „jeder Kochtopf in Jerusalem und Juda wird ein Heiligtum sein dem Gott der Heerscharen." (Fortsetzung folgt.) Reformen in mittleren und kleinen Gemeinden. Gehen in großen Gemeinden die Wogen des Kampfes hoch, wenn ein Bruchteil der Verwaltungsmitglieder das durch das Gesetz geheiligte Ritual in der Synagoge durch ein neues zu ersetzen strebt, so wird diese Operation auf den kleineren Plätzen viel ruhiger vollzogen. Es merkt kein Mensch etwas davon, wenn dem Körper der Geist entzogen wird, und wenn ganz sachte an die Stelle des Gedankermchaltes der Gebete die Klangwirkungen des Tones auf das Gemüt tritt. Seitdem der „Schliach Zibbur", der „Gesandte der Gemeinde" an ihren Gott, dem bloßen „Kantor", dem „Sänger", gewichen ist, seitdem ist es anders geworden in den Synagogen. Du lieber Himmel, heute sollte jemand die „Herabwürdigung" wagen, den Herrn „Kantor" mit dem veralteten, häßlichen Namen „Schliach Zibbur" zu nennen! Wie zurückgeblieben wäre der! Und doch, was liegt nicht eine Summe sittlicher Anforderung in dem alten Namen? Ist es eine Kleinigkeit „Gesandter" an ^em Hof des Königs der Könige zu sein, im Auftrag einer e / spottete Tannenberg, als Markus Bär sich zurecht machte. „Du bist schon bildschön, der Scheitel ist einfach genial." Bär wurde schließlich ärgerlich. „Nun laß mich aber mal in Frieden, ich weiß wirklich kaum, wie ich anfangen soll; wir haben darin nichts verabredet." „Nimm Jesaja, das ist das Modernste in YV. Die Mädels verstehen es ja nicht, aber gerade deswegen macht es Eindruck." „Ich hatte eigentlich an die Tauroh gedacht," meint Markus. „Tauroh! Puh, wie veraltet, das lernt doch niemand mehr) noch eher Tefilloh, obgleich es auch nicht ganz zeitgemäß ist. Aber Jesaja, Hosea, Arnos, das ginge. Oder das „liebliche Idyll" Ruth, das „Hohelied der Liebe", na, das schickt sich nicht," unterbrach Tannenberg die spöttische Aufzählung. „Laß mal den Unsinn sein und hör mal zu. Das Mädchen sieht vernünftig genug aus, daß man mit ihr selbst überlegt. Ich meine, daß ein Ueberblick über die jüoische Geschichte wohl am geeignetsten ist, jüdische Gefühle in diesem Kinde zu erwecken, und dann die ethischen Gedanken des Judentums." „Ethische Gedanken des Judentums ist gut, daS ist auch sehr modern," sagte Tannenberg mit ernsthafter Miene, doch seine Mundwinkel zuckten verräterisch. „Laß mich in Ruh, Spötter." Bär griff nach seinem Hute und ging. „Vergiß den schönen Ausspruch nicht: „Kenntnis der Religion ist Bildungsferment," rief Tannenberg dem Davoneilenden nach. Diesmal wurde Bär in das Arbeitszimmer seiner Schüler geführt,- einen behaglich und zweckentsprechend eingerichteten Raum. Eine stattliche Bibliothek war wohl Eigentum der Tochter des Hauses. Sie schien dem Studenten doch nicht ganz geeignet für ein so junges Mädchen. Außer den Klassikern war eine große Anzahl moderner und allermodernster Schriftsteller vertreten, 'Ellen Key schien bevorzugt zu sein,' auch viele Schriften zur Frauenfrage standen da. Bär schüttelte den Kopf:" „Vollkommene Selbsterziehung ohne Aufsicht." Immerhin war zu verwundern, daß keinerlei Hintertreppenromane dabei waren. Vereinzelte Backfischgeschichten und Märchenbücher kamen sich merkwürdig in der Gesellschaft vor. Endlich erschien Erna, sie war geschmackvoll ohne aufdringliche Eleganz gekleidet. Fast schüchtern begrüßte sie den Lehrer: „Nun, Frl. Erna, haben Sie bestimmte Wünsche bezüglich des Gegenstandes, mit dem wir uns beschäftigen wollen? Oder erzählen Sie mir lieber, was Sie bisher im Jüdischen gelernt haben," begann dieser die Unterhaltung. . „Etwas Tefilloh übersetzen, einige Teile aus dem Pentateuch, Jesaja, Psalmen und auch sonst noch von den Propheten." „Also jüdische Geschichte kennen Sie. nicht?" „Doch, bis zu Moses Tod haben wir gründlich gelernt und nachher von David und Salomon und dann vom Untergange des Reiches." „Ich möchte Ihnen empfehlen, sich etwas meht mit dsr Geschichte unseres Volkes zu beschäfttgen, denn es ist schwerlich möglich, den Sinn des Judentums zu erfassen, ohne die Geschichte zu kennen. Doch das möchte ich nicht zum Hauptgegenstande machen. Haben Sie systematischen Religionsunterricht gehabt?" „Natürlich," rief Erna eifrig, „in der Schule haben wir ja zwei Stunden bei Herrn Rabbiner Berg. Da lesen wir jetzt' gerade Lazarus' Ethik des Judentums. Sehr intereffant. Und derarttge Sachen haben wir ja schon öfters gelesen. Die Stunden sind einfach entzückend, da Wirdes klar, wie herrlich die Ethik unserer Religion ist, die ja längst Allgemeinbesitz aller Gebildeten ist, und wie der Wust der Zeremonialgesetze bei uns den reinen Gedanken ganz ertötet." Bär sah erstaunt das Backfischchen an, das von der erhabenen Höhe seiner Jahre solche Weisheit sprach. „Nun, Fräulein, es wäre wohl ganz richtig, wenn wir hier mal jüdische Schriften zusammen lesen würden, die Ihnen den „Wust der Zeremonialgesetze" in anderer 'Beleuchtung zeigen würden. Ohne diese Gesetze gerade hätte