Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1907)
- Date
- 1907-02-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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üdiechcr Volhöfrcund \4t Mouats-veiiage zun „Israeli? Verantwortliche Redaktion t Rabbiner Dr. B. ttlolf in Köln. Purim. Wir leben in einer Zeit, in der man die gehobenen Momente des jüdischen Lebens so wenig zu begreifen sich bemüht, daß man in allen Anlässen nur auf der Oberfläche haften bleibt. In manchen« Haus besteht oie ganze Sabbatweihe darin, daß man Sabbatbrote backt und die sogenannten Nationalgerichte zum Mittagstische gewissenhaft bereitet. Allenfalls zündet man auch die Sabbatlichter an, wenn auch im Winter erst spät am Abend nach Geschäftsschluß. Man macht wohl auch „Hawdoloh", wenn auch im Sommer schon am Hellen Tage, wenn die Käufer sich nachmittags allmählich einstellen. In Momenten der Trauer genügt man nur der Förmlichkeit und glaubt das Andenken des Heimgegangenen damit hinreichend geehrt zu haben, daß man den „Geistlichen im Ornat" bestellt, um der Leiche das letzte Geleit zu geben, zur Abhaltung der Trauerzeit aber findet man weder Herz noch Zeit. Da darf es uns leider kein Wunder nehmen, wenn zwischen Taaniß Esther und Purim nur noch der Unterschied obwaltet, der in einem bekannten etwas drastischen, geflügelten Wort durch den Volksmund gekennzeichnet ist. Die Lustbarkeiten des Purim, die seine B e g l e i terfcheinungen ausmachen, hat man angenommen, hat sie einem heidnischen Volksfeste, das dem Sinnenkultus geweiht war und gewidmet wird, angepaßt, doch den Begriff der jüdischen Freude und den Kern, das Wesen dieser Purimfeier, hat man aus dem Gedanken verloren. Und doch hat gerade der Scharfblick der weisen Fürsorger unseres Volkes den Purim neben der Chanukkahfeier für das Gedächtnis unseres Volkes festgehalten wiffen wollen, weil jede Zeit der Zerstreuung unseres Volkes ähnliche, ja gleiche Verhältnisse mit Notwendigkeit mit sich bringen müßte. In der Abwehr der Angriffe, die der Haman zu Esthers Zeit und der Hamän, der „in jedem Geschlecht sich gegen uns erhebt, um uns zu vernichten", gegen uns richtet, sind die Mittel, die unsere Weisen im Geiste des Judentums empfehlen, ganz verschieden von jenen, die von Zeiten gewählt werden, die diesen jüdischen Geist nicht mehr pflegen. Das Judentum verlangt darin nichts anderes, a!s was jeder wahre Lebensphilosoph zu allen Zeiten bei allen Nationen gefordert hat. „Mea culpa" die eigene Schuld als die Ouelle alles Uebels zu erkennen, die ganze Kraft darauf zu richten, nicht das gezückte Schwert zu bekämpfen, sondern den Anlaß dazu zu benehmen, daß das Schwert aus der Scheide gezogen und gegen uns geschwungen wird, das sollte die eigentliche Aufgabe der Verteidiger der Judenheit gegen ihre Feinde ausmachen. NichtAmalek, das Andenken an Amalek zu vernichten, will Parschaß „Sochaur" uns erinnern. Die Judenheit dem Judentum zu gewinnen, hieße der Menschheit ihre Reinheit wiedergeben, und die Schmährufe würden von selbst schweigen. Nicht Mordechai, Achaschweirausch mußte den Galgen für Haman bauen. Achaschweirausch muß Mordechai aus eigener Erkenntnis und freier Wahl an Hamans Stelle setzen, dann haben wir Ruhe. Um solchen Vorzug bettelt? Müssen, kann unfern Sieg n ich t ausmachen, kanB unser Stotz nicht sein. Was ist es aber, was noch immer die Achtung vor uns, vor dem Judentum, vor der Thora nicht in dem Maße m den Herzen unserer Umgebung Wurzel faffen ließ, daß sie ihre Anerkennung uns zollt? Es ist dieselbe Frage, welche die Weisen in« Traktat Megillah 12» aufwerfen. Sie sagen: „weshalb verdientet« die Juden zu Mordechais Zeiten M solche Panik, wie sie Haman über sie brachte?^ Die Schüler meinten, weil sie an dem Mahles das der König bereitet, teilgenommen, der Lehrer entgegnet, «veil sie sich vor dem Bildnis des Königs gebückt hättet«. Teilnahme an öffentlichen Festeffen, um zu „repräsentieren", erleben ja auch wir häufig genug. Der Wahn, dadurch mehr Achtung zu erlangen, könnte durch die einfache Erwägung geheilt werden, daß unsere Mitbürger recht gut wiffen, daß „unsere Gesetze verschieden sind", und daß heute noch wie ehedem bei solchen Gelaaen „kein Zwang herrscht". Ausfreiem Willen aber die Vorschriften der Religion übertreten, hat noch niemals jemandem Ehre, sondern nur Verachtung seiner Charakterlosigkeiteingebracht. Das Selbstbewußtsein, das alle Kreise heute in so hohem Maße beseelt, worin sie den Inhalt ihres ganzen Judentums erblicken, kann von Pfli chtbewußtsein doch schlechterdings nicht geschieden werden. Kann man vor sich Achtung habe««, wenn man bei sich weiß, seine m Pflichren nicht erfüllt zu haben? „Ja, wir erkennen aber nicht die Verpflichtung an, die Gesetze der Thora zu erfüllen", wird man entgeniULetan* Maasser. (Fortsetzung.) „Und ich freue mich, Sie jetzt endlich zu sprechen, nachdem ich Sie zweimal versäumt habe," sagte die Dame freundlich. „Beinahe wäre es aber nötig, Herr Tannenberg, daß Sie auch mir vorgestellt würden, so lange habe ich Sie nicht gesehen. Nun, ich hoffe, Sie begleiten Ihren Freund recht bald einmal zu Uns." Man nahm zusammen Platz, es war bereits kühler geworden, und die Abendröte lag auf dem See. Der Rektor war so munter und aufgeräumt, daß Tannenberg bald seine natürliche Heiterkeit wieder gewann. Die Kinder stimmten in den fröhlichen Ton und manch muntere Antwort flog hin urrd her. Des Vaters besonderer Liebling schien das älteste Tüchterchen zu fein, ein heiterer Backfisch, dem nie eine schlagfertige Antwort fehlte. Die beiden großen Söhne,, wohl Primaner, beschäftigten sich mit den jüngeren Geschwistern, neckten und hänselten sie nach Herzenslust/ aber die beiden kleinen Mädchen verstanden den Spaß, sie hatten Respekt vor den großen Brüdern, und dann hatten diese nreist noch immer ein Ezftravergnügen für sie im Rückhalt. Michtig, jetzt kam es auch. . ,/Papa, Leo und Zsäak wollen mit uns zum Kinematographen gehen, bitte, bitte, dürfen wir?" ftagten sie jubelnd. „Na, ja, meinetwegen. Aber, Jungens, jeder nimmt eins fest an die Hand und bleibt nicht zu lange. Wo steckt denn mal wieder Joseph?" Er blickte suchend nach dem etwa 12 jährigen Sohne umher. „Na, es geschieht ihm recht/ nun kann er nicht mitgehen." Die Gesellschaft zog vergnügt ab, in der Nähe auf einer Wiese den Kinematographen zu bewundern. Die Zurückgebliebenen saßen in gemütlichster Unterhaltung zusammen. Frau Rektor Stein hatte sich besonders Bars angenommen und fragte ihn nach seinem früheren Leben. Bald schwand dem jungen Studenten jede Befangenheit, er sprach munter von eigenen Erlebnissen, von der Lebensweise der kleinen Stadt und mit warmer Liebe von seinem Rabbiner. Das junge Mädchen hatte sich auch zur Mutter gesetzt und beteiligte sich an der Unterhaltung. Auch der Rektor und Tannenberg rückten näher, der erstere, der. ebenfalls aus einer kleinen Stadt stammte, erzählte Jugenderlebnisse/ die Zeit verflog in der gemütlichen Unterhaltung und als die anderen zurückkamen, und man gemeinsam das mitgeorachte Abendbrot verzehrt hatte, bedauerten alle das Auseinandergehen.. „Also ciuf recht baldiges Wiedersehen bei üns," war der Abschiedsgrüß der Frau Rektor Dr. Stein. „Ein merkwürdiges Gegenbild zu der Be- kanntschaft von heute morgen," sagte Bär beim 0 Nachhausegehen. „Hier das harmonische Familienbild, diese harmlose Heiterkeit, die ich hinter dem Rektor wirklich nicht gesucht hätte." ' „Nun, ich auch nicht, und vor der Frau hatte : ich Heidemnan schelten," antwortete der Freund, „nun ist sie so eine gemütliche, richtige, poschete Frau, Du, da gehen wir bald hin." . . ' „Mir sehr recht. Weißt Du, dabei verstehen beide Eltern, ohne daß man eigentlich es recht merkt, fortwährend das Gespräch auf allgemeine Dinge abzulenken, sd daß eigentlich nie banales * Zeug gesprochen wird. Wenn ich da an meine Bankiersfrau denke!" Bär lachte noch in der j Erinnerung hellauf. „Da sieht man am besten, J worin wahre Bildung besteht. Es ist wirklich ein schöner Abschluß des schönen Nachmittags gewesen. Mir war ordentlich mieß, als sie uns zum Herankommen aufforderten. Die Kinder sind auch nicht ohne. Ein niedlicher Backfisch." „Na, gute Nacht," gähnte Tannenberg, „ich bin totmüde, und wir haben noch nicht Maariw geort." / Die Freunde trennten sich. Bär konnte lange f, nicht einschlafen. Im Geiste verglich er die beiden Mädchen, die Rektorstochter, die im harmonischen Familienkreise aufwuchs, und die reiche U Bankierstochter. Am nächsten Tage sollte die ' erste Stunde bei Löwenbergs stattfinden^ Nur Mut, es wird schon schief gehen,"L