Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1907)
- Date
- 1907-02-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449253--63272-2505807- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
' -'--.'-^-V^:' "7r**'.".■’. "':^r?:r ' "V-' " ' \ I tzette Ü. _ Der JSraelib Ä. 21. 7. ^fe16ruw IINW Zwange des Gesetzes Lehrer und Schächter verr. hältnismäßig bald angestellt wurden, so ist es doch ohne weiteres verständlich, daß man die brüte notwendige Institution einer Kehillah, die Mikwah, nicht eher beschaffte, als bis ein energischer Mann diese Einrichtung gegen den Willen der Gemeindeverwaltung durchsetzte, und es ist im höchsten Grade bezeichnend, daß der damalige Vorsteher — eine der berühmtesten jüdischen Persönlichkeiten aus der zweiten Hälfte be8 vorigen Jahrhunderts — sein Amt niederlegte mit der Erklärung, daß er nicht Leiter Mer Gemeinde sein möge, deren Mitglieder solche Einrichtungen forderten. Sein Nachfolger, ob- , wohl prinzipiell kaum auf anderem Boden stehend, war politischerer akzeptierte auch diese Einrichtung als Gemeinde-Institution, und war, wie man anerkennen muß, bemüht, die Institution der Schechita so zu gestalten, daß man dem Schochet Vertrauen entgegenbringen konnte, Haftir beschränkte er dem Rabbiner die ihm nach . im Landesaesetzen zustehenden ziemlich weit ausgedehnten Rechte, soweit dieses juristisch zulässig und möglich war, und machte den Führer und ^ßiter der Gemeinde zum ersten Beamten, dessen Dm und Lassen seiner Genehmigung unterstand. Innerhalb dieses Rahmens ist der verstorbene Rabbiner dem konservativen Zuge der Zeit ge- Mgt, er hat den letzten jüdischen Bolksschullehrer Nürnbergs nach Möglichkeit geschützt, als ein „deutscher Staatsbürger jüdischer Konfession" feine Machtstellung benutzte, um diesem Lehrer etwas am Zeuge zu flicken, der die Frechheit hatte, bedeckten Hauptes hebräischen Unterricht zu erteilen und seine Schüler entsprechend anzuleiten - er hat die Schechita-Einrichtungen ausgestaltet und sich die Beihilfe eines sachverständigen Orthodoxen gesichert, obwohl diesem, weil er der berufene Vertreter der gesetzeskreuen Minorität sM würde, der Zutritt zur Gemeindeverwaltung wohl stets versperrt sein wird, und er hat sich auch sonst als verständnisvollen, friedfertigen Hirten seiner Herde bewiesen, dem ein Jeder ein gutes Andenken bewahren wird. Allein er wurde nun abberufen, und sein Nachfolger kann vielleicht andere Bahnen wandeln, und bei der Eigenart der bayerischen Verhältnisse hat die gesetzestreue Minorität, die sich ganz aus eigener Kraft Synagoge und Schule geschaffen, ein wesentliches Interesse an der Person des neuen Rabbiners, -er, er möge sein was er wolle, nur ein Breslauer oder ein Berliner Hochschüler sein kann. Wird der neue Rabbiner andere Wege wandeln, als sM Vorgänger, so könnte die kleine „Adaß Mrael" leicht in die Lage geraten, auch für ihre Schechita selbst sorgen zu müssen, es könnte Kämpfe wegen der Schule geben, ja sogar der Gottesdienst könnte in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn nicht die oft bewährte Diplomatie des ersten Vorstehers und in Wahrheit einzigen Mters der Gemeinde den Tatendrang, „seines" Rabbiners zu zügeln weiß. Aber auck er wird nicht immer die Zügel in der Hand halten, und obwohl man den Namen feines eventuellen Nachfolgers schon nennt, so weiß man doch nicht, . IK nicht radikalere Neigungen unter einem neuen Herrn die Oberherrschaft gewinnen. Obwohl es noch zu früh ist, über die Nachfolgerschaft in der Artung der Gemeinde Nürnbergs zu sprechen, ^S-, sollten sich doch die Männer, die sich für Mche Angelegenheiten interessieren, (und das gilt nicht für Nürnberg allein) überlegen, ob es in der Tat notwendig ist, die Leitung unserer großen Gemeinden immer Juristen anzuvertrauen. 4 Es ist ja allgemein bekannt, daß, ln Deutsch- Wd wenigstens, ein Jurist zu allen leitenden Stellungen befähigt istaber ob es gerade für *ie Lettung einer jüdischen Gemeinde ersprießlich b-einen Mann an der Spitze zu haben, dessen mptintereffe sich nur auf die juristische und anzielle Verwaltung richtet und dem die tigen Interessen einer jüdischen Gemeinde in zweiter Linie kommen, (sofern er es überfür nötig hält, sich darum zu kümmern) dürfte sehr eingehenden Erwägungen unter- Wir haben in den meisten Großstädten Männer aus anderen Berufen, welche sowohl über die erforderliche Zeit als auch über das nötige Interesse und die notwendige Bildung (auch wenn sie nicht akademisch ist) verfügen, um eine Gemeinde würdig zu repräsentieren, und in den meisten Fällen werden solche Leute mehr Interesse für die spezifisch jüdischen Angelegenheiten haben, weil sie nicht wie die Juristen, durch ihren Bildungsgang und ihren Verkehr den Gemeindemitgliedern mehr oder weniger fremd geworden sind. In' der Hand eines solchen vornehmen und gebiweten Mannes könnte das Amt eines Vorstehers auch in großen Städten wieder dem eines „Rosch Hakohol" sich nähern, der dann nicht nur als „administrativer Leiter" und Rechtsbeistand, sondern in der Tat als Führer und Leiter, als „Haupt" der Gemeinde erschiene und der sicher eher imstande wäre, Gegensätze auszugleichen und zwischen verschiedenartigen Ansichten und Meinungen zu vermitteln, als ein Jurist, dem die Herrschergewalt seiner Paragraphen stets der erste Leit- und Richtpunkt ist. Oesterreich. Wien, 10. Febr. Seit Jahren herrscht hier ein Streit zwischen den Tempelvereinen (mit Orgel und gemischtenk Chor) und den orthodoxen Bethäusern. Der Kultusvorstand ist wohl bemüht zu konservieren, d. h. den Mannheimer 'scheu Tempelritus zu erhalten, aber er ist doch nicht konservativ genug, um Licht und Schatten gleichmäßig'zu verteilen. Das Licht spendet er vielmehr ganz den Templern, die große Steuerzahler sind, den Schatten aber den Orthodoxen, den Störenfrieden. In all den Prachttempeln, deren Vorsteher viel lieber in den Gemeindesäckel als in den eigenen greifen, hat man außer an den hohen Feiertagen Mühe Minjan zu erlangen, während sämtliche orthodoxen Bethäuser zweimal täglich gefüllt sind. Aus den Bethäusern gehen die reichen Leuten in die Tempel, aus den Tempeln zur Taufe. (Durchschnittlich 600—700 pro Jahr!) Trotzdem sucht man der Errichtung orthodoxer Bethäuser, und wenn dieselbe noch so berechtigt und notwendig ist, alle möglichen Hindernisse in den Weg zu legen. In jüngster Zeit ist endlich die Unaufrichtigkeit der Tempelleute offen zu Tage getreten. Gab es da im 20 Stadtbezirke durch Jahrzehnte ein kleines Bethaus. Eines schönen Tages fiel es einigen reichgewordenen Herren ein, einen würdigen (?) Tempel zu bauen und mit Hilfe des Kultusvorstandes gelang es, dieses Vorhaben auszuführen. Ein paar Dutzend kleiner Leute, die sich an dem christianisierten Gottesdienst nicht erbauen wollten und konnten, beschlossen mit unverhältnismäßigen Opfern eine „Schul" einzurichten. Nach vielen Schwierigkeiten erreichten sie ihr Ziel, indem sie sich bei der leitenden Persönlichkeit des Tempels einmieteten, und so hatten sie sechs Jahre Ruhe. Als dieser vor ungefähr einem Jahre das „Schul"-Lokal brauchte, mieteten die Orthodoxen einen Saal und kamen im März um die Genehmigung ein. Knapp vor Roschhaschonoh erhielten sie einen atzweislichen Bescheid des Kultusvorstandes. Es bedurfte großer Anstrengungen, um diese ungerechte Maßnahme rückgängig zu machendie Templer wollten nun einmal nicht und beklagten sich über die Konkurrenz. Da der Kultusvorstand aber denn doch diese krasse Vergewaltigung nicht zugeben konnte, erklärten die Templer ihrell Prachttempel auflassen zu wollen. Bei den hieraus entstandenen lebhaften Kontreversen, die von unqualifizierten Angriffen gegen die verdientesten Kulturvorsteher begleitet waren, mußte der Kultusvorstand konstatieren, daß der Lärm über Me Beeinträchtigung durch die Orthodoxen nur ein leerer Vorwand war, um auf Kosten der Gemeinde in dem gähnend leeren Tempel den höchsten Luxus an Beamten entfalten zu können. Für die Wiener Orthodoxie sind diese Vorkommnisse von Wichtigkeit, weil der Kultusvorstand vielleicht daraus die Lehre ziehen wird, daß in höchstem Maße innewohnt und daß . ex Unrecht tut, die bescheidenen Postulats der Orthodoxie fortwährend unberücksichtigt zu'lassen. Krhwei;. Zürich, 14. Februar. Am 26. Januar und am 2. Februar gab es im Züricher Großen Rat eine Ausweifungsdebatte. Es wurde aus der Mitte der Versammlung Beschwerde darüber geführt, daß nur den russischen Einwanderern .— das sind natürlich durchweg Juden — das Hausierpatent verweigert werde, während man den übrigen Ausländern keine Schwierigkeiten damit mache. Ferner wurde verlangt, daß der Stadtrat im Gegensatz zu dem seitherigen Verfahren von der Ausweisungs.befugnis einen möglichst geringen Gebrauch mache. Der Polizeivorstand Welti. suchte die vorgenommenen Ausweisungen bezw. Verweigerungen der Niederlassung zu verteidigen. Es verlangten Tausende die Zulassung, und man dürfe die bereits vorhandene Gefahr nicht noch künstlich vergrößern. Er behauptete, die Zahl der Ausweisungen sei sehr gering, gestand jedoch später selbst zu, daß bisher 320 Fälle vorgekommen sind. Interessant war die Mitteilung Weltis, man habe von Berlin aus angefragt, ob Zürich die Leute denn alle aufnehmewenn ja, dann „öffne Preußen ihnen die Grenzen (!) und lasse sie nach Zürich durchziehen." Das jüdische Mitglied des Großen Rates, Dr. Farbstein, übte in wirkungsvoller Rede Kritik an der Fremdenpolitik der Polizeiverwaltung, ohne jedoch in den Anschauungen des Stadträt Welti eine Aenderung hervorzubriugen. Italien. Florenz, 15. Februar. Seminardirektor Dr. Margulies, Präsident des Falascha- Ko mite es, hatte vor einigen Tagen eine Besprechung mit S. Exzellenz Ferdinands Martini, dem Gouverneur von Eritrea. Martini nahm die Mitteilung von der Absicht der Gründung von Schulen für die Falaschas in der italienischen Kolonie mit großem Vergnügen auf und erklärte, daß auch der italienische Staat dieser Idee sehr günstig sei. S. Exzellenz bezeichnete die Falascha's als: «Kl' intelettuali dell’ Abissinia“ und bot dem Komitee den zur Gründung der Schulen nötigen Platz an. — In Begleitung des Herrn Faitlovitsch kam hierher einer der seither in Paris wellenden jungen Falascha'sderselbe bleibt hier längere Zeit um sich als Schochet und Religionslehrer auszubilden, und dann diesen Beruf in seiner Heimat zu üben. Wahrscheinlich wird dies späterhin auch der zweite gegenwärtig in Paris lebende Falascha tun. — Im Allgemeinen entfaltet das Komitee eine sehr lebhafte Tätigkeit. Bor einigen Tagen hielt hier Herr Faitlovitsch im Vereine Pro-Cultura eine Vorlesung über die Falascha's. Außer den Mitgliedern des Komitees waren auch manche hervorragende Persönlichkeiten aus den nichtjüdifchen Kreisen zugegen, darunter die Professoren Lasinio und Marinelli. __ Palästina. Bus dem heiligen Lande. (Bsn unserem Korrespondenten.) Jerusalem, im Sch'wath 5667. Das Wetter hat sich in den letzten acht Tagen in anz außergewöhnlicher Wesse geändert. Bis Ende hewet herrschte sommerartige Hitze, die Cisternen waren leer, und der Mangel an Wasser machte sich schmerzlich fühlbar. Die Aussichten waren in der Tat schlimm, da die Wasserleitmw, die vom Salomonsteiche herkommh, nur noch fingerdick strömte. Fasttage wurden von den Rabbinern angeordnet, Tehillim und Selichot wurden täglich gesagt. Dann plötzlich, am Rosch Chodesch Sch'wat, nach einem orkanartigen Westwind, fiel ein schwerer Regen, der 3 Taqe lang anhiett. Auf den Regen folate eine scharfe Kälte (6 Grad unter Null), sodich jetzt zum ersten Male nach der Erinnerung der Atestett - Einwohner Jerusalems das Eis überall in dicken Schichten einander siegt und die