Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1907)
- Date
- 1907-02-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2t Februar 1907. ressiert, ist, daß ihn fein Vater bei einem Direktor Gander in Pension bringt. Man bedenke, wir sind im Jahre 1840 und da bringt der alte Lassal seinen knapp 15jährigen Sohn in dem großen Leipzig, wo es an Juden aller Art nicht mangelte, in einem nichtjüdischen Hause unter. Es scheint also, daß auch der Vater von der spezifisch jüdischen Mission seines Sohnes keine Ahnung hatte. — Im Dezember des gleichen Jahres feierten Lassalle's Eltern ihre silberne Hochzeit - zu diesem Zwecke reist der Sohn nach Breslau, wo er am Sonnabend früh ankommt,' dafür richtet er auch seine Rückreise so ein, daß er am Freitag abreist und am Sonntag wieder in Leipzig eintrifft, also wieder den gauzen Sonnabend unterwegs ist. Aus dieser Zeit findet sich im Tagebuch eine einzige Stelle, die uns hier interessiert. Sie lautet: Montag, 5. April (1841) war der erste Pesach-Feiertag, und ich ging dem Willen meiner Eltern gemäß in die jüdische Restauration zu Marcus, um daselbst dieses Erinnerungsfest zu begehen. Abends hörte ich den Zeider da, und das Andenken an die schönen verflossenen Tage kam lebhaft vor meine Seele. Ich sah uns herumfitzen um den langen, festlichen Tisch, obenan mein geliebter Vater, der mit seiner schönen sonoren Stimme vorscmg, neben ihm die geliebte andächtige Mutter, ängstlich herumblickenb, ob auch all die Ceremonien, die fie bei ihrem seligen Vater als 5kind gesehen, streng befolgt würden. Untm aber Rickchen *) mit den lachenden roten Wcmgen, heimlich kichernd über die ihr unverständlichen Geo r ä u ch e, emsig bemüht, das bittere Moraur geschwind wegzuwerfen und dann Lachs, Schnitzler, Orgler**) — alle, alle die großen Hagadas vorhaltend, das Lachen zu verbergen über einen Witz, der eben gerissen. Da trifft fie ein Zornblick aus den überall spähenden Augen der geliebten Mutter, und schnell verbreitet sich wieder Ernst und Andacht über ihre Stirn. * * * Im Mai 1841 schließt diese Leipziger Periode, weil Laffalle zu der Erkenntnis gekommen ist, daß er jum Kaufmann nicht tauge. Er entscheidet sich endgiltia für das Studium und Mar für „das größte umfassendste Studium der Welt, das Studium, das am engsten mit den heiligsten §ntereffen der Menschheit verknüpft ist: das »tudium der Geschichte".***) Doch nicht ein totes Wissen will er ansammeln, sondern sein Studium soll einem ganz bestimmten Zwecke dienen, über den sich dieser knapp sechzehnjährige Halbjüngling seinem Vater gegenüber mit einer beinahe unheimlichen Klarheit äußert: Ich will mich der publizistischen Sache widmen. Jetzt ist die Zeit, in der man um die heiligsten Güter der Menschheit kämpft In jedem Lande^unter jeder ,6« Nation erheben sich Männer ten, fielen oder siegten." >ie mit dem Worte kämpf- *) Lassalle's Schwester. **) Angestellte im Lassalle'schen Geschäft. *) A. a. O. Seite 2oT. „Gut Purim, gut Purim, ihr lieben Leut', Wißt ihr denn auch, was Purim bedeut'? Der Purim, der hat einen guten^Sinn, Drum gebt mir was Gutes ins Mäulchen herinn!" führten sich die Maskierten in den jüdischen Häusern ein. Sie wurden fröhlich empfangen und brachten FroWnn mit, und eine größere Purtmsude war nicht vollkommen, wenn einmal Maskierte ausblieben. Es war eine wahre Sehnsucht nach Freude, welche die Leute am Purim packte, und nie im ganzen Jahr empfand der Arme den Stachel der Entbehrung so bitter, als an diesem Tag, wenn ihm seine kargen Mittel nicht erlaubten, eine bessere Mahlzeit herzurichten, wie an den übrigen Tagen. Doch die altjüdische Weise hat auch für solche Eventualittäten ihre Vorsorge getroffen, in den Worten des Estherbuches „daß die Purimtage sollen sein Tage des Wohllebens und der Freude und einer dem andern Geschenke schickm und den Armen Mitteilen." Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit einer edlen Frau, namens Sette Bär sel. And. - ie war ebenso einfach wie hochherzig, an Gemüt und Menschenliebe so reich, baß fie tausend.modernen gebildeten Damen als herrliches Vorbild hätte §ienen können. Als Gattin eines sehr wohlhabenden Fruchthändlers lag es ihr nabe, am Purim, noch mehr als bet anderen Gelegenheiten, die fie in ihrer Herzensgüte stets zu finden wußte, für die armen Mitbürger Kuchen zu backen. Nachts zuvor begann fie schon eine Riesenmulde Teig vorzubereiten und sie opferte die ganze Nachtruhe, um zeitig den vielen Kuchen selber mtt den Dienstboten zum Bäcker zu bringen, den fie dann in aller Frühe, noch bevor die Männer aus dem Frühgottesdienst kamen, ungesehen in die Häuser trug. Und ohne, einen Augenblick der Ruhe zu pflegen, ging sie " “ r Gebet in die Küche, um selber das Familie mtd die Armen, die ttgend- Der Israelit. Auf den Einwurf des Vaters, warum gerade er, -die einzige Hoffnung und Stütze seiner Eltern, zum Märtyrer werden werden wolle, antwortete Laffalle : „Warum? Weil Gott mir die Sttmme in die Brust gelegt, die mich aufruft zum Kampfe, weil Gott mir die Kraft gegeben, ich fühle es, die mich befähigt zum Kampfe. Weil ich Gott um die Kräfte, die er mir zu bestimmtem Zweck gegeben, nicht betrügen will? Weil ich, mit einem Wort, nicht anders kann Hier haben wir also ein klares, unzweideutiges Programm vor uns, ein Programm, das, wie wir wiffen, bis auf den letzten Rest, den tragischen Ausgang, verwirklicht wurde. Wenn in ihm auch die leiseste Hindeutung auf Juden und Judentum fehlt, so konnte das gar nicht anders sein, nach dem Bildungsgang, den Laffalle erfahren hatte. "Denn, wie wir sehen, sind die Predigten des Reformapoftels Abraham Geiger so ziemlich die einzige Quelle, die ihm oie Kenntnis des jüdischen Gesetzes vermittelten oder vielmehr nicht vermittelten. Daß mithin Laffalle keine Kenntnis von dem sozialen Gehalte der jüdischen Lehre haben konnte, bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung. Aus den nächsten Lebensjahren Lassalle's ist uns nichts als das eine oder andere dürftige Datum bekannt. Er muß. in dieser Zeit einen Riesenflejß entwickelt haben, um all das nachzuholen, was er vorher versäumt hatte. Kaum hatte er die Reise für die Universität erworben, so stürzte er sich auf das Studium der Anttke und der Philosophiemit welchem Erfolge, das zeigen uns am besten jene Zeilen, mit denen ihn Heine an Barnhagen vom Ense empfahl: So sagt Mehring mit Recht, daß sich in aller Geistesgeschichte kein zweites Beispiel davon findet, daß eine geniale Natur mit 15 Jahren noch so unreif und mit 20 Jahren schon so reif gewesen ist. Aber in dem gewaltigen Wissensstoff, den Laffalle schon in so jungen Jahren meisterte, war und blieb das-Judentum unvertreten. * * * Bon seiner spezifisch jüdischen Mission, die Laffalle nach Dr. Breuer zu verkennen so kurzsichtig und leichtsinnig war, bleibt also bei eingehender Prüfung nichts, gar nichts übrig. Doch halt, wir haben ja noch die »echt semitischen Züge", das „markant jüdische Aussehen". (Fortsetzung folgt.) * Die Erwiderung des Herrn Dr. Breuer auf den vorstehenden Artikel werden wir nach dessen Abschluß veröffentlichen. Die Red. Da wir nun gerade bei dem wichttgften Kapitel einer Purimkeier, beim Essen und Trinken angelangt find, müssen wir auch der zahlreichen Purimspeztalttäten gedenken, auf welche nicht nur große Sorgfalt verwandt, sondern die oft auch als „Geheimnis" behandelt wurden. Liebe Gitte Erlanger! Sei mir es — um deine eignen Worte zu gebrauchen — tausend mal mochel, weyn ich heute, nach mehr als vierzig Jahren, deine „MuÄktzonen", auf die du doch so stolz warst, nicht mehr so großartig finde, wie einst in det Kindheit Tagen, wo du dich sorgfältig in der Küche eingeschloflen, um „Muskezonen" zu backen. Wir Kirwer faßen durchs Schlüsselloch, um die von dir wie ein ttefes Mysterium bewahrte Zubereitung zu erspähen. Wie ein Adept vergangener Zetten wolltest ou das Rezept für diese von dir am meisten gerühmte Purimleckerei Niemanden verraten, und wir alle ehrten deine pietäwolle Verschwiegenheit, die du deiner seligen Tante auf dem Krankenlager gelobt hattest, als fie dir die Zubereitung der Muskezonen, wahrscheinlich als einziges Erbstück anvertraut hatte. Ich aber, der ich damals nicht ahnte, daß ich viele Jahre später in einer Purimplauderei einmal an deine „Muskezonen" erinnern würde, wünsche dir aufrichttg, daß dir im Gan-Eden die „Muskezonen" mit gleicher Liebe, aber jedenfalls noch schmackhafter, dargereicht werden. Haben wir Kinder auch dein Geheimnis der Zubereitung der Muskezonen nicht erfahren können, so weiß ich doch noch soviel davon, daß sehr viel Zimt und sehr wenig Zucker darin war und ich vermeine, daß das Oel, worin sie gebacken waren, mich noch heute im Halse kratze und der Rauch desselben auch in die Augen beiße. Ja, liebe Gitte, — mögest du in Friedest ruhen —, die Zeiten habm sich so geändert, daß du heute mtt deinem zimt- Mckernen PurungeheimniS nicht ein Zehntel so großen Eindruck mehr machen würbest, wie in jenen langst entschwundenen Tagen. 3. Nr. 8 Die geschichtliche Entwicklung der vellassnngrvechSltnlsse der jüdischen Gemeinden Preußens. Bon Rabbiner Dr. Leopold Wrefchuer in Smmter (Fortsetzung.) Es folgt nunmehr die zweite Periode, die Gestaltung der neueren nnd gegenwärttgen Gemeindeverhältniffe. Die Emanzipationskämpfe endeten zunächst damit, daß die Juden in den altpreußischen Provinzerl außer Posen durch das Edikt von 1812 als Staatsbürger anerkannt wurden, nach dem Borangehen Frankreichs und Italiens war ihnen die eigene samt dem Bannrecht und damit ein guter Teil des Einflusses und Ansehens der Rabbinen auch in Preußen (in Posen, schon seit 1797) entzogen, allmählich schied die Leitung des bald dem Staate unterstellten allgemeinen Schnlwesens ^leiMSÜ^, aus dem Gebiete der Gemeindeverwaltung, mit den übrigen Sonderbestimmungen mußte auch hie solidarische Haft für die Schmd der EinzOrM weichen, und die Verfassung der nur noch huf die Pflege des eigentlichen Kultuswefens schränkten Gemeinde erheischte nette Foruvm welche nach dem Schlußparagraph des Ediktes vom Jahre 1812 erst später, nach Hinzuziehung und Begutachtung der sich durch den Genuß bes öffentlichen Vertrauens dazu eignenden Israeliten, * festgesetzt werden sollten. Aber gerade btefe, durch ihre soziale Stellung und allgemeine Bildung, aber keineswegs durch jüdisch-religiöse Gesinnung und Bildung ausgezeichnete Männer des öffentlichen Vertrauens nützten die Zeit des neugeregelten kichlichen Gemeindezustandes in Preußen aus, um die bisherige tatsächliche Bedeutung des Rabbiners herabzudrücken und den jüdischen Kult nach eigenem Ermeffen der damals herrschenden Assimilationssucht gemäß regeln zu können. So war seit 1800 kein preußischer Oberlandesrabbiner mehr gewählt. So kam auch 1820 auf Regierungsanftage über die Tätigkeit und Stellung der Rabbiner das verhängnisvolle Gutachten des Berliner Vorsteher Gumperts zustande, nach welchem der Rabbiner bei der Gemeinde nur in Zeremonial- und Ritualsachen — vorausgesetzt, daß sie ihm vorgelegt werden — zu entscheiden und die Schächter zu prüftn hätte, sonst aber . nicht als Geistlicher, nicht als Prediger anzusehen, bei Trauungen entbehrlich und nicht dazu berufen sei, den Religionsunterricht wahrzunehmen und die Schulaufsicht zu führen. Da das Bedürfnis nach rituellen Entscheidungen immer geringer wurde, mußte nach diesem, die christliche Regierung irreführenden Gutachten der Rabbiner Und nun, sei mir tausendmal mochel, wenn ich meine Bewunderung vor deinen Muskezonen nicht mehr austecht erhalte. Wir ändern uns eben mtt den Zetten. Auch die Purimkügelchen, bei den Vermögenden in Butter, bei den Aermeren in Oel gebacken, durften m keinem Hause fehlendaneben gab es „Mordechattaschen", ,Hamansohren" und „Estherküsse" und Purimkräpfchen in allen möglichen und unmöglichen Kombinattonen. Da'die Männer nicht alle Freunde von Süßigkeiten find und am Purim nicht zu kurz kommen dursten, so wurde und wird wohl heute noch, besonders in Weingegenden, eine stattgewürzte Purimroulade und sonstiges Fleifchwerk, baß den Durst reizt, schon tagelang vorher zubereitet. Ein innerer Freudenoräng schien am Purim die Leute zu beherrschen und zu irgend einem fröhlichen Streich zu drängen, wie ja schon das Durchprügeln eines Onms beim Megillalesen zeigt. Wenn reiche Leute in fröhlichem Purimscherz sich in bunten Kostümen an die Purimsude setzten — und das war selbst in gebildeten Kreisen häufig — so will das nicht viel heißen. Wie wahrhaft gluckuch aber mußte fich ein Mensch, wie der Feitz Laubersheim, der außer sieben Kindern, einer braven Frau und einer dürren Ziege nichts besaß und i« einem weltverlorenen Dörfchen im Hundsrück wohnte, wie glücklich, sage ich, mußte fich solch ein armer Teufel fühlen, wenn er auf der Straße meiner Vaterstadt so vergnügte Lustsprünge machte, daß er selbst der am Purim sonst sehr toleranten Polizei äuffiel. „WaS soll denn das heißen?" frug der Polizist erstaunt.. „Daß Purim ist", schrie der Feitz, faßte feinen Knotenstock, schwang ihn lachend über den Kopf und machte noch einige Lustsprünäe, so daß fich schnell ein Kreis lachender und johlender Menschen ansammelte. Dabei schrie Fetß° fröhlich: „heint is Purim, ihr Lori! jawohl, Purim r > . Und wie der Fetß am frühen Vormittag, so gab && Sandtt Blad, gleichfalls eines der großen Kinder, wir