Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1907)
- Date
- 1907-02-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449253--63268-2505803- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
'Seite 2._ Ptt Ausbildung einiger Mianceschullehrer in - Deutschland zu bewirken! Stärker kann man eine eigentlich selbstverständliche Forderung nicht verklausulieren. Die Zentralleitung sollte sich doch HP' nicht darüber im Unklaren sein, daß sie das stärke und berechtigte Mißtrauerr der gesetzes- L treuen Judenheit gegen die ganze Schulpolitik j| der Alliance nur dann allmählich überwinden f' kann, wenn sie sich mit Entschlossenheit zu dem Prinzips bekennt: für die treu an den Überlieferungen der Väter hanaenden Juden des Orients kann die Kul- Lur nur dann zum wahren Segen werf' den, wenn nicht jüdische Assimilanten, P sondern echte, jüdisch-religiös empfinoende und im wahrsten Sinne gesetzestreue Juden als Jugenderzieher und ^Kulturträger hinausgesandt werden. P Solche Lehrer heranzubilden ist in Frankreich k. leider nm möglich, in Dentschland wäre es Genigftens denkbar, allmählich einen Stamm A^echestreuer jüdischer Alliancekehrer zu schaffen. [ * -r- Die Sonntagsruhe in Rußland Nun haben auch die russischen Juden glück- . tick Mcen Anteil an der Plage, welche die die Sonntagsruhe der jüdischen Be- ^Mv««ng in den verschiedenen Ländern gebracht Das hat unseren Brüdern im Zarenreich pgSoe noch gefehlt. Die russische Regierung ist ja sonst von keiner besonderen Vorliebe für ( westländische Einrichtungen beseeltumso bitterer .ist hie Ironie, die darin liegt, daß sie jetzt auf Mural eine Institution der Kulturländer für nachahmenswert hält, die gerade den Juden so teuer zu stehen kommt. Die Regierung braucht M freilich nicht, wie das in den anderen Staaten f;- notwendig ist, den beschwerlichen Weg einer förm- ' lichen Gesetzgebung zu beschreiten, um hierbei zum f' Wele zu gelangen. Es genügt, daß Herr Stolypin eine Verordnung an die Gouverneure erläßt, D in der ihnen aufgetragen wird, für die strikte P Beobachtung der Sonntagsruhe im Handesge- L werbe besorgt zu sein. Von den Juden, die durch U Diese Maßnahmen doch unendlich schwer getroffen ^werden, Ist in der Verordnung natürlich mit ^Deiüem Wort die Rede. Auf ein telegraphisches MDrsuchen um Klarstellung der Rechte oer Juden D Minderte der Ministerpräsident, er habe es den P-si)Men Behörden überlassen, zu entscheiden, ob T%u Gunsten der Juden mit Rücksicht auf deren p. religiöse Ueberzeuauygen und besondere Interessen Ansnahmen zugelassen werden könnten. Die Ver- Wkniffe der russischen Juden, die in den Städten ■pitt * ungeheuren Massen zufammengedrängt sind, ^.'machen es zwar zu einer Unmöglichkeit, sie durch- Der JSräettt. weg zur genauen Beobachtung^der Bestimmungen über die Sonntagsruhe zu zwingen - daß sie aber immerhin unter den diskretionären Befugnissen der unteren Negierungsorgane sehr zu leiden haben werden, das ist wohl mit Sicherheit zu erwarten. Es ist bedauerlich, daß die großen jüdischen Gemeinden Rußlands dieser Gefahr gegenüber, wie es scheint, noch untätig verharren. Man sollte doch keine Zeit verlieren, um zum Schutz der bedrohten jüdischen Interessen alles zu tun, was möglich ist. Terdinand Cassalle und das 7 Eine Entgegnung. Von Moritz A. Loeb in Frankfurt a. M. In feinen psychologischen Studien zur jüdischen Geschichte, die Herr Dr. R. Breuer in diesen Blättern z. Zt. veröffentlicht und die, von Mendelssohn bis Herzl reichend, die Entwicklung des Judentums in Deutschland im Laufe des 19. Jahrhundertszeigen sollen, figuriert als dritter in der Reihe (Nr. 51,1906) Ferdinand L a s s a l l e. Wer von dem Artikel über Lassalle. Aufklärung darüber zu erhalten hoffte, welche Umstände dazu berechtigen, von jüdischem Standpunkte aus Lassalle in einem Atem mit Mendelssohn und Herzl zu nennen, der wird Breuers Ausführungen enttäuscht aus der Hand gelegt haben, denn was in ihnen von den Beziehungen Lassalle's zum Judentum uns erzählt wird, hält einer ernsthaften Nachprüfung nicht stand. Breuer geht davon aus, daß die Vorsehung Lassalle zu einem jüdischen Sozialreformer bestimmt hatte- Lassalle aber war „so kurzsichtig, so leichtsinnig, so dumm", seine Mission völlig zu verkennen, ein Fehler, der, wie uns sein Kritiker lehrt, wohl bei einem von Jugend auf assimilierten Börsenjobber, nicht aber bei einem Lassalle entschuldbarist. Da Herr Dr. Breuer uns nichts darüber mitteilt, wann lind wo Laffalle seitens der Vorsehung von der ihm zugedachten Mission in Kenntnis gesetzt wurde, so müssen wir wohl annehmen, daß äußere Umstände in Lassalle's Leben vorhanden gewesen sind, die ihm über seine eigentliche Bestimmung gar keinen Zweifel lassen konnten. Sehen wir einmal zu, ob und wie weit dies der Fall war. Ferdinand Lassalle wurde am 11. April 1825 in Breslau geboren. In seinen Jugendjahren wütete in Breslau, wie damals in fast allen deutschen Großstädten, der Kampf zwischen dem aesetzestreuen Judentum und der Reform. Gegen den Widerstand des gesetzestreuen Teiles der Gemeinde, an deren Spitze Oberrabbiner T i c t l n s. A. stand, wurde Dr. Abraham Geig-er als f weiter Rabbiner berufen. Zu seinen wärmsten nhängern gehörte Ferdinands Vater, Heymann Lassat?) Der alte Lassal besaß ein Engrosgeschäft in Seiden- und Textilwarensein Geschäft war am Sabbat Leöffnet Geiger gehörte zu den näheren Freunden des Hauses Lassal, was die Angehörigen des Hauses durch ziemlich regelmäßigen Besuch seiner Predigten erwiderten. Auch der junge Ferdinand besuchte diese Predigten, so oft die Schule ihm Zeit dazu ließ, und sie scheinen nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben zu sein. Lassalle besuchte zu jener Zeit das Magdalenen- Gymnasium. Jüdischen Unterricht irgend welcher Art scheint er überhaupt nicht empfangen zu haben, wenigestens findet sich in seinem Tagebuch,**) in dem alle großen und kleinen Ereignisse jener Zeit getreulich verzeichnet wurden, keine Spur davon. In dem Laffal'schen Hause war auch sonst von jüdischem Geiste herzlich wenig zu finden, wofür uns das schon erwähnte Tagebuch eine Reihe prägnanter Beweise liefert. So. S. 85. Unterwegs (L. kommt von einem Begräbnis) unterhielt ich mich mit Bloch. Er wollte sich ein Air geben und nannte sich einen Atheisten. Als er aber sah, daß ich ganz anderer Meinung war, so sattelte er auch um. Wir sprachen viel von Seelenwanderung, von Geiger und dem Judentum, und er wunderte sich, daß ich mich so des jüdischen Glaubens annehme. Der Esel! Als wenn man nicht treife essen und doch ein güterJudeseinkönnte. Woraus zu ersehen ist, daß der berühmte 2*73 'TUT kein Produkt der Neuzeit ist. " Es sei hier eingeschaltet, daß Lassalle zu den schlechtesten Schülern des Gymnasiums gehörte. Trotz seiner hohen Begabung, von der sich unzweideutige Proben auch damals schon zeigten, hatte er es durch fortgesetzte Bummelei dahin gebracht, daß seine Schulzeugnisse fast nur das Prädikat „ungenügend" aufwiesen. Da er nicht wagte, diese Zeugnisse seinem Vater vorzulegen, so fälschte er kaltblütig dessen Unterschrift. Die Entdeckung der Fälschungen machte sein längeres Verbleiben auf dem Gymnasium unmöglich und verleidete ihm zunächst das Studium überhaupt, sodaß er seinen Vater drängte, ihn Kaufmann werden zu lassen. Der alte Lassal, so wenig diese Aenderung seinen Wünschen entsprechen mochte, war ein viel zu zärtlicher Vater, um einen dauernden Widerstand zu leisten. Im Mai 1840 bezieht Laffalle die Leipziger Handelsschule, um sich dort für den kaufmännischen Berus vorzubereiten. Was uns hierbei vor allem inte- *) Die SchrKbrveise „Lassale" hat erst der Sohn während seines Pariser.Aufenthaltes (1846) angenommen. **) Ferdinand.Laffalles Tagebuch. Herausgegeben von Paul Lindau. Breslau 1891. euilleton. PHrlra-RcmiBiszcnscn. Keines unserer jüdischen Feste stimmt mich so sehr zu Hergleichenden Betrachtungen zwischen dem Einst und dem ' wie gerade der Purim. Wie groß ist doch die Kluft Üschen der herzinnigen Art, wie unsere Altvordern die »ge der Freude feierten, und der kalten Förmlichkeit, mit der heutzutage so vielfach Jung und Alt das übliche Programm solcher Tage zu absolvieren pflegen. An Prunk Md Aufwand fehlt es da wohl nicht, aber das Herz hat keinen Anteil daran. Wie ganz anders aber verstanden « unsere Borfahren, mit den denkbar geringsten Mitteln - sich und ihrer Umgebung Freude zu bereiten. Allerdings waren die Menschen damals weit anspruchsloser wie heuteauch in geistiger Beziehung. Eine gewisse Naivität, oft an Kindlichkeit streifend, nicht minder eine ästhettsche BedürfttiSlostgkeit, die sich mit dem Primittvsten und Einfachsten begnügte, an Stelle der tausend ausgeklügelten Feinheiten, die die Feste der Gegenwart komplizieren, sie :■ allerdings glanzvoller, reicher, nicht aber immer gemütlicher gestylten. Sybariten waren unsere Altvordern eben nicht- Habet wußten sie freilich auch einen guten Trunk und ein schmackhaft zubereitetes Mahl sehr wohl zu schätzen, und besonders — am Purim. Diese Tatsache aber führt aus mewen allgemeinen Betrachtungen in meclias res, iAu meinem eigentlichen Thema.? „Das ganze Jahr schicker, am Purim nüchtern", galt " " meine Bezeichnung für eine gegen alle Regeln rnnft, gegen das Herkömmliche verstoßende Sache und paßte in der Tat auch auf die bas ganze Jahr hindurch geübte Nüchternheit und Mäßigkeit, die einmal im Jahre, am Purim, durchbrochen werden durfte, ohne getadelt zu werden. Ja, noch mehr sogar, am Purim so „schicker" zu sein, daß man den Unterschied zwischen „Orur Homorr und voruch Mordechei" nicht mehr zu erkennen vermochte, gereichte durchaus nicht zur Schande, eher zum Gegenteil - Leu der Purim nimmt nun einmal eine Ausnahmestellung in den Freudentaaen der Juden ein. Doch bevor wir ans gute Essen und Trinken denken, wollen wir aus dem Schacht unserer Erinnerungen die Vorbereitungen zum Purim, wie sie vor etwa 50 Jahren im jüdischen Hause getroffen wurden, zu schildern versuchen. Ehe der Fasttag Esther zu Ende ging und Alles, Männer, Frauen, Söhne und Töchter, sogar die Dienstboten zum Hören der Megilla in die Synagoge eilten, versah sich jeder Mann und Wabe mit einem Hamanshammer, der vielen Leuten so wichtig düntte, wie die Pergamentrolle selbst, auf der die Geschichte Esthers verzeichnet ist. Dieser Hammer war ein kleines Brettchen mit einem Handgriff und einer Klapper, die schon bei leichter Bewegung ein ganz respektables Geräusch verursachte.. Ich erinnere mich aus meiner ersten Kindheit, — es war in Fulda — wie ein Mann in größter Aufregung mit Frau und Kindern nach dem unauffindbaren Hamanshammer im ganzen Haus herumsuchte, wobei es an Scheltworten über seinen Haushalt, wie es nach seiner Versicherung keinen mehr weit und breit gab, nicht fehlte. In der Tat, wer nie zugegen war, mit welcher Kraft ein solcher Hammer gebraucht wurde, wenn die Stelle kam, an der- Hamann geprügelt ward, der hat keine Ahnung davonwie nöitg das Instrument bei dieser Gelegenheit war. Und wer ausnahmsweise keinen Hammer besaß, schlug mit den geballten Fäusten auf seine» Ständer oder stampfte- und trampelte mit den Füßen, als gälte es, eiften Skorpion zu vertilgen. Noch heute sehe ich lebendig vor mewem greift Ligen Auge, wie Schmulchen Frank in feiner Extase mit einer weitausholenden Faustbewegung seinem Schulnachbar Bunnewitt Oppenheim den Cylinderhut herabschlug, so daß dieser weit vom Haupt seines Besitzers in eine hintere Reihe flog, was der Eigentümer dieses Kopfschmuckes dem Schiffchen durchaus nicht übel nahm. Wollte doch Schmulchen dem verruchtes Haman nur einen wohlverdienten Schlag versetzen. Später einmal war ich Zeuge, wie ein Dutzend Dorfjuden, zu denen ich öfter kam, in Ermangelung von Hamanshämmern, mit Stöcken auf den eisernen Ofen in ihrer ynagoge losschlugen, als hätten sie den leibhaftigen Haman unter ihren Fäusten, v ls der Lehrer, der die Megilla vorlas, „so wett war", machte er eine Pause und nun rief der Jvkef, der so etwas wie ein ParneS war, i en Leuten, die sich um den Ofen gruppiert, hatten zu: „Jetzt>brauf! auf den Rosche Haman!" Und die Leute folgten diesem Kampfesruf und der Feiß Rümmelsheim, der Dowed Stern, der Meier und Joffes Weiler, brachten dem Ofenrohr mit ihren nach unten gekehrten Knotenstvcken mehrere Beulen bei. Als der Rachedurst gestillt war und der Jvkef Rümmelsheim befriedigt meinte: „So, der hat für dieses Jahr wieder seinen Teil", fuhr der Lehrer wieder weiter fort. Solche Szmen mögen heute wohl kaum mehr in Deutschland Vorkommen. Sie waren aber psychologisch leicht verständlich, wenn man bedenkt, wie unzähligen Kränkungen und Demütigungen diese Menschen täglich ausgesetzt waren, die sie stillschweigend hinnehmen mußten. Da wollten sie doch wenigstens einmal im Iah« denUrfetttd Haman den ewig aufgespeicherten Grimm fühlen lassen. Die Jugend, die nicht nur schnell mit dem Wort ist, sondern auch ungeduldig nach Taten, vermochte kaum das Ende des Gottesdienstes und. Megilla!esens abzuwarten, um sich zu maskieren und sich in. den Häusern zu produzieren. Mit dem/weltbekannten Liedchen : ' ...-arwv5'. £ /* -\V 4 'V: 2081