Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1907)
- Date
- 1907-02-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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r.r>.-c* £ tL P- I: i- »i-- jtr. l: i ’ euilleton. Der Baal-Schern von Micdelstaät. Von Judärrs. 23 Nachdruck verboten. In der Brandkasse war nur das Haus versichert, aber die gesamte Fahrhabe nicht, da die Mobiliar-Versicherung damals noch nicht so allgemein eingeführt war. Eine Schuldenlast von großen Summen, die er zur Unterstützung Armer und zur Erhaltung seiner Jünger im Hinblick auf bessere Zeiten ausgenommen hatte, drückte ihn in dieser Hilflosigkeit doppelt schwer. Zwar bot man ihm mit Rücksicht aus seine vollständige Mittellosigkeit . wesentlichen Nachlaß an, aber seine peinliche Rechtschaffenheit sträubte sich dagegen, dieses Anerbieten anzunehmen. Als jedoch sein Geschick erst in der Umgegend und besonders in Frankfurt bekannt geworden . war, beeilten sich seine'zahlreichen Freunde und Verehrer ihm in seiner Rot beizustehen. Die Liebe und aufrichtige Teilnahme, die sein Unglück allenthalben zu hilfbereiier Tat entflammten, tat seinem wunden Herzen wohl. Er hatte ja so unsäglich viel Liebe in seinem Leben gesät! Es beglückte ihn in dieser trüben Zeit einen Teil dieser Saat ernten zu können. Von allen Seiten war man bedacht, durch tätige Menschenliebe ihm chlles Harte und Schwere überwinden und tragen zu helfen. Er konnte infolgedessen seine Bibliothek wieder neu anlegen, den Kreis seiner Schüler vergrößern und überhaupt die Schranken erweitern, die seiner Menschenliebe bisher gezogen waren. Die letztere beschränkte sich nicht auf seine Glaubensgenossen, sondern war immer und überall hilfsbereit, auch wo es galt in außerjüdischen Kreisen der Not und dem Elend zu steuern. Auf diese Weise wurde der Name des Baal- Schern von Michelstadt in immer weitere Kreise getragen, aber auch in seiner nächsten Umgebung zollte man dem von der ganzen Welt Verehrten die Achtung und Verehrung, die er in früheren Jahren oft so schmerzlich vermißen mußte. Zu seinem fiebenzigsten Geburtstag hatte sich der ganze Bezirk zusammengefunden, um wie Kinder einer großen Familie den Ehrentag des greisen Vaters festlich zu begehen. Der Mittelpunkt der Feier war — charakteristischer Weise — nicht Michelstadt, sondern die zu ihrem Rabbi - seit vielen Jahren in besonderer Anhänglichkeit haltende Bezirksgemeinde Beerfelden. In der Synagoge wurde feierlicher Gottesdienst abgehalten und der Held des Tages gab vor den zahlreich Versammelten der Bedeutung des Tages w seiner schlichten, von Herzen kommenden und *u Herzen gehenden Weise Ausdruck, die allen Teilnehmern unvergeßlich blieb. Auch er selbst, der in dieser Feier eine Anerkennung seines selbstlosen Wirkens erblicken durfte, sprach oft und gern vom „Sch iw im-Mahl" in Beerfelden. Es war wie ein verklärender Lichtblick, mit dem die Herbstsonne noch einmal die bald winterlich erstarrten Fluren beleuchtet. Wenn auch sein rastloses Wirken sich nun ruhiger in den von ihm gezogenen Bahnen bewegte und von äußeren Störungen nur wenig beinträcktigt wurde, so machte sich doch ein Umstand fühlbar, den er dis jetzt nicht empfunden und der sich deshalb itm so nachdrücklicher äußerte. Seine lVf V ##_ ■VVUVI'W- ♦ bis dahin blühende Gesundheit, die ihn auf Speise und Trank, Schlaf und Ruhe ohne jede Entbehrung leicht verzichten ließ, wurde vlötzlich ernstlich erschüttert. Lange hatte er die Schmerzen und Beschwerden, die ihn heimsuchten, seiner Familie verheimlicht. Sie stellten sich aber mit so großer Heftigkeit ein, daß dies nicht mehr möglich war. Sein Befinden gab der Umgebung wiederholt zu ernsten Besorgnissen Anlaß, aber der starke Geist siegte über den Körper und hob ihn über alle Beschwerden hinweg, so daß Zeiten eintraten, in welchen er seine alte Kraft wiedererlangt zu haben schien. In diesen lichten Zeiten entfaltete er eine beispiellose Tätigkeit, von welchen jede einzelne Seite genügt hätte, um ein Menschenleben auszufüllen. Die ideelle und materielle Versorgung seiner Jeschiba bildete den vornehmlichsten Gegenstand seiner Fürsorge. Durch seinen Weltruf hatte seine Korrespondenz eine Ausdehnung angenommen, daß die jährlichen Portokosten sich auf mehr als sechshundert Gulden beliefen. Allerdings war das Briefporto in jener Zeit unvergleichlich teurer als es heute ist, aber diese Summe gibt nichtsdestoweniger einen Anhaltspunkt für den regen brieflichen Verkehr, den er unterhielt.' Im Laufe der Jahre hatte er auch eine neue Bibliothek angelegt, welche an Ausdehnung und Bedeutsamkeit der im Jahre 1825 verbrannten nicht nachstand. Diese Bibliothek, die nach dem Tode ihres Sammlers in den Besitz der I. Kauffmannschen Buchhandlung in Frankfurt a. M. überging, bekundet durch die wertvollen Randbemerkungen in fast jedem einzelnen Exemplar das tiefe, emsige Studium, dem sie entflossen sind. Auch verschiedene handschriftliche Abhandlungen über talmudische Themata, die noch im Nachlaß sich vorfanden, zeugen von seiner genialen Meisterschaft auf diesem Gebiete.*) Auch die literarischen Produktionen der zeitgenössischen Gelehrten, welche die jüdische Wissenschaft bereicherten und sie in neue Bahnen zu lenken bestrebt waren, wie.Zunz, Jost, und vor allen Samson Raphael Hirsch fanden in ihm einen aufmerksamen Lehrer, der ihre Schöpfungen mit gespanntem Interesse verfolgte. Selbst die Stürmer und Neuerer, welche das alte Judentum aus dem Sattel heben zu können vermeinten, fanden mit ihren Schriften einen Platz in dieser merkwürdigen Bibliothek. Er war von der Ewigkeit und Unverwüstlichkeit des überlieferten Judentums so tief durchdrungen und ebenso von der Hinfälligkeit und Haltlosigkeit aller zu seiner Diskreditierung sich geltend machenden Bestrebungen, daß er die letzteren mehr mitleidig belächelte, als schroff verurteilte. Ganz in diesem Sinne war auch sein Verkehr mit denjenigen, welche dem praktischen Judentum den Rücken gekehrt und dem Abfall sich in die Arme geworfen hatten. Kein Wort des Tadels und noch weniger der Verketzerung kam über seine weisen Lippen. Der Abgefallene hatte im Verkehr mit dem großen Manne nicht das Gefühl vor einem verketzernden Richter, sondern vor einem Priester der reinen Menschenliebe zu stehen, dessen belehrende Worte von dem Mitleid über eine verlorene Menschenseele und von dem Bestreben sie zurückzuhalten und wiederzugewinnen getragen wurden. Er überraschte durch seine gründliche Kenntnis von Leibniz, Kant, Schelling und anderen klaffischen Schriften und imponierte damit denjenigen, die ihren Abfall von der Religion ihrer Väter auf das Konto chrer modernen Bildung zu setzen versuchten. Besonders seinen Schülern blieb er der treue väterliche Freund, auch nachdem sie seinen Ilnterricht längst verlassen und im Leben eine Stellung *) In der zu Jerusalem erschienenen Monatsschrift nymCNn ist unter dem Titel pn!F mwtf aus diesem Nachlaß eine Abhandlung über vjm fcOJUD der-' öffentlicht. (Jahrgang U Nr. 2.) Eine Fortsetzung dieser Publikation, wie fie dort in Ausficht gestellt wurde, ist nicht erfolgt. inne hatten. Er verlor keinen aus dem Auge und hielt durch regen brieflichen Verkehr das ganze Leben hindurch das Band aufrecht, das einst in der Jugend geknüpft wurde. Auch denjenigen seiner Schüler, bei welchen dieses Band im Strudel des Lebens gelockert wurde, die sich dem Leichtsinn und dem vollständigeil Abfall in die Arme ioarfen, blieb er in treu besorgter. Anhänglichkeit verbunden und ließ keine Gelegenheit vorüber gehen ohne in seiner Weise alles aufzubieten, die Abtrünnigen wieder zur verlassenen Pflicht zurückzuführen. Ein einziger hierher gehöriger Fall, der seinen vollen Abschluß aber erst nach dem Tode des großen Lehrers erhielt, soll nach der Schilderung der letzten Lebenstage dann noch hier folgen. XX. Im Elul des Jahres 5607 (1847) kam der bereits oben erwähnte Sendbote des Baal Schem * Rabbi Seligmann von seiner Reise durch Bayern zurück, uni die in den dortigen Gemeinden gesammelten Gelder abzuliefern^ Er fand den Meister erkrankt im Bette liegen und so geschwächt und verändert, daß ihm beim Anblick des Leidenden unwillkürlich die Tränen in die Augen traten. Nur mit großer Mühe konnte Rabbi Seckel Löb die ein gelaufenen Beträge und Belege auf ihre Richtigkeit prüfen und sank dann erschöpft zurück. Der Sendbote wollte sich zurückziehen, aber der Rabbi bedeutete ihm zu bleiben und einige Minuten zu warten, bis der augenblickliche Schwächezustand vorüber sei. Dann begann er mit gedämpfter Stimme und mit einem milden Lächeln um die blassen Lippen: - „Reb Seligmann, ich habe Euch angesehen, daß es mir nicht gut geht- Ihr könnt Euere Teilnahme an meinem Leid nicht gut verbergen. Ich fühle mich wirklich schwach, so schwach, daß ich zur Hebung meiner gesunkenen Kräfte wieder Fleisch und Eier genießen wollte, aber die Aerzte erlauben es nichtsie meinen, ich könne die Fleischkost, nachdem ich sie so lange Zeit aufgegeben habe, nicht mehrvertragen und ich muß mich ihrem Willen fügen, obwohl ich anderer Ansicht bin. Wenn mir der Herr über Leben und Tod noch gestattet, die Schwelle des neuen Jahres zu überschreiten, so will ich wohl zufrieden sein." Hier hielt der Rabbi erschöpft inne und fuhv nach kurzer Zeit fort : „Ihr weint, Reb Seligmann- Ihr habt dazu beinahe dasselbe Recht, wie meine Frau und Kinder, Ihr steht mir nicht weniger nahe als sie. Ihr habt die vielen Jahre unserer großen heiligen Sache treu und redlich gedient, Gott wird Euch nicht verlassen, auch, wenn ich von' Euch , scheidedarauf gebe ich Euch die Hand." Der treue im heiligen Dienste ergraute Sendbote konnte sein Schluchzen nicht mehr unterdrücken, als er die zarte, abgemagerte Hand in der seinigen fühlte und unwillkürlich hauchte er die Worte hin: „Was soll aus uns allen, was aber soll be- . sonders mit mir werden, wenn der Rabbi uns verläßt? Ich habe kein Geschäft gelernt, ich habe nur- „Seid unbesorgt, Reb Seligmann, es wird Euch gut gehen, auch wenn Ihr nach meinem Hinscheiden nicht mehr für die Jeschiwo sammeln könnt. Ihr könnt in Euern Jahren keinen Handel anfangen, aber folgt mir und es wird Euch nichts fehlen. Reiset nach meinem Hinscheiden Jahr ein, Jahr aus in den Gemeinden umher wie Ihr es bis jetzt getan habt. Erzählt den Leuten von unserem Tun und Lasten, von unserer Jeschiwo, die. sie erhalten helfen und die _ mit meinem Hinscheiden auch aufhören wird. Ihr 7 werdet überall wie bisher in Ehren aufgenommen werden und man wird Euch so reichlich Euere Besuche und Erzählungen lohnen, daß Ihr gut davon leben könnt." (Fortsetzung folgt.)