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Der Israelit · 1907-02-14 · Heft 7 (14.2.1907) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 7 (14.2.1907)
Date
1907-02-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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gemäß einen Rückgang des religiösen Sinnes nach sich zieht. Daß das Thorastudium noch nicht ganz aus Deutschland verschwunden ist, haben wir vor allem dem Vorhandensein einiger höherer Lehranstalten zu verdanken. In den jüdischen Präparandenschulen, Seminarien und Realschulen, die der gesetzestreuen Richtung an gehören, wird G. L. das „Lernen" auch heute noch gepflegt - dort erhalten die jungen Leute einen ganz hübschen Fond jüdischer Kenntnisse. Er entspricht ja bei weitem nicht dem Ideal, das unserm Herrn S. vorschwebt, aber er genügt, um ein tiefernstes religiöses Leben zu wecken," und wenn die Schüler jener'Anstalten nur das heiße Verlangen weiter zu lernen mit ins Leben hinausnehmen, so brauchen wir uns über des Maß der Kenntnisse nicht zu streiten. Wä e die Zahl jener Anstalten nicht so gar gering, so könnte man etwas zuversichtlicher in die Zukunft schauen, aber was wollen 3 Präparandien, 2 Semi' are (das Frankfurter Seminar kommt vorläusig für deutsche Verhältnisse noch nicht in Betracht) und 3 Realschulen besagen? Dürfen sie uns über die Tatsache hinwegtäuschen, daß die große, große Masse der jüdischen Jugend einen ungenügenden Rel'gions- - unterricht erhält? Sie sagen uns zwar: K1? öfter sie dürfen uns nicht in Ruhe wiegen. Es gilt neues Leben zu wecken und neue Lehranstalten zu gründen. Das scheint auf den ersten Anblick schwer. Die Verwaltung der Großgemeinden liegt ja in den Händen neologer und assimilatorisch gesinnter Männer, welche die noch bestehenden jüdisch-konfessionellen Anstalten gerne zu Gunsten einer gar nicht bestehenden Simultanschule auflösen möchten, die aber zur Neugründung jüdischer Schulen absolut keine Lust zeigen. Und gesetzt auch den Fall, sie ließen sich dazu herbei, die Leitung würde ja doch neologen Schulmännern anvertraut und das Thorastudium würde nicht im geringsten dadurch gefördert. Was wir im Auge haben, das sind vor allem Anstalten ähnlich demMarburger Schülerheim. Wir haben s. Zt. bei Besprechung des Rechenschaftsberichts auf die hohe Bedeutung dieser Anstalt hingewiesen, und wir hoffen nnd wünschen, daß sie das Musterbild für recht viele ähnliche Anstalten werden möge. Gründung gesetzestreuer P e n s i o n a t e für auswärtige Schüler, die die. höheren Lehranstalten einer Stadt besuchen, unter Ausschaltung der Privatspekulation und der privaten Interessen, das müßte zunächst in Angriff genommen werden, denn es liegt hier ein wirkliches Bedürfnis vor, und die Kosten dafür sind keine sehr beträchtlichen. Da die Aufficht in diesen Pensionaten eine sachgemäße ist, so werden ihnen auch manche am Platze wohnenden Eltern ihre Kinoer als Halbpensionäre anvertrauen. Und wenn in Universitätsstädten — wie das in Marburg schon jetzt im beschränkten Maße der Fall ist — auch Studenten an den Segnungen dieser Anstalten teilnehmen, umso besser. In Großstädten— aber bei günstigen Verhältnissen auch in Mittelstädten — läßt sich die Gründung von Privatinstituten mit den Zielen einer Realschule ermöglichen. In die staatlichen Lehranstalten wird das Schülermaterial immer und immer wieder gesiebt und ausgeschieden, was nach irgend einer Richtung hin Mängel zeigt, denn der Andrang zu ihnen ist ein gewaltiger, und sie haben die Auswahl.' Sosind die sogenannten „Pressen" entstanden. Das sollen nun unsere jüdischen Privatinstitute nicht sein. Vor allem sollen sie denjenigen dienen, die sich nach Absolvierung einer Volksschule die für den Kaufmannsberuf nötigen Kenntnisse aneignen wollen und für welche sich der Besuch einer staatlichen Schule des vorgerückten Alters wegen nicht empsiehlt. Erst in zweiter Linie kann an die Aufnahme der besseren Elemente aus der großen Zahl der anderswo Zurückgewiesenen gedacht werden. Selbstverständlich ist bei diesen Instituten das private Interesse der Unternehmer zu berücksichtigen, nur sollte man auch hier nach einem festen Plan verfahren und nichts dem Zufall überlaffen. Daß den bestehenden und die neu zu griindenden Anstalten moralische und eöentuell sogar materielle Beihilfe gewährt wird, sehen wir als eine Notwendigkeit an. Wenn man rituelle Speisehäuser subventioniert, warum nicht auch Schulen, die eine Pflanzstätte für mmn -ilv? werden sollen? Da sie im Lehrplan sich freier bewegen, so können sie unter Umständen in den jüdischen Fächern mehr leisten als Anstalten mit Realschulberechtigung, aber auch mit gebundener Maffchroute. So wurden beispielsweise die Leistungen des jetzt aufgelösten Pfungstädter Instituts in seiner Blütezeiit sehr gerühmt und auch die andern uns bekannten Privatanstalten, die leider alle eingegangen sind, haben sich nach Kräften bemüht, chre Zöglinge auch in den Religionsfächern gut zu fördern. Selbst auf dem Lande, am besten in Verbindung mit einer jüdischen Volksschule, ist die Gründung solcher Privalinstitute möglich. Man erwärmt sich doch jetzt für Landerziehungsheime! Es wäre schon viel gewonnen, wenn die vom Lande stammenden Schüler in ländlichen Anstalten ihre Fortbildung genießen würden. Vor ca. 40 Jahren gab es in Bayern und wohl auch anderwärts eine ganze Reihe von tüchtigen Lehrern geleitete Privatschulen, die alle recht gut prosperierten. Man ist ja heute anspruchsvoller geworden, aber die Zahl der Bildungsbedürfttgen ist auch gestiegen. Wir haben bei unseren Ausführungen vor allem die Ausbildung der Knaben im Auge, da wir von mm *no*?n ausgegangen sind. Mit allem Nachdruck aber möchten wir betonen, daß gut geleitete Mädchenpensionate oder höhere Töchterschulen, in denen echt jüdischer Geist herrscht, fast ebenso nötig sind als die entsprechenden Anstalten für das männliche Geschlecht. Zu lange haben wir auf diesem Gebiete dem Grundsatz des laissez aller, laissez faire gehuldigt; es ist Zeit, daß wir uns auch einmal gründlich fragen: wo und wie werden diejenigen ausgebildet, die einmal „das Haus Jakobs" bilden sollen. Doch das nur nebenbei. Es bliebe nur noch nachzuweisen, wie die schon vorhandenen Kräfte besser ausgenutzt werden können, um eine Steigerung des religiösen Wissens unserer Jugend anzubahnen. Das soll in einem Schlußartikel geschehen. llachlese. Herr Steinhardt darf weiterschimpfen. Es ging zwar vor einigen Wochen das Gerücht, der Verbandsvorstand habe ihm das Schimpfen untersagt, aber er hat es sofort kräftig Lügen gestraft, und seine Auslassungen in Nr. 4 der Bl. f. Erz. u. Unterr. stehen ganz auf der „Höhe" seiner ftüheren Ergüsie. Nur ein bischen schlauer ist er unterdessen geworden; er gießt sich jetzt den Anschein, als ob seine Angriffe nur den Führern, nicht den Mitgliedern des Bundes gälten. Den Ersteren wirft er Selbstgefälligkeit, Voreingenommenheit, Streit- und Zanksucht und niederen Mammonismus vorunlautere Manipulationen, Unwahrheit und Verleumdung seien ihre Waffenwie man steht, ein ganz hübsches Bündel von Jnvektiven. Aber der Versuch, die Führer zu disqualifizieren, weil man glaubt, mit den Führerlosen leichtes Spiel zu haben, ist ein sehr alter Trick, auf den heute niemand mehr hereinfällt und die Generalversammlung des Bundes hat gezeigt, daß seine Mitglieder wie ein Mann hinter der Leitung stehen. Steinhardts Ruf: „Fort mit diesen Männern" hat das Gegenteil von dem bewirkt, was er bezweckte - sein Bestreben, den Bund zu sprengen, wird ihm neue Mitglieder zuführen und ihn kräftigen. Dabei hüllt sich Herr Steinhardt in die Toga der klassischen Helden: der Gracchen, die über Gewalt schreien. Er ist über unsere Kampfesweise entrüstet und überhäuft uns speziell, als den publizistischen Vertreter des Bundes, noch mit besonderen Liebenswürdigkeiten, die wir aber nicht sehr tragisch nehmen. Nur ein Beispiel von der Kampfesweise „dieses Mannes" wolle er. hervorbeben. „Die unmoralische Handlungsweise, die jene Bettelbriefe bekunden, zu verbergen, betont Herr Ehrmann fortwährend seine und seiner Freunde Frömmigkeit und Gesetzestreue und stellt den Verband als eine Bereinigung neologer Lehrer hin, die die Grundwahrheiten des Judentums, die nin *npy leugnen." So weit Herr Steinhardt, der hier in der Tat ein ganz ausgezeichnetes Beispiel für — seine eigene Kampfesweise liefert. Wir haben nämlich, wie sich jeder überzeugen kann, weder das Eine noch das Andere getan, insbesondere haben wir den Verband nicht als eine Bereinigung neologer Lehrer hingestellt.*) Daß er in seiner Mitte einzelneMitglieder zählt, welche die mn Hpy leugnen, das wird wohl auch Herr Steinhardt zugeben - nur das aber hatten wir auf seine Anzapfungen hin, als seien wir „aus der Gesamtheit ausgeschieden" leise ange- *) Wir hatten ja erst einige Zeilen vor der fraglichen Stelle von den gesetzestreuen Lehrern im Verband gesprochen. ichL deutet. Wohl aber behaupten wir, daß diese- Leine lein dieFüh r un gim Verband tatsächlich inne hat, wäl die wenigen gesetzestreuen Lehrer im Vorstand und die n i Seringe Zahl derselben im Verband vollständig einflußlos nd. Rein, unsere Kampfesweise ist denn doch noch immer turmhoch erhaben über der des Herrn Steinhardt, schon deshalb, weil wir bei unseren Gegnern keine niedere« Motive voraussetzen. Im Tone allerdings müffen wir unS schon aus äußeren Gründen dem unseres Magdeburger Kollegen ein wenig nähern und weil er fortwährend von „Bettelbriefen" spricht, so wollen wir ihm nrDIP Öpft — für heute nur das Erstere — vorsetzen und zwar pjQ, damit es ihm nicht an Material für die Bettelsuppen fehlt, ähnlich seinen Artikeln „zur Wahrung derStandeSehre." Ja, Bettelsuppen - denn ärmlich und arniselig ist dieser ganze Streit, den Herr Steinhardt mutwillig vom Zaune gebrochen und der das Ansehen des ganzen Lehrerstandes herabsetzt. Ob es einem mit Arbeiten überhäuften Schulleiter paffieren darf, einen fehlerhaft abgeschriebenen Brief zu versenden, ob das ominöse g darin gefehlt hat, ob es gestattet ist, das Wort „gesetzestreu" abzukürzen und ob eine orthodoxe Bereinigung nicht auch einmal einen Freisinnigen um einen Beitrag für ihre Zwecke angehrn darf, sind denn das Dinge, über welche zwischen ernsthaften Männern überhaupt ein Streit entstehen sollte? Entwickelt sich da nicht aus einem Kampf um religiöse Prinzipien ein ganz lächerlicher Froschmäusekrieg? Mag Herr Steinhardt es zwanzig mal leugnen, es find doch religiöse Gegensätze, die uns trennen und er selbst bringt den besten Beweis dafürchm erscheint als eine harmlose Aeußerung, was wir für einen schweren Angriff auf das jüdische Religwnsgesetz anfehen müssen. Wir halten es für unstatthaft, daß ein Rabbiner auf einer Konferenz die unjüdischen Trauermoden — nachdem ein Lehrer als Referent ihr Umsichgreifen beklagt hatte — mit der Begründung verteidigt, daß wir in der Welt und mit ihr leoen müssen — und dabei von veralteten Gebräuchen spricht, deren wir uns schämen müßten. Und wenn ein gesetzestreuer Lehrer dem Herrn Rabbiner energisch entgegentritt und sich dagegen wehrt, daß die Konferenzen ein Tunimelplatz für die Verbreitung liberaler Ideen werden und der Vorsitzende eröffnet seine Erwiderung mit der geschmackvollen Wendung : „Es giebt Dinge, die auf gewisse Leute wirken wie das rote Tuch auf den Stier" so sind das beileibe keine religiösen Gegensätze, die hier zu tage treten, nach der Meinung des Herrn Steinhardt wenigstens! Wir denken anders darüber und wir sehen es als eine beklagenswerte Folgeerscheinung an, wenn auf solchen Konferenzen so alte „Gebräuche" wie Qi-p und K'tü'iDn rD"0/ 1a sogar p?£H TO"Q unterlassen werden. Darüber denkt nun Herr Steinhardt wieder anders. Auch darin werden wir Herrn Steinhardt nicht nachahmen, daß wir den Ruf erheben: Fort mit den neollmm Männern aus der Leitung des Verbands! Nicht sie haben uns beschimpft, sondern nur Herr S teinhardt. Aber auch ihn wollen wir nicht von seinem Posten verdrängen. Solange er ihn inne hat, brauchen wir die Notwendigkeit der Gründung des Bundes nicht erst zu beweisen, denn die Persönlichkeit Steinhardts ist eine lebendige Illustration für den Geist, der den Verband beherrscht. - Iugendschriften. Prager Ghettobilder von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel". Leipzig, Druck und Verlag von PH. Reclam jun. Die Antipoden. Durch Trauer zum Glück. David Leb Magdeburger. „S. Kohn, Verfasser von Gabriel", das ist eine Etikette, welche die besten Sachen deckt, die wir auf dem Gebiete der belletristischen Literatur besitzen. Richtmer müßte es eigentlich heißen: „Verfasser von David Leb Magdeburger", denn das ist eine Perle der ErzählmwSkunst und wohl das Vollkommenste, was Kohn geschaffen. Als Jugendschrift steht fteilich die Erzählung „Durch Trauer zum Glück" entschieden höher. Das ist so anschaulich, so plastisch dargestellt, daß man als Freund der Jugend seine Lust daran haben muß. Diese Geschichte von dem „choschewen" Menschen und dem schlecht« Geschäftsmann, der nicht nur sein ganzes Vermögen in unverkäuflichen schwarzen Spitzen anlegt, sondern auch noch Schulden macht, und wie sich am Ende boch noch alles zum Guten wendet, enthält ein gutes Stück jüdischer Kulturgeschichte und ist religiös bildend wie die beste Religionsstunde. Ob David Leb Magdeburger für die Jugend ganz geeignet ist, ob er nicht für diese ein wenig zu hoch liegt, diese Frage läßt sich nicht so leicht beantworten. Wenn wir uns recht erinnern, hat Herr Kollege Flanter diese Erzählung für die Jugend bearbeitet und auch uns will es scheinen, als ob eine gewisse Vertrautheit mit den Einrichtungen und Verhältnissen der jüdischen Großgemeinde» zu Ende des 18. Jahrhunderts, hier der Prager Gemeinde/vorausgesetzt würde, hie nicht nur unsere Kinder, sondern auch die Erwachsenen nicht mehr besitzen. Mendel Gibbor von Bernstein und David Leb Magdwurger verlieren aber sehr viel von dem ihnen eigenen Schmelze, wenn man sie speziell für die Jugend bearbeitet und eS ist besser, man mutet dem Schüler etwas mehr zu, als daß man eine Geschichte mit so inttmen Reizen ihrer eigentümlichen Schönheit entkleidet. Der Bearbeiter muß nämlich dem Verfasser kongenial sein, und wo findet man daS so leicht? Kohn hat seines Gleichen nicht im aesetzeStreuen Lager, und in dem anderen fehlt das Verständnis für seine Eigenart. ,

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