Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1907)
- Date
- 1907-02-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Crzie^ung and Lei? Der naturkundliche Unterricht in reinem Uerhältnis zur ästhetischen, ethischen und religiösen Bildung des Kindes, Bon Seminar-Oberlehrer Jakob Stoll in Würzburg. II. Wir weisen dem Unterrichte die Aufgabe zu, die allgemein menschlichen Interessen zu Pflegen und deshalb wird in der Pädagogik mit Nachdruck die Hervorkehrung der ästhetischen, ethischen und religiösen Seite bei der Behandlung der Unterrichtsstoffe gefordert. Will man „Menschen" erziehen, so muß auch im Naturgeschichtsunterricht die ideale Seite mehr-betont werden als es bisher geschehen ist. Sie hat ihre Berechtigung neben der realen Auffassung der Natur, denn auch ästhetische, ethische und religiöse Jntereffen sind allgemein menschliche Interessen. Der naturgeschichtliche Unterricht hat bisher das ästhetische Zntereffe säst nicht beachtet; wo es geschehen ist, da suchte man durch eineu Redeschwall oder durch einen Aufsatz über „die Schönheit der Pflanzenwelt" und dgl. ästhetische Gefühle unb Empfindungen zu wecken. So stellen die Autoren ^naturgeschichtlicher Präparationswerke vor die naturgeschichtliche Behandlung poetische Strophen oder eigene oratorische Gefühlsergüsse in der Meinung, mit solch allgemeinen Phrasen, wie von „der eigenartigen Schönheit" der Schwertlilie, von «dem eigenartig schönen Bau ihrer Blätter" re. den Sinn für die Schönheit, der Natur erschließen zu können. Weit gefehlt! Damit wird weiter nichts erreicht, als daß die Kinder der Naturschönheit ebenso verständnislos gegenüberstehen wie den Werken der Kunst und daß ihre ganze ästhetische Urteilskraft nicht weiter reicht als zu den bekannten abgedroschenen Phrasen, wie man sie von der Mehrzahl der sogenannten Halbgebildeten in einer Gemäldesammlung, in einem Konzertsaal hören kann. Das Naturschöne muß aber ebenso wie das Kunstschöne, um empfunden zu werden, beurteilt werden können. Natur und Kunst wirken ästhetisch in zweifacher Richtung; in elementarer Weise durch die sinnliche Anschauung, durch die sinnliches Wohlgefallen auslösenden Formen und Farben, in höherem Maße aber durch die mit den Formen und Farben dargestellten Ideen. Erst, wenn durch die sinnliche Form der ideale Gedanke hindurchscheint, wenn das ideale Moment das reale durchdrinat, empfinden wir ein Kunstwerk als schön; uno ästhetisch gebildet ist der, der das Kunstwerk nach der .dargestellten Idee beurteilen kann. Das Kind hat Wohlgefallen an einem schönen Oelgemälde; die Formen und Farben allein sind es, die sein "Wohlgefallen Hervorrufen. Die Formen und Farben wirken auch auf den Erwachsenen ästhetisch ein. Ganz besonders aber fesseln ihn die Ideen, die zur Darstellung kommen. Genau so in der Natur. Bei den Kindern und den weitaus meisten Erwachsenen, die Gebildeten eingeschlossen, beschränkt sich der ästhetische Genttß, den ihnen die Natur gewährt, lediglich auf die ästhetischen Elementargefühle, weil sie naturgeschichtlich nicht so weit gebildetsind, daß sie ans der Natur wie aus einem Gentälde die Ideen ablesen können. So wird manchem das reine Weiß der Blüte des Bienensaugs Wohlgefallen erregt haben — damit war aber sein ästhetischer Genuß beendigt. Anders bei dem, der die Bedeutung der Farben und Formen kennt. Ihm ist die Blüte des Bienensaugs ein vollendetes Kunstwerk, deren Unterlippe den Bienen und Hummeln als Anflugsstelle dient, deren helmartige Oberlippe für den Blütenstaub ein zweckntäßig gebautes Schutzdach gegen Tau und Regen bildet, deren „schreiende" Farben ein wirsames „Reklameschild" für die Jnsektenaugen, deren Honigsäfte ein Lockmittel für die Gäste darstellen. .Auch der Bau der unteren Blütenröhre verrät eine Zweckmäßigkeit, die in Erstaunen setzt. Im Grunde derselben liegt der Nektar verborgen, gerade so tief, daß der lange Rüssel einer Hummel ihn erreichen kann. Eine Haarreuse wehrt aber allen kleineren Insekten den Zutritt zu den Honigsäften: Es werden die unnützen Näscher ferngehalten, die die Bestäubung nicht vollziehen können. Nur Bienen und Hummeln steht der Weg zum Honig offen. Diese objektive naturgeschichtliche Auffassung laßt uns voll und ganz das kleine Gedicht von Goethe verstehen: „Ein Blumenglöckchen vom Boden hervor, War frühe gesprosset in lieblichem Flor Da kam ein Bienchen und naschte sein Die müssen wohl beide für einander sein." (Beispiel nach Lav.) Die Erkenntnis, wie hier zwei Geschöpfe in bewunderungswürdiger Weise einander angepaßt sirrd, löst in uns auch ein ästhetisches Wohlgefallen aus. Dieses Beispiel belehrt uns zur Genüge, daß die ästhetische Bildung nur mit der objektiven, wissenschaftlichen Auffassung der Natur Hand in Hand gehen kann, daß wir dem Schüler die Natur als eine reine Quelle ästhetischen Genusses umsomehr eröffnen, je mehr wir ihm das Verständnis fü.r die ursächlichen Beziehungen erschließen. Und die Verwertung dieses Gedichtchens im Unterricht zeigt uns, daß die poetische Verklärung der Natur, wie sie uns in vielen sinnigen Gedichten von Goethe, Heine, Lenau, in den Erzählungen und Schilderungen von Hebel, Wagner, Masius u. a. entgegentritt, erst hinter die naturgeschichtliche Auffassung gehört, wenn dem Schüler der Reichtum lebendig-sinnlicher Anschauungen zur Verfügung steht. Wo aber poetische und naturgeschichtliche Auffassung mit einander vernrengt werden, wird weder das ästhetische Gefühl für die Schönheit der Natur gebildet, noch das tatsächliche Verständnis der Natur gefördert. Den gleichen verhängnisvollen Fehler begehen jene Pädagogen, die im Interesse der sympathetischen Gemütsbildung an Stelle der objektiven die subjektive Naturbetrachtung setzen wollen und es ist ein Irrtum der unter dem Schlagworte „Kunsterziehung" bekannten Richtung in der Pädagogik, wenn sie glaubt, im Interesse der rechten Gemütsbildung des Kindes die objektive Naturbetrachtung als „wissenschaftlich" im Schulunterricht zurückdrängen zu müffen. Vielfach ist man auch der Meinung, daß der naturwissenschaftliche Unterricht dem sprachlich-historischen gegenüber überhaupt nur wenig Einfluß auf das Gemütsleben habe. Nach der Ansicht berufener Männer ganz mit Unrecht. Der berühmte Geograph Ritter ist der Ansicht, es sei keinem Zweifel unterworfen, daß der tiefe Eindruck der Natur ebenso auf die Entwicklung jedes einzelnen Menschen einwirke, wie er auf ganze Völker in Bezug auf Sitte, Anschauungen, Charakter, Geschichte und Weltstellung eingewirkt hat. „Der in sich gekehrte, in die üppigste Natur gleichsam verwachsene Hindu verdankt ohne Zweifel seine phantastische religiöse Anschauung jener alles überwuchernden Fülle wunderbarer und kolossaler Pstanzen und Tierformen. An jeder Stelle seiner Heimat sprossen ihm Götter aus Ranken und Blumen hervor; überall wandern die Menschenseelen in Tierleibern." Aus den Urzeiten aller Völker klingen Märchen und Sagen zu uns herüber, die uns die tiefsinnigste Naturbeobachtung enthüllen. In alten Volkssagen erscheint die Pflanze neben dem Tier als lebendes, empfindendes, handelndes Wesen. Ihren poetischen Ausdruck gewann diese Volksmeinung in den Baum¬ und Waldnymphen Griechenlands, die mit dem Baum geboren werden und mit dem Baum sterben. Auch der Deutsche lebte stets im Glauben, daß Wald und Flur von mitlebenden, wenn auch stummen Brüdern erfüllt seien. (Fortsetzung folgt.) Ao bleibt der Galmnd? Eine Erwiderung , und eine Anregung. (Fortsetzung). „Wer die Schule hat, der hat das Leben." Dieser Satz hat ja nur eine bedingte Geltung, aber das Eine ist doch sicher: wer sich den Einfluß auf die Schule entwinden läßt, der darf sich nicht wundern, daß das Leben sich anders gestaltet, als es seinen Wünschen entspricht. Das gesetzestreue Judentum hat es aber versäumt, sich einen maßgebenden Einfluß auf die Schule zu'sichern und daher die beklagenswerten Erscheinungen aus diesem Gebiete, daher der Tiefstand des jüdischen Wissens, der dann auch natur-