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Der Israelit · 1907-02-14 · Heft 7 (14.2.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 7 (14.2.1907)
Date
1907-02-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Nri7.Sette^ ' Kultus eingerichtet haben, Aeichzeitig auch Mitglieder der der neologen Richtung huldigenden Religionsgemeinde sind und daß sie mit Ausnahme des Gottesdienstes fast alle unter Verwaltung der Neologen stehenden Kultus-JnstitutiöNen der Religionsgemeinde mitbenlchen." Die Mitglieder der Religionsgesellschaft Mainz haben sich, wie man weiß, im Jahre 1878 nicht entschließen können, dem damals in Hessen erlassenen Austrittsgesetz entsprechend, die Steuerzahlung an die neologe Gemeinde zu verweigern und begnügte man sich damit, eine einem höheren Prozentsatz ihrer Steuern entsprechende Pauschalsumme für die Kaffe der Religionsgesellschaft zurückznverlangen. Sie glaubten dadurch sich den Vorwurf ersparen zu können, zur Erhaltung von Institutionen beizutragen, die ihnen als religiös verboten oder ungeeignet erscheinen mußten. Durchaus falsch ist es, „daß sie mit Ausnahme des Gottesdienstes fast alle unter Verwaltung der Neologen stehenden Kultus-Institutionen mitbenutzen. Aus Seite 2 der „Antwort" zählen die neologen Freunde des Entwurfs die Einrichtungen jeder israelitischen Religionsgemeiude auf: „Synagoge, Rabbiner, Vorsänger, Religionslehrer, Schächter, Friedhof u. dgl. m." Die Mitglieder beider Gemeinden . in Mainz wissen, daß sie von den hier genannten Institutionen einzig und allein den Friedhof gemeinsam haben, den Friedhof, den wie auch in Mainz, an sehr vielen Orten die Katholiken und Protestanten ebenfalls gemeinschaftlich besitzen. Eine Einrichtung, auf die in erster Linie das „u. dgl. m." .der „Antwort" hinweist, das Frauenbad, dient eingestandenermaßen nur den Orthodoxen und kann nur deshalb von den Orthodoxen benutzt werden, weil bei chrer Einrichtung die Wünsche des Rabbiners der Orthodoxen maßgebend waren und der Rabbiner der Religionsgefeflfchaft die rituelle Aufsicht darüber führt. Nach den heute in Hessen geltenden Bestimmungen muß die israelitische Religionsgemeinde auf Verlangen auch nur eines Mitgliedes diese Institution errichten und erhalten. Der Umstand, daß orthodoxe Steuerzahler zur Religionsgemeinde Mainz gehören, ist ziemlich sicher die Veranlassung, daß die Gemeinde Mainz diese orthodoxe Jnstituüon noch erhält, welche bei den Gemeinden Darmstadt und Bingen tatsächlich in Fortfall gekommen ist. Wir lernen hier von den Neologen eine ganz eigentümliche Auffassung des Wörtchens „fast". Wer von sieben, und ohne Synagoge und Vorsänger, fünf Jnstituttonen, zwei benutzt, von dem sagt man, daß er fast alle mitbenutzt. Wie würden die Neologen aufbrausen, wenn die Orthodoxen in einer Eingabe an die Kammern sagten: „Fast alle" Israeliten Hessens seien leines €migranteit$cl>ick$ak. (Aus' einem Privatbrief eines in Amerikareisenden jungen Frankfurters.) Ashland, (Wisconsin) 8. Januar 1907. Der Winter ist nun endlich bei uns eingekehrt. Die alten settlers (Anfiedler) hatten schon den Kopf geschüttelt und fich verwundert gefragt, ob die Zeiten denn S5 vorüber seien, in denen sie Tage lang durch hausen Schnee von der Außenwelt abgeschnitten waren 50" unter Null die winterliche Regel darstellte. Seit einigen Tagen sind jedoch Straßen und Felder mit einer mehrere Zoll hohen Schneedecke bedeckt und die Flocken treiben in der Lust ihre munteres Spiel Dabei bläst ein scharfer Nordwestwind vom Lake Superior herein, der einen das kalte Wetter doppelt stark empfinden läßt. Die Straßen find verödet, und auch ich eile, nachdem mich meine Geschäfte den ganzen Tag viel auf der Straße gehalten hatten, den: Bahnhof zu, um mich bis zur Ankunft des Zuges etwas zu wärmen. Der Wartesaal ist von einer bunten Menge besetzt. Einige Reisende, die fich gleich nur vor dem ungastlichen Wetter geflüchtet, ferner Italiener, Böhmen und Ungarn, die von der Arbeit in den benachbarten Eisen- und Kupferminen kommen und mit ihrer verschiedensprachigen lauten Unterhaltung einen gewaltigen Lärm verursachen. Die Luft ist von einem dichten Tabaksqualm erfüllt. Auf einer der Wandbänke, einsam und allein, fitzt ein armer russischer Glauvensbruder, ein peddlar (Haueuilleton. DerJsraStt. " orthodox. - Und doch wäre hier mit „fast alle" reichlich die Hälfte und nicht ein kleiner Teil bezeichnet. Rabbinat, Synagoge, Religionsunterricht, Schechita haben die Orthodoxen in Mainz gesondert eingerichtet, nur eine ihnen allein dienende und dem Wunsch ihrer Rabbiner ensprechend hergestellte und geleitete Institution haben sie außer dem Friedhof gemeinsam und „fast alle"? Die Verteidigungsschrift für den Gesetzentwurf, die Verfassung und Verwaltung der israelittschen Religionsgemeinschaft ist schon einmal in etwas anderer Fassung hinausgesandt worden. Von dem überaus verletzenden Ton dieser ersten Fassung ist noch einzelnes übrig gebliebendoch wir wollen darüber yinwegsehen, es ist wohl nur eine Vergeßlichkeit, daß das nicht radiert wurde. Den Vorstehern der Gemeinden von Mainz, Darmstadt, Gießen und Bingen raten wir, den großen Rest an sonstigen Mängeln aus der jetzigen Fassung ihrer Antwort ebenfalls zu tilgen. Dann aber werden sie nicht mehr nötig haben, die revidierte „Antwort" aufs Neue zu versenden, denn nach Tilgung aller Schönheitsfehler wird von ihrer Antwort nichts übrig bleiben. — — Dann wäre der Weg zu einer friedlichen Gestaltung der Dinge geebnet, die uns gestattet einträchttg nebeneinander zu leben — und zwar ohne gemeinsamen Oberrat. ochsnimnöschau. Der Sali 6reenberg. Der Berliner Generalanzeiger hatte vor einigen Wochen die merkwürdig klingende Nachricht gebracht, daß der bekannte englische Zionistenführer Greenberg in einer öffentlichen Versammlung die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag befürwortet habe, befürwortet in einem Augenblicke, in dem die en0lifcfec Judenheit aller ihrer Energie bedarf, um sich den Sabbat gegenüber den Anfechtungen der Sonntagsruhe-Bewegung zu erhalten. Die Nachricht erschien uns so unglaublich, daß wir keine Notiz davon nahmen, und in der Tat ergiebt sich jetzt auch aus einer von Greenberg veröffentlichten Richtigstellung, daß die Sache nicht ganz so schlimm liegt. Immerhin schlimm genug. Greenberg ist fierer). Er keucht noch von der Last der an seiner Seite liegenden Bündel, die seine Ware und wohl auch sein ganzes Befitztum enthalten. Ich stehe nicht weit von ihm und habe Gelegenheit ihn etwas genauer zu vettachten. In einem dünnen, fadenscheinigen Anzug, der für den Hochsommer nicht zu warm gewesen wäre, ohne Mäntel, fo war dieser Mann den ganzen Tag einem heftigen Schneesturm ausgesetzt gewesen. Aus seinen Gestchtszügen sprach Hunger und aus seinen Augen das traurige Gefühl der Verlassenheit. Nur wer selbst einmal in fremdem Lande gewesen, ohne Kenntnis der Landessprache, sodaß er noch nicht einmal ein freundliches Wort mit einem Anderen austauschen konnte und ganz auf sich selbst angewiesen war, kennt dieses Gefühl des Alleinseins, das umso stärker fich bemerkbar macht, je munterer die Menge um einen herum ist. Ich rückte etwas näher an den Hausierer heran, um ein Gespräch mit ihm anzuknüvfen, und nun bemerkt er auch mich. Da er nicht weiß, ob ich seine Sprache spreche, ftägt er:? Ich antworte in Jiddisch (Jargon) bejahend und setze mich zu ihm. Da ich aus früherer Erfahrung weiß, daß bas Selbstgefühl der Armen gar leicht verletzbar ist, so ersuche ich ihn, „mit mir zusammen" zu essen. Ich packe den Borrat an Aepfeln und Chokolade, die ich aus Mangel an -Essen für meine Abendmahlzelt eingekaust hatte, aus und zu meiner Freude hat er bald meinen ganzen Proviant verzehrt, wobei er mir gesteht, daß er den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Inzwischen ist der Zug angekommen und auf meine Aufforderung nimnlt er neben mir Platz, indem er dankbar anerkennt,' daß ich mich nicht „schäme" mit ihm zusammen zu fahren. Ich habe, wie es scheint, sein Vertrauen gewonnen, denn wird jetzt gesprächiger:. Seme Familie? — Seine Augen, nehmen einen 1 - 14. Februar law, zunächst für die Aufrechterhalttmg des Sabbats eingetreten, hat indessen hinzugefügt, man dürfe auch diejenigen, die diese Grundinstitution des Judentums durch die Weihung des Sonntags verwirklichen zu müssen glaubten, nicht zurückstoßen, nicht aus der „Synagoge ausschließen". Ein Sonntag-Sabbat sei besser als gar keiner! Mit erfreulicher Energie hat auf diese gänzlich unjüdifchen Expektorationen einer der Führer des Misrachi im Sprechsaal der „Welt" geantwortet (— im „Sprechsaal" natürlich— ohne Verantwortlichkeit der Redaktion —). Es heißt darin u. a.: Es ist klar, baß bei derartigen Anschauungen,' die dem historisch überlieferten Judemtum entsprechen, der Synagoge eine ganz andere Bedeutung zukommt, als sic von Ihnen charakterisiert ist. Sie ist ihrem Wesen nach keine „Kirche" der christlichen Nationen, die zur Abrundung des nattonalen Lebens dient, die ihren Anschauungen je nach Bedürfnis ewen weiteren oder engeren Gesichtskreis einräumen mußte, ganz wie es bei der Ausbreitung des Christentums etwa in der Anlehnung an bestehende Volksbräuche geschah, deren tiefere Bedeutung dem neuen Geiste vielleicht dazu diametral entgegengesetzt war. Die Synagoge als Versammlungsort der Gemeinde, sollte zugleich ihren geistigen Mittelpunkt bilden, in dem alle Bestrebungen der Volksgemeinschaft Zusammentreffen. Sie hat keineswegs dekorattve Bedeutung, die etwa nur in gehobenen Mo-, menten des Einzel- oder des Volkslebens wirksam wurde. Sie ist dem Gottesdienste gewidmet, aber der jüdische Gottesdienst endet nicht mit dem Berlaffen der Synagoge, er beginnt erst damit. Ihre Sonntaasfreunbe mögen ruhig die Synagoge am Sonntage aufsuchen, sie verschließt ihnen die Tore nicht; aber Sie können nicht verlangen, daß man eine Komödie aufführt. Warum sollten denn die in der Türkei lebenden Juden nicht den Freitag für den Sabbat beanspruchen? Sie hätten in Konsequenz Ihrer Anschauungen sicher nichts dagegen .und dürfen fich auch für den Freitag auf den Stifter des Christentums berufen, der, nebenbei bemerkt, einen Ausspruch des viel älteren Talmud zitiert. Wir haben übrigens gar keine Veranlassung, uns als Juden auf diesen „Erlauchten" zu berufen, der mit seinem Wirken doch schließlich das Judentum und seinen Bestand als selbständige Nation aufgelöst, in dessen Namen man uns wehe, sehr wehe getan hat. Und diejenigen Juden, welche vielleicht in analoger Denkweise zu Ihrem Resultat gelangt sind und den Sabbat tatsächlich auf dett Sonntag verlegt, haben auch das nationale Band der Judenheit zerrissen. Sie wurden dabei nur von geistloser Nachahmungssucht nichtjüdischer Sitten geleitet und beriefen sich nicht auf die Lehren „eines unserer größten Lehrer": „Es ist besser, den Sabbat in einen Wochentag umzuwandeln, als von irgend jemand abzuhängen." Es kostet einige Ueberwindung, gegen diese Fälschung und Verwirrung der begriffe mit Ruhe und Objettivität zu polemisieren. Also einer der „größten Lehrer" sollte einem Grundgesetze der Thora eine solche Bedeutung und Einschränkung unterlegt haben, der Thora, deren Verbindlichkeit mit den entschiedensten, unzweideutigsten Worten für alle Zeiten gefordert wird! Es wird wirklich höchste Zeit, daß die Zionisten, und namentlich die an verantwortlicher Stelle, fich ein wenig um das jüdische Schrifttum kümmern, dem doch auch eine gewisse Bedeutung um die Erhaltung .der jüdischen Nationalität durch die Jahrtausende nicht abgesprochen werden kann. Ich erlaube mir, falls Ihnen das Studiuni des Talmud zu schwierig erscheint, > ie auf den Schulchan Aruch § 242 „Gesetze über den Sabbat" hinzuweisen. Da werden Ste über die wahre Bedeutung dieses Ausspruches wehmütigen Ausdruck an, wenn er an die denkt, die er in der alten Heimat zurückgelassen. Ja, er ist aus Rußland, aus Byalistock, wo er ein Ladengeschäft sein eigen nannte. Eines Tages — seine Sprache wird fließender, wie er die alten Bilder nochmals an fich vorüberztehen läßt — kommt eine jener organisierten Räuberbanoen in das Stadtviertel, wo er lebt. Er flüchtet mit. seiner Familie in den Keller, über ihnen wüster Tumult. Das Haus und^das Geschäft, das er in jahrelangem Mühen erarbeitet, fällt der Zerstörungswut der wilden Horde zum Opfer. Bier lange Tage und Nächte kauett er mit seiner Familie im Keller, in ständiger Furcht und Bangen. Dann, als wieder Ruhe — Todesruhe — in ihre Straße eingekehrt ist, verläßt er sein Asyl und bringt seine Frau mit den sechs jüngeren Kindern bei Freunden unter. Sie ' find dort sicher, denn die Räuber haben es hauptsächlich auf die Zerstörung des Eigentums und die Tötung der Männer abgesehen. Sind diese tot, so verhungern die weiblichen Familienmitglieder ja von selbst! So flüchtete er denn mit einem 15 und einem 18 Jahre alten Sohne nach Amerika. Den einen hat er in New-Iork zurückgelassen, um dort sein Fortkommen zu suchen, er selbst mit dem anderen Sohn kam nach Ashland, wo einer seiner Landsleute einen kleinen Laden hat. Dieser versah ihn mit Ware, (Zinngeschirr, Schnittwaren etc.) und nun hausiert er in den umliegenden kleinen Städtchen. Für fich selbst hat er keine Bedürfnisse nur an seine- Familie denkt er. Wie lange es wohl dauert, bis die wenigen Cents, die er täglich zurücklegen kann,, eine genügende Summe ausmachen, um seine Frau und Kinder herüber kommen zu lassen? Ob er wohl seinen Sohn wieder steht, von dem .er fich in dem über 1000 Meilen von hier entfernten New-Aork trennte, und seine alten Eltern?! Seine Augen, die für einen Augenblick in der Hoffnung auf. ein baldiges Wiedersehen aufgeleuchtet hatten, nahmen wieder dm alten sehn-

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