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Der Israelit · 1907-02-07 · Heft 6 (7.2.1907) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 6 (7.2.1907)
Date
1907-02-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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' 7. Februar 1907. Der*JSraeltt. Er nahm das Geld aus der Schieblade, die vor ihm war und legte es in das Beptelchen, das auf dem Tische lag. Der Fremde schaute ganz verdutzt drein und schien doch einige ernste Bedenken gegen den Handel zu haben. Er wollte sprechen, aber der Rabbi kam ihm zuvor: Verderbt Euch Euer Geschäft um Himmelswillen nicht; jedes Wort, das Ihr darüber verliert, kann Euch verhängnisvoll werden. Ihr müßt mit Simchoh (Freude) in das Schutfos (Compagnie) gehen, sonst ist kein Segen dran. Aber rechnet doch selber ein bischen, so werdet Ihr allein finden, d.iß der Schuttoff bester ist als jeder andere, wenn man die Sache auch nur mit den Augen eines Handelsmannes ansieht. Zehn Prozent verdient Ihr sofort, denn Maaser (den Zehnten) braucht Ihr. jetzt nicht mehr zu geben. Während Ihr also früher nur 40 Proz. bei Eurer Kippe (Compagnie) hattet, habt Ihr jetzt fünfzigversteht Ihr?" «Ich verstehe, Rabbi, aber verzecht, haben die Chachomim nicht gesagt, man solle, wenn man noch so splendid sein will, nicht mehr geben als ein fünftel und der Rabbi verlangt ich soll die Hälfte geben?" „Wenn Ihr nicht wollt, so dürft Jhr's jetzt noch lasten, aber die Chachomim müßt Ihr mir aus dem Spiel lasten. Daraus sehe ich, daß Jhr's nicht ernst meint, mit dem Schutfos. Wenn ich Euch einen Schuttof von Fleisch und Blut . vorgeschlagen hätte, hättet Ihr mich dann auch so etwas gefragt? Hat Euch das Wort von unfern Chachomim bei Eurem frühem Kippe- Chawer (Gesellschafter) gestört? Aber davon abgesehen, kommt das ja alles nicht hierher. Unsere Chachomim haben uns gesagt, von dem Ver- . mögen, das man hat, nicht mehr als ein fünftel wegzugeben. Aber Euere Verpflichtung bezieht sich ja auf ein Vermögen, das Ihr noch nicht habt, das Ihr erst haben werdet, und — das sage ich Euch jetzt in allem Ernst — das Ihr nie bekommen werdet, wenn Ihr nicht bei Euerem gegebenen Wort bleibt. Also, Ihr habt jetzt noch die Wahl." „Nein, Rabbi, so wars's nicht gemeint, ich bleibe bei meinem Wort und danke für Euren Rat und Eure Beruhigung." Mit diesen Worten verabschiedete sich der Fremde, von den Segnungen des Rabbi begleitet. Mit frischem Lebensmut ging er in die Heimat zurück, sein ganzes Sinnen und Denken auf den großen Kompagnon gerichtet, der ihm aus jedem Sonnenstrahl zubliitte und besten ermutigenden Gruß er in jedem Luitzug empfand, der ihn auf dem Wege umkoste. Er wußte, daß er in seinem Geschäft reüssieren werde, wie hätte auch sonst ein armer Mann wie der Baal-Schem einen Betrag von zehn Gulden riskieren können! Als ein halbes Jahr sväter der Sendbote füp die Michelstädter Jeschioa Reb Seligmann aus dem Elsaß zur Abgabe der gesammelten Gelder zurückkehrte, brachte er von Raphael Levi aus Blotzheim fünfundzwanzig Gulden, mit einem Gruß und der Bemerkung, das Geschäft gehe gut. XIX. Die schweren Ereigniffe des Jahres 1820, die Rabbi Seckel Löb vorher geschaut und soweit es ein Einzelner vermag abzuwenden und zu mildern bestrebt war, waren längst vorüber, als er ein neues Unglück voraussah, das allerdings nur ihn und seine nächste Umgung betraf. Er sah im Traum sein Haus in Flammen stehen, die alles, was er besaß, vollständig verbrannten. Der Traum wiederholte sich mit so furchtbarer Deutlichkeit aller Einzelheiten, daß er ernstlich beunruhigt wurde. Als er den Traum dann zum drittenmale hatte, war er von seinem Eintreffen so sicher überzeugt, daß er sofort das Einzige tat, was er zur Milderung dieses Unglücks vermochte, er versicherte sein Haus gegeu Brandschaden. Auch aus diesem Zug ergibt sich so. recht seine nüchterne, praktische Denk- und Handlungsweise, die nicht auf Wunder wartet, sondern drohenden Ereignissen zunächst mit natürlichen,, menschlichen Mitteln entgegentritt. So hat er auch in schweren Krankheitsfällen, in welchen er um Hilfe angegangen wurde, die Betroffenen immer zuerst an den Arzt verwiesen und erst wenn ärztliche Hilfe nichts vermochte, trat er mit seiner Persönlichkeit helfend ein. Im Jahre 1825 in einer Nacht von Donnerstag auf Freitag, in der er sonst länger und emsiger als in anderen Nächten dem Studium der Thora sich hingab, war er wegen einer Indisposition genötigt, früher als sonst sich zur Ruhe zu begeben. In dieser Nacht brich das Feuer in einem Nachbarhause aus, ergriff eine große Anzahl anderer Gebäude und unter ihnen , auch das des Rabbi. Dieser schlief mit seiner Familie so fest, daß sie erst durch den Feuerlärm geweckt wurden, als die Flammen schon das Innere des Hauses ergriffen hatten. Erbedurfte aller seiner Geistesgegenwart, um für sich und seine Angehörigen nur das nackte Leben zu rettendas Haus^ sein ganzer Inhalt, und vor allem seine kostbare Bibliothek, an welcher er so viele Jahre gesammelt, hatte, alles fiel dem entfeffelten Element zum Opfer. Auch eine große Zahl von Handschriften, in welcher er die Forschungen seiner emsigen Studien niedergelegt hatte, alles ging in jener Nacht im Feuer auf. Ein furchtbarer Wind trug die verkohlten Reste seiner heiligen Schriften stundenweit fort. Als jüdische f»andelsleute auf der über eine Stunde in der uftlinie entfernten Böllsteiner Höhe die verkohlten und angebrannten Spuren der heiligen Blätter am andern Morgen fanden, ahnten sie das geschehene Unglück. Alles Harte, das den schwergeprüften Dulder in seinem bewegten Leben betroffen, hatte ihn nicht so tief gebeugt als dieses Braudunglück, das ihm in wenigen Stunden seine köstlichen, geistigen Schätze entführte. Aber von dem idealen Verluste abgesehen war auch der materielle Schaden wohl geeignet, den Blick des so schwer Betroffenen zu umfloren. Er stand mit seiner zahlreichen Familie nach diesem Brande vollständig mittellos da, selbst die notwendigsten Kleidungsstücke waren ein Raub der Flammen geworden. (Forts, folgt.) Dam»« und Phirrtias In der Irrderrgasse. Bon Arthur Kahn. [53J Nachdruck verboten. Er wankte. Erschreckt sprangen die Kinder hinzu und ließen ihn sachte aufs Sofa gleiten. Simon riß ihm rasch die Halsbinde und das Hemd auf, Emma eilte fort, um Kölnisches Waffer zu bringen. Emil hatte den Arm um den Nacken des Vaters gelegt und hielt ihn sanft an seine Brust gelehnt. Auch die Schwiegertochter hatte sich erhoben, ein Glas Wasser ergriffen und stand nun etwas abseits da. Die Szene kam ihr plebejisch vor. Maier Korn hatte sich schon erholt und brach jetzt in heftiges Schluchzen aus. Man gab ihm Baldriantropfen, die er aber heftig von sich stieß, sodaß sie fast ganz auf den Fußboden zu fließen kamen. Frau Korn junior rümpfte über dieses heftige Gebahren des Schwiegervaters die Nase und saß dann noch eine Weile mit indignierter Miene da. In ihrer Familie, lauter eingebornen Frankfurtern, hätte sich doch jeder bester zu beherrschen gewußt. Es kam ihr bei diesem Schwächeanfäll Korns wieder zum vollen Bewußtsein, daß sie nicht in diese Familie gepaßt hatte und sie kam sich sehr vereinsamt vor, weil niemand jetzt weiter auf sie achtete. Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, wegen Korns Zustand nichts mehr zu befürchten stand, entfernte sich das junge Paar wieder. Frau Siegfried Korn, von ihrem zweiten Wochenbett her stets leidend, durfte ihren Nerven an einem Abend wie heute, nichts mehr zumuten. Einsilbig, vor sich hinstarrend, faß Maier Korn da, ohne von den sich im leisen Flüsterton unterhaltenden Kindern uno der still daliegenden Frau weiter Nottz zu nehmen __ «r. 6. Sette 15. Emma, obgleich der Tod Limbachers auch auf sie einen tiefen Eindruck gemacht hatte, sah verwundert ihren Vater an. Er hatte doch den Berstorbenen seit Jahren nicht mehr als einen Freund behandelt, weit eher war es das Gegenteil. Und jetzt faß der Mann da, als habe ihn die Todesbotschaft zerschmettert. Frau Korn lag mit geschlossenen Augen, still sinnend im Bett- Emst, feiner Gewohnheit gemäß, saß neben ihr und betrachtete mit seinen nachdenklichen Augen, ebenso wieSimon, den Vater. Emma hatte sich geräuschlos entfernt. Es war beängstigend still in der Stube geworden, wie stets, wenn bedrückte Menschen wortkarg beisammen sind. Die Söhne schienen die Ursachen des so plötzlichen Umschlages in dem Benehmen ihres VaterS zu ahnen und die Vorgänge in seiner Seele zu lesen. Ohne daß er den Blick erhob/ fühlte Korn, daß die Augen der Kinder auf ihn gerichtet waren und eine peinliche Unruhe überkam ihn. Er erhob sich mit einer raschen Bewegung, ging, die Hände auf dem Rücken ineinandergepreßt, erregt auf und nieder. Bor Simon stehen bleibend, aber über ihn hinwegblickend, begann er: „Ich fahre zum Begräbnis — ja, ich werde morgen ganz frühe fahren." „Unmöglich", warf Simon ein, und schüttelte verwundert den Kopf. „Nur auf weitem Umweg, wo jetzt der Rhein zugefroren, kann man dahinreisen- und bei dieser Jahreszeit — unmöglich, Vater." „Und wenn ganze Eisstücke vom Himmel fallen", beharrte Korn, „soll er ohne mich nicht zu Kewvure (Begräbnis) kommen." Wieder ttat eine beklemmende Sttlle ein, nur unterbrochen von den schweren Tritten desruheos umhergehenden Mannes. Wie ein greller Blitzstrahl mußte die Todesbotschaft in Korns Seele gefahren sein, daß er solchermaßen aus seiner Gemütsruhe aufgerüttelt, so haltlos geworden sein konnte. Und selbst seine Umgebung schien er minutenlang gänzlich vergeffeu zu haben. „Tot! Limbacher tot", murmelte er wieder. „Daß man an so etwas auch gar nicht denkt." Er sah entsetzt auf die Türe, als sähe er etwas Feindseliges ein treten. Simon wurde es schwül zu Muteer wollte den Vater von seinen beängstigenden Gedanken abbringen und begann schüchtern: „Vater, was nützt es dem toten Mann, wenn Du dich in seinem Leichenzug befindest?" „Schweig", herrschte ihn Korn heftig an, und setzte nach einigem Besinnen, immer dabei auf-und abgehend, ruhiger hinzu: „Ihm? Ihm nützt es freilich nichts, aber vielleicht mir. O, daß man an so was aber auch vergeffen kann!" Zum zweitenmal hatte das jetzt Korn gesagt. „An was r" frug Simon. „Wie kannst Du nur noch ftagen, Simon!" antwortete Korn weich. „Ich glaube, Simon", fuhr er nach kurzem Besinnen 'mit unsicherer Stimme fort, „ich habe nicht immer rechtlich an Limbacher gehandelt — — ich weiß zwar nicht -aber, wie das im Geschäft manchmal so geht-und jetzt kommt alles so plötzlich -und da liegts auf einmal so schrecklich, so schwer auf mir-" Er war bleich geworden- Schweißtropfen ttaten ihm auf die Stirn, und er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Er wandte sich um, schritt auf den Ledersessel zu und ließ sich willenlos hineinsinken. Und wieder wurde es still, unheimlich still in der Stube. Die Kinder bettachteten mit verstohlenen Blicken den gebrochen dasitzenden Mann, den die Todesnachricht so niederschmetterte, als betreffe sie seinen leiblichen Bruder. Es lag so viel Widerspruch heute in Korns Wesen, den sie sich nicht erklären konnten. Ihr Vater war es, der Limbacher zuerst und am rücksichtslosesten bedrängt hatte und sich dann um den jäh Abstürzenden nicht mehr kümmerte. Hätte er Limbacher retten wollen, so wären wahrscheinlich die Kinder voll damit einverstanden gewesen. Und auch ohne chre Zustimmung, da er doch stets seine Autorität als Familienhaupt zu wahren gewußt hatte,

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