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Der Israelit · 1907-02-07 · Heft 6 (7.2.1907) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 6 (7.2.1907)
Date
1907-02-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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cfjeVWart Uon Menüelssodn bis fierzl. Psychologische L tudien zur'jüdischen Geschichte. Bon Dr. Raphael Breuer in Frautfurt a M. IV. Frankel. (Schluß.) Eine religiöse Infektionskrankheit möchten wir das Nebel nennen, das Frankel als Breslauer Seminardirektor in die jüdischen Gemeinden Deutschlands, Oesterreichs und wer weiß in welche Zonen noch, importierte. Man sollte kaum glauben, mit welch reißender Schnelligkeit sich diese Krankheit einer für sie empfänglichen Konstitution bemächtigt. Wie lähmend das Beispiel Frankels auf eine mannhafte religiöse Ueberzeugung wirkt, wie viel Gewissensskrupel das lärmende Beifallsklatschen, das dem Breslauer Seminardirektor heute noch entgegenwallt, verscheucht. Das Leben mit all seinen Reizen und Gemächlichkeiten ist der mächtige Bundesgenoß dieses jüdischen Kompromißheroen. Denn was glaubt man denn — ist es gar so einfach, die Göttlichkeit der mündlichen Lehre aus der Welt zu blasen! Wohl vermag ein Jeder, glaubt es zu vermögen, mit ein paar Federstrichen, mit ein paar Satzwendungen die Thora in zwei Teile zu zerlegen: nwi '“6 PPXn! Aber man bedenke doch einmal die unendliche Konsequenz einer solchen Teilung. Man denke sich: der Talmud kein göttliches Buch, sondern irdisches Menschenwerk, mit allen Vorzügen, aber doch wahrlich auch mit allen Mängeln eines menschlichen Geistes! Mit welchen Ansprachen, mit welcher Anspruchsberechtigung darf die mündliche Lehre mit ihren das ganze Leben umspannenden Anordnungen an "mich, an dich, an uns alle herantreten und fordern, daß sich ihnen unser Leben, zu dessen uneingeschränktem Genuß wir ja eigentlich ohne Thora genau so berechtigt wären, wie jeder Nichtjude, mit freudiger Bereitwilligkeit unterwerfe! Etwa, weil es Zacharias Frankel so will und das Breslauer Seminar eingehen müßte, wenn es kein Judentum mehr auf Erden gäbe! Was Frankel tat, schaute harmloser aus, als was Holdh im verbrach. In Wirklichkeit liegt da der Unterschied nur in der Methode. Ob Ludwig X VI., vor die Alternative gestellt, entweder nach Holdheim'scher Manier durch die Guillotine geköpft, oder nach Frankelscher Art, mit dem Königspurpur angetan, auf operativem Wege allmählich blutleer gemacht zu werden, sich nicht doch für die erstere Manier als das kürzere Prozeßverfahren entschieden hätte, darüber werden heute vielleicht nur die Erben Frankels im Zweifel sein. Vor einiger Zeit, es^war anläßlich des Seminarjubiläums in Breslau, gab der Marburger Professor Hermann Cohen in der Zeitschrift ssür „modernes Judentum", Ost und West, Erinnerungen an Zacharitrs Frankel, seinen Lehrer von dazumal, zum besten und berührte dabei auch den Breslau-Frankfurter Federkrieg. Daß es dabei an einer abfälligen Bemerkung über den Frankfurter Standpunkt nicht fehlte, ist selbstverständlich. Die einzelnen Sätze sind mir nicht gegenwärtig, sonst brächte ich sie hier zum Abdruck, sie sind ein Muster vornehmer Verdammung mißliebiger Standpunkte, aber auch eines tiefsitzenden Unverständnisses, von dessen Ausmaß der Gelehrte selbst nichts ahnt. Und Cohen wird heute gewiß nicht der -einzige sein, dem der Standpunkt des Frankfurter Rezensenten kleinlich erscheint; dieselbe Auffassung über diese Zeitungspolemik, die, wenn man alle Folgen ermißt, doch etwas mehr als eine Zeitungspolemik, ein weittragendes zeitgeschichtliches Ereignis ist, vertreten alle die, die mittelbar oder unmittelbar aus der Frankelschen Schule stammen. Ein Urteil über diesen Streit ist immer der untrüglichste Gradmesser für den jüdischen Charakter, der sich durchaus nicht in praktischer Frömmigkeit erschöpft, des Urteilenden selbst. Praktisch „fromm" soll ja Frankel auch gewesen sein, und gleichwohl bedeutet sein Auftreten in der jüdischen Gelehrtenrepublik das größte Unglück unseres Judentums. Cohen und alle, die gleich ihm diesem Streit kühl bis ans Herz hinan aegenüberstehen, ermessen eben nicht die Folgen dieses Streites, wissen nichts oder wollen nichts wissen von dem unendlichen Einfluß der mündlchen Lehre als Gotte sichre auf die Gestaltung des jüdischen Volkslebens, des jüdischen Bolkscharakters, und ahnen nicht, welch gewaltigen Ruck, welch verhängnisvolle Verschiebung der geschichtlichen Entwicklung eine Modifikation unseres Verhältnisses zum ererbten Gesetz bedeutet. Als ehrlicher Mann mußte Frankel diese Modifikation zuerst an seinem eigenen Verhältnis zur alten Anschauung über Wert und Bedeutung der mündlichen Lehre vollzogen haben, ehe er mit einer Schrift, die eine solche Umwertung religiöser Werte wissenschaftlich rechtfertigen sollte, vor die Oeffentlichkeit trat. Daß er aber diese Umwertung nicht vor den Augen aller Welt, nicht mit unzweideutiger Klarheit vollzog, daß er schwieg, wo er hätte reden, weithin hörbar reden und argumentieren sollen, ist ein schwarzer Fleck an seinem Charakterbilde, den die wohlwollendste Geschichtschreibung nicht wegwischen kann. Zuweilen ist auch Reden Gold: wenn Schweigen einem Verrat am Höchsten und Heiligsten gleicht. Man muß nicht nur gelehrt und klug, man muß auch offen und ehrlich sein. Der Forscher kennt nur die Wissenschaft, aber nicht sich selbst. Seine Persönlichkeit verlier t sich hinter dem Ideal seines Gelehrtenstrebens. Er hört auf, er selbst, ein Ego, sich selbstbezweckende und fördernde Persönlichkeit zu sein. Als Frankel vor die Aufgabe gestellt war, seinen Standpunkt einem mächtigen Gegner gegenüber zu rechtfertigen, der ihn in die Enge getrieben, ihm die Pistole an die Brust gesetzt: Bekenne ob ja oder nein — da kam sein Ego, seine Persönlichkeit, die Rücksicht auf allerlei zum Vorschein, er bekannte nicht und schwieg. So ist Frankel nicht ein Prophet seiner Wissenschaft gewesen, und sein Schweigen trägt die Schuld, daß er als ein durchaus unwissenschaftlicher Forscher im Andenken der jüdischen Nachwelt lebt. Frankel schwieg, doch seine Schüler lärmten. Mehr als ihm vielleicht lieb war. Denn genützt haben sie ihm wenig mit ihrem Poltern und Schimpfen, mit ihren Erklärungen und Vermahnungen. Sie glaubten für Frankel ins Feuer zu gehen und haben mit ihrem jugendlich kecken Aufmarsch nur die Szenerie belekt, den Fall ihres besiegten Lehrers und Meisters nur interessanter und dramatischer gestaltet. Hätten sie geschwiegen, dann hätte sich der Meister vielleicht am Ende doch noch entschließen müssen, seine vielsagende Einsilbigkeit nach redlicher Männer Art zu brechen und gerade heraus zu sagen, was in verhüllter Zweideutigkeit zu sagen er nicht unterlassen konnte. So aber sprachen die Breslauer Grünschnäbel, und da der Frankfurter Polemiker seine, wenn auch wahrlich ungenügende, Antwort hatte, konnte der Seminardirektor schweigen, ohne daß eine peinliche Salonstille emtrat. Es ist den Breslauer Freunden und Seminaristen denn auch beim nichtverstehenden Publikum gelungen, die Meinung zu erwecken, als hielte es Frankel unter seiner Würde, auf solche Angriffe zu reagieren und überlasse es lieber Freunden und Schülern, für ihren Meister in die Bresche zu treten. Aber die Geschichte kann nicht getäuscht werden. Sie weiß und vergißt es nimmer, wann und warum Jemand stecken bleibt, wann und warum Jemand schweigt, wo er hätte reden und sich verteidigen sollen, und sie weiß, daß in solcher Sache Schweigen nichts Vornehmes, keine ehrenhafte Gelehrtenmanier, sondern eine schwere Versündigung ist. Den Begriff des diplomatischen Rabbiners, der identisch ist mit dem des widerrechtlich konzedierenden, mit dem Heiligsten ein frevles Spiel treibenden Pfaffen, in die Wirklichkeit und zu allgemeinster Giltigkeit umgesetzt und ausgebaut zu haben, ist das Verdienst der N a ch f o l g e r Frankels. Den wissenschaftlichen Anstoß dazu eliefert, beu theoretischen Anfang und die cientifische Unterlage gemacht und gebaut zu haben, sein eigenes, ^eine Darke Hammischnah waren die Basis, auf der sich der ganze folgende Jammer, alle Charakterschwäche und diplomatisierende Konzessionsheuchelei unserer Zeit erhob und so nur als die letzte .Konsequenz sich von dem darstellt, was Frankel begann und wozu er den Anstoß gab. Den Darke Hammsschnah konnten ein par geniale Zeitungsartikel

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