Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1907)
- Date
- 1907-02-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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mm 7.-Februar 1907. Der Israelit. Nr. 6. Seite 7. ' Indessen, der Staat selbst trägt die Schuld an diesem Zustande! Warum hat der Staat nichts dazu getan, um die endgültige Regelung der Autonomie und deren Rechtsverhältnis zum Staate in gesetzlicher Weise vorzunehmen 9 Merkwürdiger Weise wird dieser Vorwurf sowohl von neologer als auch von orthodoxer Seite gegen die Kultusregierung erhoben. Die Conclusion dieser Prämisse ist zwar auf beiden Seiten eine grundverschiedene. Aber dennoch ist die Orthodoxie nicht berechtigt, diese Frage in solcher Form aufzuwerfen. Ja, bis zu einem gewissen Punkte kann man sogar feststellen, daß die ungarische Regierung garnicht daran schuld sei, wenn, wie die Führer der Kongreßpartei behaupten, die Autonomie und deren Rechtsverhältnis zum Staate noch nicht geregelt ist. Der ungariche Staat hat im Jahre 1869 durch Einberufung des jüdischen Kongresses eine Regelung der jüdischen Verhältnisse in.so nobler Weise angebahnt, wie es bis heute noch in keinem Staate der Welt vorgekommen ist. Der ungarische Staat wollte seinen jüdischen Untertanen eine kirchliche Autonomie verleihen, wie solche die übrigen Landeskirchen haben. Der Kongreß hat auch eine Autonomie geschaffen, allerdings eine' Autonomie, die vollständig geeignet ist, jede gefetzestreue Richtung in autonomer Weise im Keime zu ersticken. Aber für die Kongreßpartei besteht diese Autonomie ausrecht. Die Orthodoxen erhielten auch ihre Autonomie, die auch von der gegenwärtigen Kultusregierung vollständig anerkannt ist. Die orthodoxe Partei und deren Führer haben es auch niemals behauptet, daß das ungarische Judentum keine Autonomie besitze. Im Gegenteil. Sie bekennen sich durchaus zu dieser Autonomie'. Sie finden auch ihr Verhältnis zum Staate geregelt. Die Regierung hat danach vom Standpunkte des gesetzestreuen Judentums in Sachen der Autonomie nichts versäumt. Was unterlassen wurde, geschah eben nur im Interesse der so schwer erworbenen orthoxen Atonomie. Und von Franz Deak angefangen bis zum Kultusminister Apponyi, haben die liberalen Staatsminister in diesem Punkte, wenn auch mit kleinen Unterbrechungen und nicht immer mit gleicher Begeisterung gerade in diesem Belange das Prinzip der Gewissensfreiheit hochgehalten. Aber eine einheitliche Autonomie, die sich auf die jüdische Gesamtheit erstrecken soll, das fehlt tatsächlich der ungarischen Judenschaft. Das wollen aber auch nicht die gesetzestreuen Juden. Ja, die orthodoxen Juden würden sogar jeden Versuch, der Gesamtjudenheit eine einheitliche Autonomie von staatswegen zu oktroyieren, mit der größten Entschiedenheit zurückweisen. Das gesetzestreue Judentum in Ungarn hat daher keine Ursache, auch nicht im Zusammenhänge mit der staatlichen Dotaeionssrage, der Kultüsregierung vorzuwerfen, warum sie seit 38 Jahren noch keinen ernsten Schritt unternommen, um betreffs der Autonomie der Judenschaft und ihres Rechtsverhältnisses zum Staate die endgültige Regelung anznbahnen. Die Kongreßpartei hingegen ist von ihrem Standpunkte aus vollkommen berechtigt, dieses alte Klagelied mit erneuter Kraft und geivaltigeren Tönen anzustimmen. Sie bleibt dadurch nur treu den Trationen eines 40jährigen unheilvollen Bruderkrieges, den sie selbst herausbeschwören, und will nicht einmal in einen zeitweiligen Waffenstillstand ein willigeil. Die neologen Führer handhaben die Dotationsfrage wie ein zweischneidiges Schwert. Sie rufen zum Fenster hinaus, daß die bösen Orthodoxen schuld daran sind, daß die ungarische Judenschaft nicht die entsprechende Dotation zuerku.^.tc wird. An die Adresse des Kultusministers richten sie aber durch ihre Presse folgende Auslassungen : Warum hat die Regierung, welche fast jede Verfügung des früheren Ministeriums abgeändert hat, es nicht für notwendig erachtet, auch jene Maßregel abzuändern, welche die Gruppe (sie!) jener ungarländischen Juden befestige, die das größte Hindernis für die Autonomie der jüdischen Konfession bilden? Denn nicht die fortschrittlich gesinnte Judenschaft, sondern die Ortsodoxie ist es, welche die Organisierung der Konfession gefährdetdie Orthodoxie, welche irm jeden Preis eine besondere Autonomie, ja, eine besondere Konfession aus ihrer Gruppierung zu schaffen wünscht. In diesem schadenbringenden Bestreben hat die frühere Negierung, itt Widerspruch mit dem Gesetze (!) dem Rechtsgebrauch und den Neberlieferungen, die Orthodoxie bestärkt und verschanzt. Die gegenwärtige Regierung hat, ungeachtet dessen, daß die fortschrittliche Judenheit rechtzeitig bestrebt war, auf den unhaltbaren Zustand hinzuweisen, die Berteidigungsschanzen weiter gebaut. So verkündet es das offizielle Organ der Neologen. Und sonderbarer Weise entspricht auch auch dieser Schmerzensruf bett wirklichen Tatsachen. Die neologen Führer haben ihr Möglichstes getan, um die verschiedenen Regierungen für einen Unificnti onszlvang und eine einheitliche Autonomie zu gewinnen. Sie haben aber im letzten Grunde immer nur klägliches Fiasko gemacht. Allerdings könnte der Kllltusininifter auch sagen: wir gewähren dem Gesamtjudentlnn die entsprechende staatliche Dotation, doch mögen es die verschiedenen Gruppen, Parteien oder Konfessionen unter sich ansmachen, wie die Allfteilung bewerkstelligt werde. Auch daö wäre eine Lösung. Aber ganz gewiß nur znr Benachteiligung der Orthodoxie. Das lehrt zur Genüge die Geschichte des jüdischen S'chulfonds, dessen Revenüen zum größten Teile voll der Lehrer-Präparandie und dem Rabbinerseminar verschlungen werden. Freilich haben die Neologen diesen Eingriff damit motiviert, daß diese Institute gemeinsame Anstalten des Ge sä m tj u d en t u in s sind. Daß dies aber eine falsche Behauptung sei, wurde schon zu wiederholten Malen nachgewiesen und von den Tatsachen bestätigt. (Fortsetzung folgt.) orrespondenzen und Eachrichten. Deutsches Reich. Kölner 8nek. i. 28. Januar. Es gibt Dinge im Menschenleben, die man besser verschweigt, und es gibt Zeiten, in denen man nichts Besseres tun kann, als dem Rat des Propheten zu folgen: „wer klug ist zu jener Zeit, soll schweigen." Darum habe ich Ihnen von allen Vorgängen, die sich hier inzwischen zugetragen haben, nichts mitgeteilt. Ich verstehe aber sehr wohl Ihren Wunsch, der publizistischen Pflicht zu genügen und Ihren Lesern auch von solchen Dingen zu erzählen, die nicht gerade epochemachend für alle Zeiten sind. Am wichtigsten ist von unsrem Standpunkte die Entwicklung der Schulverhältnisse, da kann ich Ihnen denn mitteilen, daß wir die längst ersehnte Elementarschule in der Gestalt einer dem Lehrerseminar angegliederten Nebungsschule von: nächsten Schuljahr an besitzen werden. Unsere Kinder werden dann nicht mehr zu hören brauchen, daß man heute den Sabbath nicht mehr heiligen kann. Es wird kein Lehrer an dieser Schute' die Stirn haben, Möses Ehe mit Zipporah als Vorbild einer wohl zu billigenden Mischehe hinzustellen, und man wird den die Schule verlassenden Kindern keine Stellen vermitteln, in denen sie den rat? entweihen müssen. Auch der Lehrplan dürfte mehr als einen „Religionsextrakt", ans Biblischer Geschichte und Gebetübersetzen zusammengemischt, - enthalten, und ohne Kopfbedeckung wird man auch nicht vorübergehend den hebräischen Unterricht erteilen. Kurz, unsere Kinder werden als Juden erzogen werden. Als Unterrichtssprache wird allerdings das Hebräische nicht zur Verwendung kommen, was sicherlich der Tendenz des seit Mitre Teweth (Januar, d. Js. hier erscheinenden hebräischen Blattes aViyn, eines Zweigorgans der zionistischen „Welt", entsprochen hätte. Wir beklagen es dann allerdings auch mehr, daß die Dyür mir ppa nn:ic min Vmn rrSy, daß die Thor a — s i e, ohne einschränkende Beifügung — „nicht bloß im Winkel liegt, sondern fast das Grab sich über sie geschlossen hat." Der Schreiber des Einführungsartikes des * oSiyn scheint nur eine, nnscn nun, eine hebräisch j geschriebene Literatur zu meinen. Ihm und feinen Gesinnungsgenossen gilt es, wie es scheint, gleich, ob sich in den Reihen des jüdischen Volkes Gottesleugner und Thoraleugner mehren, wofern sie nur nicht NLV21 nQ183 D'iSlD sind, und „Nationalität und Sprache nicht verleugnen." Wir aber klage»», daß das Land, in dem die „Welt" erscheint, nicht rundweg klipp und klar min mrp ift, eine Stätte der Thora-Wissenschaft. Für diese Klage findet die „neue Welt" nicht ein Wort in ihrem klassisch geschriebenen, talmudische Bildung verratender» Leitartikel der ersten Nummer. Ihr scheint es nur traurig aipö tp rvnay nstwi iya mm, bafe unser Land keine Stätte ist zur Erlernung der hebräischen Sprache. Freilich versetzen uns solche Gedanken nicht. in Staunen, und nicht darin«, weil wir es etwa anders erwartet hätten, haben wir das erwähnen zu sollen geglaubt, sonder»: »mr vorneherein die Tendenz auch dieses hebräisch geschriebenen Blattes zu zeigen. Hier im Westen, »vo man nur hebräische Bücher positiven religiösen Inhaltes — abgesehen von gewissen Marken neuerer und neuester Gebetbuchfabrikate — zu sehen gewohnt ist, hat nun» ja im Volke keine Ahnung, für »velchen nichts weniger als »vahrhaft jüdischen Inhalt die hebräische Sprache im Osten als Gewand herhalten muß. So schmuggelt sich auf den russischer: Hochschulen und in die galizifchen Lehrhäuser das ausgesprochenste niOTip£K ein. Dort weiß man es schon lange, daß man durch-, aus nicht jedes mit hebräischen Typen und in hebräischer Sprache gedruckte Buch zu „küssen" , brauchtdort kennt man als einziges Heilmittel für nranches derartige Erzeugnis den Satz ns'"»r kSk ^on njra ptf. — Hier aber könnte n»an noch Form und Inhalt verwechseln. Hier kennt das Volk als hebräische Schriften nur BHp ’iSD. Wir wollten darum nur flüchtig mitteilen, daß trotz der hebräischen Sprache der D^iyn nicht den Anspruch darauf erhebt, irgendwelche ntmp seines Inhaltes zu besitzen. Es ist übrigens merkwürdig, wie sich in unserer Stadt „hart im Raum die Sachen stoßen." Während »vir auf der ei»»en Seite den Sitz des zionistischen Aktionskomitees,, die Redaktion der „Welt" und jetzt auch des D^iyn und den jüdischen Vertag in unseren Mauern bergen, also uns mit Nachdruck als Juden bezeichnen, w»»rde von unseren Mitbürgern ein Mann aus das Schild der Zählkandidatur erhoben, ei»» Mann von echt liberaler assimilatorischer Gesinnung, um die libe»alen Parteien im deutschen Reichstag (»vie man allerdings vorher wußte) — nicht zu vertreten. Die „Kölnische Zeitung" meint nun in ihrer Nr. 88 Abend-Ausgabe von Donnerstag, 24. Jan.^: „Rechtsanwalt Falk ist nicht aufgestellt worden/ weil, auch nicht, trotzdem er Jude ist. Seine Kandidatur hat mit seiner Konfession nicht das geringste zu tun. Er ist aufgestellt worden, weil er ein um die liberale Sache hochverdienter Mann ist. . . . Freilich die israelitische Zeitung „Die Gegenwart" fürchtet, das „provokatorische Auftreten" des Rechtsanwalts Falk könnte der Judenyeit schaden. Ja, haben denn die Juden nicht dasselbe Recht'