Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1907)
- Date
- 1907-02-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3u3en“ DertetSigf! Daß unsere Ausführungen in Nr. 3 d. Js. Über die neueste Tat, die der Verband der deutschen Juden tn seinem glorreichen Wirken vollbracht hat, dem Verbände nicht gefallen würden, war vorauszusehen. Besonders schlimm liegt die Sache für den Verband diesmal dadurch, daß nicht nur der böse „Israelit", nicht nur die gegen die Herren Afsimilanten ebenfalls etwas mißtrauisch zionistische „Rundschau", sondern sogar Herrn Steinhardts verbandsfrohe „Blätter für Erziehung und Unterricht" ihre Spalten einer recht scharfen und bitteren Kritik der neuesten Verhandstat geöffnet haben. Vorgewörfen war dem Verbände im wesentlichen, 1. daß seine Leitsätze voreilig ohne Beachtung der noch zu erwartenden Ausführunasbestimmungen veröffentlicht seien, 2. daß er die »Auflösung" jüdischer Schulen an die Spitze seiner Leitsätze stelle und auf die Eventualität der Auflösung immer wieder und wieder als auf die Nächstliegende hinweist, selbst da wo zahlreiche jüdische Kinder vorhanden find, 3. daß er über Mittel und Wege zur Erhaltung und Neugründung Mischer Schulen kein Sterbenswörtchen"'Eliere, 4. daß er sich für die Utopie der jüdisch-christlichen Schule begeistere, ohne zu bedenken, daß damit im Falle der Verwirklichung unter den heutigen Berhältniffen der Sabbatentweihung im Kreise der Lehrer Tür und Tor geöffnet ist. Auf Herr ersten Vorwurf meint der Verband, daß „die Meinungsäußerung der berufenen Zentralstelle der deutschen Juden (mo!) in einer für die jüdischen Schulen so wichtigen Frage vor der Entscheidung" erfolgen müsie, um bei den Ministerialbehörden gehört zu werden. Wir wollen nur im Vorbeigehen auf die dreiste und wahrheitswidrige Anmaßung Hinweisen, mit der hier „den deutschen Juden" eine „berufene Zentralstelle" aufoktroviert wird, von der viele Tausende deutscher Juden und grade diejenigen mit den regsten jüdisch-religiösen Jntereffen absolut nichts wissen wollen. In der Sache selbst ist die Ausrede, die der Verband zu seiner Rechtfertigung vorbringt, schlimmer als das Vergehen, das sie entschuldigen soll. Wenn die „Leitsätze" nicht nur für die jüdischen Gemeinden bestimmt, sondern mittelbar an das preußische Kultusministerium gerichtet sind, dann ist die Art und Weise, mit der hier erstens die jüdische Volksschule als eine qaantitä nägligeable zum alten Eisen geworfen und zweitens mit den religiösen Jntereffen der Juden gespielt wird, noch viel empörender. [/ jji&t ber'Set* band in seiner Aktwort mit einer Naivität zu, die rühren könnte, wäre sie nicht von so traurigen Konsequenzen. Die jüdische Volksschule, so wird argumentiert, steht an vielenOrten auf dem Aussterbe-Etat, wegen Mangels an Schülern, also wird sich der Verband „durch keine noch so gehässige und engherzige Kritik das Recht nehmen lassen, hier die Uebergangsschwierigkeiten zu mildern". Es soll irgendwo und -wann Krankenschwestern gegeben haben, die ihren sterbenden Patienten mit sanfter Hand die „Uebergangsschwierigkeiten" ins Jenseits zu mil ern pflegten — wir Juden haben für ein solches Verfahren nicht grade viel Anerkennung übrig, aber es steht noch himmelhoch über dem Verfahren des Verbandes, der auch lebenskräftige Mische Volksschulen, Schulen mit größerer Schülerzahl — denn nur bei größerer Schülerzahl kann ja von „jüdisch-christlichen" Schulen die Rede sein — seiner heimlichen Simultanschul-Liebe zum Opfer bringen möchte. Mag aber der Verband noch so krampfhaft an die Behauptung sich anklammern, seine Leitsätze enthielten gar keine Ratschläge, sondern nur objektive Auskünfte über verschiedene Fälle — der ganze Tenor der Leitsätze straft' diese Behauptung Lügen —, sein Schweigen auf den dritten Borwurf ist der glänzendste Beweis dafür, wie wenig ihm seine Angreifer Unrecht getan haben. Kühl bis ans Herz hinan steht dieser sogenannte „Verband der deutschen Juden" allem Jüdischen gegenüber. Mit Gleichmut nimmt er den Untergang der eine gründliche jüdisch-religiöse Bildung allein verbürge iden Schulreform als eine angebliche Tatsache hin und spielt den Totengräber, wo er Arzt sein sollte. Daß man neues Leben wecken kann, davon will er nichts wissen, und wenn bei der Verwirklichung seiner Ideale das religiöse Pflichtbewußtsein auch ruiniert wird, (siehe vierter Vorwurf) — tut nichts, die Orthodoxen („die rituell-gesetzestreuen, Glaubensgenossen" tituliert er diese „Sekte" sonst) sollen eben seben, wie sie die Suppe auslöffeln, die der Verband einbrockt. Wörtlich heißt es in dieser Hinsicht in der Verteidigung des Verbandes: „Endlich wird in den verschiedenen Preßangriffm vor der jüdisch-christlichen Volksschule gewarnt, weil eine solche weder dm jüdischen Kindern noch den jüdischen Lehrern die Möglichkeit einer gesetzestreuen Sabbatbeobachtung gewährleiste. Der Verband hat fich streng unparteiisch jeder Stellungnahme in dieser Frage enthalten. Sache der orthodoxen Kreise wird eS sein, wenn ste eine Beobachtung der Sabbatruhs in jüdisch-, christlichen Volksschulen erreichen wollen, wie es in außerpreußischen Ländern fich als durchführbar er- Da hört denn doch die Gemütlichkeit auf, und wir beneiden die Beniner „Jüdische Presset um die Seelenruhe und die Demut, mit der sie an/ diesen Erguß des „Verbandes" nur die sanfte Mahnung knüpft, der Verband werde doch gewiß auch ein ganz klein wenig auf die religiösen Jntereffen der Gesetzestreuen nehmen. Wir unsrerseits, wir verzichten auf diese Rücksicht, wir konstatieren nur, daß der Verband mit diesem Bekenntnis seiner schönen Seele in den Augen jedes denkenden Menschen auch den letzet Rest von Existenzberechtigung eingebüßt hat, die er in unfern Augen nie hatte. Wozu ist der Verband eigentlich gegründet worden, wenn er nicht einmal mehr die Fiktion aufrecht erhalten will, er vertrete die religiösvr Jntereffen einer Anzahl deutscher Juden? Erkennt er eine jüdische Nationalität aV Einigungsband an, will er etwa die wirtschaftlichen Jntereffen der deutschen Juden vertrete», kämpft er für unsre staatshürgerliche» Rechte? Alle diese Gebiete find ihm entweder programmatisch oder durch die Konkurrenz älterer und ernster zu nehmender Vereine verschlossen^ Ohne die Fiktion, die deutschen Juden hÄdm zahlreiche gemeinsame religiöse JnterWiZ, kann der Verband gar nicht lÄen" wid «Dt. Fiktion hat er durch dieses sein jüngstes kenntnis, das den Sabbat offen und ehrlich zur orthodoxen Parteisache degradiert, zerstört. Was unter diesen Umständen die vier oder stH leitenden orthodoxen Herren noch im VerbaiGe zu suchen haben, wiffen wir wirklich nicht. Möchten sie doch endlich ein immer wieder neu begonnenes Liebeswerben aufgeben, das trotzscheinbarer und vorübergehender Erfolge im letzten Grunde fruchtlos bleiben muß, das aber die innere Geschlossenheitder gesetzestreurn Judenheit schwächt und sie der wertvollsten Kräfte auf die Dauer verlustig gehen läßt. kin Interview mit $ir Samuel Montsgn. London, 4. Februar. Der Delegiertentag des Verbandes bvc SabbaHfreunde in Berlin hat hier die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf den Deutschen Sabbathverband und auf die seine Grundlage bildenden Berficherungs- und Stellenvermittlungsvereine gelenkt. Das Vorbild, das in dieser Schöpfung auch für englische Verhältnisse liegt, wirkt umso anregender, als eine Reihe von mit dem Sabbath in Zusammenhang stehenden Problemen, von denen batte der Spötter geendet, da kam ein Knabe gelaufen, der in Form von geruckten Zetteln das Wahlresuttat austeilte, welches dm Wtz zur Wahrheit machte. Zwei Leute, deren Ramm Mt denjenigen, die auf dem Briefe standen, gman übereinstimmtenwaren zu ersten Vorstehern -er Gemeinde gewählt worden. . Die Leute, hie nicht wußten, was ste davon denkm sollten, sthrten den Mann in das Wahllokal, um dort über den Inhalt des Briefes Näheres zu erfahren. Der Chaßid wurde zu den neugewählten Vorsteherngeführt und mußte ihnen die ganze Sache nochmals erzählen. Aber es wollte ihm Niemand glauben. „Wie könnte dies möglich sein", sagten fie, „da wir doch zur Zeit, wo dieser Brief geschrieben sein konnte, noch kleine Knaben waren und eL gewiß Niemandem etnfallen konnte, die heutigen Vorsteher in uns zu erblicken?" „Aber so bedenken Sie doch, meine Herren", bat der arme Mann, „baß es der große Bal-Sch«n-tow war, dessen Auge in die fernste Zukunft blicken konnte, der diesen Brief eschrieben. Und was habm Sie auch einzubüßen, wmn te dm Brief lesen? Tun Sie doch einem armen Manne er diesem Briefe sein Unglück zuschreibt, den Gefallm und öffnen Sie ihn!" WaS sollten die Vorsteher machen? Wenn fie dm Chaßid auch für verrückt hielten, so konnten fie ihm doch diesen Wunsch nicht abschlagm, und weil fie selbst auch auf dm Inhalt neugierig warm, öffneten fie daS Siegel und lasen: - „An die verehrten Herren Vorsteher N. N. und N. N. in Lemberg! Der Ueverbringer dieses Briefes, einer meiner treuestm Chaßidim, war von jeher ein braver und frommer Mann, der einst sehr reich gewesen und' durch unverschuldete UngLückSsäüe in ^rvße Rot gekommen ist: Da nur einer Untechüpwa ch «ücktK Wd, wie er, .so zu lassen, daß er sein Geschäft wieder von Nmem beginnen kann. Da ich den Edelmut der kenne, so bin ich überzeugt, keine Fehlbitte diesem Mann geholfen zu haben. JsroSl, genannt der Bal-Schem-tow. Diesen Brief habe ich vor zwanzig.Jahren geschrieben, und wenn er in Eure Hände gelangt, bin ich längst nicht mehr unter dm Lebenden. Ihr werdet daher dem armen Manne nicht glaubm wollen, und ich will Euch deshalb durch ein Zeichen von der Wahrheit seiner Worte überzeugen. Noch ehe eine tunde nach dem Lesm dieses Briefes vergangm sein wirb, werben Eure Frauen, die eine einem Kmwen und die andere einem Mädchen das Leben geben, und Ihr sollt erkennm, daß der Mann wahr gesprochm hat." Die Leute warm sprachlos über bas,, was fie ba vernommm hatten. Alle warm gespannt darauf, ob das vom Bal-Schem-tow versprochene Zeichen auch wirklich eintreffm werde, und fie fingen an, ihre Meinungen darüber auszutauschm. Während dev Tumults, der dadurch entstand, merkte niemand, baß die vom Bal-Schem-tow cmgegebme Zeit zu Ende war. Wie gebannt waren fie, als die lauten Masel-tow-Rufe, die jetzt vom Eingang her ertöntm, und den glücklichen Vätern das freudige Ereignis ankündtgtm, welches thnm der Bal-Schem-tow vorher angezeigt, fie von der Größe dies heiligen Mannes überzeugten. Daß die Vorsteher tarn aud) den eisten Teil des Briefes erfülltm, MUß gewiß nicht erst gesagt werden. Bertbold Anerbaeb. Am 8. Februar find es 25 Jahre, daß Betthold Auerbach, der Autor. der C chwarzywlder Dorfgeschichten tn seinem schwäbische« Gewiftsott Nordstetten zur Ruhe bestatttt VE. In dem Trio HMe, Biftne, Auerbach, durch daS die Judm ihre Vertretung in der deutsche" Literatur des IS. Jahrhunderts gefunden habm, steht uns der letztere bei weitem näher als feine beidm littrarischen Genossen, die es borzogen dm Quell, aus bem ihres Geistes Kraft gefloflm, um eines PhantometaUEen auch äußerlich zu verlassen. Der deutsche Bolksdichter Auerbach hat — das muß, ° wenn es auch nicht viel bedeuten will, anerkannt werden — seine Zugehörigkeit zum Judentum nie verleugneter hat fich stets als Jude bekannt, hat für seine Brüder redlich gekämpft und mit ihnen gefühlt und gelitten. Ein * tube freilich, in dem Sinne, wie wir es verstehen, ein räger des jüdtschm Gedankens und der aus dem Thoragesetz fließenden jüdischen Tat, wozu ihn wohl die Eltern hätten mögen heranwachsen sehen, das war er nicht. Er hätte es sein können, denn er hatte Gelegenheit gehabt, om Inhalt der jüdtschm Gedankenwelt kennen zu lemen, in Hechingen und Karlsruhe hatte er in altjüdifchm Jeschibahs fich nach dem Wunsche der Eltern noy Rahbinerberufe vorbereitet. Aber die Mische „AuMeuw^, die Reformbestrebungm, die damals ihre TriUMphe stierten, -zogen ihn tn ihren Kreis, und Auerbach ward nicht nur kein Rabbiner — das hätte nichvS gesrhadtt — sondern einer der vielen tüchttgen Köpfe, um Me daS alle, echte Judmtum durch die neologe Farce schmählich betrogm worden ist. Wenige dieser Männer habm in. spä'erer Zeit so sehr unter oer Preisgabe des Bätererbes gelitten, wie Bettholb Auerbach. Als die Lonne der liberalen Aera deS neuen deutschen Reiches in der antisemitische» Hochflut unterging, da fehlte die Zuflucht, wohin man sich hätte wenden können, fehlte der feste ~ in dem fich der Thorchude unbekümmett um ^ie Me draußen tovm, geborgen weiß. Tiest Über diesen unerwattetm Sang der Ge" ~ fest, Me er in dieser Zeit an semm Srankfütter^ DLHakob Auerbach ttchwte. ©6 chm 3 dm B gtflffll