Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1907)
- Date
- 1907-01-31
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 14. Rr. 4. Der JSraeltt. 31. Januar 1907. -igung hinzunehmen? Vielleicht hatte Limbacher wahrgenommen, daß zwischen Tochter und Hondlungsdiener eine Vertraulichkeit Platz griff, die ihm unpaffend und noch mehr unzweckmäßig erschienen war. Sie saß nachdenklich, mit geschloffenen Augen, neben dem Bett des Kranken. Der trübe, rauhe Tag ging in eine bedrückende Dämmerung über. Da kam die Pflegerin und brachte die mit einem grünen Schirm bedeckte Lampe. - Betty fuhr wie aus dem Schlaf empor. „Trinken", flüsterte der Kranke. Rasch erhob sie sich und beugte sich über ihn. Er umklammerte ihren Hals und richtete sich langsam auf. Er sah sich besinnend im Zimmer um und begann: „Gustav ist noch immer nicht da? Dann kommt er nicht mehr, nie mehr." Er ließ sich in die Kissen zurücksinken, er hatte vergessen, daß er zu trinken verlangt hatte. Betty hatte nach dem Glas gegriffen und wollte es an die Lippen des Kranken setzen, aber plötzlich durchbebte sie eine eisige Kälte. „Leuchten Sie schnell herbei", .rief sie angstvoll. Die Pflegerin ließ das volle Licht auf das Gesicht Limbachers fallen. Der Kopf war kraftlos in die Kiffen gefallen, das Kinn herabgesunken, die Augen starr nach der Decke gerichtet. Limbacher war tot. — Das große Gemeinwesen, das man als Staat zu bezeichnen pflegt, machte nicht nur seit langen Zeiten schon seinen Angehörigen das Leben schwer, sondern umgab auch ihr Sterben und Begrabenwerden mit so vielerlei Formen, die er Gesetz nennt, daß es manchem braven Untertanen auch schwer wurde, endlich dahin zu kommen, wo ewige Ruhe winkt Die Behörde verlangte denn auch, daß Limbachers Leiche, als die aus einem freundnachbarlichen Staate, durch allerlei amtliche Beglaub gungen legitimiert werde, bevor die Beerdigung gestattet werden könnte. Um jeder allzulangen Verzögerung vorzubeugen, telegraphierte der Schwager um die notwendigen Ausweise an das Bürgermeisteramt von Limbachers früherem Wohnsitz. Hahnemann war gerade zugegen, als das Telegramm eintraf. So wurde nach kaum einer Stunde nicht nur durch Hahnemann, sondern auch den Ratsschreiber die Nachricht von Limbachers Tod im Städtchen verbreitet. Maier Korn hatte sein Nachtmahl eingenommen und saß mit Emma, Emil und Simon wie gewöhnlich um diese Zeit, in der Stube der Mutter. Wider alle Prophezeihungen, die stündlich das Ableben der kranken Frau voraussahen, lebte Frau Korn noch immer und niemand in ihrer Umgebung fürchtete ein baldiges Ende, wenn man auch nicht mehr auf ihre Wiedergenesung hoffte. Korn war gut aufgeräumt. Er hatte einen großen an der Chaussee liegenden Weinberg sehr günstig verkauft und ein anderes Angebot versprach großen Gewinn. Emil saß, wie immer am Bett der Mutter und sprach mit leiser Stimme mit ihr. Die Mutter wollte bei erster günstiger Gelegenheit mit dem Vater sprechen, daß der Jüngste ein großes Liebesglück mit sich herumtrage. Bellas jüngere Schwester, des Schneiders Jechiel wegen ihrer großen Schönheit vielbewunderte Flora hatte das Herz Emil Korns in unlösbare Bande geschlagen. Auch Flora, die schon im Flügelkleidchen den Freund ihres Bruders mit bewundernden Blicken betrachtet hatte, liebte den schwärmerischen Menschen mit dem großen, edlen Herzen von Jahr zu Jahr mehr. Mit der gelassenen Ruhe eines wahren Weltweisen hatte der reiche junge Mann die hämischen Angriffe der Geschwister, die moralische Ausschließung der Standesgenossen hingenommen, wegen seiner ihnen mehr als unentschuldbar vorkommenden Marotten. Die jungen besseren Damen aus den jüdischen und christlichen Kasino- und Cäcilienkreisen waren anfänglich aufs äußerste empört, daß dieser Mensch, der so interessant aussah und so ganz anders war wie die übrigen, weder an der Tanzstunde teilnahm, noch an den Zusammenkünften in den Sommergärten oder den Ausflügen der oberen drei Dutzend. Später mokierten sie sich über ihn, bis endlich eine leise Entrüstung, die man sich nur zuflüsterte, einer allgemeinen Verachtung Platz machte. Aber der von allen diesen vornehmen Bürgerssöhnen und Töchtern geächtete Jüngling nahm offenbar nicht wahr, welchem gesellscha'tlichen Abgrund er zusteuerte und daß er schließlich zwischen Schneiderbank und Schusterschemel elendig zerschellen werde. Auch von den Geschwistern und dem Vater unbeachtet, wie seit Jahren, saß er jetzt neben der kranken Mutter, hielt ihre kühlen, abgezehrten und durchsichtig erscheinenden Finger liebkosend in seinen warmen Händen. Das tat der Mutter immer wohl. Eine behagliche Wärme und Helle herrschte in diesem Raum und Maier Korn schien sogar liebenswürdig zu werden. Die Torglocke tönte laut durchs Haus und kurz darauf trat Siegfried mit seiner Gattin herein. Sie machten wieder ihre „Staatsvisite", wie Maier Korn höhnisch zu sagen pflegte, wenn beide auf kurze Zeit erschienen. Die Schwiegertochter reichte Frau Korn ihre behandschuhte Rechte, dem Schwiegerva er zwei Fingerspitzen zum Gruß und setzte sich in unnahbarer Haltung auf einen Stuhl. Siegfried nahm sein in der Stubenwärme beschlagenes Pincenez ab, sah prüfend herum und begann, indem er sich niedersetzte und die Füße weit von sich streckte: „Ihr scheint noch nicht zu wissen? Nein?" Alle sahen ihn gespannt an. Nach sekundenlanger Pause fuhr er, anscheinend gleichmütig fort: „Limbacher ist gestorben." Einen Augenblick herrschte tiefe Stille. Dann sprang Maier Korn entsetzt in die Höhe und hielt sich, aschgrau im Gesicht, mit beiden Händen am Tisch fest. „Was?" keuchte er, „was sagst Du? Limbacher gestorben? Allmächtiger Gott, allmächtiger Gott-" (Fortsetzung folgt). Für den Inseratenteil Ist die Redaktion nicht verantwortlich; insbesondere Ist es ausschliesslich Sache der Leser, die lm Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben rellglonsgesetzllchen Charakters anf Ihre Zuverlässigkeit zn prüfen. Tornngeprele bis 10. Febr. Leitfaden zur BarmUwah. 108 8. n. Anh. 60jähr. Kalender im § u. Noten z. L&ienen n. Haftorahbroehaus Herausg.v. Dr A.GarbattiuJ 08.Feuerring nnt. Mitwirkg. von Kabb. L. Höxter. Ladenprs. geh. M.l.70, barton. Mk. 2.—, Lnbd. Mk. 2.50, Prachtbd. M. 3.—. JToW: HL 1.25 1.(0 2.- 2.50 franco geg. Voreinsendg. Nachn 30 Pfg. Zn bezieh, d. alle jüd. Buchhandlungen sowie von Jos. 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