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Der Israelit · 1907-01-31 · Heft 5 (31.1.1907) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 5 (31.1.1907)
Date
1907-01-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage M Nr. 5 des „Israelit". euilleton. vervaal'Scdem von Mlchelstaitt. 21 Von Judäus. Nachdruck verboten. XVIII. Die außerordentlich große Zahl n der erwähnten Art, deren von Krankheiten der erwähnten Art, deren erfolgreiche Heilung Rabbi Seckel Löb im Volksmunde zum Baal-Schem machte, mag ihren tieferen Grund in der ungewöhnlich erregten Zeit haben, welche die ersten Dezennien des vorigen Jahrhunderts für alle Welt, aber ganz besonders für die deutsche Judenheit brachte. Das siegreiche Vordringen Napoleons über den Rhein, der Staaten vernichtete und neue schu, Throne stürzte und errichtete, Fürsten verjagte und einsetzte, war vielleicht für Niemanden von so durchgreifender Bedeutsamkeit als für die Juden Deutschlands. Napoleon war der erste, der an dem verjährten Unrecht rüttelte, unter dem die gesamte Judenheit damals seufzte. Die Gesetze der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die er von der französischen Republik übernommen hatte, zum ersten Male auch den Juden gegenüber in ihrer unveräußerlichen Gültigkeit betont zu haben, das ist und bleibt sein Verdienst. Unbeschadet ihres Patriotismus haben die deutschen Juden dieser Zuerkennung der Menschenrechte, die ihnen Napoleon gebracht, eine dankbare Erinnerung bewahrt. Als Napoleon mit dieser Anwendung der Menschenrechte auch auf die Juden Ernst machte, die alten Schranken niederriß und ihnen gleiche Rechte, wie allen Staatsangehörigen zuerkannte, knirschte der alte, eingefressene Judenhaß ohnmächtig mit den Zähnen, ohne die neue Zeit aufhalten zu können. Als aber nach wenigen Jahren Napoleon geschlagen und die französischen Heere über den Rhein zurückgejagt wurden, da war es eines der ersten Anliegen der Deutschtümelei und des Franzosenhasses, die Juden wieder in die alte Schmach zurückzustoßen und mit' ihrer Zurücksetzung und Rechtskränkung seinen patriotischen Sinn zu bekunden. Man begnügte sich nicht mit den alten Ausnahmegesetzen, sondern schuf neue, die den Juden in ihrem Erwerbe, in der Fristung des bloßen Daseins so viel Chieane und Erschwerungen in den Weg legten, daß ihre Lage drückender war wie je zuvor. Dazu kam, daß das Jahr 1817 ein Mißjahr war, das durch Teuerung, Hunger und Not jeder Art auf allen Klaffen ungemein schwer lastete. Es gibt aber keinen besseren Nährboden für die Entfachung und Entladung der Volksleidenschaften, als Notjahre; eine Wahrheit, die sich genau dreißig Jahre später wiederholte. Die Spannung, der Druck, die Verkümmerung der primitivsten Rechte und unerläßlichsten Lebensbedingungen hatte die deutsche Judenheit besonders stark empfunden. Die ungewöhnlich häufigen geistigen Störungen, denen man in jener Zeit so vielfach begegnet, lassen sich auf diese Weise ganz natürlich erklären. Man begreift auch leicht wie dieses Weh der Zeit von einem Manne, wie es Rabbi Seckel Löb war, besonders tief empfunden wurde und und wie sein edles Streben nicht müde wurde, zu heilen, zu helfen und zu lindern, soweit sein Einfluß nur reichte. Größer als die Wunder seiner Kranken- Heilungen sind die Triumphe, die sein edles Herz in diesen schweren Zeiten feierte. Seine gottbegnadete Weisheit sah mit furchtbarer Klarheit wie mit prophetischem Blick das Unheil voraus, das sich über die zeigenössische Judenheit wenige Jahre später entlud. Er fastete drei Jahre hindurch von 1817 bis 1820 von einemSabbat zum andern,um das drohende nationale Unglück hintanzuhalten oder doch zu mildern. Es kam im Jahre 18-0 zum Ausbruch und ist unter dem Namen der Hep-Hep-Zeiten bekannt. — In Würzburg nahm diese sich über ganz Deutschland und noch darüber hinaus verbreitende Judenverfolgung ihren Anfang. Wo sich ein Jude blicken ließ, wurde er mit dem Ruf Hep-Hep beschimpft und mißhandelt. (Es sind das die Anfangsbuchstaben von kllvrvsolvwa est perdita, d. h. Jerusalem ist verloren.) Es fand dort eine förmliche mittelalterliche Judenschlacht statt, die durch aufgebotenes Militär kaum niedergehalten werden konnte. Auf Drängen der Bürgerschaft mußten die Juden Würzburg verlassen; vierhundert Seelen zogen darauf tiefbekümmert aus der Stadt. Solche Judenvertreibungen folgten noch in einigen andern deutschen Städten In den meisten kam es zu Plünderungen und rohen Ausschreitungen der unmenschlichsten Art. Auch Darmstadt hatte seinen Judensturm. Als die Gährung sich auch bis Michelstadt fortpstanzte, beruhigte Rabbi Seckel Löb die Geängstigten mit der bündigen Versicherung, daß hier und in der Umgebung der Judenhaß keine ernstlichen Folgen haben werde und so war es auch in Wirklichkeit. Aber die traurigen, wirtschaftlichen Folgen machten sich noch lange schmerzlich geltend. Die gestörten guten Beziehungen zwischen den Konfessionen hatten den Verkehr und Erwerb zu empfindlich gestört, als daß eine baldige Wendung zum Guten möglich gewesen wäre. Bei der überhand nehmenden Armut nahm Rabbi Seckel Löb große Anleihen auf, um die geknickten Existenzen wieder aufzurichten. Er las arme Kinder von der Straße auf und brachte sie in sein gastliches Haus. Die dazu Veranlagten bestimmte er für das Studium der Thora, die anderen ließ er Handwerke erlernen In Weißkirchen bei Offenbach traf er einen sich überlassenen Knaben, welcher das Vieh hütete. Er nahm ihn mit nach Hause und gab ihn zu einem Schuhmacher in die Lehre Die Not machte ihn erfinderisch in der Art und Weise zu helfen, zu raten und zu trösten. Eines Tages kam ein Manu aus Blotzheim im Elsaß zu ihm und klagte ihm sein Leid. Er sei seit Jahren mit einem Freunde geschäftlich associert gewesen, der ein reicher Mann war und das Kapital für das gemeinsame Geschäft eingelegt habe. Sie hätten ein gutes Geschäft gehabt, das im Ankauf und Verknus von altem Eisen, Knochen und Lumpen bestanden. Der Compagnon sei vor Jahresfrist mit einer Summe Geldes über Land gegangen und beraubt und getötet worden. Er habe den Hinterbliebenen ihren Anteil ausgezahlt und habe noch eine kleine Summe übrig behalten, mit der er versuchte, das Geschäft allein fortzuführen. Er hatte aber dabei keinen Segen, er verdiente nicht nur nichts, sondern setzte seine ganze geringe Habe zu und sei jetzt völlig mittellos. Seine Frau habe ihm sofort geraten, sich nach einem anderen Compagnon umzusehen, er sei aber immer dagegen gewesen und sei es auch jetzt noch. Das Geschäft werfe heute so wenig ab, daß man den geringen Ertrag nicht durch Teilung mit einem Compagnon noch geringer machen könne. Als aber das Geschäft" immer schlechter wurde, habe seine Frau in ihn gedrungen, nach Michelstadt zu gehen und den Rabbi um Rat zn ftagen ob er einen Compagnon nehmen solle oder nicht, was der Rabbi ihm raten werde wolle er dankbar befolgen. (Fortsetzung folgt). Dämon und Phinlias in der Iudengsffe. Bon Arthur Kahn. [52] Nachdruck verboten. Betty erriet den Gedankengang der Pflegerin. Sie brachte diese jüdische Umgebung mit diesem unerklärlichen Vorgang in irgend eine bestimmte, schlimme Verbindung. Langsam ließ sich Betty auf den Stuhl, unfern der barmherzigen Schwester gegenüber nieder. Diese hatte ihren Rosenkranz ergriffen und betete leise. Der nicht mehr jungen Person wurde es augenscheinlich unheimlich und ihre Augen gingen, während sie betete, mit ängstlichem Ausdruck umher, als suche sie die Ursache dieser Beunruhigung zu ersvähen, oder auf etwa noch einmal sich wiederholendes Klingen genau hinzuhorchen. Doch es rührte sich nichts mehr. Eine bleierne Stille herrschte in der kleinen Krankenstube; kaum daß man den Kranken atmen hörte. „Wenn es nur endlich Tag würde", flüsterte Betty. Die Pflegerin nickte zustimmend. Betty dachte darüber nach, wie fürchterlich lang eine Nacht doch währen kann. Sie war auf manchem Ball und andern Festlichkeiten, die bis zum grauenden Morgen angedauert hatten, gewesen. Nie zuvor hatte sie daran gedacht, daß diese im Vergnügen so schnell verrauschenden Nächte, die sie mit Bedauern dem Tage weichen sah, so grauenhaft lang währen konnten. Doch endlich ging auch diese unheimliche Nacht zu Ende. Aber auch der Tag, ohne daß Gustav angekommen wäre. Eine unsagbare Angst krallte sich in Bettys Brust,' was konnte da passiert sein? Der Onkel, der keine Erklärung zu finden wußte, erging sich in alle möglichen Vermutungen und suchte seine Besorgnisse vor dem heftig erregten Mädchen zu verbergen. Und wieder wurde es Nacht, aber der Kranke war ruhiger geworden. Betty atmete tief auf, denn sie hielt diese Ruhe für eine Besserung und neue, schwache Hoffnungen glommen in ihr weiter. Die Pflegerin jedoch erkannte mit ihrem durch Erfahrungen geschärften Auge, daß Limbacher meist betäubt dalag. So verg ngen wieder drei qualvolle Tage, ohne ein Lebenszeichen von Gustav. Es war nach wenigen, lauwarmen Tagen wieder bitterkalt geworden. Die teilweise schon gesprengten Eisschollen der Flüsse, die sich in langsamer Bewegung übereinander geschoben und stellenweise zu kleinen Eisbergen zusammengetürmt hatten, ftoren wieder fest zusammen und machten allem Verkehr zwischen den Uferbewohnern ein Ende. Der Onkel tröstete Betty mit der Möglichkeit, daß der vielfach gehemmte Verkehr Gustav zu einem Umweg gezwungen habe. Er war aber selber von seinen Trostesworten nicht mehr überzeugt und böse Ahnungen trieben ihn ruhelos umher. Er ging an jeden ankommenden Bahnzug, er wartete auf die jetzt wieder vielfach benutzten Postkutschen, er erkundigte sich beim Bahninspektor, den Schaffnern und Zugführern — alles vergeblich. Niemand hatte einen Passagier, wie den beschriebenen, bemerkt. Bon fürchterlichen Ahnungen erfüllt, saß Betty am Bette des Vaters. Er phantasierte zuwellen und sprach dann mit Rosenstein. Das lenkte Betty zuweilen für kurze Zeit von ihren, jetzt fast nur auf den Bruder gerichteten Gedanken in wohltuender Weise ab. Sie erinnerte sich jetzt vieler unbedeutenden Dinge, die in losem Zusammenhaang zwischen ihnen vorgekommen. Wie der bleiche, schweigsame Mensch purpurrot wurde, wenn sich zufällig bei der Mahlzeit ihre Finger berührten und in Verlegenheit geriet, sobald sie ihn einmal plötzlich anredete, wie er ihr schüchtern die Bücher zeigte, die seine- Lieblingolektüre bildeten. Warum war er fast plötzlich fottaegangen? Und warum schien ihr Vater fast froh seine Kün-

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