Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1907)
- Date
- 1907-01-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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31. Januar 1907 Seite 8 Der;U'rucltt. Nr. 5. Arrrertkar ömerilraniseiies. (Bon unserem Korrespondenten.)' New-Aork, den 8. Januar. Des Interessanten hat es seit einiger Zeit nichts besonders Jgegeben, welcher Umstand die Ursache des Schweigens Ihres Korrespondenten war. Der Protest, der sich alljährlich wegen ungesetzlicher christlicher Feierlichkeiten in den öffentlichen Schulen zur Weihnachtszeit erhebt, hat auch diesmal nicht gefehlt. Eine ganze Anzahl Schulvorsteher fanden es nicht mit ihrer Pflicht in Widerspruch, Weihnachtsfeiern in ihren Schulen zu veranstalten, und die Gefühle jüdischer Eltern wurden wiederum verletzt. Aber diesmal Huben unsere Glaubensgenossen doch etwas energischere Maßregeln ergriffen als sonst. Zwei Wochen vor den Weihnachtsfeiertagen erschien eine Delegation von fünfundzwanzig prominenten jüdischen Bürgern, darunter die bekanntesten Rabbiner der Stadt, vor einem eigens hierzu bestellten Komitee des Erziehungsrats und erhoben formellen Einspruch gegen irgendwelche religiöse Feierlichkeiten, insbesondere gegen Weihnachtsfeftlichkeiten, in den öffentlichen Schulen. Ihre Worte machten auf die Mitglieder des Komitees sichtlichen Eindruck, und sie hätten gewiß ihre ganze Forderung durchgesetzt, wenn nicht das Unglück es gewollt hätte, daß der Vorsitzende des Komitees ein Jude (?) war Dieser Herr, ein wohlbekannter Rechtsanwalt namens Abraham Stern, gehört zu denjenigen charakterlosen sogenannten Vertretern der Juden, denen nichts so unangenehm ist, als wenn die Juden wirklich einmal ihre Rechte verlangen und sie dafür ein Wort sprechen sollen. Anstatt den Wünschen seiner Glaubensgenossen (?) förderlich zu sein, trat er denselben entgegen und ließ auch seine gegnerische Ansicht in der Presse bekannt werden. Immerhin faßte das Komitee den Beschluß, daß fürderhin alle spezifisch religiösen Uebungen in den öffentlichen Schulen untersagt werden sollen, die Weihnachtsfriern hingegen sollten fortbestehen dürfen, aber nur als gesellige Unterhaltungen ohne konfessionellen Charakter (?). Der Beschluß ist nicht ganz nach Wunsch der jüdischen Bürgeraber, wie das Sprichwort sagt, ein halber Laib Brot ist auch Brot, und jedenfalls dürsten die Verhältnisse in der Zukunft nicht so unerträglich sein wie bisher. Ein schönes Seitenstück zu dieser Angelegenheit wird durch ein Vorkommnis in Brooklyn, gegeben. In einer dortigen öffentlichen Mädchenschule hatte die Vorsteherin Miß Annie Olson eine Schlußseier für die zu entlassende Oberklaffe arrangiert, deren Programm den Vortrag einer Anzahl christlicher Hymnen vorsah. Die jüdischen Schülerinnen, 25 unter einer Gesamtzahl von 45, protestierten hiergegen, woraus die Vorsteherin sie wissen ließ, daß sie entweder die Hymnen mitsingen oder von der Teilnahme an der Entlassungsfeier ausgeschlossen werden würden. -Die Mädchen ließen sich aber dadurch nicht einschüchtern. Sie mietheten einen Saal für denselben Abend und falls der Erziehungsrat die Anordnung der Schulleiterin nicht aufhebt, werden sie eine besondere private Entlassungsfeier veranstalten. Ein mutiges und prinzipienfestes Vorgehen, für das die jungen Mädchen alles Lob verdienen. Man mag über den religiösen Charakter der amerikanischen Judenheit denken, wie man will, über ihre Leistungen auf dem Gebiet der Wohltätigkeit kann es nur eine Meinung geben, daß dieselben nämlich im höchsten Maße großartig und der Bewunderung wert seien. In jüngster Zeit sind wieder zwei Anstalten ins Leben gerufen worden, die den bereits bestehenden zahlreichen jüdischen Stiftungen mit Recht an die Seite gestellt werden können. Es sind dies eine Besserungsanstalt für mißratene jüdische Knaben und ein Heim für verkrüppelte jüdische Kinder. Beide Anstalten sind infolge des raschen Anwachsens der jüdischen Bevölkerung notwendig geworden. Die erstgenannte Anstalt diente der Erziehung derjenigen Knaben, die durch kleine Missetaten mit der Polizei in Konflikt geraten sind und ohne I eine liebevolle und sorgfältige Behandlung un- I fehlbar auf den Weg des Verbrechens geraten würden. Zur Unterhaltung dieser Anstalt ist eine besondere Gesellschaft, Jew.sh Protectory and Aid Society, ins Leben gerufen worden. Dieselbe hat ein großes Areal bei Hawthome, unweit der Stadt New-Aoik, gekauft und dort ausgedehnte Baulichkeiten errichtet, in welchen bic Knaben gute körperliche Pflege und moralische, auch in gewissem Sinne (? d. Red.) religiöse Erziehung erhalten werden. In den imposanten Gebäuden, die etwa eine halbe Million Dollars aekostet haben, ist für fünfhundert Knaben reichlich Raum. Das Heim für verkrüppelte Kinder, Home for Crippled Children, ist eine Privatstiftung. Es dankt sein Entstehen der Freigebigkeit des seligen Herrn Emanuel Lehmann. Dieser, einer der großen Financiers von New- 'Iork, hegte seit einiger Zeit die Absicht, anläßlich seines achtzigsten Geburtstages, der am 1. des kommenden März gefeiert werden sollte, einen neuen Ring in die Kette der jüdischen Wohltätigkeitsinftitutionen einzufügen. Er wurde darauf aufmerksam gemacht, daß es unter der armen jüdischen Bevölkerung der Stadt viele Hunderte verkrüppelte Kinder gibt, deren Los ein äußerst trauriges ist. Er entschloß sich daher, eine Anstalt ins Leben zu rufen, in welcher für die körperliche und geistige Pflege dieser unglücklichen Geschöpfe gesorgt werden sollte. Leider war es dem hochherzigen Manne nicht vergönnt, die Verwirklichung seines Planes zu erleben, denn Herr Lehmann starb vorige Wocheaber seine Kinder, die er bei der Ausarbeitung der Pläne zu Rate gezogen hatte, werden die Absicht seines Vaters vollkommen zur Ausführung bringen. Das Heim für verkrüppelte Kinder wird wohl eine der schönsten jüdischen Anstalten der Stadt werden. Die Kosten des Gebäudes werden etwa dreihunderttauseild Dollars betragen, und ein angemessenes Kapital zur Erhaltung der Anstalt ist auch von Herrn Lehmann testamentarisch nusgesetzt worden. Eine wichtige Nachricht ist dieser Tage in der Tagespresse erschienen, daß eine neue Einwandererstation ausschließlich für jüdische Einwanderer in der Stadt Galveston in Texas errichtet worden ist. Der Zweck dieser Einrichiung ist, den Strom der jüdischen Einwanderung nach dem Innern des Landes anstatt, wie bisher, ausschließlich nach New-Aork, zu lenken. Die Wichtigkeit und Nützlichkeit dieses Schrittes liegen auf der Hand, Viel zu viele von den jüdischen Einwanderern, wie von den Einwanderern überhaupt, bleiben in New-Aork, wo wirklich eine fürchterliche und unnötige Ueberfüllung herrscht, während das große Hinterland Amerikas noch recht schwach bevölkert ist und gleichsam nach Menschen ruft. . Die Ablenkung der Einwanderer nach dem Innern ist aber viel leichter von Galveston aus als von New-Iork aus durchführbarsie wird sicherlich viel dazu beitragen, die wachsende Unzufriedenheit mit der Einwanderung, die besonders im Osten sich bemerkbar macht, zu beseitigen. Dem Vernehmen nach hat Jakob H. Schiff zu diesem Zweck eine halbe Million Dollars gespendet und soll die Aktion in Verbindung mit der Jto in London vorgenommen werden. vermischtes. B erlitt, 25. Jan. Aus dem DeutschcnBureau der Alliance Israelite Universelle wird uns geschrieben : Der Vorsitzende der D e u t s ch e n K o n ferenz-Ge meinschaft der Alliance Israelite Universelle hat soeben die Einladung zu der regelmäßigen Jahres-Sitzung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft auf Dienstag, 19. Februar ergehen lassen. Dem Wunsche der Mitglieder der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft entsprechend, findet diese Tagung in Frankfurt a.M. statt. Auf der Tagesordnung stehen: Rechenschafts- und Arbeitsbericht des Präsidiums für das Jahr 1906 und Arbeitsplan, für 1907, Bericht der Mitglieder über ihre Bezirke, der weitere Ausbau der Organisation der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft, Beschlußfassung über die an öie Centrale nach Paris zu richtenden Anträge, und die Stellung der Deutschen Konferenz - Gemeinschaft zu anderen jüdischen Organisationen im Jnlande. Außerdem hat das Präsidium der Deutschen Konferenz - Gemeinschaft beschlossen, den ersten Allianee-Tag in Berlin stattfinden zu laffen, im Anschluß an die Generalversammlung des Lokal-Comites Berlin, die bis zum 1. Juli einzuberufen ist Nähere Mitteilungen über diesen Alliance-Tag, zu dem alle Vertreter der deutschen Bezirks- und Lokal-Comitös einberufen werden und Me Mitglieder der Alliance Zutritt haben, werden rechtzeitig erfolgen. München, 16 Jan. Die Beschwerde des Kaufmanns Aron Friedmann in Altenstadt gegen den Beschluß des Bezirksamtes Jllertissen vom 20. Febr. 1906 betr. die Wahl der israelitischen Kultusverwaltung Alten st adt wurde vom Verwaltungsgerichtshof kostenfällig verworfen. Am 24. Dezember 1904 wurde in Altenstadt die israelitische Kultusverwaltung für die Jahre 1906—1908 gewählt. Friedmann focht diese Wahl an, indem er geltend machte, daß der Wahltermin nicht, wie herkömmlich, beim Bormittagsdienst in der Synagoge bekannt gemacht worden, ferner daß die Frist zwischen Bekanntgabe und der Wahl zu kurz gewesen sei, weil er daß die Wahl nicht, wie üblich, am 25. Dezember und bei Tag, sondern am 24. Dezember abends 7 Uhr stattgefunden habe, sowie daß dann kein Wahlausschuß gebildet worden sei. Endlich machte Friedmann geltend, das als Kultusvorstand gewählte Gemeindemitglied Weiß habe das Vermögen der Kultusgemeinde Altenstadt für private Hhpothekengeschäste nutzbar gemacht unter Beihilfe der Mitglieder der Kultusverwaltung Strauß und Löw. Das Bezirksamt verwarf die Beschwerde des Friedmann gegen die Wahl, und auch die Beschwerde zum Verwaltungsgerichtshof blieb ohne Erfolg. In den Entscheidungsgrünben des Berwaltungsgerichtshofes ist ausgeführt, daß die übrigen Beschwerdepunkte des Friedmann, soweit sie sich nicht auf das Hhpothekengeschäft beziehen, weder mit den Statuten der israelitischen Kultusgemeinde Altenstädt noch mit dem Herkommen in Widerspruch stehen Was aber das erwähnte Hypothekengeschäft anlangt, so erfolgte die Hingabe der betreffenden Kapitalien der Kultusgemeinde auf Grund ordnungsgemäßer Beschlüffe der Kultusverwaltung nach Prüfung der Sicherheit, die Zinsen wurden bisher richtig bezahlt und es ist nicht einzufthen, inwiefern auf diese Privatgeschäfte des Weiß und Strauß — Löw war überhaupt dabei nicht stnanziell beteiligt — die Ungültigkeit der Wahl gegründet werden könnte. Diese Verhältnisse hätte Friedmann höchstens bei Abgabe seiner Stimme berücksichtigen können. Schwetz, 21. Jan Die von Schwetz nach Stettin verzogene Rentiere Adeline Rosenberg, deren Ehemann vor kurzem hier gestorben ist, hat der hiesigen S Y n agogengemeinde zur Erinnerung an ihren verstorbenen Ehemann 7000 Mk. überwiesen. Diese sollen hauptsächlich zum Bau einer Leichenhalle auf dem jüdischen Friedhofe dienen. Samter. 28. Jan. Wie man bei gutem Willen allen Verhältnissen, allen staatsbürgerlich-gesellschaftlichen Verpflichtungen und Wünschen unter gewiffenhafter Beobachtung unserer heiligen Religion gerecht werden kann, dafür liefert die hiesige Gemeinde ein lehrreiches nächahmungswürdiges Beispiel. Seit Jahren besteht hier nämlich der Brauch, an Kaisers Geburtstag zunächst für die jüdischen Mitglieder der hiesigen Stadtvertretung ein rituelles Festessen zu veranstalten. Dasselbe nimmt einen so schönen, würdigen und gemütlichen Verlauf, daß die Zahl der Teilnehmer von Jahr zu Jahr wächst. In diesem Jahre nahmen 25 Mitglieder der hiesigen Gemeinde und als Ehrengast der Bürgermeister an dem in jeder Hinsicht wohlgelungenen patriotischen Feste teil. Der Rabbiner, Herr Dr. Wreschner brachte den Kaisertoast aus und beschloß den offiziellen Teil mit dem Vortrag des Tischgebetes, während der gemütliche Teil bei Gesang, Spiel und freier Konversation die frohgestimmten Teilnehmer noch viele Stunden zusammenhielt. . Könitz, 26. Jan. Die gegen die Juden gerichteten Unruhen nach der Ermordung des Gymnasiasten Winter im Jahre 1900 hatten am Donnerstag ein Nachspiel vor der hiesigen Straflammer. Gleich nach den Krawallen in Könitz sammelten sich am Jahrmarkttage, den 31. Mai 1900 auch in Schlochau große Menschenmengen auf den Straßen an, schrieen Hepp, Hepp und Pu! warfen mit Steinen gegen die Fenster der jüdischen Bewohner und belästigten diese. Unter diesen Radaubrüdern soll sich auch der Schuhmacher August Wehner aus Schlochau befunden haben, der sich bisher aber verborgen gehalten hat und jetzt erst ermittelt werden konnte. Bon der hiesigen Strafkammer wurde gegen ihn wegen Landfriedenbruchs und Uedertretung verhandelt. Weil der erschienene Zeuge, Nachtwächter Hermann Boldt aus Schlochau aber erklärte, daß er sich auf nichts mehr besinnen könne, wurde auf Einstellung des Verfahrens erkannt. Wien, 27. Januar 1907. Eine allgemeine jüdische Gesellschaftsreise nach dem Heiligen Lande wird im Frühjahr l. Js. vom Zionistischen Zentralverdin Wien veranstaltet. Die Reise dauert 32 Tage (vom 15. April bis zum 16. Mai), von welchen 2 Tage in Konstantinopel, V# Tag in Smyrna, 3 Tage in Syrien (u. zwar in Behruth, Libanon und Damascus), 12 Tage in Palästina und 5 .Tage in Aegypten (Port Said, Cairo, Heluan, Alexandria) zugebracht werden. Die Reiseroute ist: Wien, Bel- §rad, Sofia, Adrianopel, Konstantinopel, Smyrna, Behrouth, ibanon, Damascus, el Muzarib, Genezaret See, Tiberiath, Berge Tabor und Karmel, Haiffa, jüdische Kolonien, Jaffa, terusalem, Bethlehem, Jericho, Jordan, ToteS Meer, ilgal, Jerusalem, Mizpoh, Mozah, Ramleh, Rtschon