Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1907)
- Date
- 1907-01-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Rr. 5 Seite 6 Der Israelit. nach die talmudische Leuchte der „liberalen Rabbstiervereirügung" ist, über das Priestertum der Ahroniden. In welchem Sinne der Redner sprach, wird zwar nicht mitgeteilt, kann aber unschwer aus der Resolution entnommen werden, die als Niederschlag der anschließenden^ eingehenden Diskussion einstimmige Annahme fand. Ihre Heiligkeiten fanden für gut zu beschließen, wie folgt: «Seit der Zerstörnng des Tempels hat sich die religiöse Entwickelung des Judentums vom Opferwesen losgelöst und kann in Zukunft ihr Ziel nicht mehr in der Wiedereinführung eines Opferkultus erblicken. — Die mit dem Bestand (8ic) .des Opfertempels zusammcnhängen. en Pricstcrgesetze haben damit ihre ursprüngliche Bedeutung verloren und können als erschwerend für die religiöse Praxis nicht mehr in Betracht kommen." Auf wessen Rechnung das schlechte Deutsch zu setzen ist, weiß ich nicht. Das ist aber auch das Einzige, was mich an der Sache ärgern mag. Ich würde es wenigstens für eine Geschmacklosigkeit sondergleichen halten, wenn aus unseren Reihen jemand über dieses mD’ilp'SK sich sonderlich erbosen wollte! Du lieber Himmel! Man braucht die Bedeutung von Männern wie Löw, Geiger. Fasse! und der anderen ehemaligen Koryphäen der Neologie llicht eben allzu hoch einzuschätzen, uni doch ruhig einräumen zu können, daß sie, an ihren heutigen Epigonen gemessen, Riesen im Geist und an Können geweseri. Und man braucht den Vortrag des Herrn Dr. Silberstein-Elbing und die anschließende Diskussion nicht mit angehört zu haben, um ruhigen Gewissens behaupten und es vertreten zu können, daß, was die Herren da zur Stütze ihres Psaks vorgebracht haben mögen, von jenen schon längst und besser vorempfunden wurde. Jene waren am Ende ihrer Wirksamkeit aber ehrlich genug, es zu bekennen, daß ihr „Wirken" pro nihilo gewesen. Die den Sabbach entweihen, die Ehe- und Reinheitsgesetze durchbrechen, ihre Priesterwürde mißachten wollten usw. usw. aus ihrer „Herde", hatten die Sanktion ihrer Seelsorger weder verlangt, noch abgewartetdie aber auf die Entscheidung ihres Rabbiners etwas gaben und ihr Handeln danach einzurichten gewöhnt waren, versagten dem thorahlellgnerischen „Hirten" ohnedies die Gefolgschaft. Und den Silberstein, Vogelftein e tutti quanti sollte Anderes beschieden sein? Mein besseres Ich sträubt sich gegen die beleidigende Unterstellung, daß die Herren selbst etwas derartiges glauben! Ein merkwürdiges Zusammentreffen der Umstände hat es übrigens gefügt, daß ungefähr zur selben Stunde, wo die „liberalen Rabbiner die Abschaffung von Tumath Kohanim ahnungslosen Gemüts beschlossen, der „liberale Laienvorstand" der hiesigen jüdischen Gemeinde in die Stelle eines Prosektors an seinem Krankenhause einen Arzt berief, der, täuscht der Nanie nicht, ahronidischer Abstammung ist. Das klingt fast wie eine bestellte Probe auf das obige Exempel und ich beeile mich darum zu versichern, daß ich an diesem Beschlüsse völlig unbeteiligt bin Aber die Frage drängt sich demgegenüber doch um so eindringlicher auf: eai bc>vc>? Für welche „religiöse Praxis" als „erschwerend" können die Herren die Priestergesetze denn nun eigentlich noch erscheinen lassen, und wem soll die von ihnen dekretierte Erleichterung denn zu Nutze kommen? Denn, daß sie dabei etwa die unliebsamen Ergebnisse im Auge gehabt hätten, welche die pflichtgemäße Verweigerung der Mitwirkung bei verbotenen Eheschließungen oder Trauerreden für sie selbst im Gefolge haben könnte, — nun, man müßte das edle Destillat extrem altruistischer Lebensauffassung, die das „liberale Rabbiuertum" darstellt, nicht kennen, um eine derartige Möglichkeit auch nur einen Moment für diskutabel zu halten! Auf die Gefahr hin, des Eigenlobes geziehen zu werden, werden, muß ich daher wiederholen, was ich schon vor Bekanntwerden der Tätigkeitserfolge der „liberalen Rabbinervereinigung" hier behauptete, daß die Oeffentlichkeit nichts verloren hätte, wenn sie von ihren Beratungen und Beschlüssen nichts erfuhr.- Auch für die jüdische Gemeinde gilt noch immer, was schon vor Wochen hier konstatiert wurde, daß das Interesse an ihren Angelegenheiten, mangels einer anregenden Parole, in weitesten Kreisen auf dem Nullpunkt verharrt. Seitdem der Sonntagsfestgottesdienst aus dem „liberalen" Parteiprogramm verschwunden ist, haben die feindlichen Brüder von ehedem sich so einträchtiglich zusammengefunden, daß, wären die alten Parteibezeichnungen nicht im Volksmunde erhalten geblieben, man die Herren Konservativen von den Liberalen schwerlich unterscheiden könnte. Tate Bülow einen Blick in das Parlament der hiesigen jüdischen Gemeinde, er könnte an der Erfüllung seines neuesten Wahlprogramms, die sich da in aller Stille vollzogen, nur seine helle Freude haben. „Paarung des konservativen Geistes mit dem liberalen Geiste", das sollte nach unserem Reichskanzler ja wohl die „Forderung des Tages" sein. Nun, die Herren Repräsentanten haben diese „Forderung" so vollauf bereits erfüllt, daß ihnen zu tun kaum noch etwas übrig bleibt. Freilich stellte Bülow den konservativen Geist obenan, während im Gemeindeparlament zweifelsohne das Verhältnis sich umgekehrt ergibtaber bei den zartenFarbenunterschieden, die auch ehedem schon hier das Feld beherrschten, machen solch kleine Stellungssehler nicht viel aus. Daß dabei in aller Stille der „Liberalismus" keine Gelegenheit ungenützt vorübergehen läßt, um seine Position zu kräftigen und auf gegnerische Kosten vorzuschieben, dafür einen kleinen Beleg aus einem Vorgang, der in der Oeffentlichkeit bisher noch nicht bekannt geworden ist, ihr aber nicht vorenthalten werden soll und darf. Gegen den Widerspruch ihrer konservativen Mitglieder hat in einer ihrer letzten Sitzungen die Talmud-Thora-Kommission der jüdischen Gemeinde beschlossen, daß in Zukunft für den Gebetunterricht in den ihr unterstellten Schulanstalten neben der — bisher allein benutzten — Rödelheimer Tefillah auch das Gebetbuch der jüdischen Gemeinde (Ritus: Oranienburgerstraße) zugelaffen werden soll. Welche Unzuträglichkeiten für den Schulbetrieb aus dem Nebeneinander zweier so verschieden gearteter Schulbücher sich notwendig nur zu bald ergeben müssen, liegt selbst für den Nichtfachmann so sehr auf der Hand, daß es nicht erst auseinandergesetzt zu werden braucht, und ebenso, daß die Schlußfolgerung sich von selbst ergibt und geradezu aufdrängt, daß über kurz oder lang das eine oder das andere das Feld wird räumen müssen. Welches aber das eine, welches das andere sein wird, dürste keinem, der die Verhältnisse und die in Betracht kommenden Lehrer auch nur einigermaßen kennt, allzuschwer vorherzusagen erscheinen, und so wird in nicht allzulanger Zeit das Reformgebetbuch in den Schulen Alleinherrscher werden und in der Heranwachsenden Generation die Vorliebe für den ihr geläufigen Reformritus förmlich züchten. Aber auch bis dahin ist für den Augenblick schon der Gewinn erzielt, daß naturgemäß im Unterricht diejenigen Gebetstücke auch jetzt schon unberücksichtigt bleiben müssen, die Divergenzen in den Lesarten der beiden Schulbücher verzeichnen. Was das besagen will, vermag sich ohne Aufwand allzu großer Kombinationsgabe wohl jeder vorzustellen, der weiß, daß gerade die lebenswichtigsten Gebetstücke der Tefillah — von Schemah etwa abgesehen — der Verstümmelung durch die Reform nicht entgangen sind- und so ergibt sich schon heute als Folge dieses geschickten, „liberalen" Schachzuges, daß oie Schüler fortan von Zion und Jeruscholajim, von Opferdienst und Wiederaufbau des Gottestempels, von Moschiach und der Auferstehung der Toten und von so vielem Andern, an dem das Herz des wahren Jehudi hängt, im Gebetunterricht nichts mehr zu hören bekommen werden. Und man wollte noch bezweifeln, daß der „Liberalismus" in der hiesigen jüdischen Gemeinde der „Forderung des Tages" gerecht zu werden sucht?! Man soll mit Bösem nicht schließenso möge denn ein kurzer Bericht über die letzte Repräsentantensitzung der Adaß Jisroel den erfreulichen Beschluß des heutigen „Berliner _31. Jaruar 1907. Briefes" machen. In Vertretung des durch einen Trauerfall in feiner Familie leider behinderten ersten Vorsitzenden Prof. Berliner saß derselben Herr Prof. Barth vor, der aus dem Einlauf zunächst die Mitteilung machte, daß zwei ungenannt bleiben wollende Mitglieder der Adaß Jisroel behufs Begründung einer „Jacob und Mathilde - Stiftung" die Summe von Mk. 2000 in Wertpapieren der Gemeinde übermittelt haben, deren Zinsen zu Gunsten des Krankenheims der Chewrah Kadischah verwendet werden sollen. Die Versammlung erklärt sich unter Danksagung an die unbekannten Spender mit der Annahme der Zuwendung einverstanden. Genehmigt wurde auch die endgiltige Abrechnung des Gemeindeetats aus dem Rechnungsjahr 1904/05 und das Abkommen mit dem bisherigen Inhaber der Mazzothsabrikation für das nächste Jahr. Sodann fand die erste Lesung des Etatsentwurfs für 1906/07 mit einer Generaldebatte über die Grundsätze für die Etatsaufstellung und den allgemeinen Stand der Gemeinde statt, in der das erhebende Gefühl zum Ausdruck kam, daß die Adaß Jisroel die schweren Tage der Kinderzeit und Kinderkrankheiten hinter sich gelassen und, allen Anfeindungen zum Trotz, heute so weit erstarkt und gefestigt ist, um ohne Ueberschwang, aber auch ohne allzu ängstliche Sorge für die Zukunft der Erfüllung der an sie zu stellenden berechtigten Anforderungen genügen zu können. Auf die Einzelheiten des Etats soll später nach seiner Durchberatung eingegangen werden - heute sei daraus nur das Endergebnis dahin mitgeteilt, daß derselbe in Mk. 108814,25 balanziert. Mit diesem Hunderttausendmark-Etat darf sich die Gemeinde ruhig wohl auch den Blicken aussetzen, die auch die Bedeutung von Institutionen idealer Art-uud Natur nach ihrem Zahlenwert zu bestimmen sich gewöhnt haben- und solcher Leute gibt es hier eine ganze Menge. Berlin, den 29. Januar. Beim Abschluß eines Schuljahres, wenn unsere Söhne ihre Abgangszeugnisse empfangen, treten an die Eltern die wichtigsten Fragen heran, nämlich welchen Beruf sie ihre Kinder wollen ergreifen lassen. Für jüdische Eltern, ist heute genau noch wie vor bald h indert Jahren die Wahlftage eine sehr begrenzte geblieben. Entweder ein kaufmännischer Beruf, oder ein Studium, das der Jura, der Medizin, in wenigen Fällen der Naturwissenschaften, ohne Aussichten auf eine staatliche Förderung, und zu guterletzt das der Theologie. Seit fünfzig Jahren ungefähr ist für eine kleine Zahl jüdischer junger Leute noch der Künstlerberuf hinzugetreten, der weniger von staatlicher Gunst und Bevormundung abhängig gemacht ist, aber um so größere persönliche Fähigkeiten bedingt, als auch hier der Weg zum Ruhme mit weit mehr Dornen besäet ist, als bei den Nichtjuden. Allerdings ist auch im letzten halben Jahrhundert häufig zum Handwerk gegriffen worden, um jüdischen jungen Leuten den Weg zu einer Existenz zu bahnen. Inzwischen wurde es als eine Lücke in unseren, Wohlfahrtsbestrebungen empfunden, daß landwirtschaftliche Berufsarten für unsere jüdische Bevölkerung nicht einbezogen worden war, soweit Deutschland in Betracht konimt. In anderen Kulturländern Westeuropas, wo die jüdische Bevölkerung zahlreicher ist, finden wir einen verhältnismäßig großen Prozentsatz wie z. B. in Oesterreich, Ungarn, Böhmen, Kroatien u. s. w. landwirtschaftlich tätig, und wahrlich nicht ohne beachtenswerten Erfolg. Es bleibt ein Verdienst weitausschauender Männer der Gegenwart, die deutschen Juden auf die bisher unbetretenen Bahnen landwirtschaftlicher Berufe gelenkt zu haben. Die Gründung Ahlems durch den verewigten Konsul Simon war der erste Schritt auf dieser neuen Etappe. Aber bald erkannte man, daß dies noch kein ausreichender Schritt war, um die neu eröffnete Bahn gangbar zu machen. Die Gärtnerei und der Gemüsebau allein reichten nicht aus, um die Landwirtschaft und ganz speziell den Ackerbau bei den Juden populär zu machen. Aus dieser