Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-01-31 · Heft 5 (31.1.1907) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 5 (31.1.1907)
Date
1907-01-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449250--63219-2505751
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

«r. 5 Seite 4. Der Jikveltt. 31 Aarmar 1909. Nirgends treten die Lebenswunder deutlicher und greifbarer zu Tage als in der Entwicklung des pflanzlichen Lebens. Denn im Pflanzenkörper wird der große Schritt von der leblosen Materie zur lebendigen Zelle, vom Anorganischen zum Organischen, jeden Augenblick vollzogen: hier blicken wir in die geheime Werkstätte der Natur — allerdings ohne das Geheimnis ihres Wirkens erfassen zu können. Alles „Leben" hat seinen uns sichtbaren Anfang in der Pflanzen- Me, nur die Pflanze ist produktiv für die Bild- ' ung lebendiger Materie, der tierische Körper ist nur eine Reproduktion der lebenden Zellen, die der Pflanzenkörper für ihn vorgebildet hat. Also verdankt der Mensch offenbar die Erhaltung seiner physischen Existenz jenem Wunder der Urzeugung, das im Protoplasma der Pflanze sich fort und fort vollzieht. Diese unleugbare Tatsache muß den denkenden Menschen mit zwingender Logik zu dem Schluffe führen, daß er dem Schaffen der Naturkräfte, oas im Wachstum der Pflanzen sich offenbart, sein Dasein und die Erhaltung seines physischen Seins verdankt, daß der Segen des Feldes und die Gaben edelster Baumgattungen ein kostbares Geschenk sind, ihm gereicht aus der Hand des im Naturwirken sich offenbarenden Gottes. Nicht einen einzigen Lebensvorqang im Wachstum der Pflanze vermag die moderne und modernste Naturwissenschaft in seiner letzten Ursache natürlich zu erklärenihret Weisheit letzter Schluß lautet: wir wissen nichts und wir werden nichts wissen. Gerade die modernste Wissenschaft von der Wanzenbiologie führt uns zu dieser Erkenntnis. Die hat uns gezeigt, daß die Pflanze Lebens Vorgänge offenbart, die zu der Annahme einer in der Natur wirksamen göttlichen Schöpferkraft führen müssen. Einige wenige seien hier angeführt. Die Pflanze bewegt ihren Körper so frei und leicht und graziös wie das geschickteste Tier — nur viel langsamer. Die Wurzeln wühlen suchend im Erdreich, die Knospen und Sprossen vouführen gemessene Kreise, die Blätter und Blüten nicken und schauern bei Veränderungen, die Ranken kreisen suchend und langen mit genen Armen nach der Umgebung — aber erflächliche Mensch geht vorbei und hält die Pflanze für starr und leblos, weil er sich nicht die Zeit nimmt, eine Stunde bei ihr zu weilen. Die Physiologen sagen, diese Pfianzenbewegungen kommen dadurch zustande, daß der Druck des Wassers in den saftreichen Organen sich verschieden verteilt, daß er bald auf der einen Seite zunimmt, bald abnimmt. Demgemäs krümmen sich die Teile. Wenn man sich das ein wenig überlegt, so wird man finden, dies sei eine ähndes Ritters Degenberg von der christlichen Einwohnerschaft zur Ehre der heiligen Hostien niedergemetzelt. „lieber diese alte Mär," so schreibt ein Herr A. W. L. im Fränkischen Kurier, wären nicht viele Worte zu verlieren. Man kennt heute den chemischen Vorgang, nach welchen: länger liegende Oblaten rote, blutähnliche Wafsertropsen absondern. Man kennt den Wahn des Mittelalters, der sich in Verfolgungen der Juden wegen angeblicher Ritualmorüe, Hostienfchändungen, Brunnenvergiftungen sowie in Hexen Prozessen und -Verbrennungen äußerte Wenn Schreiber dieser Zeilen auf diese uralte Geschichte zurückkommt, so ist es nur, um eine historische Abhandlung in der Zeitschrift „Der Bayerische Wald" (Jahrgang 1906, Heft 4) — dem Bereinsorgan des Vereins Bayerwald — zu beleuchten. Ein Herr Georg Bauer aus Deggendorf gibt in genannter Zeitung einen Abriß der Geschichte der Stabt Deggendorf und spricht mit Genugtuung, ja mit Begeisterung von jener Judenmetzelei in seiner Vaterstadt. Ich glaube nicht, daß es heute noch einen gebildeten Geistlichen gibt, der dieser Kirchen- S' Tjütte ernstlichen Glauben beimißt, aber der „Geschichtscher" Bauer spricht von „Bolksjustiz" und davon, daß Stadt nun glücklich die „Wucherer" losbekommen habe. Man wird lebhaft an die Untersuchungen russischer Regierungsorgane über die Ursachen eines Pogroms erinnert, wenn Bauer erzählt, daß der Herzog Heinrich XlV., dem die Juden als 8ammerknechte zu eigen waren, zwar S erzürnt gewesen sei, aber nach durchgeführter Unterg erklärt habe: es sei alles in bester Ordnung vor sich: gegangen, er erteile den Deggendorfern Pardon und gestalte, daß die Mörder die den Juden abgenommenen »ostbarkeiten als Eigentum behalten dürsten, daß alle jümschen'S^wMkmwM amW^ MkrLm tmo. ES ist wahrlich nicht schwer zu erraten, wie der gel-bedürftige 1 ’’1 flili «ÄrW.äv', i.Si 'i ÜX~r; „ -k»..kfek: ■ liche Antwort wie die, daß eine Lokomotive deshalb fahre, weil man den Sperrhahn geöffnet hat. Schließlich ist ja die Frage nach der Ursache des Fahrens damit beantwortet, aber über die Ursache der Bewegung w ffen wir doch nichts. Vorurteilslose Forscher sind ehrlich genug, offen zu erklären: daß wir nur die Tatsachen jener geheimen Bewegung kennen, aber nicht ihre wahre Ursache. Eines der lebendigsten Organe des Pflanzenkörpers ist die Wurzel. Sie ist keimartig schon in jedem Pflanzensamen enthalten. Dieses Würzelchen liegt aber jahrelang unbeweglich in dem Samenkorn eingeschloffen, ohne sich zu rühren. Ja, man hat in ägyptischen Mumien Weizenkörner gefunden, die also jahrtausendelang dagelegen sein müssen, ohne ihre Kleinkraft verloren zu haben. Warum keimten sie nicht, warum können wir Samen Jahrzehnte, ja wenn wir wollten, Jahrhunderte keimfähig erhalten? Warum geht die Saat nicht aus, wenn sie in trockenes Erdreich versenkt wird? Offenbar, weil die erste Bedingung, den Keim im Samenkorn zu lösen, die Feuchtigkeit ist. Man lege ein Samenkorn etwa 24 Stunden ins Wasserso wird sein Keimwürzelchen hervorbrechen. Die Natur aber sorgt zur rechten Zeit dafür, daß Tau oder Regen die Keime der Samen lösen und zur Entwicklung bringen. Wir erkennen hier die Zweckmäßigkeit des Jneinandergreifens der Naturvorgängedaß aber die Natur eine solche Zweckmäßigkeit ohne Plan, ohne Absicht, durch Zufall erlangt haben sollte, vermögen wir nicht zu denken. Die Gesetzmäßigkeit des Naturverlaufes läßt uns vielmehr auf einen weisen Gesetzgeber schließendiesen Gedanken spricht die Bibel selbst aus, wenn sie die Wunder des Pstanzenwachstums in einer besonderen Segenfülle einem Teile des heiligen Landes verheißt: „Und von Josef sprach er: Gottgesegnet sein Land, von Himmelsfrucht, von Kau". Man beachte, daß die Bibel in Uebereinstimmung mit moderner Pstanzenbiologie als erste Bedingung des Pstanzenwachstums die Feuchtigkeit an gibt. Verfolgen wir die wurmartigen Wurzelenden in ihrem Wachstum, so ist es kaum zu glauben, was dieses weiße Fädchen alles leistet. Vor allem dreht es seine Spitze langsam, doch ständig im Kreise und schraubt sich so förmlich in den Erdboden ein. JÄer, der dies noch beobachtet hat, vergleicht es mit einem Suchen nach Nahrung. Die Wurzeln tasten dadurch jedes Erdkrümchen ihrer Umgebung ab. Und wie seltsam: von dort, wo das Erdreich trocken ist, wendet sich die Wurzel ab zu feuchteren Stellen. Stets wächst sie dorthin, wo mehr Feuchtigkeit ist. Die Herzog zu diesem Entscheid bewogen wurde, zumal an der Spitze der Mörder sein Günstling, der frumbe Ritter von Degenberg auf Natternberg, stand. Dann bemerkt Bauer: ,,Gelegentlich ihrer Ermordung zündeten die Juden auch wohl selbst ihre Häuser an." Er gibt die Quelle dieser Annahme nicht an. In der alten Chronik ist diese sinnlose Beschuldigung nicht enthalten. Bauer hätte oas Zeug zum russischen Reaierungsberichterstatter! Er hätte nach dem Bialystoker Pogrom gewiß geschrieben: „Die Juden haben sich Kanonen gekauft und damit ihre Häuser niedergeschossen." Es scheint übrigens nicht, daß Bauer diese literarischen Untaten aus kirchlicher Berranntheit verübt. Im Gegenteil leugnet er den Hauptteil des Mirakels mit der Erklärung, die Hostien seien nicht im Brunnen neben der infolge dieses Ereigniffes erbauten Heiliggrabkirche, sondern „in der Grotte des sogenannten Judenaltars" gefunden worden. Bleibt also als Motiv seiner Darstellung nur blinder Judenhaß als unschönes Erbteil seiner mittelalterlichen Ahnen. Wer an Hostienschändungen dieser Art glaubt, der muß auch an Ritualmorde, an Entstehung der Pest durch vorsätzliche Brunnenvergiftungen, muß auch an die Rechtmäßigkeit der Hexenprozesse glauben. Denn alle diese Ausgeburten der Unduldsamkeit sind aufs innigste miteinander verwandt. Das Greulichste an der Geschichte ist aber, -aß sie sich in den Spalten eines Blattes befindet, welches den Zweck verfolgen soll, Natursinn und Liebe zum schönen Bayerischen Waid zu verbreiten. Es berührt eigentümlich, neben begeisterten Naturschilderungen in Prosa und Versen solch einfältiggehäffiges Zeug zu finden. Der Verein Bayerwald nimmt als Mitglieder keine Juden aus. Aber deshalb brauchte er doch noch nicht volksverhetzendes Geschreibsel zum Zweck oer Verbreitung des Judenhasses in fein BeretnSorgan aufzunehmen." Physiologie nennt dies „Sinn für Wassernähe," (Hygrotropismus). Die Wurzel wendet sich stets nach abwärts. Diese Tatsache erscheint den meisten Menschen als etwas Selbstverständliches, das gar nicht des Nachdenkens wert ist. Daß dem jedoch nicht so ist, lehrt folgender Versuch: Wir legen den Keimling so in die Erde, daß die Hauptwurzel senkrecht nach oben gerichtet ist. Entfernen wir nach einigen Tagen die Erdschicht, die den Keimling bedeckt, so sehen wir, daß die Wurzel eine hackenförmige Krümmung ausgeführt hat, um weder senkrecht nach unten zu wachsen. Die Wurzelspitze hat sich wieder dem Erdmittelpunkte zugewendet. Sie dringt mit großer Kraft in den Boden und entwickelt dabei eine solche Energie, daß sie Papier durchbohrt, Steine oder Felsblöcke entweder sprengt oder sie einfach umgeht, wenn sie aus ihrer senkrechten Richtung verdrängt würde. Dieses merkwürdige Verhalten der Hauptwurzel verrät, daß die Anziehungskraft der Erde, die Schwerkraft, hier im Spiele ist. Wir erkennen hier die Richtung der Bewegung und geben eine Ursache an. Können wir aber erklären, was das Wesen der Schwerkraft ist? Was die geheimnisvollen Beziehungen zwischen Anziehungskraft der Erde und der wachsenden Wurzel ausmacht? Dieser „Geotropismus" der wachsenden Pflanze wird umso rätselhafter, als andere Pflanzenteile, Stengel und Blätter, das entgegengesetzte Verhalten zeigen: sie streben dem Lichte zu. Blickt man einen sich an dem Spalier emporziehenden Weinstock näher an, so bemerkt man bald, daß er, wie ein Polyp mit tausend Fangarmen, Ranke um Ranke tastend in die Luft streckt. Und hat man gut acht, so sieht man, wie ihre Spitzen sachte Kreise beschreiben, je einen in 67 Minuten. Die Ranke steigt dabei langsam in die Höhe, sie zieht Blätter und Reben zum Sonnenlicht empor. Und nicht nur die Ranken — jeder Sproß, jeder wachsende Stamm beschreibt diese zitternden Kreise. Man nennt dieses Streben nach Licht, das eine physiologische Notwendigkeit für die grünen Pstanzenteile ist, Heliotropismus, Sinn für Sonnenlicht. Aber erklären läßt sich der „Lichtsinn" der Pflanzen so wenig wie ihre „Schwerkraftsempfindung" das Wesen der Anziehungskraft der Sonne ist uns so unbekannt wie das der Schwerkraft der Erde. DaßWurzeln und oberirdische Pstanzenteile zweckmäßige Bewegungen ausführen, sehen wir ein, aber nicht, warum der eine Pflanzenteil der Schwerkraft der Erde, der andere dem Lichtreiz oder der Anziehungskraft der Sonne unbedingt folgen muß. Kennt die Bibel den H y g r o t r o p i s m u s, den Geotropismus unddenHeliotropismus der Pflanzen? „Gottgesegnet sein Land, von Himmels <HebräiicheIHravinichrciten). JnderSitzung der philosophisch-historischen Klasse der Akademie der Wissenschaften in Wien, vom 5. Dezember überreichte der Sekretär eine mit der Bitte um Aufnahme in die Sitzungsberichte der Klaffe eingesandte Arbeit von Herrn Dr. Bernhard Wachstein in Wien, welche betitelt ist: „Wiener hebräische Epitaphien". Hierzu bemerkt der Verfasser: Seit Jahren mit der Kopierung, beziehungsweise Entzifferung der auf dem alten jüdischen Friedhof in Wien, dem sogenannten Rossauer Judenfriedhof, befindlichen Inschriften beschäftigt, bin ich zur Ueberzeugung gelangt, daß eine gründliche Bearbeitung dieser Denkmäler einiges Interesse für die Sitten- und Kulturgeschichte der Juden und nicht zuletzt auch für die Wiener Lokalgeschichte und darüber hinaus beanspruchen darf. Die vorliegende Sammlung hebräischer Epitaphien, eine kleine Auswahl aus der Anzahl sämtlicher von mir kopierten Inschriften (zirka 1000), hat nun den Zweck, auf dieses Material die Aufmerksamkeit zu lenken, und will gleichzeitig als Probe für die Art der Behandlung angesehen werden. Einige von ihnen sind bis nun überhaupt unbekannt geblieben, andere sind wohl schon, aber in unzureichender Weise, publiziere worden. Zum Zwecke der Identifizierung der Personen und Kommentierung der Texte wurden die zeitgenössischen Queuen und die einschlägige neuere Literatur reichlich herangezogen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.