Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1907)
- Date
- 1907-01-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449250--63217-2505749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Mohel 2× ep/1006163
- Wetzlar 1× ep/1046005
OCR text
Rr 5. Sette 2. Der Israelit. 31. Januar 1907. Wahlkreisen für den Antisemiten eingetreten ist. Es war dies u. a., wie zum Teil schon angeführt, in Eisenach, Gießen, Dillenburg, Wetzlar der Fall. Wenn es sich in allen diesen Fällen auch um rein taktische Erwägungen gehandelt haben mag, so sollte eine Partei, deren Devise lautet: Für Freiheit, Wahrheit und Recht, und die unter Vorurteil und Verfolgung selbst schon genug gelitten hat, eine Verbindung mit Leuten scheuen, deren Prinzipien und Erfolge auf Lüge und Unrecht gegründet sind. 'ocheilMilZscha«. lUSifdie Lanöroirfe. Die Kalendernotiz des fünfzehnten Schewat hat wieder einmal die Erinnerung an jene besseren Zeiten wachgerusen, in denen der Jude noch nicht als wandernder Handelsmann über die Erde zog, an jene Zeiten, in denen der kräftigende Duft der Ackerscholle und die sonnige Atmosphäre grünender Weinberge noch die Lebenselemente der jüdischen Jugend waren, und in denen — das eigentlich ist ja der Sinn jener Kalendernotiz — alles Werden und Wachsen der Natur dem Juden die Grüße seines Gott^ö, seine Acker- und Boden-M^v brachte. Wie sehr darum an und für sich die Landwirtschaft als Lebensberuf für jüdische junge Leute von unserem Standpunkte aus begrüßt wettren muß, erhellt schon aus dieser Erinnerung, aus der Wertschätzung, deren sich die landwirtschaftliche Tätigkeit in der jüdischen Ethik erfreut, und aus einer Reihe weiterer Erwägungen, die wir uns bei künftiger Gelegenheit ausführlich darzustellen Vorbehalten möchten. Heute veranlaßt uns eine an anderer Stelle abgedruckte Mitteilung des „Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den deutschen Juden" auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, die einer größeren Verbreitung der landwirtschaftlichen Berufe im Kreise der gesetzestreuen Juden heute doch noch im Wege stehen. Wenn die Beobachtung des Sabbaths im Handelsgierbe und in der Industrie in den letzten rzehnten auch stark erschwert worden ist, so len wir in jenen Berufszweigen glücklicherweise dennoch mit einer so großen Zahl am Sabbath geschloffener Betriebe rechnen, daß Ausleines Meuilleton. Die Iftizwa. Eine wahre Begebenheit. *} Bon A. E. Man begleite mich im Geiste nach der Provinz Westfalen in das Städtchen H. Dort in der jüdischen Gemeinde lebte vor mehr als 100 Jahren der Groß-Kaufmann Rabbi Mendel, der noch zugleich die Funktion eines Mohel — steilich ohne irgend welche Geldentschädigung dafür anzunehmen, vielmehr rein 2DV UW? — ausübte. Unter der Beze ichnung Groß - Kaufmann darf man fich dabei keineswegs den Besitzer eines Engros-Handels im heutigen Sinne vorstellen. Wenn ich den Jahresumsatz des Rabbi Mendel auf 50,000 Thaler veranschlage, so habe ich vielleicht schon zu hoch gegriffen. Seine Abnehmer waren die jüdischen Händler aus den Städten und Dörfern der Umgegend, die in ihrem „Packen" auf dem Rücken die Waren den Stunden oder denen, die es werden sollten, ins Haus brachten und bei dieser Beschäftigung von Montag stütz bis Donnerstag abend, oft bei schlechtem Wetter und auf noch schlechteren Wegen von einem Ort zum anderen wanderten. Diese Geschäftsleute galten schon als „botuach", oder gar als „Kezinim", wenn sie bet drei- bis viermaligem Einkauf im Jahre von zusammen vielleicht 10JO M k. baar bezahlen konnten, während die *) Die hier mitgeteilte Begebenheit wurde dem Verfasser einst von seinem Vater (geb. 1794) erzählt. Sie dürfte stch im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts ereignet habm. bildungsstätten zur Heranbildung des Nachwuchses in genügendem Maße vorhanden sind. Ja, es fehlt im Handelsgewerbe zuweilen so sehr an Lehrlingen, daß die an diese zu zahlenden Vergütungen eher steigende als fallende Tendenz zeigen. Auch nach vollendeter Lehrzeit kann ein gut vorgebildeter junger Mann in der Regel darauf rechnen, weiter Stellung in Samstags geschlossenen Betrieben zu finden. Anders liegen die Dinge in der Land Wirtschaft. Die Ahlemer Anstalt macht kein Hehl daraus, daß es ihr kaum möglich ist, ihren Zöglingen nach beendeter Ausbildung bezahlte Stellungen zu vermitteln, die ihnen gestatten, als pflichtgetreue Juden zu leben. Höchstens kommen in dieser Beziehung oie jüdischen Kolonisationsgesellschaften als Arbeitgeber in Betracht, und daß diese nur einen kleinen Teil ausgebildeter Arbeitskräfte aufzunehmen vermögen, liegt auf der Hand. An Selbstständigkeit aber ohne langjährige praktische Schulung und ohne große Kapitalien ist in der Landwirtschaft weniger als als irgendwo sonst zu denken. Welche Erfahrungen der „Verein für Bodenkultur/^ über das Schicksal der von ihm ausgebildeten Zöglinge in religiöser Beziehung bisher gemacht hat, ist uns nicht bekannt. Wir vermuten stark, daß sie denen der Ahlemer Anstalt nicht unähnlich sind. Beide Anstalten haben gewiß den Wunsch, den ihnen anvertrauten jungen Menschen eine jüdisch-religiöse Erziehung zu geben, aber selbst wenn man die Ansprüche an die Ergebnisse dieser Erziehung noch so niedrig stellt, wenn man jeden Gedanken an das Ideal eines jüdischen Landmanns, an den Thorahgelehrten hinter dem Pfluge, an die Herrlichkeit der durch min ilv?n geadelten jüdischen Arbeit aufgibt — selbst dann bleibt es Pflicht, jüdische Eltern, die ihre Kinder der Landwirtschaft zuführen wollen, zur Vorsicht zu mahnen. Mögen sie in jedem einzelnen Falle die Individualität ihresKindes, ihre eigene finanzielle Leistungsfähigkeit gewissenhaft in Erwägung ziehen, dann die Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen der ins Auge gefaßten Anstalt selber prüfen, um zu erkennen, ob ihren Kindern dort die Wahrung des Sabbaths und der Speisegesetze vor allem als nimmer zu verrückende Grundsteine jüdischen Lebens theoretisch und praktisch gelehrt werden. Die Verwaltungen jener Anstalten aber, wenn sie es, wie wir hoffen, mit ihrer religiösen Pflicht ebenso ernst meinen wie mit ihrer sozialen Mission, sollten unter Heranziehung des Verbandes der Sabbathfreunde in Beratungen darüber eintreten, auf welche Weise den von chnen herangebildeten landwirtschaftlichen Mehrzahl mit der Begleichung des Einkaufpreises immer bis zum nächsten „Seman" zu warten pflegte. Rabbi enoel kaufte einen großen Teil seiner Waren auf den Meffen zu Frankfurt a. O. ein, deren eine Anfangs November begann. Eine Reise nach Frankfurt a. O. war unter den damaligen Verhältnissen keine Kleinigkeit, man brauchte dazu fast zehn mal so viel Zeit als heute. Es war daher Sitte, daß immer eine ganze Gesellschaft von Reisenden zusammen zur Messe reiste, und auch Rabbi Mendel war seit Jahren gewohnt, in A., das ungefähr sieben Wegstunden östlich von seinem Wohnort lag, mit mehreren Freunden, die das gleiche Reiseziel hatten, immer an einem Sonntag stüh zusammen zutteffen, um mit ihnen die weite Reise gemeinschaftlich zu machen. Bereits am Freitag wurde alles fertig gepackt, auch das Geld, das ein ziemliches Gewicht ausmachte, bereit gelegt Rabbi Mendel verabschiedete sich von den Nachbarn, wurde am Schabbos „außer der Reihe" zur Thora aufgerufen und mit Mizwoth beehrt. Am Ausgang des Sabbath kam der größte Teil der Gemeindemitglieder, um ihn beim Antritt der Reise ein kurzes Siück Wegs zu begleiten Jeder gab ihm einen kleinen Geldbetrag, das er als Schliach-Mizwoh in Frankfurt an Arme abliefern sollte. Da hielt plötzlich vor dem Hause ein Fuhrwerk, und kurz darauf ttat Rabbi Josef, aus dem etwas westlich von H. gelegenen R. ins Zimmer ein. Man wußte, daß ihm vor wenigen Tagen seine Frau einen Knaben geschenkt, und wünschte ihm allseitig Mafseltow Rabbi Josef berichtete nun, was ihn hierherführe, „Du weißt", sagte er zu R. Mendel, „daß mein Schwager Elsik aus L. gleich Dir Mohel ist; ich hatte ihn eingeladen die Mizwoh an meinem Kinde zu vollziehen, und er teilte mir mit, daß er mit Dank annehme. Heute Abend bekomme ich nun die Nachricht, er habe sich beim Abschyeiden der Mauzi, zwar gottlob nur leicht, aber doch immerhin so verletzt, daß er morgen den Brith zu seinem Bedauern nicht Kräften weitere Betättgung unterErhaltung ihrer religiösenPf lichttreue ermöglicht werden könne. Weder der genannte Verband noch andere gesetzestreue Körperschaften oder Private würden ihre Mitwirkung bei einem solchen wahrhaft jüdischen Beginnen versagen. Oesferreichisdie watilbewegung. Der österreichische Reichsrat ist nunmehr verabschiedet worden, und die Neuwahlen werden schon nach den Bestimmungen des vor Kurzem angenommenen Wahlgesetzes vor sich gehen. Was die nationalgesinnten Juden bei den Beratungen über dieses Gesetz gefordert hatten, die Errichtung einer jüdischen Kurie, die Anerkennung der jüdischen Nationalität neben der deutschen, polnischen, tschechischen, usw., ist, wie von Anfang angenommen werden konnte, nicht bewilligt werden. Dennoch gestaltet sich die Teilnahme des österreichischen Juden an den Wahlen ganz anders, als es etwa bei den Juden in Deutschland der Fall ist. Wir deutschen Juden haben selbstverständlich die Pflicht, neben den allgemeinen Bolksiutereffen die unserer eigenen religiösen Anliegen in erster Reihe zu vertreten. Wir bilden jedoch zu diesem Zwecke keine besondere Partei, sondern bemühen uns für den Schutz der jüdischen Interessen durch Unterstützung derjenigen staatserhaltenden Parteien zu sorgen, die eine Gewähr dafür bieten, daß sie uns feindlichen Bestrebungen Widerstand leisten werden. Anders in Oesterreich, wo die Zahl der Juden groß genug ist, um sie als eine Gesamtheit in gleiche Linie mit den übrigen Parteigruppen zu stellen. Hier ergiebt es sich, daß die jüdische Bevölkerung, soweit sie sich nicht assimiliert hat, glaubt, ihr politisches Wohl und Wehe am Besten keiner fremden Hand anverttauen, sondern von der Möglichkeit einer Wahl jüdisch-nationaler Kandidaten Gebrauch machen zu sollen. Abgeordnete jüdischen Namens hat es auch im verflossenen Reichsrat mehrere gegeben,' als wirklich jüdischer Abgeordneter konnte jedoch nur der in der Bukowina gewählte Dr. Straucher gelten. Die österreichischen Zionisten sind nun mit allen Kräften an der Arbeit, hierin Wandel zu schaffen) und es ist nicht unwahrscheinlich, daß diesmal die national-jüdischen Kandidaten die Assimilanten vom Polenklub teilweise verdrängen werden. Außer in Galizien und in der Bukowina ist natürlich an einen Sieg national-jüdischer Kandidaten nicht zu denken, und wie viele von diesen auch in unsrem, im r e l i g i ös e n Sinne den Ehrennamen Jude verdienen, wollen wir lieber gar nicht fragen. Wann werden sich die galizischen Juden dazu ermannen, Leute von echt jüdischer gesetzestreuer Gesinnung aus den Schild zu erst beu? vornehmen könne. Nun muß ich dich, Mendel, bitten, mit mir zu fahrenwir sind Mitternacht in meinem Hause und dort kannst du ausschlafen" Daß R. Mendel diesmal nicht gleich so freudig gestimmt war, wie sonst, wenn ihm ein solches Ehrenamt übertragen wurde, wird man benreiflich finden. Daß er einen Tag später, als es seine Absicht war, in Frankfurt eintrvf, war unerheblich, aber er versäumte auch den Anschluß an seine Freunde in A. und mußte die Reise allein machen. Aber nach sekundenlanger Ueberlegung kam es aus seinem und seiner Gattin Mund fast gleichzeitig : „Die Mizwoh ist wichtiger als die Frankfurter Reise." R. Mendel fuhr mit seinem Freund Josef nach R., und trat am anderen Nachmittag wieder die Rüu fahrt an. Der Wagen war noch eine kurze Strecke von H. entfernt, da traf man einen Mann, der bei Mendel zu arbeiten pflegte - dieser rief Mendel sogleich in dem bekannten westfälischen Plattdeutsch zu: „Welch ein Glück, daß wir gestern abend nicht gereist find. Der Reisende von Christoph L tratt, der gehört hatte, daß ich von Euch aufbestellt sei, wollte ebenfalls nach A. und mietete mich, ihn mit meiner Schiebkarre zu begleiten, was ich natürlich gerne tat. Wir brachen um Mitternacht auf und waren kaum im Walde angekommen, als zwei Männer mit geschwärzten Gesichtern, auf uns zusprangen mit den Worten: Da ist der Jud mit dem Geld. Rascher als ich es erzählen kann, hatten sie den armen Menschen zu Boden geworfen und ihm die Kehle durchschnitten. Ich aber ließ Schiebkarren und Koffer zurück und lief, so schnell ich konnte, nach Hause. Ich hatte die Mörder, die Gebrüder N., erkannt, und lief sofort zur Polizei Das Haus der Mörder wurde bewacht, und es dauette nicht lange, da kamen sie mit ihrer Beute zurück. Den Koffer hatten sie stehen gelaffen. Sie wurden festgenommen und sitzen jetzt an Händen und Füßengefeffelt, hinter Schloß und Riegel.". Ein Schauder hatte R. Mendel erfaßt, als er die Schreckensnachricht vernahm. Inbrünstig dankte er zugleich oem AU-