Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1907)
- Date
- 1907-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit Ein Centralorgao für das ortlwtotc Joieitin lifrtiid in Br. Lefcun ii lUaiiz 48. lahrgang. Sranhfurf a. M.. 0en fg' Sch’ma/l^gy. Der JSrattit erscheint jeden Donnerstag. Ab»«»eme«ts r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50 vierteljährlich, HeMlSgabe auf Kunstdruckpapirr Mk. L— vierteljährlich. (UuSlandtPreife für to* gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich 2 Kr.t Rußend 1 Kub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanftalteu, Buchhandlungen, sowie direkt bei te .lBha»hkmn. LukevatLL 30 Pfennige für die sechsgespatzene Lvlorttl-ZeÜL; RabtUt noch Larif. Jnseratenannabme -pur inlrch^Hagseiksteiu-u^^Ly^ler. A^8. i^. «ffiUä fc«' 70005. Frankfurt a. M. und deren Filialen. bei de« St+ POstWu^kaffeWaMt WubMeO Mv» IttÜ« Die geicdrtagrwadlen und die Antisemiten. Die erste und Hauptschlacht des Wahlfeldzuges ist geschlafen und so lohnt es sich heute schon einen Blick darauf zu werfen, wie unsere antisemitischen Gegner dabei abgefchnitten haben. Das starke Echo, das die Wahlparole der Regierung bei allen bürgerlichen Parteien hervorgerujen hat, ist — leider! — auch den Antisemiten zu gut gekommen. Zunächst profitierten sie von der lebhafteren Beteiligung, wie alle bürgerlichen Parteien, und zweüens verstanden sie es vortrefflich den Ruf nach Einigung gegenüber Zentrum und Sozialdemokratie für sich auszunutzen und ihre Anhänger als Schildträger des nationalen Gedankens, den sie bekanntlich in Erbpacht genommen haben, in den Vordergrund zu schieben. Wenn auch die letzte Entscheidung naturgemäß erst in den Stichwahlen fallen wird, so kann man doch heute schon als feststehend annehmen, daß die Antisemiten mit ihren verschiedenen Spielarten wie Mittelstandsvereinigung. Wirtschaftliche Vereinigung, Reformpartei und Deutschsozialen im Ganzen einen Gewinn von 5—6 Mandaten davontragen werden. Gehen wir zu den Einzelresultaten über, so zeigt sich, daß von den Wahlkreisen, die sie zuletzt HtMen, 'WWM der HrmpSvahl verloren wurden: Es sind das die Wahnreise:Schlochau- Flatow, wo der Antisemit Böckler aus der Stichwahl gedrängt wurde/ ferner Pyritz- Satzig, das bisher, durch den famosen Pfarrer Krösell vertreten war und Ost- und Weststernberg/ in beiden Wahlkreisen wurde statt des Antisemiten ein Konservativer gewäblt. Ihre Sitze behauptet haben die Antisemilen in folgenden Kreisen: Siegen-Bi eben köpf. Hier ist Stöcker mit knapper Majorität durchgedrungen. Fritzlar-Ziegenhätn. Liebermann v. Sonnenberg, der Häuptling der Deutsch-Sozialen, hat sein Mandat, wie auch früher, der Unterstützung des Bundes der Landwirte zu verdanken. Arnswalde-Friedeberg. Bruhn ist hier im ersten Wahlgang durchgedrungen. Bautzen- Kamenz. Gräfe wurde durch das für ganz achsen geltende Kartell wiedergewählt. Das gleiche gilt für Zs chop au-Mari en borg. Auch hier wurde der Antisemit mit erheblicher Majorität wiedergewählt. Dillenburg-Herborn. Hier ist das Zentrum leider von vornherein fiir Burckhardt (wirtsch. Bereinigung) eingetreten, so daß dessen Wahl im ersten Wahlgang erfolgte. Gewonnen wurde von ihnen muf Pirna, das bisher sozialistisch vertreten war. Die folgenden Sitze haben sie in der Stichwahl zu verteidigen: Hers fel d-Ro tenburg. Hier erhielt der bisherige Mgwrdnete Werner5371 Stimmenvon seinen Gegnern «Hielten Müller (Zentrum) 3816, Bodelfchwtngh (Konservativ) 8314, so daß er in die Stichwahl mit dem Zentrum kommt, bei der ihm der Sieg ziemlich ficher ist. Doch ist immerhin möglich, daß die amtliche Zählung ein anderes Resultat ergibt. Eschwege-Schmalkalden. Hier steht der deutsch-soziale Raab mit 9794 Stimmen gegen Eckhardt (Sozialist) mit 7811. Hoffentlich geben hier die Freisinnigen, die über beinahe 6000 Stimmen verfügen, den Ausschlag gegen den Antisemiten. Kassel- Melsungen. Hier wie in Rinteln-Hofgeismar dürfte leider der Sieg der Antisemiten kaum zu vermeiden sein. Bitterfeld-Delitzsch. Auch hier ist ein den Antisemiten günstiger Ausgang kaum zweifelhaft. Eisenach-Dermbach. Gegen alles Erwarten ist es hier Schack, dem Vorsteher des antisemitischen Handlungsgehülfen - Vereinigung, dank einer skrupellosen Agitation und dem Eintreten des Zentrums gelungen mit knapper Mehrheit in die Stichwahl zu gelangen. Den Ausschlag geben auch hier 6000 freisinnig-nationaüiberale Stimmen, hoffentlich gegen Schack. In den folgenden Kreisen kommen die Antisemiten neu in die Stichwahl: Meißen (Soz.i Gäbel steht hier gegen einen sozialistischen Kandidaten, so daß der Ausgang kaum zweifelhaft ist. Das gleiche gilt für Weimar-Apolda- und für Wanzleben, wo Rieseberg (wirtsch. Bereinigung) in die - tichwahl mit einem Sozialdemokraten gelangt ist. Weimar l. Ebenfalls Stichwahl zwischen Antisemit und oz aldemokrat. Liegnitz Hier ist es zur Abwechslung wieder ein Mitglied der Mittelstand Vereinigung, das zur tid)tvat)l mit bem freisinnigen Fischbeck steht. Marburg. Der bisherige Abgeordnete von Ger lach, der bekannte Führer der Nationalsozialen, steht hier in Gefahr durch einen Satrapen des Bundes der Landwirte verdrängt zu werden. Können in den vorstehend erwähnten Wahlkreisen die Antisemiten mit einiger Wahrscheinlichkeit auf Erfolg rechnen, so ist das in den übrigen Kreisen, in denen sie ebenfalls zur Stichwahl stehen, um so weniger der Fall. So in Erbach-Bensheim, wo der bisherige Abgeordnete Haas, bekannt als Führer der landwirtschaftlichen Genossenschaften, seinem antisemitischen Mitbewerber uin mehr als 2000 Stimmen voraus ist. Auch in Wetzlar-Altenkirchen, in A lsfeld-Lauter bach und in Waldeck dürfte die Wi derwahl der seitherigen liberalen Vertreter gesichert sein. In Gießen gelangt der bisherige Abgeordnete Heyligen ft ädt mit dem Antisemiten Köhler in die Stichwahl. Die Entscheidung liegt hier bei den Sozialdemokraten, die für Köhler keinesfalls zu haben sein werden. Unser Ueberblick zeigt, daß von einem erheblichen Erfolge der jahraus, jahrein mit Hochdruck betriebenen antisemitischen Agitation keine Rede sein kann. Wenn unter den 397 Reichstagsabgeordneten künftig 20 Antisemiten, statt bisher 15, vorhanden sein werden, so dürfte auch dies bescheidene Plus einzig auf die günstige Konstellation, auf das Geld des Bundes der Landwirte Md die Unterstützung seitens der Konservativen und des Zentrums zurückzuführen sein. Selbstredend entbindet das die jüdischen Wähler^'cht von der Pflicht, bei den Stichwschlen mit alle" Kraft den Antisemiten entgegenzutreten. Bei rastloser Arbeit ist es in manchem Wahlbezirk möglich, den Sieg, den die Antisemiten schon in Händen zu haben glauben, ihrem Gegner zuzuwenden. Daß die jüdischen Wähler unter allen Umständen diePflicht haben' ihre Stimme gegenden Antisemiten abzugeben,einerlei zu welcher Spielart sich dieser rechnet, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Trotzdem ist es nicht überflüssig auf diese einfache Pflicht der Selbsterhaltung auch hier ausdrücklich hinzuweifen, seit sich, wie es 1903 der Fall war, Juden gefunden haben, die ihre Glaubensgenosse aufforderten, aus „nationalen Gründen" für de« Antisemiten einzutreten! Es lohnt sich kaum auf das Unsinnige dieser Forderung näher einzugehen: Besagt sie doch im Grunde nichts anderes, als wir Juden sollen das höchste Recht des StaaDK bürgers, das Stimmrecht zum Reichstag, für eine Partei einsetzen, die, wenn fie je zur Herrschaft gelangte, es als ihre vornehmste Aufgabe ansehen würde, uns Juden alle staatsbürgerlichen Rechte zu rauben! - M«e solche Selbstentmannung kann Niemand von uns fordern. Bekannt ist ja, daß die Anrisewikett/ wenN ein Jude zur Stichwahl steht, stets für den Gegner eintreten. So haben im Jahre 1903 unsere Frankfurter Antisemiten, wie einer ihrer Führer sich öffentlich rühmte, in der Stichwahl für den Sozialisten gestimmt, gegen den Demokraten Dr. Bruck, weil letzterer Jude ist. Es muß Ehrensache der jüdischen Wähler sein, in Wahlkreisen wie Wetzlar, .Gießen, Alsfeld, Marburg, Eisenach u. s. w. mitaller Kraft in die Wahlarbeit einzutreten, um den Antisemiten zu Fall zu bringen. Die Diäten, die den Reichstagsordneten nach den Beschlüssen der letzten Session gewihrt werden, haben auch Ehren-Ahlwardt wieder in die Bahn gelockt Er stellte in seiner alten Domäne Neustettin seine Kandidatur auf und war völlig bereit dem deutschen Volke wieder auf 5 Jahre seine schätzbare Kraft zu widmen. Leider brachten die Wähler seiner edlen Absicht nicht das richtige Verständnis entgegen und der Edle mußte sich damit begnügen, daß ' von über 12000 Stimmen ganze 1899 auf ihn entfielen. Sic transit gloria mundi! Wir können unsere Ausführungen nicht schließen, ohne auf die bedauerliche Tatsache hinzuweisen, daß das Zentrum entgegen seiner bessere« früheren Gepflogenheit diesmal in einzeftren «WifirfÄl'W*.-,.-»-H- •fiWlrfC».* l'M