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Der Israelit · 1907-01-24 · Heft 4 (24.1.1907) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 4 (24.1.1907)
Date
1907-01-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 4 des „Israelit". Feuilleton. vervaslScdem von MicbelrtaA. Bon JudSus. 20 Nachdruck verboten. Auf diese Weise ist es erklärlich, daß die Gemeinde, welcher der große Mann entstammte, ihm ablehnend gegenüberstand, ja, daß gerade einflußreiche Glieder derselben eine geradezu feindselige Haltung gegen ihn einnahmen. Man wachte eifersüchtig darüber, daß er in seiner Eigenschaft als Rabbiner, keinerlei Einfluß auf die Gemeinde gewinnen konnte und eine Familie erreichte es sogar, daß Rabbi Seckel Löb an einem Festtage aus dem Gotteshause geholt und gefänglich eingezogen wurde. Er wurde allerdings nach zwei Tagen, als sich die Grundlosigkeit dieser Verfolgung herausgestellt hatte, wieder aus dem Ge ängnis entlassen. Die Gemeinde hatte von jeher einen Chasan, der auch die Autorisation besau, religiöse Fragen zu entscheiden. Diesen spielten dieUebelwollenden gegen den großen Mann aus, indem sie ih i als ihren eigentlichen Rabbiner deklarierten und erst im Jahre 1822, als sämtliche Gemeinden der Großherzoglich Hessischen Regierung sich über ihre Beamten legitimieren mußten, konnte man Rabbi Seckel Löb nicht länger umgehen und bezeichnet ihn der Behörde als — zweiten Rabbiner. Als erster blieb der Chasan, mit dem der zweite Rabbiner alle Gebühren teilen mußte.*) Dagegen hatten die Gemeinden des Bezirks, an ihrer Spitze die Gemeinde Beerfelden, schon lange vorher Rabbi Seckel Löb äs facto als ihren Bezirksrabbiner anerkannt, obne daß jedoch damit ein festes Gehalt verbunden war. Alle diese Nadelstiche vermochten jedoch nicht das edle Herz des großen Mannes zu verwunden und seine Menschenliebe zu unterdrücken. Er kannte keinen Haß und trug keinen Groll nach. Er legte sich des Abends auch nicht zur Ruhe nieder, ohne seinen Beleidigern aus voller Seele verziehen zu haben. So wenig diese Mißhelligkeiten, von welchen ja kein bedeutender Mann verschont bleibt, die Regungen seines göttlich schlagenden Herzens und die Schwungkraft seines hohen Geistes zu lähmen vermochten, so tief trafen ihn jedoch die Schicksalsschläge, mit welchen der Tod in den Kreis seines heiligen, gottgeweihten Familienlebens eingriff. Nach zwanzigjähriger Ehe starb die treue Gefährtin seiner Jugend und ließ ihm eine stattliche Zahl unmündiger Ki der zurück. Der Gedanke an diesen unersetzlichen Verlust, der Gedanke an seine ärmlichen Verhältnisse und seine unversorgten Kinder beugte ihn so ttef nieder, daß er zum ersten und vielleicht einzigen Male seinen Seelenschmerz in Worte kleidete und in einem schwachen Augenblick an der Möglichkeit ihn zu bewältigen verzweifelte. Aber wie der Magnet an Kraft gewinnt, je schwerer die Gewichte sind, welche sich an ihn hängen, so schwang sich seine edle Seele mitten im schwersten Weh nur um so nachhaltiger zu seinem Lebens-Ideal zu Gott und seiner Thora empor und warf bei diesem Schwung alles ab, was ihn mit mächttger *) Bei Urkunden, die von beiden unterzeichnet find, und die fich noch heute erhalten haben, steht der Name des Vorsängers zuerst und in zweiter Reihe erst der Name von Rabbi Seckel Löb! Gewalt zu Boden ziehen wo'lte. In dem Trauerjahre um die verlorene Stütze seines Lebens und die Mutter seiner unmündigen Kinder warf er sich mit einer Innigkeit und Hingebung ans das Studium der Thora, daß er an sich selber die Wiederholung des alten Wunders erfuhr, wie die Thora ihre Träger trägt, wie sie und nur sie Linderung für jeden Schmerz und H-.ilung für alles Weh bietet. Kaum war das Trauerjahr zu Ende, als sich in seinem Leben und in seinem Einfluß aus die Mitwelt eine Aenderung vollzog, die einen Markstein in. dem Leben des großen Mannes bedeutet. Seine prekäre Lage nötigte ihn nach Mannheim zu gehen, um sich dort womöglich eine Existenz zu sichern. Dort fand er im jüdischen Hospital eine Dame namens Benzinger, welche, vom heftigsten Wahnsinne befallen, an Körper und Geist derart zerrüttet war, daß alle Aerzte an ihrer Genesung verzweifelten. Er wünschte sie zu sehen und er stellte binnen acht Tagen gänzliche Heilung in Aussicht, wenn man sie ihm anvertrauen wolle. Zum allgemeinen Staunen löste Rabbi Seckel Löb sein Versprechen innerhalb der bedungenen Frist e.n und von dieser Heilung datiert sein Ruf. Die nächste Folge war, daß er sich in Mannheim mit Hanna, geborene Benzinger, einem 17jährigen Mädchen verlobt'. Er verweilte während des Brautstandes in Mannheim und erwarb dort viele Freunde und Verehrer, besonders unter den jüdischen Gelehrten.*) Die Absicht, i n dauernd dort zu feffeln, verwirklichte sich nicht. Er kehrte nach Michelstadt zurück, nachdem er sich in Mannheim verniählt hatte. Nachdem alle Kosten der Hochzeit beglichen waren, blieb ihm noch ein einziger Kronentaler übrig. Mit diesem Vermögen trat er seine zweite Ehe an. Aber sein Name lebte jetzt auf aller Lippen, und weit über die Grenzen seiner engeren Heimat hinaus drang die Kunde von den über irdisches Können hinausragenden Kräften, die Rabbi Seckel Löb sein eigen nannte. Unglück und Krankheit suchten bei ihm Hülfe und Heilung, und unzählige Berichte über die Wunder die der große Mann gewirkt, lebten und leben in den Gemeinden. Die Nachricht über die meisten hat sich nur mündlich erhalten. Es soll deshalb nur ein einziger hierhergehöriger Fall aufgesührt werden, der in den bereits oben zitierten Blumenthalschen Denkwürdigkeiten sich befindet und in jedem Wort das Gepräge schlichter Wahrhaftigkeit ttägt: Es heißt daselbst: „-— — — Nach Ablauf dieses halben Jahres gebe ich den Platz auf und wanderte wohin? Nach meinem Michclstadt zu meinem Rabbi Seckel Löb. Jetzt war auch mein jüngerer Bruder Hirsch seit einigen Monaten bei ihm als Bochur, den wollte ich sehen. Hier ward ich natürlich wie ein alter Bekannter ausgenommen. Zufällig war aber ein junger Mann, Sohn des Hirsche! aus Buchau am Federsee angekommen, um Hilfe zu erflehen für seine kürzlich irrsinnig gewordene Mutter. Er war zwar nur mit wenig Geld versehen, allein sein Vater war ein vermögender Mann und wollte um ieden Pi eis Hilfe für seine Frau. Kemeoth verschiedener Art wollte daher Rabbi Seckel Löb fertigen lassen. Dazu mußte ein Extra-Sofer von Profession, ein braver und frommer Mann herbeikommen. Pidjon Nefoschaus (Seelenauslösungen), Schenkungen an Arme waren im Voraus nötig, nach Ansicht des frommen und edlen Kabbalisten. Es war so manche Vorbereitung zu geschehen, die diejenige Barschaft, welche der junge Mann disponibel hatte, gänzlich erschöpfte. Weil nun ein Rückstand einesteils und andernteils auch noch zum Wohl (?) des Vaters in Buchau gegeben *) Rabbi Jakob Ettlinger, Oberrabbiner in Altona, war damals Klausrabbiner in Mannheim. Eine von dort datierte Antwort an den Helden unserer Erzählung findet fich in der Nr. 28. fps pa n*Wwerden sollte, welcher an Rabbi Seckel Löb ausgesprochener wünschenswerter Schenkungen an Arme nach Zahl und Aus echnung des Namens der Kranken, wie es eben erforderlich war, so wünschte man von allen Seiten, daß sich jemand fände, hinzureisen, zur Schlichtung alles dessen und so war ich alsogleich bereit, mitzureisen nach Buchau und mit des dortigen Vaters Willen und Begehren, alsbald zurückzukehren. So machten wir uns denn mit Kemeoth und Jnstruktton auf den Weg über Mosback, Stuttgart und Reutlingen nach Buchau. Es wurden der Irrsinnigen genau nach Vorschrift die Kemeoth umgehängt und wollte man auch schon am anderen Tag Besserung anmerken. Es gab mir der Mann zirka 70 Gulden mit für Rabbi Seckel Löb, wom t ich über Jllreichen, wo ich bei meinen Eltern wieder einmal über Schabbos geblieben, sogleich nach Mickelftadt zurückkehrte und es geschah gewiß was rechtens und erforderlich war. Die Frau wurde kurz darauf wieder ganz hergestellt,' so viel ist sicher und allbekannt." (Fortsetzung folgt). Damo« und phlntias In der Z»de«,-«sse. Von Arthur Kuh». (51] Nachdruck verboten. „Ach nein, wo denken Sie hi >! eine leichte Schwellung/ weiter nichts." Vom Schwager schon vorher unterrichtet und Wohl wiss nd, daß jede Arznei den Kranken beunruhigen würde, da Limbacher sehr ängstlich war, fuhr der Doktor fort: Sie brauchen eine Blutre nigung, wofür ich Ihnen einen ganz einfachen Thee verschreiben werde." Beim Fortgeh n raunte er dem ihn begleitenden Schwager zu: „Der Anfang vom Ende." Der Schwager wollte etwas Näheres wissen und so erklärte denn der Medizinalrat, daß der Zustand Limbachers, ganz vulgär ausgedrückt, Wassersucht bedeute. Wassersucht aber sei nur tas Symptom einer anderen Krankheit und entstehe aus se<r verschiedenen Ursachen, wodurch die eigentliche Diagnose sehr erschwert werden könnte. Zum Glück für die leidende Menschhett habe die ärzliche Wissenschaft schon längst ein System in diese verschiedenen Krankhe tsbilder mit ihren verschiedenen Krankheitsursachen gebracht. Die fortschreitende Wissenschaft habe die großen Schwierigkeiten, die an verschiedenen Körperteilen auftretende Wa ''ersucht genau zu bezeichnen, auch schon überwunden. So nenne man die Bauchwassersucht Ascites/ mit der Hautwaffersucht sei man auch schon im Reinen und benenne sie Anasarka, Oedem und Hydrops seien Bezeichnungen mehr genereller Natur. Nach dieser lichtvollen Erklärung, welcher der Schwager des Kranken mit mehr Geduld als Verständnis gefolgt war, ftug er den Arzt nach den Heilmitteln, die er anzuwenden gedenke, wenn die Wassersucht ein Ascites sei/ womit er das Anasarka heilen könnte, und wie die medizinische Wissenschaft dem Hydrops zu Leibe gehe und endlich des Oedems Herr werde. Der kleine Medizinalrat sah den naiven Frager groß an. „Kranke Herzklappen, schrumpfende Nieren, Erweiterung und Verfettung der Leberpartikel und sonstige primäre Ursachen der Wassersucht kann kein Mensch heilen." „Nun, was nutzt dann Ihre Einteilung in so und soviel Arten?" „Dem 5kranken allerdings eigentlich nichts, aber das klinische Bild..." Der Schwager empfahl sich und ging Nachmittags abermals zu Limbacher. Betty sah verstört aus, als er eintrat. Der Vater verlangte jetzt ganz plötzlich, Gustav zu telegraphieren, er sichle sein Ende nahen. Er müsse seinen Wohn noch einmal sehen, ehe er sterbe.

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