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Der Israelit · 1907-01-24 · Heft 4 (24.1.1907) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 4 (24.1.1907)
Date
1907-01-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 14. Rr. 4. 4- Der JSraeltt. 24. Januar 1907. „Wir müssen ihm natürlich den Willen tun", bestimmte der Onkel. Betty verbrachte die Nacht am Krankenbett. Limbacher sah unheimlich bleich aus, sprach laut im Schlafe und versuchte manchmal sich aufzurichten. Uebernächtig, mit resignierten Blicken sah Betty dem langsam hereinbrechenden Tag entgegen. Mittags kam auf des Onkels Veranlass ng eine barmherzige Schwester als Pflegerin. Zwei Tage waren seit dem Abgang der Depesche vergangen, da kam von Gustav eine telegraphische Antwort, er sei unterwegs. Tags zuvor war das Wetter umgeschlagen, die seit Wochen anhaltende Kälte war gebrochen Ein lauer Regen setzte mit dem Tauwetter ein und machte Straßen und Gaffen unter dem schmelzenden Schnee schier unpassierbar. Der Rhein, der tagsüber nur noch von welligen Wag Hälsen überschritten worden war, lag in Nebel gehüllt da, als der letzte Nachtzug auf dem linken Ufer die Kopfstation erreichte. Von hier pflegte eine Dampffähre die Güterwagen, und ein kleines Boot die Passagiere nach der jenseitig weiterführenden Bahnstation zu befördern. Die wenigen Reisenden, die hier ausstiegen, begaben sich in die Gasthöfe. Nur zwei Männer blieben am Bahnhof, der dicht am Ufer lag. Sie wünschten den in zwei Stunden ankommenden Zug auf der gegenüberliegenden Seite noch zu erreichen. Sie standen mit zwei in Uniform von Eisenbahnern gekleideten Männern in Unterhaltung, die sich um die Abfahrt der nächsten Züge drehte. „Hier ist der Strom über fünfhundert Meter breit," elklärte der Beamte den beiden Fremden. „Um an den jenseitigen Bahnhof zu gelangen, muß man etwas schräg aufwärts gehen. So kann man in einer halben Smnde yingelangen, vielleicht dauerls einige Minuten mehr. Aber ob Sie bei dem dichten Nebel so leicht hinübergelangen?" „Und seit gestern Tauwetter und Regen-" fuhr der andere Beamte fort, „möchte ich's nicht riskieren, wenngleich das Wasser nretertief zugefroren war." „Aber fünfzehn warf der Fremde ein. „So viel macht's Stunden Zeitunterschied," allerdings," bestätigte der Eisenbahner; „aber trotzdem rate ich Ihnen nicht zum Ueberschreiten des Flusses. Der Regen hat Sand und Asche fortgespült, es ist spiegelglatt, gleitet man aus, so kann man ein Bein brechen, dann-" „Aber wegen eines halbstündigen Uebergangs, fünfzehn Stunden später ankommen, zumal wenn man Eile hat." Der Beamte zuckte die Schulterndie beiden Reisenden waren unschlüssig Eine Laterne wollte er ihnen schon leihen, ob es aber bei diesem Nebel einen Zweck habe? „Würden Sie den Uebergang mit uns riskieren?" frug nochmals der eine der Reffenden, „natürlich gegen gute Bezahlung." „Ich habe Dienst und mein Kollege hier, der Zugführer muß auf den G..terzug warten - auch darf ich Ihnen nicht zuraten, da Sie hier fremd sind," wich der Eisenbahner der Frage aus. — „Ich war immer ein guter Schlittschuhläufer," begann wieder der fremde Herr, der offenbar zu seinem gefährlichen Unternehmen ermutigt werden wollte. Die beiden Beamten betrachteten den Sprecher bei dem spärlichen Licht der Oellampe mit größerem Interesse. Endlich meinte der ältere: „Tun Sie's lieber nichtwarten Sie den Zug morgen früh sieben Uhr ab und kommen Sie lieber 15 Stur.den später an." Der Fremde schien aber entschlossen, den gefährlichen Gang zu wagen. Noch war nicht daran zu denken, daß das Eis, das gestern noch schwere Fuhrwerke trug, nach 30 Stunden nicht zwei Männer tragen sollte. Metertief gefroren, hatte der Beamte gesagt. Da hielt es sicherlich noch. Ernst und nachdenklich sahen die Eisenbahner die beiden Fremden über den zugefrorenen Fluß schreiten, wo sie der Lichte Nebel bald umhüllte und unsichtbar machte. Es reute den älteren, die Beiden nicht zurückgehalten zu haben. Aber der Schlanke mit dem Vollbart schien fest ent schloffen, und wäre auch ohne Laterne gegangen „Es wird ja wohl noch gehen," beruhigte der Beamte den Kollegen und sein eigenes Ge- Eine wahre Schreckensnacht hatte Betty durch lebt. Limbacher rang schwer nach Atem. „Lu t, Luft!" stöhnte er und fuhr sich verzweifelt an den Hals. „Hätt' ich nur Luft," und wenn er kurze Zeit ruhig geatmet hatte, fuhr er plötzlich m die Höhe. „Wo ist Gustav? Wo bist ou? Warum kommst du nicht, ungeratener Svhn? Dein Vater ruft! Komm, mein unglücklich Kind-" Das laute Rufen ging in dumpfes Keuchen über. „Richtet mich auf," jammerte er dann wieder, „sonst erstick' ich." Die barmherzige Schwester und Betty suchten ihn aufzurichten und stopften Kissen in seinen Rücken. Er tastete mit den Händen umher, bis ihm Betty die Hand hinhielt. Er faßte sie krampfhaft und bat mit weinerlicher Stimme: „Wo ist mein arm.r, unglücklicher Sohn? Hörst du denn nicht Betty?" Der Kranke schloß die Augen und horchte. Der Ausdruck in seinem Gesicht nahm eine Spannung an, als höre er etwas Leises an sein Ohr schlagen. „Betly, Betty," schrie er dann plötzlich mit gellender Stimme, „eben in diesem Augenblick ist mein Gustav gestorben. Hast du nicht gehört seine Stimme rufen?" Limbacher begann laut zu weinen. Mit entsetzten Blicken sahen sich die beiden Frauen, sahen sie den kreideweiß gewordenen, schluchzenden Greis an. In das Winseln des Kranken klang plötzlich das leise Klingen, wie das Anstoßen eines Glases. Und wieder sahen sich Betty und die barmherzige Pflegerin betroffen an. Ein eisiger Schauer durchrieselte die beiden. Mit tränennaffem Gesicht war der Kranke endlich eingeschlafen. Die Pflegerin faltete die Hände und betete - eine große Furcht war über sie gekommen. Nun herrschte Totenstille im Krankenzimmerder Atem des Schlafenden ging leichter wie seit Stunden. Leise, fast unhörbar, trat Betly ans Fenster und blickte mit trostlosen Augen in die schwarze, sternenlose Nacht. Sie war bleich und hohlwangig geworden in den letzten Tagen. Sie begriff langsam, daß sie bald den Vater verlieren werde. Ihr Herz bäumre sich in unsäglichem Weh vor dieser furchtbaren Erkenntnis auf. Wie eine fürchterliche Drohung stand die für ihr liebendes Kinderherz zermalmende Gewißheit vor ihren Augen, daß mildem geisterbleichen Manne, der dort jetzt ruhig schlief, eine ganze Welt voll unersetzbaren Glüues ins Grab sinken würde. Ach, daß sie nie zuvor an diese unausbleibliche Trennung gedacht hatte! Warum denken die Menschen in ihrer Jugend so selten ans Sterben! Und es wäre doch so heilsam und läuternd, ohne die Freude am Leben zu mindern. Nein, das Denken an den eigenen Tod, an die Trennung von gel ebten und liebenden Menschen durch das Grob, müßte sogar unsere Lebensfreude veredeln. Es würde tausend Kränkungen ungeschehen machen, die später, wenn am Toten nichts mehr gut gemacht werden kann, als Vorwurf an unsenn Gewissen pochen, und die Erinnerung an die im Staube Schlafenden mit zehrendem Weh in uns nagt. Nicht einen Augenblick dachte das verhärmte Mädchen, das mit heißen Blicken in das Dunkel hinausstarrte, an sich, an seine Zukunft. Der Gedanke, den Vater, ihren Freund und Führer zu verlieren, packte wie mit eisernen Zangen ihre ganze Denkkraft. Nichts, niemand konnte diesen Verlust ersetzen. Allein, ganz allein mit dem Bruder, mußte sie die gioße Schwere des Schicksals tragen. Und jetzt stand ihr noch das Härteste bevor. Was doch nicht alles mit einem einzigen Menschen zu Grabe getragen wird! Sollte ihr Unglück denn gar kein Ende mehr nehmen? Sie dachte dann an den Bruder. Wenn ex doch schon h er wäre, sie ihm entgegenfliegen, ihre Tränen mit den seinigen im gemeinsamen, großen Weh vermischen könnte. Plötzlich begriff sie die drängende Sehnsucht des Vaterses packte sie mit solcher Macht, daß sie glaubte, jetzt müsse sie hinauseilen, durch die nachtschwarzen Gaffen, ihm entgegen. Sie würde sich nicht wie sonst vor der Angst erweckenden Dunkelheit fürchten, sie würde durch die tiefe, alles Geräusch verschlingende Nacht hindurch, seine Schritte tönen hörensie wollte ihm laut entgegen rufen: „Gustav, Gustav, hier komme ich; deine Schwester, hier bin ich!" Ein leises, feines Klingen, als wenn eine Stahlsaite von leichter Hand berührt würde, vibrierte durch das Krankenzimmer. „O, mein Heiland, was ist das nur!" flüsterte die erschrocken hinhorchende barmherzige Schwester. Betty wagte sich nicht zu rühren. Bei d esem leisen reinen Ton hatte sie sich jäh umgedreht, dann war sie wie gelähmt stehen geblieben. Sie fing an, sich zu fürchten und sah hilflos zu der barmherzigen Schwester hinüber, die zum zweitenmale das Zeichen des Kreuzes machte und dabei mit mißtrauischen Blicken das Mädchen betrachtete. (Fortsetzung folgt). Sabbat-Anfang u. Ausgang. ORT: Anfang Datum Ausgang Ubr iMin. 1906 5667 Uhr IMin. Frankfurt a. M 4 35 26.Jan. 11. Sch'wat 5 50 Berlin .... — — ff ff 5 28 München . . . 4 50 n n 5 48 Stratzdurg . . 5 — h n 6 — Pose« .... — — ff „ 5 14 Breslau . . — — n ff 5 18 Nürnberg. . — — ff ff 5 45 - tnttgart 5 — n n 5 52 P ag 5 — n H 5 30 Für bcn Reklamenteil ift die Ridaktion nicht verantwortlich; insbesondere ist es ausschließlich Sache der Leser, die im Retlameteil enthaltenc« Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben religionsg schlichen Charakters ans ihre Zuverlässigkeit zu prüf u. Kaiser Friedrich Quelle 6346) OfTenbach a. M. »Gegen Gicht n. 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