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Der Israelit · 1907-01-24 · Heft 4 (24.1.1907) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 4 (24.1.1907)
Date
1907-01-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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heit den Appetit an der abgestandenen Reformsuppe verlieren, die ihnen die hohe Kircheubehörde des Landes zu servieren im Begriffe ist. Oestevrretch. Prag, den 14. Januar. Die Gründung eines jüdischen Sch ul Vereins für Böhmen ist am 6. Januar hier erfolgt. Der Verein will sowohl die allgemeine Bildung über das Niveau der durch die Volksschule vermittelten Kenntnisse heben als besonders dem Religonsunterrichte seine Fürsorge zuwenden. Vor allem will man der Lehrernot durch Stipendien an Lehrbefliffene abzuhelfen suchen, die Pensionsverhältnisse bessern und die Errichtung besonderer jüdischer Schulen anregen. Der Verein rechnet auf die Massen der jüdischen Bevölkerung und hat deßhalb den Jahresbetrag auf Kr. 1.— bemessen. Rußland. Petersburg, 14. Jan. Die Wahlbewegung zeitigt immer größere Verwirrung. So hat sich jetzt eine Anzahl jüdischer Notabeln zu einer Gruppe innerhalb der „Gesellschaft zur Erringung der Gleichberechtigung für die Juden" zusammenaeschlossen, in der Absicht, alle nichtzionistischen Elemente dieser Gesellschaft ' zu einigen. Die Gruppe tritt für die staatsbürgerlichen Rechte der russischen Juden ein, erklärt sich für russischnational, und bekämpft die Propaganda der Zionisten. Von ehemaligen Dumaabgeordneten sollen der Gruppe die Herren Winnaver, Scheftel und Ostrogorski angehören. — Die Stellung Stolypins gilt wieder als geschwächt, was natürlich bei den fortwährend wechselnden Luftströmungen bei Hofe nicht viel besagen will. Petersburg, 18. Januar. Der Moskauer Stadthauptm.mn hat den Rektor der Universität uni Angabe der Adressen aller jüdischen Studenten gebeten, da er im Falle von Unordnungen an der Universität sämtliche jüdischen Studenten ausweisen will. P e t e r s b u r g, 16. Januar. Die „Strana" erfährt, daß das dem Ministerrate retournierte Projekt des neuen Judengesetzes jetzt im Departement für allgemeine Angelegenheiten des Ministeriums des Innern geprüft werde, wobei die projektierten Bestimmungen über das Aufenthaltsrecht jüdischer Handwerker, Kaufleute, Arbeiter und Zöglinge privater Lehranstalten stark verändert würden. Mitte Februar werde das abgeänderte Projekt wieder dem Ministerrate zugehen und dann der Duma vorgelegt werden. Wilna, 18. Jan. Achtzehn Mitglieder der zionistischen Organisation, darunter Dr. Pasmanik und Rosenberg aus Minsk, Mitglied des Aktions- Komites, sind verhaftet worden. Näheres über die Ursache der Maßregel und über das Schicksal der Verhafteten bleibt abzuwarten. — In der jüngst hier abgehaltenen Konferenz der Bundisten wurde darüber geklagt, daß die Zahl der jüdischen Wähler stark zurüagegangen sei. Die Gründe sollen zum Teil in dem willkürlichen Verhalten der Verwaltungsbehörden liegen, die, wenn es' ihnen paßt, jüdische Namen einfach aus den Wählerlisten streichen. Odessa, 18. Januar. Der Kronrabbiner in Odessa, Dr Krebs, ist nach Petersburg berufen worden, wo 6* dem Ministerium des Innern als Referent für jüdische Kultusangelegenheiten zugeteilt werden wird. Insbesondere wird es seine Aufgabe sein, die Vorlagen betreffs der Judenfrage, welche der nächsten Reichsduma vorgelegt werden sollen, zu begutachten. Dr. Krebs ist öftereichischer Herkunft und hat auch seine Studien an österreichischen Hochschulen zurückgelegt. Grodno, 15. Januar. Der Gouverneur hat die ursprünglich auf Sabbath angesetzten Wahlen verlegt, damit auch die Juden sich daran beteiligen können. Warschau, 16. Januars Der Herausgeber der in polnischer Sprache erscheinenden zionistischen Zeitung „Glas Rsidowski", Weizmann, hatte sich dieser Tage wegen der Beschuldigung, durch entstellte Berichte über den Progrom in Byalistok Polizei und Militär beleidigt zu haben, zu verantworten. Weizmann hatte geschrieben, das Militär und die Polizeibeamtei, seien den Hoolkganen bei ihrem Wüten nicht nur nicht entgegengetreten, sondern hätten sie sogar unterstützt und die Selbstwehr an der Verteidigung gehindert. Der Anwalt Weizmanns erbrachte den Beweis der Wahrheit dieser Behauptungen, so daß das Gericht den Angeklagten freisprechen mußte. England. London, 19. Januar. Die soeben erschienene englische Uebersetzung des Ssemenoff'schen Buches über die russischen Massacres trägt eine erdrückende Fülle von Beweismaterial für den systematischen Aufbau der russischen Poarompolitik zusammen. An der Hand von Aktenstücken, Berichten, offiziell und offiziös verbreiteten Flugblättern wird dargetan, wie aus allgemein antisemitischen Antrieben heraus allmählich der teufliche Gedanke groß wurde, daß man die Juden als Blitzableiter gegenüber den revolutionären Regungen der Volksseele vortrefflich verwenden könnte. Auf diese Weise erklärt sich die Entwicklung, die im Jahre 1882 mit dem Jgna tiewschen legislatorischen Antisemitismus beginnend über Bialystock zu den mörderischen Tagen von Odeffa, Kiew und Siedlee führten. In der von Lucien Wolf geschriebenen Einleitung wird in treffenden Worten Klage gegen die europäischen Regierungen, namentlich gegen die engliche geführt, deren Verhalten gegenüber den russischen Mordtaten von ihrer ftüheren Politik stark abstechen. Noch im Jahre 1892 bewirkte Lord Kimbertey einen Kollektivprotest der Mächte gegen die armenischen Mordtaten und 1846 zog die englische Regierung ihren Gesandten aus Neapel zurück, um dadurch ihren Abscheu gegen das dort angewandte Regierungssystem zu dokumentieren. Interessant ist folgende Mitteilung, die Lucien Wolf bei dieser Gegenheit zum ersten Mal veröffentlicht: „Als vor 9 Monaten die Vorbereitungen zu dem großen fünfprozentigen russischen Anlehen in Westeuropa getroffen wurden, beabsichtigte ich eine Kritik der russischen Finanzen, die ich schon im Jahre vorher einmal in der Times veröffentlicht hatte, noch einmal zum Abdruck zu bringen. Da wurde mir durch die Vermittlung von Petersburger Freunden in direktem Auftrag des Petersburger Kabinetts mit dem Arrangement von Pogromen gedroht, wenn der Artikel erschiene. Als andererseits vor einigen Monaten offenkundige Vorbereitungen zu einem Pogrom in Odessa getroffen wurden nnd alle Hülferufe der dortigen Juden wirkungslos verhallt waren, da wurde im letzten Augenblick der Ausbruch des Pogroms durch Stolypin lediglich infolge davon verhindert, daß ein auswärtiger russischer Gesandter die Mitteilung nach Petersburg gelangen ließ, daß bei Ansbrnch eines Pogroms gewisse 'gerade schwebende diplomatische Verhandlungen vereitelt werden würden." Das Ssemenoff'sche Buch ist ein furchtbares Dokument für die Geschichte uitb Wirkungen einer Politik, deren Ruchlosigkeit seit der Pharaonenzeit wohl ohne gleichen dasteht. Rumänien. Bukarest, 18. Januar. Auch in Galatz haben die Mittelschüler, dem schlechten Beispiele ihrer Kollegen in Craiova folgend, den Versuch gemacht, die Vorstellung einer jüdischen Schauspielertruppe zu stören. . Die Galatzer Behörden aber verstanden es diesmal, den Skandalmachern, die es versuchten, die Schüler zu unwürdigen und schmählichen Handlungen zu verleiten, das Handwerk zu legen. Vorgestern Abend konnte die zweite Vorstellung der jüdischen Truppe erfolgen, die dank den getroffenen Maßregeln ohne jedwede Störung verlief. Zum Schluffe der Vorstellung dankte einer der Schauspieler den Behörden und der Polizei für den gewährten Schutz. gttlgcrcieit« Sofia, den 10. Januar. Die Oppositon gegen den bulgarischen Oberrabbiner nimmt eine immer schärfere Tonart an. Man wirft dem Oberrabbiner vor, daß er sich widerrechtlich an sein Amt klammere, nicht nur Zionismus und Zionisten verfolge, sondern auch offen über grundlegende jüdische Gesetzesvorschriften sich hinwegsetze und das religiöse Leben des Landes versumpfen lasse. Welchen Erfolg die gegen den Oberrabbiner jüngst veranstaltete Protestversammlung und der an die Negierung gerichtete Appell ihn se nes Amtes zu entsetzen, zeitigen wird, bleibt abzuwarten — vorläufig ist das Ergebnis leider ein trauriger Dvn und: Trrnrs. Tuni s, 15. Januar. Die ganze tunesische Presse ist in Aufregung. Ein Gruppe von Israeliten in Susa denunzierte im „Courrier de Tunisie" den dortigen Rabbiner, er wolle den Fanatismus der Juden gegen den französischen Einfluß aufreizen. Natürlich muß der Rabbiner in den französischen Blättern gehörig herhalten. Was aber ist sein Verbrechen? Er unterfing sich, dagegen zu protestieren, daß in der Alliance-Schule in Sizsa der Unterricht in der heiligen Sprache dem des Französischen völlig geopfert wird. Er spricht die Meinung aus, daß ein Lehrer des Hebräischen für 300 Zöglinge dieser Schule nicht genügt und beschwert sich daher darüber, daß man jüngst den einen Lehrer des Hebräischen verabschiedet hat. Ja noch mehr, er hat die Kühnheit, in der Synagoge gegen diejenigen aufzutteten, die die Heiligkeit des Sabbath entweihen! Unter den Denunzianten hat sich ein Herr besonders hervorgetan. Die Pariser „Archives Jsraelites" meinen, die Alliance, die Einfluß auf diese Persönlichkeit habe, solle dem Herrn doch Vernunft beibringen und ihm ganz einfach das Gehalt sperren. Die hiesige israelittsche Gemeinde ist im Begriff, ein jüdisches Krankenhaus zu erbauen. Die tunesische Regierung hat ihr bereits für diese Institution eine jährliche Subvention von 12,000 Frcs. zugesagt. Arneeika. New-'Aork, 10. Januar. Das soeben erschienene Jahrbuch der Central Conference of American Rabbis, dasüber die Jahreskonferenz in Indianapolis berichtet, ist wiederum recht interessant. Einen breiten Raum nahmen bei der Konferenz die Diskussionen über einen Antrag Köhler ein, der dahin ging, unter dem Titel „Modern Halachoth" eine Art amerikanischen Schulchan Aruchs des Reformjudentums herauszugeben. Die possierliche Idee, die an den „Schurath Hadin" des seligen Creiznach in Frankfurt a. M. erinnert, begegnete, obgleich sie von den Anwesenden ernst genommen wurde, den mannigfaltigsten Bedenken. Am konsequentesten zeigte sich Dr. Schulmann, der einfach erklätte, man habe doch wahrhaftig kein Recht, den Leuten' Vorschriften darüber zu machen, ob sie um ihre Heimgegangenen Verwandten drei oder fünf Tage trauern, am Sabbat den Schofar hören sollen oder nicht usw. Schließlich wurde der Anttag abgelehnt. Die Frage der Herbeiführung einer einheitlichen Aussprache des Hebräischen ist der Beratung einer Spezial-Kommission überwiesen worden. Die revidierte Hagadah soll gedruckt werden. Entsprechend dem Beschluß über den neuen Schulchan Aruch ist glücklicherweise auch die seit einigen Jahren spukende Synodalidee aufgegeben worden. Man wird also auf den hoffnungslosen Versuch verzichten ein bindendes „Bekenntnis" des Reform-Judentums zu formulieren. Als gegen den Zionismus gerichtet, darf wohl folgender Beschluß der Konferenz gelten: „Die Religion ist das Band, welches die Juden verknüpft, die Synagoge ist die grundlegende Institution des Judentums und die Gemeinde das die jüdische Einheit verkörpernde Organ." Berichtet wurde ferner, daß in den

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