Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1907)
- Date
- 1907-01-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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und ^Nachrichten. orrespondenzen DeutfZtzes Ueirtz. Berlin, 22. Januar. Am Sonntag, den 20. Januar fand eine Sitzung des Hilfsvereins der deutschen Juden statt, in der eine Reihe Fragen, die gegenwärtig weite jüdische Kreise interessieren, zur Verhandlung kamen. Auf Grund eines Antrages von Herrn Faitlovitsch-Paris, der nach Abessynien gereist war, um die Verhältnisse der dortigen jüdischen Bevölkerung, der Falaschas, zu studieren und der es sich zur Aufgabe gemacht hat, denselben die Hilfe der ausländischen Glaubensgenossen zuzufirhren, wurde Herrn Dr. Nathan ein Dispositionsfonds zur Verfügung gestellt, der dazu dienen soll, eine Unterstützung zu gewähren, um die nötige Verbindung dieser afrikanischen völlig isolierten Glaubensgenossen mit dem Judentum der zivilisierten Welt wieder herzustellen. terr Professor Philippson, der auf besondere inladung der Sitzung des geschäftsführenden Ausschuffes des Hilfsvereins' der Deutschen Juden beiwohnte, hielt einen außerordentlich fesselnden, lehrreichen Vortrag über die Lage der Juden im Orient, speziell in der asiatischen Türkei. Er wies auf die Notwendigkeit hin, die Besserung der vielfach traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung daselbst durch Ausgestaltung des Bildungswesens, Eröffnung von Fachschulen für Handwerker und technische Berufe wie höherer Bildungsinstitute allmählich anzubahnen. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, der entsprechende Bestrebungen verfolgt und in gewissem Umfange in Palästina bereits realisiert, sprach Herrn Professor Philippson seinen lebhaftesten Dank für die wertvollen Informationen und Anregungen aus, und es wurde beschlossen, in der von Herrn Professor Philippson bezeichneten Richtung tätig zu sein. Zur Unterstützung der Jeschi woth in Rußland, die' unter der Ungunst der Verhältnisse ganz außerordentlich zu leiden haben, wurden 10,000 M. bewilligt. Für die durch eine Feuersbrunst heimgesuchte Gemeinde der russischen Stadt Krzepitz — über 150 Familien wurden durch den Brand in Mitleidenschaft gezogen — sind 80Ö Mark gewährt worden. In der Sitzung wurden alsdann noch die Subventionen für die Schule Reschith Daath in Bukarest und die Haushaltungsschnle „Lumina" in Galatz, der der Hilfsverein die Angliederung einer fünften Klasse ermöglicht hat, erneuert. Berlin, 21. Jan. - Das recht kampffreudige neueste Heft der „Mitteilungen des Deutsch- Israelischen Gemeindebundes" enthält unter anderem die Nachricht, daß eine aus zwei Mitgliedern des D. I. G. und des Verbandes der Deutschen Juden zusammengesetzte Kornmission sich mit der Beantwortung der Anfragen beschäftigen wird, die sich auf die „Umwandlung" oder „Auflösung" jüdischer Schulen auf Grund des preußischen Schulunterhaltung sgesetzes beziehen! Wir möchten i unter Hinweis auf den Leitartikel des „Israelit" I in der vorigen Nummer diejenigen Gemeinden, welche die Anschauungen des Verbandes der Deutschen Juden über Simultan- und Konfessionsschule» nicht teilen, dringend warnen, ihre Informationen in Schulangelegenheiten von dieser Seite zu beziehen. Muß doch die Abneigung jenes Verband.'s gegen jüdische Konfession s schulen bei allem Streben nach Objektivität die Sachlichkeit seiner Ratschläge unbedingt beeinflussen. Selbstverständlich ist auch die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" gerne bereit, gesetzestreue Gemeinden bei der Neuordnung ihrer Schulverhältnisse und namentlich bei der Neueinrichtung öffentlicher jüdischer Schulen mit sachkundigen! Rate jederzeit zu unterstützen. Köln, 22. Januar. Die Kölnische Zeitung veröffentlicht jetzt — merkwürdiger Weise gerade jetzt, vier Tage vor der Wahl — eine ihr schon vor längerer Zeit aus jüdischen Kreisen zugegangene Zuschrift über das Thema „Jüdische Oberlehrer" und erklärt sich damit „vollinhaltlich" einverstanden. Die Zuschrift lautet: Jüdischerseits soll die Hoffnung nicht unausgesprochen bleiben, daß endlich einmal durch ein liberales Stadtregiment die verfassungsmäßige Gleichberechtigung zur Wahrheit gemacht werde. Nach Kunzes Kalender beträgt die Gesamtzahl der an Öfen preußischen Gymnasien und Realschulen angestcllten jüdischen Oberlehrer 92, abziiglich der an den jüdischen Anstalten angestellten — 74. Dies ist, da die Zabl aller Oberlehrer in Preußen 7483 beträgt, 1 Prozent. Unter 2802 Oberlehrern an königlichen Anstalten sind 1 t, unter 4663 städtischen 63, in Berlin davon unter 574 Oberlehrern 46 Juden. Bon den 651 höheren Unterrichtsanstalten haben 51, nämlich 9 königliche unter 236 und 42 städtische unter 413, jüdische Oberlehrer. Die letzteren 42 verteilen sich auf nur 9 Städte. Die Zahl der Städte, in denen Juden zugelassen war n, hat sich seit Jahren nicht vermehrt. Bon den 42 städischen Anstalten entfallen 29 auf Berlin. Die fünf Provinzen Pommern, Schleswig-Holstein, Hannover, Westfalen und die Rheinprovinz sind ohne jüdische Oberlehrer. Außer den neun Städteverwaltungen in Magdeburg, Danzig, Bromberg, Charlottenburg, Breslau, Kattowitz, Myslowitz, Frankfurt a. M. und Berlin, hat sich keine entschlossen, einen Juden anzustellen. Ganz abgesehen davon, daß man damit jüdische Kandidaten von einem gewichtigen Teile kultureller Mitarbeit aus dem nationalen Leben ausschließt, würden jüdische Lehrkräfte im Gesamtorganismus der höheren Lehranstalten auch insofern wichtige Glieder sein, als dieselben ebenso wie die protestantischen Oberlehrer die Erteilung des jüdischen Religionsunterrichts mit übernehmen und damit den Ausschluß des besonderen jüdischen Reliiionslehrers ermöglichen könnten. Man wird daher jüdischerseits voraussetzen dürfen, daß der Forderung auf Anstellung jüdischer Lehrkräfte an den stadtkölnischen höheren Unterrichtsanstalten von einer liberalen Mehrheit entsprochen werden wird und die liberale Partei sich durch eine Erklärung zu dieser Verpflichtung bekennt, damit das an der überlebten Theorie vom „christlichen Staat" festhaltende Wort des Kultusministers aus einem Reskript vom 25. Januar 1869 (M.-Bl. S. 57), „daß der christliche Charakter der preußischen Unterrichtsanstalten, der auf innerer Notwendigkeit beruht und eine durch Jahrhunderte gehende Entwicklung hinter sich hat, um des persönlichen Interesses einzelner jüdischer Lehrer willen nicht preisgegeben werden dürfe", von einer liberalen Stadtverwaltung hier zu Schanden gemacht, und der paritätische Charakter, den die Zusammensetzung der Lernenden zeigt, wie dies die Kölnische Zeitung so dringend wünscht, auch im Lehrkörper eingeführt werde. Dann wird auch der jüdische Nachwuchs — die Zahl der jüdischen anstellungsfähigen Kandidaten beträgt nach dem Kunzeschen Kalender acht, die der Probanden drei, die der Seminarmitglieder fünf — nicht mehr so spärlich sein, wie dies zur Zeit leider nur zu erklärlich ist, solange Behörden und selbst liberale Stadtverwaltungen die verfassungsmäßige Gleichberechtigung aller Bürger in der bisherigen Weise durchführen/ Es wäre vielleicht nicht ohne Nutzen, gerade jetzt unzweideutig festzuftellen, ob die Kölnische Zeitung auch für die gewiß berechtigte Forderung zu haben ist, daß den jüdischen Oberlehrern an städtischen und staatlichen Schulen die Beobachtung des Sabbats in der religionsgesetzlich und von ihrem Gewissen vorgeschriebenen Weise ermöglicht werde.' Straßburg i. E, 21. Januar. Gestern Abend fand die ordentliche Generalversammlung der hiesigen Jsr. Religionsgesellschafr statt. Nach Verlesung des Jahresberichtes, sowie des Berichtes der Schulkommission, aus dem wir besonders die Vermehrung des Lehrkörpers durch die Herren 8tucl. phil. M. Buttenwieser und sruä. maih. S. Meyer hervorheben, und nach Genehnligung der Rechnungsablage, schritt man zur Vorstandswahl. Der laut Statuten austreende Herr David Levy, Präsident der Gesellschaft, wurde durch Zuruf wieder gewählt. An Stelle der Herren Ackermann und Achilles Levy, welche ihr Amt freiwillig niederlegten, wurden die Herrn Dr. Berthold Cohn und Baruch Wolf gewählt. Die ausscheidenden Herren gehörten seit Bestehen der Gesellschaft dem Vorstand derselben an und haben sich während dieser langen Zeit mir all ihren Kräften stets in den Dienst dr Gesellschaft gestellt. Diese wird den Herren immer eine dankbare Gesinnung bewahren. Karlsruhe, den 20. Januar. Aus Anlaß des Badischen Gebetbuchkampfes veröffentlichte die „Jüdische Presse" eine im Jahre 1869 in der Frankl - Graetz'schen Monatsschrift erschienene Artikelserie: „Die Gebetbuchmacherei", die sich mit scharfen Worten gegen die damals in Blüte stehende Gebetbuchreform wendet. Infolgedessen hat nun der Wiener Oberrabbiner Dr. Gübemann folgenden interessanten Brief an das Blatt gerichtet: „Als ich heute morgen den Leitartikel „Die Gebetmaberei" in Nr. 1 Ihres gesch. Blattes von diesem Jahre erblickte, fand ich einen alten Bekannten wieder, der meiner Erinnerung gänzlich entschwunden war. Ich bin nämlich der Verfasser der unter obiger Ueberschrift im Jahrgang 1869 der „Monatsschrift" erschienenen, bloß mit einem oricchischen v bezeichneten Artikel Serie, und da Sie selbst sagen, „daß sie in ihrem Kern während der siebenundrechig Jahre, die seit ihrem Erscheinen verflossen sind, an Aktualität und an — Beherzigungswürdigkeit nichts eingebüßt haben", so mache ich mich ja wohl keiner Eitelkeit schuldig, wenn ich Ihnen zustimme. Ich kann aus den seit damals gesammelten Erfahrungen das in jenen Artikeln Auseinandergesetzte nur bestätigen. Dafür bloß ein Beispiel! Am 6. Januar 1872 trat der selige Ignaz Kuranda sein Amt als Präsident des Vorstandes der hiesigen Kultusgemeinde an und hielt eine höchst energische Rede gegen die Beibehaltung der auf f ie Rückkehr nach Jerusalem bezüglichen Stellen in unseren Gebeten. Kurz vorher hatte nämlich die auch von dem Wiener Vorstände beschickte Leipziger Synode stattgefunden, auf der die Ausmerzung jener Stellen beschlossen war, und letztere sollte nunmehr unter dem Eindruck der Rede Kuranda's ins Werk gesetzt werden. Ich protestierte energisch dagegen in einer Kanzelrede, die ich auch unter dem Titel „Jerusalem, die Opfer und die Orgel" im Druck erscheinen ließ. Ich muß betonen, daß ich danials ganz allein für die Beibehaltung der Hoffnung auf die einstige Vereinigung Israels in Palästina in unseren Gebeten eintratkein Mensch, sage nicht einer, stand mir zur Seite, denn die später als chwärmer für Zion auftraten, liefen damals noch in Höschen umher, und die Hosen trugen, hatten ihr zionistisches Herz noch nicht entdeckt. Da Rede und --chrift nichts halfen, reichte ich am 22. Januar 1872 dem Vorstände meine Kündigung ein, Kuranda aber eröffnete den Brief nicht, dessen Inhalt er vermutete, und da er väterlich gegen mich gesinnt war, so kam er zu mir, um mich zu beschwichtigen, indem er zu mir sagte: „Sie können doch von dem Vorstände nicht verlangen, daß er seinen eigenen Kot esse". Wir einigten uns dann dahin, daß keine der traditionellen Ideen offiziell abrogiert würde. An den hohen Feiertagen blieb alles beim alten, nur am Sabbath wurde nach den drei ersten Segensfprüchen der Schmone-Esre das Folgende leise gebetet. Seit etwa drei Jahren wird auch dieser Teil laut vorgetragen, nicht auf meine Anregung, sondern aus freiem Antriebe des Vorstandes, der damit seine dreißig Jahre vorher gefaßten Beschlüsie über den Haufen warf und — man denke! — mich um mein Einverständnis befragte! Nun rede'einer von Prinzipien! Wer hätte im Jahre 1872 vorausgesagt, daß Zion, wenn auch nur politisch, noch einmal Trumpf würde, , und welcher Vorstand einer großen Gemeinde würde sich heute getrauen, angesichts des Zionismus Zion aus dem Gebetbuche auszuschalten, wenn die Gemeinde nicht etwa schon lange über ein derartiges kastriertes Gebetbuch verfügt! Ich muß sagen, das; ich unter den Kultusreformern des vorigen Jahrhunderts nur einen kenne, der einen prophetischen Blick hatte, und den ich, je älter ich werde, desto mehr verehre. Das ist Mannheimer. Er hat kein tratidionelles Prinzip angetastet und im gewöhnlichen Siddur nur das Olpi ü‘'a gestrichen. Ob er es getan haben würde, wenn er die russischen Judenverfolgungen erlebt hätte, bezweifle ich, denn es giebt gewiß auch unter den Juden strengster reformistischer Observanz keinen, der nicht sehnlich wünschte, daß alle die russischen Judenhenker der Teufel hole. Mehr sagt jener B' N auch nicht. Ihr ergebener Dr. Güdemann." In den Proteftversammlungen gegen das Badische Gebetbuch ist wiederholt mit Schärfe betont worden, daß das ganze Unternehmen des Badischen Oberrates einen Atavismus in „überwundene, religiöse Entwicklungsperioden" innerhalb des deutschen Judentums darftellt. Es ist aber immerhin wertvoll, daß hier von einer Stelle, die nicht im Gerüche der „Orthodoxie" steht, diese historische Tatsache noch einmal urkundlich bestätigt wird. Vielleicht werden allmählich auch weitere Kreise der Badischen Juden-