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Der Israelit · 1907-01-24 · Heft 4 (24.1.1907) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 4 (24.1.1907)
Date
1907-01-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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24. Januar 1907. Der Israelit. Der neue Organi$ation$plan. Von Rabbiner Dr. tzx. Munk in Berlm. ) (Schluß.) Man glaube nur nicht, daß diese erbauliche Behauptung von der „Einheit" des Judentums, von der man nur die Sonntagsgemeinden aus zunehmen geruht, vereinzelt, hier und da, nur an offiziöser Stelle, sich aus Licht wage. Nein! -Sogar bis in den Preußischen Landtag, bis an das Ohr des Ministers hat sie sich schon ihren Weg gebahnt. Es war in einer Sitzung der Kommission für das Schulunterhaltungsgesetz. Der ministerielle Vertreter der Unterrichtsverwaltung hatte ausgcführt : „Die jüdischen Lehrer würden von Staatswegen in allen Fächern, nur nicht im Religionsunterricht geprüft, weil ein f ster Anhalt für die Beurteilung der Frage, welche jüdische Religionslehre die richtige sei, fehle. Der Staat könne nicht entscheiden, ob die orthodoxe oder die liberole Auffassung des Judentums die zutreffende wäre. Es fehle auch an Organen, diese Frage zu prüfen und zu entscheiden." Jeder, der das liest, wird die Unparteilichkeit und Objektivität der regierungsseitigen Darstellung anerkennen, wird sag<tt, daß in ihr nichts Anderes enthalten sei als der Hinweis auf den aller Welt wohlbekannten Zwiespalt zwischen Gesetzestreue und Neologie, der die Schaffung eines einheitlichen Organs zur Festsetzung des Religionsbegriffes und-inhaltes ausschließe. Man wird sich sagen, daß die Regierung nur eine offenkundige Tatsache wiedergegeben habe, über die eine Meinungsverschiedenheit nicht bestehen kann. Weit gefehlt! Ein Kommissionsmitglied — der offizielle Bericht nennt keine Namen,' doch muß es dem „Verbände der deutschen Juden" nahe gestanden haben, denn es trat für dessen Petition ein und stützte seine Ausführungen auf dieselbe — hat es fertig gebracht, wohl kaum, ohne dem Minister bezw. seinen Vertretern eine Verlegenheit zu ersparen, die Darstellung der Regierung als den tatsächlichen Verhältnissen widersprechend zu kennzeichnen. Die Regierung mußte sich von ihm sagen lassen: „Wenn der Vertreter der Unterrichtsverwaltung meine, daß wegen der religiösen Unterschiede im Judentum eine Regelung nicht möglich sei, so möchte er darauf aufmerksam machen, daß das Reformjudentum geg nüber dem übrigen Judentum nur einen sehr kleinen Raum einnähme, so daß es ziffernmäßig für die Gesetz- Jm vorigen Artikel ist auf Zeile 1<S v. u. vorletzte Spalte (Seite 5) in der Wortverbindung „Uebereinstimmung in betreff der kanonischen „Geltung" der verschiedenen Reltgionsvorschriften" statt „Religionsvorschriften" zu lesen „Religionsschriften." in den preußischen, österreichischen und russischen ehemals polnischen Landesteilen mehr als 6 Millionen Juden, darunter etwa 5 Millionen in Rußland. Ihre Auswanderer haben es nach London und New-Aort verpflanzt, wo es bereits ein Theater mit Aufführungen in jiddischem Idiom gibt. Diese Juden fühlen sich nun aber nicht als Deutsche, vielmehr ist ihnen das Jiddisch ihre Nationalsprache. Sie gibt ihnen die Möglichkeit, sich mit dem Deutschen und damit mit Mitteleuropa zu verständigen und dadurch erhalten sie eine noch größere Ueberlegenheit über den Polen und den Russen, als ihnen schon ihre Gewandtheit und Beweglichkeit und ihre größere Intelligenz verleiht. Der osteuropäische Jude ist durch sein „Jiddisch" ein richtiger Pionier des Deutschtums im europäischen Osten geworden. Die sehr schnell fortschreitende Verdrängung des jüdischen Mittelstandes durch den ausstrebenden polnischen in Preußisch-Polen ist wohl nicht zum wenigsten mit dadurch ermöglicht worden, daß die deutsche Volksschule jedem preußischen Polen die Kenntnis der deutschen Sprache vermittelt und ihn dadurch begenüber dem Juden konkurrenzfähig macht. Die neu erstandene polnische nationaldemokratische Partei hat in der letzten Zeit bei den Nationalpolen einen fanatischen Anti semtismus groß gezogen, der dem Polen früher unbekannt war. In dem entwickeltsten ehemals polnischen Landesteil, der preußischen Provinz Posen, hat er schon, neben anderen Ursachen, zu einer weitgehenden Verdrängung und Absonderung der Juden geführt. Dem walisischen und dem ruffisch-polnifchen Juden dürste der slawische nationale Fanatismus au» die Dauer dasselbe Schicksal bereiten; ist es doch dem Dentschen, der mit den deutschen Juden den halbwilden Slawenvölkern des Mittelalters einst westliche Kultur gebracht hat, schon lange ebenso ergangen! Aus der ihm zugebrachten deutschen Kultur hat der Pole die Werksteine zum Bau seiner eigenen nationalen Kultur geformt, die ihn jetzt zum Kampfe gegen seine deutschen Lehrmeister rüstet. Undank ist der Lohn der Weltgeschichte! gebung nicht in Betracht komme." Wohlverstanden! Das Ungeheuerliche wird behauptet, daß außer dein „Splitter" des Sonntags-, des Reformjudentums ein „übriges Judentum" ohne religiöse Unterschiede, die ins Gewicht fallen, bestehe. Von Israel Hildesheimer bis Maybaum — einschließlich — ein Judentum ohne wesentliche religiöse Unterschiede, von Hildesheimer, dem die Thora ein göttlich Buch mit göttlichen Vorschriften war, bis Maybaum, dem das dritte Buch der Thora ein Machwerk ordinärsten Eigennutzes, ein priesterliches Trugwerk ist! Was blieb dem Regierungsvertreter, deffen Schilderung öffentlich-jüdischer Verhältnisse als der Wirklichkeit entgegenstehend vor der gesamten Eorona widerlegt erschien, da jeder glaliben mußte, dieses Kommissionsmitglied könne es aus persönlicher Kenntnis heraus besser wissen als auch ein Minister, was blieb ihm zu antworten übrig'? Es ist zu bewundern, daß er auch in dieser fatalen Situation ein Richtiges traf, indem er entgegnete: „daß die Entwicklung der jüdischen Gemeinden nach der einen oder anderen Richtung völlig un begrenzt wäre." Er traf den Kernpunkt, der das Preußische Judentum vom Standpunkte des Staatsinteresses aus angesehen in Gegensatz zu den christlichen Konfessionen stellt: Die Unmöglichkeit, dem „völlig unbegrenzten" Aus schreiten der Entwicklung nach irgend einer Richtung hin, ein st n b i l e s G e g e n g e w i ch t von Staatswegen entgegenzustellen. Man möge sich die ganze Tragweite der Bedeutung, welche der kategorischen Kundgebung jener Fiktion der „Einheit" vor einem so hochgestellten, maßgeblichen Forum innewohnt, nicht verhehlen. Die Ueberzeugung, daß jener Redner bei der wahrheitswidrigen Schilderung der Verhältnisse in bestem Glauben sich befand, wohl weil er den Religionsgegensätzen im Judentum persönlich nicht nahe steht, kann nur dazu führen, bei Erörterung der Organisationsbestrebungen strengste Obhut allen denen gegenüber anzuraten, welche kraft ihrer sozialen oder politischen Bedeutung sich berufen fühlen, obwohl sie im Religionsleben des Judentums nicht stehen, zu Gunsten einer Organisation in der Oeffentlichkeit und bei den Staatsbehörden zu wirken. Die Gesetzestreuen dürfen in keinem Augenblick vergessen, wer über ihr Geschick, über den Bestand ihres heiligsten Schatzes, mit zu Gericht sitzt. Pflicht der Gesetzestreuen ist es, laut gegen die Mär zu protestieren, es gäbe abseits von den winzigen Sonntags-, alias Reformgemeinden, ein einheitliches „übriges" Judentum ohne religiöse Gegensätze, es gäbe außer ben sogenanntenReformgemeindenkeine Reform, nur noch Traditionsgemeinden aus einem Stamm in Preußen, gegen die Mär flammenden Protest zu erheben, das preußische Judentum sei einig in der Religionsauffassung, einig auch nur in den „wichtigsten Lehrpunkten", einig auch nur in dem Urteil über die praktische „Geltung" der Rel gionsschxiften. Pflicht der Gesetzestreuen ist es, darob zu wachen, daß die Preußische Negierung ihr Urteil über die inneren Verhältnisse der preußischen Judenheit nicht nach Schilderungen prägt, die den Tatsachen offenkundig Hohn sprechen, die dort „Einheit" vorgaukeln, wo Gegensätze klaffen. Organisation ist eine Ordnung, die je nach der Sunnne der Zwecke verschieden gestaltet werden kann, aber Organisation ist ihrem Wesen nach immer Vereinheitlichung. Kann der Staat, kann irgend ein rechtlich Denkender es verantworten, es wünschen, datz wir um der Vereinheitlichung willen Gegensätze ignorieren die unseren heiligsten Lebensinhalt erfassen, das, was uns göttliches Geheiß ist? Undankbar ist eine Gesamtorganisation, um ihres eigensten Wesensbegrisses willen undenkbar, welche die Gesetzestreue, ihren Bestand, ihre Freiheit, ihre Entfaltung sichert, undenkbar eine Gesamtorganisation, welche Gesetzestreueund Gesetzesuntreue zu einem harmonischen Ganzen verwebt! Verführerisch locken die Reize organischer Einheit, die Segnungen der Geschlossenheit, die Würde der Gleichheit Mit den christ- Scilc 5. Nr. 4. lichen Konfessionen. Mächtiger tönt uns der Rusder Thorareligion: Begehet keinen Selbstmord! Daruni fort mit jeder Gesamtorganisation! Fort mit jeder Neuordnung, der die Kraft verliehen wird, den Geist zu binden! Fort mit jeglicher Zentrale, der es anheimsteht, im Flamen der Gesamtheit dem Judentum Weg und Richtung zu weisen, Seelsorger ins Land zu entsenden, die Autonomie der Gemeinde einzuengen, im Namen der Gesamtheit Lehrstühle für jüdische Ethik, für jüdische Wissenschaft zu freieren, Gebet- und Erziehungsbüchern den Inhalt zu dekretieren! Gerade der vorliegende Organisationsplan, d r, ausgehen d von der Verantwortung Aller für Alle, sich zur Aufgabe gestellt hat, in ehrfürchtiger Wahrung der Gewiffensfreiheit das Kunstwerk der Gesamtorganisation zu vollbringen, zeigt die Unausführbarkeit auch des Bestgewollten. Nicht überall gilt das Wort, wo ein Wille ist, sei auch ein Weg. Nie wird der Wille Feuer und Wasser ineinander verweben. Auch der stärkste Wille nruß dem Naturgesetze weichen. Einheit der Gesetzestreue und Neologie ist Unnatur, ist naturwidrig) drum wirb das willenskräftigste Genie den Weg der Lösung niemals finden: Nicht nur um unsretwillen lehnen wir den neuen Gesamtorganisationsplan ab! Wir sind es auch^ dem Heile der gesamten Preußischen Judenheit schuldig. So will es das urjüdische Verantwortlichkeitsgesetz. So erheischt es der Satz, den Verfasser an die Spitze seiner Betrachtung gestellt hat: nn nr D'2*»y wir *?r. Stufen der Gottesoffentoming. Von fftaWmev Dr. Hermann Klein in Kronstadt. „Gott rettete an diesem Tage Israel von Mizrajims Hand und Israel sah Mizrajim tot an des Meeres Ufer. Da sah Israel die große Hand, welche Gott an Mizrajim geübt, und das Volk fürchtete Gott und vertraute Gott und seinem Diener Moscheh " Diese Worte, die als Einleitung seines gewaltigen Freiheitsliedes der Jude sich täglich vergegenwärtigt, bergen in sich Gedanken von unendlicher Tragweite, die, wenn wir sie richtig begreifen, uns einen Einblick in den Erzieh ungsplan unseres göttlichen Vaters gestatten. Unsere Weisen bemerken zu dem zweiten Verse: 'i ns oyn wvi — n^run -rn na kti 'n ntt oyn lto'i >28 'i ns nw vn sb myvb, daß Jißroel bis zu der göttlichen Offenbarung am Meere Gott nicht gefürchtet habe, aber von da an und weiter fürchtete das Volk Gott und glaubte an ihn. Ein seitens der jüdischen Religionsphilosophie vielfach ventiliertes Problem ist die Frage nach der Art der göttlichen Offenbarung, die Frage, wie es komme, daß sich Gott in den Anfängen der Menschheitsgeschichte in anderer Weise offenbart als später. In den Anfängen der Menschheitsgeschichte sehen wir Gott gleichsam handelnd in die Schicksale der einzelnen Menschen und Völker eingreifen, wir hören gle chsam wie er mit dröhnenden Schritten über die Weltenbühn schreitet, nur schauen die Hand, die in die Speichen des Welrenrades greift, die gewaltige Hand, die Völker anfrichtet und zerschmettert, die erhebt und niederschlägt, die belohnt und züchtigt. Im späteren Verlauf der Geschichte sehen wir die Hand nicht mehr, wir vermuten sie höchstens, wir ahnen bloß ihr Walten. Die Antwort ans diese Frage dürfte folgende Erwägung erteilen: Auf Kinder kann man mit abstrakten Gedanken nicht einwirk, n, denn je abstrakter die Gedanken sind, desto mehr befremden sie das kindliche Gemüt. Auf Kinder wirken nur sinnlich wahrnehmbare Erscheinungen, nur konkrete Dinge. Wenn das Kind glauben soll, wenn es von dem Vorhandensein eines Wesens oder eines Gegenstandes überzeugt werden soll, so muß es das betreffende Wesen oder den betreffenden Gegenstand entweder sehen oder hören.' Den Schluß von der Wirkung auf die Ursache vermag der kindliche Verstand noch nicht zu ziehen. Im Kindheitsalter der Menschheit mußte Gott

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