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Der Israelit · 1907-01-24 · Heft 4 (24.1.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 4 (24.1.1907)
Date
1907-01-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«mW w ^üfgaAe, oie dem D. I. G. B. fett seinem Bestehen gestellt ist, soweit es an uns liegt, tit gemeinsamer Arbeit mit dem Verbände der deutschen Juden eine befriedigende und nicht zu langwierige Lösung finden wird. Welches Schicksal der Arbeit seitens der maßgebenden Faktoren, zu denen nicht bloß die Gemeinden, sondern auch die staatlichen Instanzen gehören, bereitet wird, steht nicht in unserer Hand. Es ist vielseitig darauf hingewiesen worden, daß die zeitlichen Verhältnisse der Neuordnung der preußischen Gemeindeangelegenheiten nicht günstig seien. Diese Tatsache ist auch uns voll bewußt. Es handelt fich aber darum, zu vergüten, daß die einschlägigen Ministerien Mit dem Entwürfe einer Neuorganisation hervortreten, der ohne Befragung und gegen die Anschauungen und Bedürfnisse der jüdischen Gemeinden Preußens festgestellt wärevielmehr an den maßgebenden Orten die Wünsche dieser Gemeinden in authentischer Form zum Ausdruck zu bringen. Das kann leicht geradezu entscheidend für die zukünftige Gestaltung unserer Gemeindeverhältnifie werden. „Bereit sein, ist alles!" Es mögen nun die Namen der Kommisfionsmitglieder folgen. Vertreter des D. I. G. B. find die Herren: Prof. Dr. M. Philippson, Direktor Dr. Minden, Rechtsanwalt Machol, Justizrat Cobn, Prof. Dr. chaefer, Prof. Dr. Blaschke, Prof. Dr. Apt, Justizrat Dr. Landau. Vom Verband der deutschen Juden find die Her en: Justizrat Lachmann, Prof. Dr. Mahbaum, Rechtsanwalt Makower, Os*ar Berlin, Landgerichtsrat Loewe, Justizrat Lövinson und Kommerz enrat Benjamin Hirsch-Haiberstadt delegiert worden. Gemeinsamer Vertreter beider Körperschaften ist Rechtsanwalt Dr. Blau-Frankfurt a. M Vom Borsteheramt der Israeliten tit Cassel ist Justizrat Dr. Rothfels und als sein tellvertreter Hermann Blumenthal, vom Vorstand der ynagogengemeinde tannover enator Leopold Fischer und Rechtsanwalt >r. I. Wolfes in die Kommisfion etngetreten. Der Vorstand der ynagogengemeinde Wiesbaden hat seinen Vertreter noch nicht ernannt. Daß der Gemeindebund seinen Rückzug vom Rosin'schen Kriegsschauplatz durch markierten Kanonendonner etwas ehrenvoller zu gestalten bemüht ist, und daß wir mit einer besonders kräftigen Salve bedacht werden, nehmen wir ihm nicht übel. Der Knalleffekt liegt dabei in der allerdings etwas unverfrorenen'Behauptung, die der „Einigung der deutschen Juden in jeder Form abholden Kreise" schlössen sich aus der Gesamtheit freiwillig aus. Ob die Herren nicht gemerkt haben, welchen Widerspruch sie sich mit dieser in ihren Augen furchtbaren Anklage zu schulden kommen lassen! Welches Interesse hätte die Orthodoxie, und gerade die „abgesplitterte", an der Organisation, die der Gemeindebund anstrebt, überhaupt, wenn ihr nicht das Wohl der Gesamtheit, das Gedeihen des Judentums am Herzen läge? Kein Mensch denkt heute daran, den Aust.itt zu hindern —, das wissen auch die „Abgesplitterten" sehr wohl — ihre individuell-religiösen Bedürfnisse also sind es nicht, die auch die aus den Gemeinden ausgeschiedenen gesetzestreuen Kreise veranlaßten, im Verein mit der gesamten Orthodoxie gegen den Rosin'schen Vergewaltigungsplan zu protestieren. Weil sie mit allen Fasern ihres Herzens mit Ww1 TO auf dem Erdenrund verknüpft find, weit ihnen die Erhaltung der jüdischen Gesamtheit im engeren preußischen Vaterlande für die jüdische Aufgabe nur durch mutiges Bekennen zur Wahrheit gesichert und durch die Verwäfferungspolitik des Gemeindebunds gefährdet erscheint — dar«« sind sie dem Attentat auf die religiöse Wahrhaftigkeit abhold, das der Gemeindebund in seiner Unschuld mit „Einigung der deutschen Juden" bezeichnet. Für solche Gesinnung geht natürlich denen jedes Verständnis ab, die im Judentum einen staatsrechtlichen Begriff, ein Objekt administrativer Weltverbesserungsversuche und nichts weiter erblicken. Es ist ein ohnmächtiges Beginnen, wenn der Gemeindebund versucht, auch in dieser Frage die deutsche Orthodoxie durch Diskreditierung b estimmter gesetzestreuer Kreise zu spalten. Mit Ausnahme eines Mannes hatte er im Rosin- I ldzug keine orthodoxe Stimme für sich, und die Liste der Männer, aus denen die jetzt niedergesetzte Kommission besteht, weist von orthodoxer Seite, soviel wir sehen, wiederum nur denselben einen Namen auf. Es ist überhaupt wieder die gleiche dünne Oberschicht der durch „Bildung und Besitz" sich ausgezeichnet fühlenden Neologie vom reinsten Wasser, die hier das Heil der deutschen Judenheit auszubrüten unternimmt, dieselbe Oberschicht, die ohne Mandat und ohne lebendige Fühlung mit wahrhaft jüdischem Leben das ganze Jahr hindurch das Judentum „offiziell" zu repräsentieren unternimmt. Daß die Landgemeinden —die „Klientelgemeinden" des Gemeindebundes — dabei nicht mitzählen, ist für jene Kreise selbstverständlich,- aber es fällt aus, daß der Gemeindebund nicht zur Wahrung des Dekorums wenigstens ein paar — dann immer noch unschädliche — gesetzestreue Männer für seine Kommission gewonnen hat. Wir konstatieren den einseitigen Charakter dieser Kommission, aber wir verhehlen nicht, daß wir uns dieser ehrlichen Einseitigkeit fteuen. Sie verbürgt uns, daß die Preußische Orthodoxie ihre Unabhängigkeit gegenüber dem bündlerischen Gesetzgebungsprojekt bewah en und sich nicht in Netze locken lassen wird, die, ob auch feiner gesponnen als die Rosin'schen Maschen, unter Umständen nicht minder tätlich w.rken können. Daß die preußische Regierung jemals spontan mit dem „Entwürfe einer Neuorganisati. n hervortreten" könnte, der „ohne Befragung und gegen die Anschauungen und Bedürfnisse der jüdischen Gemeinden Preußens sestgestellt wäre", ist ein Schauermärchen, an das seine Urheber selber nicht glauben. Die preußische Regierung hat fit in judaicis von jeher einsichtiger und pietätvoller erwiesen, als die Kreise, von denen jetzt die staatliche Zwangsorganisation des freien, lebendigen Judentums angestrebt wird. Wie das neue Projekt aussehen wird, weiß man noch nicht, — aber man kann es ahnen, und die gründlichen und objektiv prüfenden Aufsätze Dr. Munks bieten unseren Lesern schon heute die Maßstäbe, die auf den neuen Entwurf anzuwenden sein werden. Wie er im einzelnen auch aussalle — der Gemeindebund hat recht: „Bereit sein, ist alles?" * * * französisches Judentum. Von allen Seiten ertönen jetzt, da die Staatskrücken gefallen sind, auf denen das französische Judentum bis auf den heutigen Tag einherschritt, Klagelieder über den trostlosen Anblick der auf sich selbst angewiesenen jüdischen Gemeinschaft Frankreichs! Neuerdings hat Max Nordau in einem längeren Schreiben die Situation drastisch gekennzeichnet, und wenn es ihm natürlich in erster Reihe auch darauf ankomnit, den Zionismus als Heilmittel für die Wunden am Körper des französischen Judentunis zu empfehlen, so ist doch die Diagnose, die er stellt, von jedem Standpunkt aus richtig und beachtenswert. Die offizielle Organisation des französischen Judentums, so meint Nordau, bildete eine imposante Fassade, hinter der nichts steckte. Sie schuf ein System von Konsistorien mit einem Zentralko fistorium und einem Rothschild als Präsidenten, eine Hierarchie von Geistlichen mit einem Grandrabbi als Spitze. Dieses Judentum war eine Staatseinrichtung, ein Rad im Mechanismus der fran höfischen Staatsmaschine, scheinbar vorzüglich und stark gebaut, auf fester Grundlage Aber die Juden, hie diesem Bau Inhalt und Leben hätten geben sollen, wu den je länger je mehr gleichgültig dagegen und interessierten sich höchstens für die Maschine, wenn sie — den Ehrgeiz hatten, ins Konsistorium zu kommen. Jetzt ist die Fassade zusammengebrochen und das französische Judentum erscheint in seiner ganzen bejammernswerten Schwäche und Gebrechlichkeit. Soweit Nordau. Man kann nur lebhaft wünschen, daß unsere deutschen Organisations- und Zentralisationsschwärmer sich die Erfahrungen der französischen Geschichte zu Herzen nehmen, die mit Flammenschrift die Wahrheit lehrt, daß das Heil des Judentums nimmermehr aus Verstaatlichung und zwangsweiser Reglementierung, sondern nur aus völliger Freiwilligkeit und lebendiger Jndividualarbeit erblühen kann. flu$ den Briefen m Jeanette Olobl an Börne.* In den beiden letzten Jahren find drei Briefsammlungen erschienen, in deren Mittelpunkt die Person Ludwig Börnes steht. Wer daraus schließen wollte, daß dieser geistvolle Schriftsteller sich jetzt einer größeren Beliebtheit in weiten Kreisen des deutschen Volkes erfreue als früher, würde dieses Anwachsen der Börne-Literatur unrichtig deuten. Die Gemeinde seiner Verehrer rekrutiert fich nach wie vor zum überwiegenden Teil aus den Rechen des jüdischen Publikums und auch die erwähnten Briefsammlungen wurden von Juden oder doch wenigstens auf deren Beranlasiung h> rausgegeben. Dieser jüdische Vertreter des jungen Deutschlands hat, trotzdem er den Patriotismus so weit treiben zu müssen glaubte, daß er sogar die von der Mehrheit des deutschen Volkes bekannte Religion annahm, — bet der christlichen Nachwelt lebt G.ück gehabt. Er war doch immer der Jude, und das genügte, um seine Werke niemals zu der vermöge des Geistes und des Witzes, der darin sprudelt, chnen gebührenden Würdigung gelangen zu lafien. Börne ist daS widerfahren, was ihm wohl gerade am unangenehmsten gewesen wäre, daß man nämlich in außerjüdischen Kreisen seinen Schriften nur wenig Beachtung schenktein Schicksal, vor welchem den ihm geistesverwandten Heine nur die sieghafte Genialität und bet offene Feindschaft herausfordernde Charakter seiner Werke bewahrte. Nachdem Ludwig Geiger den Briefwechsel Börnes mit Henriette Herz und seine Briefe an •) Briefe der Frau Jeanette Strauß-Wohl an Börne. Eingeleitet und erläutert von E. Menzel. 438 S. F. Fontane & Co. Ieanette Wohl veröffentlicht hatte, hat vor Kurzem E. Menzel, einer Anregung von Dr. G. Schnapper- Arndt folgend, die Briefe, die von Frau Wohl an Börne gerichtet wurden, dem Publikum zugänglich gemacht. Jeanette Wohl war die Tochter emes Frankfurter Handelsmannes. Wie die Herausgeberin mitteilt, war die Familie Wohl streng orthodox- Jeanette selbst stand auf entgegengesetzem Standpuntt, wenn fle auch nicht so weit ging, fich wie Börne taufen zu laffen und die Angriffe, die dieser gelegentlich gegen seine ehemaligen Glaubensgenoffen richtete, sehr mißbilligte. Die Pietät gegen ihre Mutter, die fie durch die Verbindung mit einem Getauften sehr gekränkt haben würde, mag mit der Grund gewesen sein, weshalb fie Börne, dem langjährigen Freund, nicht die Hand zum Ehebündnis reichte. Die Briefe, die Jeanette Wohl während eines Zeitraumes von mehr als 10 Jahren (1820—Ir-33) von Frankfurt aus an Börne schrieb, mögen literarhistorisch recht wertvoll sein, für den jüdischen Leser als solchen jedoch bieten sie trotz der ziemlich bäufigen Erwähnung jüdischer Personen nicht gar viel des Jntereffanten. Daß man die Frankfurter Juden, nachdem die Herrschaft des napoleonischen Großherzogs der des Senates gewichen war, nicht auf Rosen bettete, lehren unS die bewegten Klagen der Frau Wohl über die für die Juden geltenden Heiratsbeschränkungen. Nach ihrer Mitteilung erhielten 1825 nur 23 Brautpaare den amtlichen Konsens. Auch sonst beschwert fich die Schreiberin über das Verhalten der Christen zur jüdischen Bevölkerung. Und wir erfahren, daß selbst der getaufte Polizeiaktuar Dr. Ludwig Börne nicht in die von dem Buchhändler Eßlinger gegründete Lesegesellschaft Frankfurter Bürger ausgenommen wurde. Frau Wohl berichtet auch eine ironische Aeußerung, die Ernst Moritz Arndt, von dem fie vorher „wunder was für eine Meinung" gehabt. über Börne hatte fallen laffen, als er gefragt wurde, ob er diesen kenne: „Der kleine Börne, der Christ geworden ist, durch die Taufe?" Mit rührender Naivetät knüpft sie hieran die Bemerkung: „Dian macht's chnen eben nicht recht rmt und ohne Taufe!" (Polnische Juden.) In einem Arttkel det Köln. Ztg. „Die Hauptstadt Galiziens" wird von den polnischen Juden folgendes Bild entworfen: Einen intereffanten Einschlag geben die zahlreichen Juden dem Krakauer Sttaßenleben. Sie machen ein volles Drittel der Bevölkerung aus, d. h. etwa zwölfmal soviel, als ihr Anteil an der Bevölkerung in Köln beträgt. Die Handelsleute, Wirte, Handwerker, Aerzte und Rechtsanwälte, kurz, der Mittelstand Galiziens, ist fast ganz jüdisch. Erst allmählich beginnt auch hier, »ach dem Borbilde Posens, ein polnischer Mittelstand zu entstehen, die polnische „Intelligenz", die als nationaldemokratische Partei allmählich auch hier dem Feudaladel und der mit ihm Verbündeten Priesterschaft die politischen Zügel aus der Hand zu reißen strebt, wie es ihm in Posen, wo die Geistlichkeit jetzt zu ihm hält, bereits gelungen ist. Merkwürdig sehen diese galizischen Juden aus in ihren hohen Sttefeln, langen, bis auf die Erde herabreich nden pelzbesetzten Röcken, der Pelzmütze, in langem schwarzem Haar und langem Barte. Eine besondere Eigentümlichkeit ist die Sitte der Männer, die Haare vor die Ohren zu kämmen, fie in langen Strähnen auf die Wangen hinunter wachsen zu laffen und sie dann zu kleinen zierlichen Zäpfchen, die vor den Ohre > auf den Schläfen hängen, zusammenzudrehen. Jntereffante, scharfgeschnittene Männergefichter und schöne, üppige Mädchen fleht man unter ihnen. Im Verkehr mit den Polen gebrauchen die Juden die polnische Sprache, untereinander aber sprechen fie ihr eigentümliches „Jiddisch , ein verderbtes, an den Dialekt des Mittelrheins, von wo die Ahnen dieser Juden vor Jahrhunderten in die poln'schen Länder als Kolonisten ein- > »änderten, stark anklingendes Deutsch, untermischt mit zahlreichen hebräischen Ausdrücken. Dieses Idiom sprechen

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