Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-01-24 · Heft 4 (24.1.1907) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 4 (24.1.1907)
Date
1907-01-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449249--63201-2505732
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

24. Jännar 1907. Der JSraelit. Seite 3. Rr. 4 Thora entrissen sind die jüdischen Jünglinge gerade dort rettungslos der Revolution verfallen. Das Blut in den Adern aber erstarrt, wenn man Tabelle Vl betrachtet und sich von ihr die verheerende Wirksamkeit des revolutionären „Bundes" unter der Jugend erzählen läßt. Kinder von zwölf, dreizehn Jahren werden zu revolutionären Banden zusammengeschlossen, aller Zucht entrissen und zu willenlosen Werkzeugen des „roten Schreckens" herangebist et. Wenn für die Saat des Unheils, die sie gesäet, die russischen Tyrannen einst Rechenschaft abzulegen haben werden vor Gott und der Geschichte, dann werden es zu allererst die Seelen dieser verführten jüdischen Kinder sein, deren Schicksal laut zum Himmel schreit, laut wie das Blut der Erschlagenen. ochenmnöscha». > Aus 9em Reich 9er „9i(hfen9en“ Königin. Aus dem Land der dichtenden Königin, die eben erst so beredt die Entrechtung, die die Juden in Runiänien erfahren haben, zu entschuldigen suchte, komm.n fortgesetzt Nachrichten, die diesen Versuch der Königin in recht eigentümlichem Lichie erscheinen lassen. In der jüngsten Sitzung der Anglo Jewish Association in London wurde die Lage der rumänischen Juden erörtert und auf Grund authentischer Mitteilungen festgestellt, daß die jüdische Bevölkerung sich in einer durchaus nicht ungefährlichen Situation befindet. Der Pogrom, der jüngst in Crajova in Szene gesetzt wurde, ist kein allein dastehender Vorfall Freilich hat die rumänische Regierung in Crajova Maßregeln ergreifen lassen, um weitere judenfeindliche Ausbrüche daselbst zu verhindern Dadurch ist aber noch keine Sicherheit gegeben, daß sich anderwärts nicht Gleiche? wie in Crajova ereignet. Die Runiänen scheinen bei den Russen in oie Lehre gegangen zu sein. Während man sich ehedem darauf beschränkte, die Juden aller bürgerlichen Rech.e zu berauben und ihnen auf dem Wege der Gesetzgebung den Lebensnerv zu durchschneiden, beginnt man jetzt sich des abgekürzten Verfahrens der royen Gewalt nach Hooliganart zu bedienen. Der Chacham Dr.Gaster führte in der Sitzung der Anglo Jewish Asiociation eine ganze Reihe von Fällen an, die von dem allmählichen Uebergang der Rumänen zu der russischen Form des Antisemitismus Zeugnis ab legen; natürlich versagt die rumänische Justiz ganz und gar, wenn es sich um die Sühnung eines gegen das Leben eines Juden gerichteten Verbrechens handelt, ganz nach russischer Art. Die jüdische Oeffentlichkeit hat alle Ursache, die Vorgänge in Rumänien mit Aufmerksamkeit zu beobachten und nichts unversucht zu lassen, um auf Grund des Berliner Vertrags eine diplomatische Intervention bei der rumänischen Regierung zu Gunsten der dortigen Juden herbeiuführen. Frau Carmen Sylva aber möge bei ihren chönen Reden über das Judentum, die wir dankbar anerkennen, nicht der Juden vergessen und ihren Landsleuten einmal klar machen, daß auch diese Menschen sind, die auf Gerechtigkeit und menschliche Behandlung Anspruch haben. Dies dürfte einer Dichterin besser anstehen, als das B.mühen, allen Tatsachen zum Trotz die Rumänen von aller Schuld gegen die Juden reinzuwaschen. * * „Bereif {ein ist alles!" Der Deutsch-Israelitische Gemeinde-Bund wird sentimental,' er zieht den administrativen Arbeitsrock aus, hüllt sich in des Dänenprinzen romantische Gewänder und will das preußische Judentum vor der Aufoktroyi rung einer religiösen Verfassung durch— die Regierung bewahren!!! Wer's nicht glaubt, der lese das prachtvolle Communiqus an der Spitze der neuesten „Gemeindebund-Mitteilungen". Das Unzulängliche, hier wirds Ereignis. Das Communique lautet: Der Ausschuß des D. I. G- B. hat bereits bei der Versendung des Entwurfs betont, daß er dem Herrn Verfasser keinerlei Direktiven hinsichtlich der leitenden Grundgedanken und des Ausbaus gegeben habe, daß er sich lediglich als vollziehendes Organ des VIN. Gemeindetages betrachte, das die ihm für die Ausführung der Beschlüsie am geeignetsten erscheinenden Persönlichkeiten auswählt und die Entscheidung über deren Vorschläge den Beteiligten überläßt. Alle Versuche gewisier, weniger durch ihre Zahl, als durch die laute Heftigkeit ihrer Beschuldigungen ausgezeichneten, der Einigung der deutschen Juden in jeder Form abholden Kreise, den tandpunkt unseres Ausschusses mit dem Rofin'schen Entwürfe zu identifizieren, müssen zurückgewiesen werden. Maßgebend für unsere eigene tellungnahme können die Auslassungen dieser, sich aus der Gesamtheit freiwillig ausschließenden prinzipiellen Verneiner jedes Organisationswerkes, nicht im geri gsten sein. Wohl aber haben wir uns nach den Wünschen derjenigen zu richten, für die das Gesetz bestimmt ist. In den uns aus diesen Kreisen zug gangenen Gutachten ist nun eine nahezu allgemeine Abneigung gegen die Einbeziehung der religiöien Fragen in den Jnstanzenzug hervorgetreten, und auch die straffe Durchführung der Verwallungshierarchie konnte sich wegen der damit notwendig verbundenen Einschränkung der Gemeindeautonomie keine ympalhieen erwerben. Es hat sich gezeigt, daß trotz des lebhaften Beifalls, den die Rofin'schen Vorschläge auf dem X. Gemeindetage in Frankfurt a. M. gefunden haben, die preußische Judenheit bei ruhiger Prüfung nicht geneigt ist, die von ihr aufs höchste geschätzte Freiheit des Gemeindewesens gegen die mit den süddeutschen Organisationen zweifellos verbundenen mannigfachm Vorteile hinsichtlich der Stetigkeit der religiösen Entwickelung, der Hebung des Ansehens unserer Glaubensgemeinschaft und ihrer Beamten u. a. mehr einzutauschen. Hingegen ist fast einstimmig der Wunsch nach einer Organisation auf der Grundlage der in Altpreußen eingebürgerten Gemeindeautonomie zum Ausdruck gelangt, also eine Ergänzung des bisherigen Rechtszustandes durch Schaffung offizieller Gemetndeverbände unter Leitung eines Landesverbandes, bei Ausschließung der jeder Einzelgemeinde zu überlaffenden religiösen Fragen. Ein Entwurf, der diesen Wünschen Rechnung trägt, liegt zur Zeit unserer Kommission zur Beratung einer Gesamtorganisation der jüdischen Gemeinden Preußens vor. Der unserer Kommission angehörige Verfasser wünscht nicht, daß sein Name genannt und daß sein Entwurf der öffentlichen Zkritik unterbreitet werde. Sein Werk ist vielmehr nur als Basis für die Kommisfionsberatungen bestimmt, deren Ergebnis sofort nach ihrem Abschluffe den Beteiligten ebenso übergeben wird, wie es mit dem Rofinschen Entwurf geschehen ist. Die endgiltige Entscheidung steht alsdann beim Gemeindetag. Die Enquete-Kommission setzt sich zu gleichen Teilen aus Vertretern des Deutsch-Jsraelitschen Gemeindebundes und des Verbandes der deutschen Juden zusammen. Zur Geltendmachung der besonderen Einrichtungen und Bedürfnisse der entsprechenden Landesteile fkw je ein Abgeordneter des Borsteheramtes der Israeliten zu Cassel, sowie der Gemeinden zu Hannover und Wiesbaden ein berufen, also Vertreter derjenigen neupreutzischen Provinzen, in denen andere Gemeindeverfassungen als oas Gesetz vom 23. Juli 1847 gelten. Die Gemeinde Altona, die wir als Vertreterin der, ein besonderes Rechtsgebiet darstellenden schleswig-holsteinischen Gemeinden, zur Entsendung eines Delegierten aufgefordert haben, hat zu unserem Bedauern die Beteiligung abgelehnt. Immerhin dürsten die in der Kommission vertretenen Körperschaften und die weiter unten angeführten Namen der KommisfionSmitglieder die Gewähr geben, daß alle einschlägigen Fragen eine sachverständige und gründliche Erörterung finden, ehe sie der Prüfung der Gemeinden und Verbände unterzogen werden. Die Kommission hat in ihrer ersten Sitzung auf Grund des ihr vorliegenden reichen Gutachten-Matertals den bereits angedeuteten Beschluß gefaßt, den Rofin'schen Entwurf trotz aller Anerkennung des auch in den Gutachten und Zeitungsartikeln gewürdigten klaren und logischen Aufbaues und seiner zahlreichen beachtenswerten Vorschläge im Einzelnen, als Grundlage der Beratung fallen zu lassen. Darum braucht aber nicht befürchtet zu werden, daß die hervorragende Leistung, die in dem Rofinschen Werk vorliegt, und daß der große Fleiß und die Fülle von wohlerwogenen Anregungen, die in einer Anzahl von Gutachten in dankenswerter Weise der Kommission zur Verfügung gestellt wurden, vergeblich aufgewandt find. Das Rofin'sche Werk hat schon dadurch, daß es mit seiner, nicht nur für Fachmänner, sondern auch für Laien verständlichen Klarheit, den schwierigen Stoff zur Darstellung gebracht hat, sich das große Verdienst erworben, die Interessenten belehrt und sie zur bewußten Aussprache ihrer eigenen Ansichten veranlaßt zu haben. Auch die Vorschläge im Einzelnen, ebenso wie die in den Gutachten gegebenen Anregungen werden bei der Beratung der einschlägigen Materien des neuen Entwurfes von den Referenten in verdiente Erwägung gezogen werden. Die „gemischte Kommission" hat einen sorgfältigen Arbeitsplan entworfen und wird allmonatlich zwei Sitzungen abhalten. So ist zu hoffen, daß die schwierigste den meisten Menschen ergehen. Noch müßte der Mensch geboren werden, der von sich sagen könnte, daß ihm alle Wünsche, alle Hoffnungen in Erfüllung gegangen wären. Wo wir das Leben auch beobachten, beim Kinde, wie beim Greis, überall Täuschungen oder besser Enttäuschungen, die das Leben gebracht Gar vielfältig find die Bilder, die sich in diesem Momente vor meinem Geiste zeigen, teils selbsterlebte, teils an anderen beobachtete. Ich sehe noch mein kleines, inzwischen längst heimgegangenes Schwesterchen sich auf den Besuch des Onkels freuen in froher Erwartung der Dinge und Spiele die er ihm mitbringen wollte — O weh! — ein blinder Zufall fügte es, daß er keine Zeit geftmden, die erwartet m Gegenstände zu kaufen, oder sie waren gerade nicht vorrätig — Bittere Enttäuschung malte sich auf dem kleinen Gesichtchen und es kämpft mit den Thränen. Kaum der Schule entwachsen, litt es mich nicht mehr zu Hausemein ganzes Streben war darauf gerichtet, möglichst bald hinaus in die Fremde zu kommen, ich ahnte nicht, was eben „Fremde" heißt. Wie oft schon habe ich bittere Reue empfunden über mein allzufrühes Scheiden aus dem Elternhause, noch stütz genug hätte ich die Enttäuschungen und Entbehrungen, die draußen meiner nun fast auf Schritt und Tritt harrten, erfahren können- Der Blick in die Vergangenheit führt mich an Gräber. Das erste ist das eines lieben treuen Verwandten, der an seinem 18. Geburtstage seine reine See.e in Gottes Hand zurückgab. Welch große und berechtigte Hoffnungen wurden hier zu Grabe getragen. In ihm war der Feuereifer des Jünglings mit der Tatkraft des Mannes verkörpert. Mein Auge ruht auf dem Grabe einer teuern, mir unvergeßlichen Freundin. Sie war das einzige Mnb chrer Elternverlobt, zwanzig Jahre alt, mußte diese Rose sterben, und der sthmerzgebeugten Mutter, die so viele harte Schicksalsschläge schon mutig mit fast übermenschlicher Kraft zu ertragen gewußt, war gerade sie der einzige Trost gewesen! Ein anderes Bild, das ich nun vor mir sehe. Ich meine es sei gestern, daß mir der Telegraph die grausame Kunde brachte, die Mutter ringe mit dem Tode. Acht Stunden auf Fahrgelegenheit warten niüssen und schließlich nach zwölfstündiger Fahrt, immer wieder neue Hoffnung schöpfend, in dem Momente anzukommen, wo die geliebte Hülle im Bretterhaus hinausaetragen wird zur ewigen Ruhe — wer vermöchte die Gefühle zu schildern, die mich damals folterten? Wie viele Hoffnungen und Enttäuschungen habe ich an Freunden, an echten und falschen, erlebt, wie viele Enttäuschungen dem Umstande zu verdanken gehabt, daß ich jeden für edel, hilfreich und gut hielt. Wie oftmals fiel mir des Psalmisten-Wort ein: 'ui di» pa D'Q'nn mann bx So sind Frühling und Sommer eines langen Lebens über mich hingegangen, der Herbst mit seinen Stürmen hat mich gezaust und geschüttelt, und wenn ich jetzt, an meinem kleinen Fensterchen, hoch oben aus dem Dachstock hinäusschaue auf die schneebedeckte Flur, dann ist mir's oft, als wollten die Bäume ihre nackten Arme nach mir ausstrccken, mit mir weinen und mit mir der Welt erzählen von geknickten Hoffnungen und gebrochenen Blüten. Und doch-wenn ich heute, am WinterstühlingStage des Schwatmondes den entlaubten Freunden draußen aus der Flur ganz tief hineinschaue in ihr winterliches Herz, dann beginnt der bohrende Schmerz in der eigenen Brust zu schweigen, und es will mir scheinen, als überzögen Blütenketten und knospende Zweige die fernen Gräber meiner Lieben. Fürwahr, wenn auf alles Hoffen und Sehnen in ewigem Vergehen Enttäuschung und Sterben folgt,' dann allerdings ist die Hoffnung eine Folter und .der Traum vom kommenden Frühling — ein Traum. Meine Chamischo Ossor-Bäume aber, die erzählen gar nichts vom Hoffen und Harren auf kommende s Glück; wie rechte Kinder Gottes steuen sie heuteschon sich des steigenden Saftes, der sie mitten im Sturme erquickt unh während der Thor die Predigt der Vergänglichkeit an den Zweigen abliest, hüpfen unter der Rinde die kleinen Zellgenien in fröhlichem Chamischoffor- Reigen, dankbar für jede Minute des Lebens, die ihnen zu leben und — zu d i e n e n vergönnt. vronb nmon 'n vjo 1p' und ION nii' bj i Mm D'Hon rrb der scheinbare Widerspruch klingt in der Harmonie der jüdischen Nationalhymne zur höchsten Einheit zusammen — denn wem Leben Dienen heißt, dem fließt in ewiger Heiterkeit Tag für Tag dahin, und nicht was er erlebt, nur was er erarbeitet, in Freude und Leid, zählt ihm in der Bilanz seines Lebens. Draußen stürmt's, mir aber wallt aus der gefrorenen Erde ein starker Wurzelduft entgegen, nicht lieblich, nicht sinneschmeichelnd und betäubend, auch nicht enmervend und lebentötend — er ist dos Symbol der jüdischen Arbeit, der starken, frohen Arbeit im Dienste des großen Weltenmeisters. Auf alles gefaßt, ein *p"Q auf den Lippen — so feiern wir, Bäumchen dä draußen und Bäume, unsren Chamischo-Offor — und um die Gräber unsrer Lieben ziehen sich wachsende Wurzeln. i'i -A i * •£' I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.