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Der Israelit · 1907-01-24 · Heft 4 (24.1.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 4 (24.1.1907)
Date
1907-01-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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r£T* Selbstverständlich ist die Anteilnahme der Anden an der Revolution nicht überall gleich intensiv, worüber Tabelle HI Aufklärung gibt. Tabelle III. Verteilung der politisch verfolgten Juden nach den Gerichtsbezirken. Gerichtsbezirk Von 100 polit. Verfolgten waren Juden Prozentsatz der Juden an der Bevölkerung (1897) Wilna. 64,9 15,0 Odessa. 55,0 13,5 Kiew. 48,2 12,0 Petersburg. 40,9 3.5 Warschau. 26,0 14,0 Charkow. 18,8 1.4 Irkutsk . .. 15,5 0,6 Moskau. 7,5 0,4 Kasan . . .. 4,7 0,1 Saratow. 1,5 0,1 Tiflis. 1*4 0.6 Die Beteiligung geht mit dem Prozentsatz der Juden in der Bevölkerung ziemlich parallel. Eine Ausnahme bildet nur der Gerichtsbezirk von Petersburg, was wahrscheinlich darin seinen Grund hat, daß Petersburg ein Hauptzentrum der jüdischen Intelligenz ist. Daß Wilna den ersten Platz einnimmt, ist wohl der Tätigkeit der jüdischsozialistischen Organisation, bekannt unter dem Namen „Bund", welche hauptsächlich in Nord- West-Rußland operiert und in Wilna ihr Zentrum hat, zuzuschreiben. Verhältnismäßig klein ist die Zahl der Verfolgten im Warschauer Bezirk, wo auch absolut viel weniger Juden angeklagt waren, als im Petersburger Bezirk (278 gegen 409), trotz der ungeheuren Verschiedenheit der Gesamtzahl der Juden in beiden Bezirken (1300000 im Warschauer oeaen 300000 im Petersburger Bezirk). Die Ursache wird wohl in der damals noch ungenügenden Propaganda unter den Juden liegen, denn jetzt haben sich, wie es scheint, die Berhältniffe in Warschau geändert. Auffallend ist, daß im Verhältnisse m intern Prozentsatz in der Bevölkerung die Juden außerhalb des Anfiedlungsrayons bedeutend mehr beteiligt sind als im Ansiedlungsrahon selbst. Während im letzteren die Beteiligung im allgemeinen das vierfache ihres Antei s an der Gesamtbevölkerung kaum übersteigt, erreicht dieselbe außerhüb des Ansiedlungsrayons, in Kasan, das 47fache. Die Ursache dafür wird wohl darin zu suchen sein, daß Charkow, Moskau und Kasan zugleich auch Stätten der höheren Bildung sind, an welchen trotz der vielen Hemmniffe die jüdische Jugend in starker Zahl vertreten ist. Ist schon die russische Studentenschaft im allgemeinen revolutionär genug, so ist ihr jüdischer Teil vielleicht eben jener Hemmnisse wegen noch mehr oppositionell gestimmt. Ist schon die Beteiligung der Juden nach der absoluten Zahl sehr groß, indem sie, wie wir oben ges hen haben, den zweiten Platz nach den Russen einnehmen, so läßt sich die seltsame Tatsache konstatieren, daß unter den weiblichen Beteiligten die Jüdinnen den ersten Platz behaupten. Sie zeigen etwa das Zehnfache (die männlichen Juden das Siebenfache) davon, was nach ihrem Prozentanteil an der Gesamtbevölkerung zu erwarten wäre. Von den 974 weiblichen Angeklagten während der Jahre 1901—1903 waren tüdinnen 446 — 45,8 X hristlich-Orthodoxe 403 Katholische 104 Protestantische 17 Sonstige 4 Bei dieser extrem hohen Beteiligung der Jüdinnen an politischen Verbrechen ist von Interesse, daß unter den wegen allgemeiner Verbrechen verurteilter! Juden die Jüdinnen mit einem Prozentsatz von nur etwa 12—14 beteiligt sind. Einen sehr bemerkenswerten Unterschied zeigt Tabelle IV, welche das Alter der Angeklagten angibt. Tabelle IV. Von je 100 Angeklagten des entsprechenden Alters und Geschlechts waren Alter Männer Frauen § s ö? Jg g c « 6? <& « 8 2 ■2 3 53 es unter 21 21—25 25—40 über 40 Wir scher 64,7 39,5 14,;) 6.8 t, daß di 35,3 60,5 85.1 93.2 »Juden 74 65 40 7 jauptsächl 26 35 60 93 ich in die Gruppe der Minderjährigen fallen, wo sie etwa mit zwei Drittel vertreten sind. In der nächsten Gruppe der 21—25 jährigen werden die Stellen getauscht, indem die Juden hier nur ein Drittel der Gesamtzahl bilden, dann fällt ihr Anteil noch rapider und unter den im reiferen Mannesalter stehenden Angeklagten sind die Juden mit nur 7 Prozent vertreten. Dasselbe läßt sich auch von den Jüdinnen sagen, die aber im allgemeinen, wie nach obigem zu erwarten war, stärker vertreten sind. Ganz mit Recht sieht Tarnowski die Ursache dieser Erscheinung darin, daß die Juden von mehr explosiver und leidenschaftlicher Natur sind, und deshalb sich eher von den verleitenden, schon in nächster Zeit Glück verheißenden Theorien der politischen und sozialen Umwälzung Hinreißen lassen. Mit der größeren Lebenserfahrung trete oft eine gewisse Erkältung ein, welche den Juden zu mehr praktischer Tätigkeit hiusühre. Znm Schluß noch einige Angaben über den Anteil der Juden und Nichtjuden an den einzelnen Verbrechen. Tabelle V. Anteil der Juden an den einzelnen Verbrechen. Verbrechen Insgesamt Juden Majestätsbeleidigung. 11,5 1,4 Anteil an revolut. Bereinigungen . 48,2 37,6 60,9 Politische Propaganda. 37,7 Die Inden werden also höchst selten wegen Majeftätsbeleidigung angektagt, dagegen liefern sie den größten Prozentsatz der wegen Teilnahme an revolutionären Vereinigungen Angeklagten. Hier ist wieder hauptsächlich an den „Bund" zu denken, dessen Mitglieder von der Regierung energisch gesucht und verfolgt werden und dessen erfolgreiche Tätigkeit, meistens im Westen konzentriert, vielleicht die einzige Ursache davon ist, daß die Juden während der letzten Jahre den Polen den Rang abgelaufen haben und jetzt den ersten Platz unter den Nichtrussen behaupten. Man muß Tarnowski schon dafür dankbar sein, daß er das ihm zugängliche Material ohne Vorurteil und ganz objektiv bearbeitet hat, was man von der offiziellen russischen Literatur nicht immer behaupten kann. Er sucht sogar den Juden gegenüber gerecht zu sein und sagt zum Schluffe: „Wir haben hier nicht die Absicht, auf die Ursachen der Verbreitung der revolutionären Gährung unter der jüdischen Bevölkerung in Rußland näher einzugehen. Es ist jedoch zweifellos, daß schon dre objektiven Existenzbedingungen der Juden allein einen günstigen Nährboden dafür bilden. In den westeuropäischen Staaten läßt sich ein so gesteigerter Anteil der Juden an den Staatsverbrechen nicht seststellen. Es wird von großem Interesse sein nachzuforschen, inwiefern die während des Jahres 1905 in unserem politischen Leben eingetretenen großen Veränderungen dazu beitragen werden, den Gang und Charakter der politischen Verbrechen überhaupt, sowie den Anteil der Juden an denselben zu verändern." Wir möchten unsererseits noch hervorheben, daß die relativ geringere Beteiligung des eigentlichen Ansiedlungsrayons an der revolutionären Bewegung zweifellos auf das dort herrschende intensive religöse Leben zurückzuführen ist. Die konservativen, hemmenden Impulse, die von dorther dem revolutionären Drange entgegenwirken, sind in Moskau, Charkow, Kasan natürlich zur Ohnmacht verurteilt und dem Geiste der keines Feuilleton. Die Süden von Jamaica. Ein furchtbares Unglück hat in den letzten Tagen die Blicke der Weit nach der Insel Jamaica gelenkt. Unsere Leser wird es wohl interessieren, bei dieser Gelegenheit einiges über die Geschichte und Entwickelung der dortigen Juden zu erfahren. Als im Jahre 1655 Cromwell die Insel eroberte, fand er daselbst bereits jüdische Anfiedler vor, die sich unter Kolumbus nach dessen Besitznahme von Jamaica dort niedergelassen hatten. Cromwell schätzte die Juden als einen n ichtigen Faktor bei der Förderung seiner Kolonialpolitik und empfing von Simon de Caceres wertvolle Unterstützung. Die englische Restauration änderte nichts an den Verhältnissen der Juden in Jamaica. Ihre Zahl nahm zu und ihre Gemeinde erfreute fich fortdauernder Blüte. Ein Teil von ihnen betrieb Kleinhandel, die meisten waren jedoch Broßkaufleute und der Geschäftsverkehr mit Spanien lag in der Hauptsache in ihren Händen. Wählend der Regierungszeit des Gouverneurs Molesworth erhielten fie die Erlaubnis zum Bau einer Synagoge. Die kommerziellen Erfolge der Juden erregten indessen den Neid der Konkurrenten und im Jahre 1671 forderten die englischen Kaufleute die Vertreibung der Juden, dank der humanen Gesinnung des Gouverneurs Lynch jedoch mit oem Resultat, daß die Regierung im London den Wunsch aussprach, man solle im Gegenteil die weitere Einwanderung von Juden veranlassen und begünstigen,' aus Brasilien und Surinam kamen denn auch jüdische Kolonisten nach Jamaica. Wiewohl so die Lage der Juden auf der Insel im allgemeinen befriedigend war, fehlte es doch auch in Zukunft nicht an Versuchen, ihnen den Aufenthalt dort streitig zu machen. Und wenn die englische Regierung sich auch dem gegenüber ablehnend verhielt, so wurde doch von der schweren besonderen Steuerlast, die den Juden auferlegt worden war, vorläufig nichts htnweggenommen. Auch waren die Juden von allen öffentlichen Aemte.n und dem Wahlrecht ausgeschlossen. Daß sie mit der übrigen Bevölkerung nicht das Privileg des Sklavenhandels teilten, brauchen wir freilich nicht zu bedauern. Die verschiedentlichen Gesuche um Gleichstellung mit den übrigen Bürgern, die die Judenschast Jamaicas an die Regierung richtete, hatten keinen Erfolg. Ja, sie wurde im Jahre 1702 wegen einer solchen Petition mit einer Geldstrafe von 2000 Pfd. belegt. Erst im Jahre 1711 trat hierin eine Aenderung ein. Das Kingstoner Parlament verlieh ihnen das passive Wahlrecht. Und etwa 25 Jahre später wurde auf die Initiative des damaligen Gouverneurs^ nachdem das Parlament wegen seiner widerspenstigen Haltung dreimal vertagt worden war, die Sonderbesteucrung der Juden endgültig abgeschafft. Es ward damals Sitte, daß die Judenschaft dem Gouverneur und seinen Beamten alljährlich ein Geschenk überreichte. Die volle Gleichberechtigung erlangten die Juden auf Janiaica im Jahre 1831 und bereits 1849 bestand ein Sechstel des Jnselparlaments aus jüdischen Deputierten. Die Körperschaft hielt daher auf Grund einer Abstimmung, an der sich die jüdischen Mitglieder nicht beteiligten, am Jom Kippur keine Sitzung ab. In demselben Jahre wählte die Versammlung einen Juden zum „Sprecher", und ein anderer wurde kurz danach Direktor des Steuerwescns. Auch in England und Amerika haben sich Abkömmlinge der Juden Jamaicas Namen und Ansehen erworben. Jüdische Gemeinden gibt es in der Hauptstadt Kingston, in Spanish Town, Montego Bay, Falmouth und Lacovia; Spanish Town hat zwei, Kingston drei Gemeinden. Der Wohlstand dieser Gemeinden nahm mit dem der Insel überhaupt im vorigen Jahrhundert mehr und mehr ab und die große Feuersbrunst, die 1682 Kingston verheerte, trug noch ihr Teil dazu bei. Die Versuche einer Bereinigung der Kingstoner Gemeiilden, die bei der^. Reorganisation nach diesem Unglück unternommen würden, Myrten erst 1900 zum Ziel. Die gegenwärtige jüdische Bevölkerung wird auf 2400 Seelen geschätzt. Die Tolter der ffottnung. Chrmischo-O or-Träume eines Unglückliche«. Es mögen jetzt zehn oder zwölf Jahre her sein, als mir in einer süddeutschen ZeiMng eine E zählung mit dem fesselnden Titel: „die Folter der Hoffnung" begegnete. Sie behandelte einen Stoff aus der spanischen Jnquisitionszeit. Einem Gefangenen, der des schrecklichen Verbrechens angeklagt war, „Jude" zu sein und dem infolgedessen die Todesstrafe drohte, zeigt sich Plötzlich im dunkeln Kerker die Möglichkeit zur Flucht und damit zur Rettung seines Lebens. Schon dem Ziele, das heißt dem Ausgange seines Kerkers nahe, schon den freien Luftzug verspürend, fällt er den Häschern in die Hände, die ihm eine Falle gestellt hatten, um ihn die seiner harrende Strafe noch grausamer empfinden zu lassen. So anschaulich war die Geschichte dargestellt, daß der Leser sich des Schauders über die grausame Schändlichkeit der Henkersknechte nicht erwehren konnte und tiefes v-itleid mit dem Opfer empfand. Jahre sind inzwischen vergangen, das Leben hat mir manche Hoffnungen erblühen lassen und gar viele, ja die meisten sind verwelkt Oft schon habe ich an jene Geschichte denken müssen, unwillkürlich immer das Leben, die nackte Wirklichkeit, die so grausam meine schönsten Hoffnungen zerknickte, mit jenen Henkersknechten Per? gleichend. Gleich mir, wird es noch vielen anderen, ja

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