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Der Israelit · 1907-01-24 · Heft 4 (24.1.1907) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 4 (24.1.1907)
Date
1907-01-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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»i 1 Der IsraeHl Ein Eentraloraan IBr das orthodnxe Jnicntim llflBM Wljl Qsaa Kigrlulef m Dr. Lclnua in fflaic rag^=i ul 48. Jahrgang. Yranhfurf a. M.. Sen 2*' 3anuar 1907 M* 9. Sch'roaf 5667. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Abonnements: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50 vierteljährlich, Heftausgabe auf Kunstdruckpapier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für die gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich L Kr., Rußland l Knb., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postmrstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei der Expedition, HrftanSgabe nur dttett. ^rtirtrr 80 Pfennige für dir sechsgespaltene Eolonel-ZeUe; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasrnstein u. Bogker A.-G. in stkonto betf der «. «. Postsparkasse Me» No. 79605. Frankfurt a. M und deren Filialen. Conto bet dem «. Postsparkaffenamt »nbapest No.' 18434 Die Juden und die russische Revolution. Seitdem Jesaias seine ergreifende Vision von dem providentiellen Leidensgeschicke des jüdischen Volkes in die Weltgeschichte hineingerufen — eine Vision, die man in seltsamem gnjproouo dann später auf den als Menschheitserlöser begrüßten Sohn des jüdischen Volkes gedeutet hat —, ist noch kein Jahrhundert vergangen, in dem nicht versprengte Te le dieses Volkes die Wahrheit des Jesaianischen Seherwortes in furchtbarer Wirklichkeit am eigenen Leibe erleben mußten. Als seien, wenn man die ganze Kulturmenschheit einen Organismus nennen darf, die Juden d.e feinsten Nervenfasern dieses großen Menschheitskörpers, als müßten s i e gerade die leisesten Eindrücke von außen und die tiefste seelische Erregung aus dem Innern zu allererst aufnehmen, durchempfindeu, verarbeiten und — ach so oft — mit dem Leben bezahlen, so ist das jüdische Volk von allen Völkerstürmen z u n ä ch st gerüttelt und geschüttelt worden, so oft ein geschichtlicher Weud Punkt-herannahte, und den fremden Boden, auf dem es, geduldet oder gehetzt, wie der Ahn hinkenden Fu^es einherschritt, den Boden, aus dem den Völkern ihre Freihe t keimen und reifen fffEte, hat e s zu allen Zeiten mit dem Blute idnev Söhne und Töchter gedüngt. U ter diesem Gesichtspunkte,,«ab specie aetprni WmÄhtst^ bedarf das Schicksal omfcret unalucklichen ruf fischen Brüder Heu te weniger derUr-' klärung als die ersten Anfänge der russischen Judenhetze, die in den achtziger Jahren, ein Widerhall des deutschen Judenfeldzugs, die Aera der Progrome einleiteten. Neu und bisher in der jüdischen Geschichte unbekannt ist nur die Erscheinung, daß jüdische Männer und Frauen aktiv h neinschreiten in den Freiheitskampf der Völker, daß sie selbst vor dem in jüdischen Kreisen von je als das Unmögliche verpönten Verbrechen, vor Mord und Bürgerkrieg, nicht zurückschrecken und—die Tatsache ist nicht zu leugnen — auch d e motorischen Nervenfasern des russischen Riesenkörpers geworden sind, der in wilden Zuckungen nun, zwischen Tod und Leben, sich zur Gesundung eniporringt. Noch ist's heute nicht an der Zeit, die Geschichte der russischen Revolution zu schreiben, noch darum auch unmöglich, mit wägendem Sinn die Frage zu lösen, wie es kam, daß aus dem Frieden des Beth-ha-midrasch, aus der stillen staatstreuen Ergebung der Eltern eine Generation tollkühner Fre he Melden hervorwuchs, die ihrem Gotte und ihrer Väter Weisheit so gut den Krieg erklärten, wie der Gesellschaft und dem Staate. Wohl aber ist's schon heute nützlich, die Tatsachen festzustellen, Maß und Umfang des Unglücks zu bestimmen und dadurch doch mancher Uebertreibung die Spitze abzubrechen. Dazu ist eine im Journal des russischen Justizministeriums soeben erschienene Arbeit Tarnowskis geeignet, die sich mit der Statistik der Staatsverbrechen in Rußland beschäftigt, und aus der Weissenberg in der Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden ausführliche Auszüge gibt. Was zuerst in die Augen springt, ist das rasche Wachstum der Zahl der verfolgten Juden, wie es Tabelle I zeigt. Tabelle l. Zahl der politisch Verfolgten nach den Jahrgängen.') Jahr § « V L « s s? pro Jahr c ü ö? Ss jO 3 §3 'S 1884—1890 4307 579 3728 72 466 1901—1903 7796 2269 5597 756 1842 1901 174* 322 1426 — — 1902 2311 793 1518 — — 1903 3737 1254 2483 Während die Zahl der verfolgten Christen etwa um das vierfache zunimmt, steigt die der Juden um das zehnfache. Besonders rasch wächst die Zahl der Jiwen in den Jahren 1901—1903, in we1cherMiM"HreMdMgüng ^M^öKvierfacht, während die Zahl der Christen weniger als auf das Doppelte gestiegen ist. Im Jahre 1903 wurden etwa 18 mal soviel Juden verfolgt, als die Durchschnittszahl für 1884—1890 beträgt. Die Ursache für diese kolossale Beteiligung der Juden ist wohl einerseits in ihrer gedrückten Lage, andere seits aber in ihrem höheren Kulturzustande zu suchen, wobei der letzte Grund vielleicht mehr ins Gewicht fallt als der erste. Jedenfalls ist aus Tabelle II zu ersehen, daß die Beteiligung der kulturell niedrig stehenden Sektirer und Moh medaner an der Revolution ganz unbedeutend ist. Auch ist die Beteiligung der eigentlichen Russen viel niedriger als ihr Prozentsatz an der Gesamtbevölkerung beträgt (öl,2 gegen 72,2) und feit 1884-1890 ist sie noch um etwa 10 Prozent gesunken. Dasselbe läßt sich von den Protestanten sagen (2,3 gegen 3,ö), welche wohl ') Die Zahlen bedeuten nicht die wegen politischer Verbrechen Verurteilten, sondern alle diejenigen, gegen welche ei" Gerichtsverfahren wegen Verdachts eines solchen Verbrechens eingcleitet wurde. Nach Analogie der allgemeinen Gerichtspraxis zu urteilen, würden die Verurteilten etwa ein Drittel der im Gerichtsverfahren Stehenden ausmachen. Tabelle II. Verteilung der politisch Verfolgten nach ihrer Religion. *) 1901- -1903 Religion ja c o D — ® « 4* § sh III <3 2* ■§ s 8 Ist 8 üs 5* £ N SS J?.S *3 MS Christlich-Ortbodore. 3994 51,2 60,9 67,5 732 Sektirer. 72 0,9 0,7 2,1 12 Katholiken. 1121 14,4 2,3 19,2 17,0 9,2 Protestanten. 194 1.8 4,1 3,5 Armenier. 75 1,0 1,0 0,1*1 0,9 4,2 Juden. 2269 29,1 13,4 5.4 3.4 Mohamedaner. 42 0,6 2,0 7,0 sonstige. unbekannt. 7 17 } 0,5 1,0 0,4 0.41 Zusammen 7791 100 100 100 100 *) Ohne den Kaukasus. ihrer im allgemeinen privilegierten Stellung und größeren Wohlhabenheit wegen die Revolution meiden. Dagegen ist der Anteil der Polen (= Katholiken), deren Lage in mancher Beziehung derjenigen der Juden entspricht, groß zu nennen. Bemerkenswert ist aber, daß seit 1884—1690 der Anteil der Juden auf mehr als das Doppelte (29 gegen 13,4) gestieg n ist, während der Anteil der Polen sich am ein Viertel (14,4 gegen 19,2) vermindert hät, wofürwir weiter unten eine Erklärung .sinden^ werden. Die Juden drängten so die Polen ^urüa und nehmen jetzt nach den eigentlichen Russen die zweite Stelle, die früher den Polen gehört hat, ein. Auffallend ist weiter die geringe Beteiligung der Armenier, die aber seitdem sehr gewachsen ist und dazu geführt hat, daß sie den ganzen Kaukasus in Aufruhr versetzt haben. Sehr interessant ist auch die Tatsache, daß die Juden die einzigen sind, deren Anteil an politischen Verbrechen größer ist als an sonstigen und zwar ist der Unterschied ein ganz kolossaler, indem die Juden mit 29 Prozent an politischen und mit nur 5,4 Prozent an Verbrechen überhaupt beteiligt sind. Dies ist umso bemerkenswerter, als bei den übrigen Völkerschaften, wie gesagt, sich ein entgegengesetztes Verhalten konstatieren läßt, indem der Anteil ihrerseits an politischen Verbrechen überall niedriger ist als an den Verbrechen im allgemeinen. *) Sämtliche Tabellen sind nicht nach den Nationalitäten, sondern nach den Religionen ausgearbeitet. Beide Begriffe decken sich ab r ziemlich in Rußland, und man kann, ohne einen Fehler zu beaeben, anstatt Christlich- Orthodoxe Ruffen, anstatt Katholiken Polen und anstatt Protestanten Deutsche setzen.

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