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Der Israelit · 1907-01-17 · Heft 3 (17.1.1907) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 3 (17.1.1907)
Date
1907-01-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 3 des „Fsraelit". euilleton. Der Baal-Schern von Mlcbelstaitt. Bon Judaus. 19 Nachdruck verboten. Ich habe nur den Herrn Rexroth gemeint und es tut mir leid/ daß Sie, Herr Friedlein, sich auch bemüht haben. Aber wir haben keine Geheimnisse miteinander und wenn Sie wollen, können Sie auch dableiben. Wir haben nur wenige Minuten zu tun und Sie können dann mit Herrn Rexroth Ihre gestörte Unterhaltung fortsetzen." „Warum redet denn der Rabbr auf einmal per Herr Rexroth mit mir, ich bin doch immer noch der Fritz, als der mich der Rabbi sonst angeredet hat?" „Weil der Herr Friedlein auch Fritz heißt mtd keiner wüßte, wen ich eigentlich meinte. Aber wenn ich Ihnen erst sage, was ich will, so ist kein Mißverständnis möglich und ich kann Sie wieder als Fritz anreden. Es ist doch richtig, daß Sie auch Blitzableiter machen und ausbessern?" „Gewiß, Rabbi." „Ich wohne jetzt bald ein Jahr hier in dem Schmuckerschen Hause, und der Blitzableiter ist schadhaft, an einigen Stellen ist er sogar gerissen. Der Schmucker will ihn nicht machen lassen, weil er selber nicht im Hause wohnt, und ich brauche keinen. Aber einen schadhaften will ich auch nicht über meinem Dach haben, denn der zieht nur den Blitz an, ohne ihr abzuleiten. Der Schmucker hat mir nun gesagt, ich könne mit dem Blitzableiter machen was ich will, und da möchte ich ihn ganz abnehmen lassen, wenns ohne Kosten möglich ist, das heißt, wenn das Material, das Ihnen bleibt, so viel wert ist als Ihr Arbeitslohn ausmacht. Was halten Sie davon, Fritz?" „Was ich davon halte? Daß es für mich ein ganz gutes Geschäft ist, aber für den Rabbi und für den Hauseigentümer ein ganz schlechtes. Wenn der Hauseigentümer sich drauf kapriziert und ihn nicht machen lassen will, so ist es doch für den Rabbi die paar Gulden wert, einen guten Blitzableiter zu haben." „Aber ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich keinen Blitzableiter brauche, es ist also schade um jeden Kreuzer, den ich dafür ausgebe." „Wieso braucht der Rabbi keinen Blitzableiter?" „Wieso? Haben Sie schon einmal gehört, daß bei einem Juden der Blitz eingeschlagen hat?" „Nein," entgegnete der Gefragte nach einigem Besinnen, „aber woher kommt das?" „Das wiffen Sie nicht? Haben Sie noch nie gesehen, was wir Juden an allen Türen haben?" Bei dieser». Worten führte der Rabbi Herrn Rexroth an die Türe und zeigte ihm die Mesuso. „Damit stellen wir unser Haus unter Gottes Schutz, daß er alle Gefahren davon ableite, das ist unser Blitzableiter. Spielen darf man aber mit einer solchen Gefahr doch nicht, deshalb möchte ich sie durch einen schadhaften Blitzableiter nicht herausfordern." „Was ich aber für ein dummer Kerl bin!" rief der Nagelschmied plötzlich aus, indem er sich mit der flachen Hand vor die Stirn schlug. „Vorige Woche ist der Meier bei mir eingezogen, und ich habe ihm ja in meiner Dummheit verboten, die Blitzableiter an seine Türe anzumachen. Wie ich heimkomme, werde ich mich bei ihm entschuldigen undßihm sagen, er soll nur alles richtig besorgen." „Also, Fritz, es bleibt dabei, Sie machen mir die Drähte vom Haus ab, und wir machen dann beide ein gutes Geschäft. Sprechen Sie aber doch noch einmal selbst mit Herrn Schmucker, vielleicht entschließt er sich doch, die Sache selber richtig machen zu lassen, wenn sie nur ein paar Gulden kostet." Dabei verblieb es. Als abends der Rabbi die Synagoge verließ, drückte ihm Meier die Hand mit den Worten: „Das hat der Rabbi gut gemacht, der Roscho (Wicht) ist wie umgewandeltwas der Rabbi alles fertig bringt!" „Dein Hauswirt ist kein Roscho und war kein Roscho, und Du hättest das Kunststück so gut fertig bringen können wie ich, wenn Du Deinen Sechel (Verstand) so viel auf Mizwas Mesuso wie auf Deinen Handel richten würdest." XVII. Während Rabbi Seckel Löb allen als der jederzeit bereite Helfer und Berater dastand, war er und seine Familie so oft und so dauernd einer Hilflosigkeit und Verlassenheit preisgegeben, daß sie weniger starke Seelen geknickt und dumpfer Verzweiflung überantwortet hätte. Seine tätige Teilnahme an dem Leid anderer tritt erst ins rechte Licht, wenn man sich die Leiden jeder Art vergegenwärtigt, die auf ihn einstürmten, die aber nicht vermochten, ihn zu verbittern und empsindungslos gegen das fremde Weh zu machen Es ist bereits oben bemerkt worden, daß er kurz nach seiner Verheiratung die Eltern verlor, mit welchen er auch nach der Verheiratung einen Tisch führte. Mit dem Tode der Eltern sollte er nun nach dem Wunsche der Familie in Frankfurt einen Nahrungszweig ergreifenaber seine Liebe zur Tora war stärker als die schwersten Nahrungssorgen. Die Verlasienschaft seines Vaters war überschuldet und die von der Gattin eingebrachte Mitgift gänzlich aufgezehrt. Drückende Armut machte sich geltend und steigerte sich bis zum Mangel der notwendigsten Lebensbedürfnisse. Dazu kam noch eine schwere Krankheit, von welcher er und die treue Genossin seines Lebens befallen wurden, und die sie mehr als einen Monat ans Krankenlager fesselte. Dabei fand er in seiner nächsten Umgebung, in der Gemeinde, in der er geboren und erzogen worden war, nicht nur wenig Sinn und Verständnis für seine edlen Bestrebungen, sondern geradezu offene Anfeindung und Verfolgung. Es liegt in der Weise gewöhnlicher Naturen, daß sie sich durch das gute Beispiel edler Menschen beengt und unangenehm berührt fühlen, daß diese Empfindung sich leicht zum schroffen Gegensatz verschärft. Je reiner, selbstloser eine so stille Größe sich entfaltet, desto widerwärtiger wird sie dem bloßen Anblick mißgünstiger Augen. Diese Widerwärtigkeit spitzt sich zum eingefleischten Hasse zu, der unversöhnlich ist, weil er keine redliche Begründung hat. Wenn uns der Sohn in der Lebensgeschichte seines Vaters z. B. erzählt, daß, als die Armut im elterlichen Hause den Höhepunkt erreicht hatte, der große Mann sich einem sehr Armen, in dem einviertel Stunde von Michelstadt entfernten Steinbach als Gevatter anbot und seinen einzigen Besitz, einen vom Vater ererbten Rock, verkaufte, um die Gevatterschaft-Kosten decken zu können, so haben wir einen solchen Zug, der denjenigen, welchen er adelt, zum stillen Protest und leibhaftigen Ankläger aller ihn umgebenden Dutzendmenschen macht. Wer weiß wie viele Wohlhabende von dem armen Mann vielleicht erfolglos angegangen worden waren, das zu tun, wozu sich ein Rabbi Seckel Löb trotz seiner Armut freiwillig anbietet? Um das Gefühl der Beschämung hierüber los zu werden, bleibt den Betroffenen nichts übrig als dem edlen Mann unedle Motive für sein Tun und Laffen unterzuschieben und seine ganze Lebensweise so lange zu verdächtigen bis eine gehässige Stimmung glücklich erzeugt ist. (Fortsetzung folgt). Damorr und Dhiutia» in der Iudengaffe. Von Arthur Kahn. [50] Nachdruck verboten. Es mochte bereits mehr als eine Biertelstunde vergangen sein, als Hahnemann, aus der „Grube", einer sehr engen, die kleinsten und ältesten Häuser zählenden Gasse herausftolperno, endlich in seinem wenig angebrachten Pflichteifer unterbrochen ward. Hier rannte der von vielem Wein und eine dadurch erhöhte Auto uggestion ganz erregt gewordene Musikus einem der ratlos umhermufenden Polizisten in die Hände. Eine eiserne Faust hielt Hahnemann plötzlich fest und zwei wildfunkelnde Augen blitzten ihn an, und zugleich raunte ihm eine zornbebende Stimme zu: „Kerl, bist Du denn schon ganz verrückt? Du hast sicher die Männerchen'); um Deine Stelle bist Du auch." Einige Sekunden lang glotzte Hahnemann den Polizisten verständnislos an, dann suchte er sich loszureißen und begann von neuem „Feuer" zu schreien. Der Polizist legte fest seine mächtige Hand auf Hahnemanns Mund, faßte ihn derb um die Hüfte und do nette: „Marsch mit Dir, ins Häuschen!" (Gefängnis). Als endlich bekannt wurde, daß Hahnemann einen falschen Alarm abgegeben, beruhigten sich die Einwohner bald wieder und lachend begab sich ein Teil in die schnell wieder geöffneten'Wirtschaften, die andern suchten dann ihr Lager auf. Hahnemann, der Urheber des ganzen Unheils, schlief aber nach solch anstrengender Tätigkeit so fest und friedlich auf einem Bund Stroh im „Häuschen", daß er erst am helllichten Tag, nachdem ihn der Gefängwswärter tüchtig gerüttelt, aufwachte. Der nächtlichen Ueberraschung der Bürger, die am nächsten Morgen allgemeine Heiterkeit hervorrief, nachdem die schwache Entrüstng verraucht war, sollte am Tage eine neue folgen. Als gegen zehn Uhr vormittags der dichte Nebel sich verzogen hatte, sahen am Ufer des kleinen Nebenflusses vorübergehende Männer eine menschliche Gestalt neb.n einem großen vollen Sack im seichten Waffer stehen. Beim Nähertreten erkannten sie den roten Hannes, Limbachers Meschores, der aufrecht stehend vom Tod ereilt worden war. Die gelbrötlichen Augen blickten im Tode noch, weit aufgeriffen, nach dem Ufer. Ganz augenscheinlich hatte er den Sack Frucht, durch das seichte Waffer watend, ans jenseitige Ufer tragen wollen. Bei dem von Hahnemann verursachten Lärm mochte er erschrocken und der schwere Sack, an den er angelehnt stand, ihm von der Schulter geglitten sein. So war er als Dieb gebrandmarkt, ausrechtstehend bei seiner Dübesbeute, dahingeganaen. Nun hatten die Leute im Städtchen wieder für Wochen Unterhaltungsstoff, bis ein neu bevorstehendes Ereignis den roten Hannes und Hahnemann vergessen machte. Als der Hilfsnachtwächter am nächsten Morgen erwachte, war er sehr erstaunt, sich im Gewahrsam zu sehen, und noch mehr, als er erfuhr, welche Taten ihn hierhergebracht hatten. Bon seiner Gatün dann abgeholt, schlief er zuhause noch weiter bis in den Mittag hinein. Da er *) Die „Männerchen", ein rheinischer Ausdruck für das Delirium tremens.

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