Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-01-17 · Heft 3 (17.1.1907) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 3 (17.1.1907)
Date
1907-01-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449248--63193-2505723
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 3° Seite 12. Der Israelit. 17. Januar 1907. Wir denken selbstverständlich nicht daran, heute schon ein ganzes Programm zu entwickeln. Wir wollen nur die Frage erörtern: Kann das Thorastudium in Deutschland wieder eine neue Heimat finden, und wenn ja, was hätte zunächst zu geschehen, um dieses Ziel zu erreichen? Wir werden uns dabei hüten müssen, bcn Boden der realen Verhältnisse zu verlassen. Eine Selbsttäuschung über unsere Kräfte und Mittel, sowie über das Maß des Erreichbaren würde verhängnisvoll werden für unser Beginnen, eine Besserung herbeizuführen, denn nichts entmutigt mehr als die Wahrnehmung, daß das Erreichte in so gar keinem Verhältnis zu dem Gewollten nnd Erstrebten steht. „Leicht lei einander wohnen die Gedanken, doch' hart im Raume stoßen sich die Sachen." Lernen wir auch hier bescheiden sein und steigern wir unsere Ansprüche erst dann, wenn wir einen bedeutsamen Erfolg erzielt haben. Nnd noch an einen anderen Gedanken wird sich das gesetzestreue Judentum gewöhnen müssen: wir werden für Erziehungszwecke ganz andere Summen aufwenden müssen als bisher. Man kann der Meinung wahrlich nicht zustinnnen, daß auf diesem Gebiet gerade geknausert werde, wie von manchen Seiten behauptet wird. Die Rechenschaftsberichte unserer Lehranstalten legen ein glänzendes Zeugnis für die Opferwilligkeit der gesetzestreuen Juden ab. Aber es genügt immer noch nicht: noVn 1312 min. Für diewichtig st e mSD muß auch am meisten aufgewandt werden. „Tu Geld in deinen Beutel", dieser Anspruch wird auch hier erhoben werden müssen, denn die Schwierigkeiten, eine Aenderung der Verhältnisse zum Besseren herbeizuführen, find nicht viel geringer als in bezug auf die Heilighaltung des roir. Hier wie dort sind es fast die gleichen Erscheinungen; je höher entwickelt der Verkehr, desto schwieriger ist es, den N2L' zu halten und je besser das Schulwesen geregelt ist, je höh.re Anforderungen die Schule an die Schüler stellt, desto bescheidener wird die Rolle sein, die dem „Religionsunterricht" zugewiesen wird. Es ist einleuchtend, daß beispielsweise da, wo noch, wie in den meisten Gegenden Bayerns, die Halbtagsschule vorherrscht, der jüdische Religionslehrer an seine Zöglinge ganz andere Anforderungen stellen kann, als etwa in Städten, wo Gymnasien und Realschul n die Arbeitskraft der ihnen anvertrauten Jugend nicht selten aufs höchste an spannen. Da aber die bei weitem überwiegende Majorität der jüdischen Kinder die höheren Schulen frequentiert, so geht daraus mit Naturnotwendigkeit der Schluß hervor, daß auf dem bisherigen Wege die Aussichten für eine Hebung des Thorastudiums in Deutschland nicht gerade günstig sind. Und doch liegt kein Grund zum Verzw ifeln vor) es müssen eben neue Wege eingesch lagen werden. Welcher Art diese sind, das wollen wir im fotgenben Artikel zeigen. (Wegen Raummangels folgt die Fortsetzung des Artikels von Seminar-Oberlehrer Stoll in'nächster Nummer.) eomsponSenren «. Nachrichten. Aus Bayern, 4. Januar. Der in dlesen Blättern kürzlich besprochene Jahresbericht der „Israelit. Lehrerbildungsanstalt", Würzburgs legte Zeugnis ab für die sehr anerkennenswerten Leistungen genannten Seminas, zeigte aber auch, mit welch schweren finanziellen Opfern die geschaffene Neu Organisation verknüpft ist, welch finanzielle Altforderungen an die Anftaltsleitnng herantreten. .Um so mehr scheint es daher angezeigt in diesen Blätterll auch die Stellungnahme des „Israel. Landesvereins für Bayern" zu den Schulverhältnissen im allgemeinen wie zur Israel. Lehrerbildungsanstalt Würzburg im besonderen, rvie sie anläßlich der jüngsten Tagung des Vereins zum Ausdrucke kam, zu registrierend ** Zivar seien hier die einschl. Schulverhältnisse in Bayern erst kurz besprochen, ehe die Ausführullgen auf der Bereinsversammlung wiedergegeben werden. Doch sei-schon von vornherein betont, daß auch im Landesverein die Leistungen des Seminars volle Anerkennung fanden, daß man auch dort die finanziellen Schwierigkeiten zu würdigen wußte und daß der Verein durch e ne gegen Ende wörtlich zitierte Resolution gerade in finanzieller Hinsicht dem Seminar seine besten Dienste zu widmen bereit ist. Die Frage „Simultanschule oder Konfessionsschule" hält schon lange die Pädagog. Welt in Atem. Ohne uns hier in theoretische Erörterungen einlassen zu wollen muffen wir konstatieren daß für die Praxis in Bayern lvenigstens die Sache entschieden ist: die Konfessionschule ist die Regel, die Simultanschule die engbegrellzte Ausnahme. Aber auch diese engbegrenzte Ausnahme komnlt für die Israeliten Bayerns gar nicht in Betracht, wenn wir logischerweise eilte Schule nicht schon Sinniltanschule nennen, die von Kindern verschiedener Konfessionen besucht werden, sondern nur eine solche, an der auch Lehrer der verschiedenen Bekenntnisse' amtieren dürfen. Für jüdische Lehrer ist dies in Bayern absolut ausgeschlossen. Die Selbstachtung und der Selbsterhaltungstrieb müssen also die Israeliten Bayerns zur Gründung und Erhaltung von- Konfessionsschulen. und zwar jüd. Elementarschulen anregen. Damit ist aber auch zugleich die Notwendigkeit jüdisch-konfessioneller Lehrerbildungsanstalten gegeben. In Bayern haben wir nur e,i u jüdisches Lehrerseminar, die israelitische Lehrerbildungsanstalt Würzburg. Die Anstalt l,ntersteht bez. der schulischer! Verhältnisse — gleich den staatlichen Seminarien — der Kgl. Bayr. Staats- Regierung, erhält jedoch keine Subvention, sondern muß selbst für Aufbringung der nötigen Mittel sorgen, ist also aus die materielle Unterstützung der Glaubensgenossen angewiesen. Die Anstalt wird in orthodoxem Sinne geleitet und wurde im Jahre 190.^ einer durchgreifenden Reorganisation unterzogen. Der „Israelit. Landesverein in Bayern", der für die Schulverhältnisse naturgemäß größtes Interesse hegt nnd eine eigene Konlmission für die Ausbildung von Lehrern eingesetzt hat, besprach bei seiner Hauptversammlung in Nürnberg im verflossenen Sommer die einschlägige Materie in ausgiebigster Weise. Es wurde allgemein anerkannt, daß die konfessionelle Ausbildung der jüdischen Lehrer eine Notwendigkeit sei, daß dieselbe in religiösem Sinne erfolgen müsse, nnd daß als Senrinar nur die Jsr. Lehrerbildungsanstalt Würzburg in Betracht komme. In sehr anerkennender Weise wurde die Reorganisation der Verhältnisse im Seminar besprochen, die Anregung gegeben, für das Seminar staatliche Subvention zu erstreben und die Anstalt behufs Unterstützung warm zu empfehlen. Die diesbezüglich angenommene Resolution hat folgenden Wortlaut: " „Es wird konstatiert, daß die Verhältnisse in der Lehrerbildungsanstalt Wür zburg in anerke nnenswerter Weise gebessert sind. Es wir d ferner ko n st atiert daß an dieser Besserung der Verhältnisse die durch den Landesverein gegebene Anregung wesentlich Anteil hat.. Es wird ferner anerkannt, daß in Rücksicht auf diese Lageder Verhältnisse der Landesverein es für an gezeigt halte, die Förderung derL ehrerb ildungsanstatt Würzburg lvarrn zu empfehlen". Es mag diese Anerkennung für die beteiligten Faktorei! am Seminar eine Genugtuung sein. Eben so wichtig wird es aber auch sein, wenn der Appell des Landesvereins an die Glaubensgenossen einen recht ansehnlichen praktischen Erfolg in pekuniärer Hinsicht zeitigt. Nur dann, wenn materielle Sorgen ausgeschlossen sind, wenn die pekuniäre Existenz der Anstalt sicher gestellt und von Zufälligkeiten unabhängig erscheint, kann der Ausbau und die Förderung nach der idealen Seite mehr und mehr intensiv gestaltet werden. Hrrcherschau. TIEH Hammagio, Anleitung zu Sabbat- und ,>estvorträgen. von Rabbiner Dr. Zacharias Wolf ft Straßburg und Leipzig, Josef Singer, 1906. VIII. und 325 S. 8". Einem vielfach empfundenen und ausgesprochenen Mangel will das anzuzeigende Buch abhelsen. Das bei der wachsenden beruflichen Inanspruchnahme weiter Kreise leider auf die Sabbate und Feiertage beschränkte Thorastudium wird, namentlich in kleineren und ländlichen Gemeinden, meist in der Weise betrieben, das; int Anschluß an den Gottesdienst durch den Lehrer ein Vortrag, sogenannter „-chiur", abgehalten wird, bei welchem entweder in eigener Ausführung oder nach einem der bekannten Schiur-Bücher, wie Schwarz rnw Dvffunb dgl., der Inhalt des Wochenabschnittes oder die Bedeutung des Tages besprochen und zum Ausgangspunkt belehrender Betrachtung genommen wird. Es fehlt, nantentlich dem älteren Lehrerder seit Jahren in einer und derselben Gemeinde wirkt und, um den Charakter des „Lernens" zu wahren, nicht von dem Vorträgen uns Erläutern eines hebräischen Textes abweichen will, an guten Werken, die er benutzen könnte. Noch schwerer aber ist für denjenigen der einen freien Vortrag halten soll, die Gelegenheit zur Erlangung geeigneten, d. h. zweckmäßigen und genügend bearbeiteten Materials. So werden denn neben den gewiß n tzlich anzuwendenderr Kommentarien und sonstigen Schriften S. R. Hirschs, zu deren Nutzbarmachung für den wenig gebildeten Hörer aber vielfach dem jungen Lehrer Zeit und Uebuug fehlt, erfahrungsgemäß oft Predigtsammlungen benutzt, deren Inhalt sich für die zu belehrenden Kreise außer anderen Gründen auch deshalb wenig eignet, weil hinter dem Zweck der sog. Erbauung die eigentliche Belehrung für das praktisch religiöse Leben meistzurücktritt. Das vorliegende Buch eines Mannes, der seit Jahren das Bedürfnis gerade der Landbevölkerung aus Erfahrung kennt und der selbst allwöchentlich solche Vorträge zu halten Gelegenheit hat, will für das Fehlende' Ersatz schaffen, und es wird darum von denjenigen, für die es bestimmt ist, freudig begrüßt werden dürfen. Es gibt zu den Wochenabschnitten der ersten zwei B cher und zu einigen aus dem dritten Buch der Thora, für die Vorbercitungszeit auf NOS, für die Herbstfeste und für die Zeit der niDi* reichlichen Stoff, der bearbeitet und auch zu je mehreren Vorträgen ausgestaltet werden kann. Sehr zweckmäßig wird über manche praktische Vorschriften und ihre Bedeutung gesprochen und ebenso entsprechend werden bekannte und geläufige Sätze aus den Gebeten zur Illustrierung des Gedankengangs hcrangezogen nd damit nicht nur der besseren Einprägung dieses letzteren, sondern auch der Aufmerksamkeit gegenüber dern Gebete selbst gedient. Auch zum Borlesen in lehrerlosen Gemeinden düriten sich die „Anleitungen" eignen, die, wenn sie auch keine abgeschlossenen Verträge sind und sein wollen, dennoch zum großen Teil abgerundet sind und ein Ganzes darstellev. Gegen diese Verwendung spricht allerdings einstweilen der Umstand, daß noch nicht alle Wochenabschnitte behandelt sind und also dem Nichtkundigen kein genügender Anhalt zur Verteilung des Stoffes auf das ganze Jahr gegeben ist. Doch das wird vielleicht bald in einem zweiten Teil geschehen. Für diesen zweiten Teil, wie auch für eine etwaige zweite Auflage des vorliegenden Bandes möchte ich den Verfasser mit größere Sorgfalt bei den Zitierungen aus Bibel, Talmud und Midrasch, sowie überbaupt um eine genauere Prüfung des manchnial unglücklich gewählten Ausdrucks bitten. Die hebräischen Zitate find — abgesehen davon, daß sie nur stückweise angeführt sind, was ich nicht monieren will, und abgesehen davon, daß sie sehr fehlerhaft gedruckt sind — in ihrem Wortlaut oft ungenau wiederaegeben, z. B. S. 3 Z. 5 v. u. (S. 24 richtig S. 5 Z. 6 und S. 31 (S. 168 richtig Dip)/ S. 70 Z. 8 v u. (oben richtia ISDD), und da namenlich die Talmud- und Midraschquellen meist nicht angegeben sind, ist dem Leser die Nachprüfung und Richtigstellung erschwert. — Daß die ^nnn 's in stehe (S. 139), hätte nicht gedruckt werden dürfen. Es ist auch nicht richtig, daß der größte Teil der Gebote nur im heiligen Lande ausführbar sind (S. 39), daß zum Bedecken des Bluts geschlachteter Bügel nur fruchtbare Erde und fruchtbare Stoffe verwendet werden dürfen (S. 40), vgl. Jore Deah 28, 23 u. a. m. Doch diese und andere Entgleisungen, die allerdings hätten vermieden werden sollen, mindern den Wert des Buches nicht für denjenigen, der die dargebotene Anleitung nicht etwa ausschreibt oder zum Bortrage nuswendig lernt — und solche Leser erwartet der Verfasser nicht, — sondern an der Hand derselben sich gründlich in die Darlegungen vertieft und dann sie seiner Gemeinde weitergibt. Möge das Buch solche Leser finden und so in weiten Kreisen Verständnis für die Heiligtümer wecken, deren Pflege und Erfüllung unsere Pflicht und unser Stolz. , in muß. 3*OtP-.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.