Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1907)
- Date
- 1907-01-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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17. Januar 1907 Seite 8. Der Israelit. Nr. 3- Schwer^. Zürich, 10. Jan. Große Aufregung herrscht unter den zahlreichen während der letzten Jahre hier eingewanderten russischen Familien. Während bis vor kurzer Zeit jeder russische Einwanderer auf einen sogenannten Garantieschein zweier Züricher Bürger hin unangefochten hier leben und seinem Erwerb nackgehen durste, verlangt die Regierung jetzt Plötzlich, daß die unglücklichen russischen Flüchtlinge einen Paß beibringen, und erkennt die Desertion vor dem russischen Militärdienst nicht mehr als genügenden Grund an, um die Einwanderer als politische Flüchtlinge zu charakterisieren. Diejenigen also, die von vornherein nicht klug genug waren, um ihre Zulassung unter diesem Titel zu beanspruchen, vielmehr offen erklärten, daß sie mit Rücksicht auf den russisch-japanischen Krieg dem Militärdienst entgehen wollten, sind dadurch am härtesten betroffen, und das ist umso bedauerlicher, als es sich zumeist um Handwerker handelt, die sich hier ganz gut ernähren konnten. Ein großer Teil der Ausgewiesenen wird seine Zuflucht wohl in Amerika suchen. Daß von Seiten der maßgebenden Persönlichkeiten alles geschieht, um die Härten der Ausweisungsbefehle zu mildern, darf angenommen werden. Für die Zukunft scheint uns alles darauf anzukommen, daß die neueintreffenden russischen Flüchtlinge von vornherein als das anerkannt werden, was sie wirklich sind: politische Flüchtlinge im eigentlichsten Sinne des Wortes. Rußland. Petersburg, 11. Januar. Die Untersuchung über den Pogrom in Kertsch ist am 31. December geschlossen worden. Ein Chiffretelegramm von Trepow an den Polizeihauptmann wurde unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verlesen. Der Vertreter der Beschuldigten, Hillerson, suchte zu beweisen, daß der Pogrom sorgfältig arrangiert war und nannte den General Trubeikoff als den Hauptveranstalter. Petersburg, 10. Januar. Bon allen Seiten kommen Nachrichten über Pogrom-Agitationen — nichts ist ja natürlicher, als daß die Mannen der „Schwarzen Hunderte" die verschüchterten Juden durch Todesdrohungen bei den Wahlen mundtot zu machen suchen. Panik herrscht in Kischinew, wo der „Verband der russischen Leute" einen Straßenumzug veranstalten will. Eine jüdische Deputation ersuchte den Gouverneur um Schutz. Ähnliche Nachrichten kommen aus Sinferopol. Palästina. Jerusalem, 20. December. Der neue Gouverneur hat dieser Tage seinen Einzug gehalten. Ueber die Bestätigung des Chachan-Baschi verlautet noch inlmer nichts. Inzwischen ruht die Verwaltung der sesardischen Gemeinde weiter in den Händen der Herren Aitebi und Genossen. Eine Art Börse, ein Versammlungsort für die Kaufleute, soll demnächst hier eröffnet werden. England. London, 10. Januar. Die Klagen über die unkorrekte Handhabung der Alien Bill wollen nicht verstummen. Fortgesetzt werden Ankömmlinge zurückgewiesen, deren Ausnahme ganz offensichtlich dem Gesetze entsprechen würde, nur weil die Beamten sich nicht die Mühe nehmen, gründliche Erkundigungen einzuziehen, oder weil es in Ermanglung sprachkundigen Personals nicht möglich ist, sich init cken oft eingeschüchterten Einwanderern bis zur völligen Klarheit zu verständigen. In der nächsten Zeit werden diese Beschwerden sich zweifellos zu einer parlamentarischen Interpellation verdichten, und es ist dann zu hoffen, daß präzisere und wohlwollendere Instruktionen erteilt werden. Einer Abänderung des Gesetzes selbst würde leider der Wille des Oberhauses entgegenstehen, das dafür sicherlich nicht zu haben ist. London, 11. Januar. In der letzten Sitzung des Board ok vepnüss wurde die immer mehr erstarkende Sonntagsruhe-Bewegung besprochen, die hauptsächlich von einer unter Leitung d.'s Erzbischofs von Canterbury stehenden Gesellschaft ausgeht und immer weitere Kreise zieht. Obgleich man in England das ehrliche Bestreben hat, die Interessen der den Sabbat beobachtenden Juden zu wahren, kann es doch nicht ausbleiben, daß Konflikte zwischen diesen Jnter.ssen und den Wünschen der radikalen Sonntagsfreunde sich herausbilden. Namentlich in gewissen Bezirken des East-End, iti denen die jüdischen Einwoh er die Mehrheit bilden und dadurch die christliche Konkurrenz weiter zur Sonntagsarbeit zwingen würden, wenn man ihnen den Sonntag auch künstig freigibt, wird es ohne herben Zusammenstoß zwischen den Sonntagsfreunden und den Vertretern der jüdischen Händler nicht abgehen. Ein Glück ist, daß die parlamentarischen Vertreter der Sonntagsruhe-Idee Gerechtigkeitsgefühl genug besitzen^ um von vornherein die Beschwerung' der jüdischen Bevölkerung mit einem doppelten Ruhetag zu perhorreszieren. Als günstiges Moment fällt auch in die Wagschale, daß bei einer in dem Stadtteil Bethnal Green veranstalteten Enquete sich 448 Gewerbetreibende, darunter 323 Nichtjuden, sich absolut gegen jede Beschränkung der Sonntagsarbeit ausgesprochen haben. Immerhin erfordert die Lage Wachsamkeit, Vorsicht und Energie. Frankreich. Pariser Brief. Paris, 10. Januar. Die Alliance israelite hat mit Beginn des neuen Jahres ein Rabbinerseminar in Tunis eröffnet, das von der tunesischen Regierung sowohl als von der dortigen Gemeinde subventioniert wird. Wie das bei einer Gründung der Alliance leider noch immer selbstverständlich ist, hat man bei der Bildung des Lehrkörpers natürlich auf alle möglichen Vorzüge der Dozenten Wert gelegt — nur nicht auf religiöse Pflichttreue. Infolgedessen herrscht in den konservativen Kreisen der tunesischen Gemeinde tiefe Mißstimmung, und man erblickt in dem neuen Institut eine Stätte der religiösen Nivellierung und des Abfalls vom überlieferten Judentum. Es ist ein Jammer, daß die reichen Mittel der Alliance in dieser Weise zwar der Ausbreitung allgemeiner Geistes¬ und Gemütskultur, zugleich aber auch der Zersetzung und Auflösung der jüdischen Religion die Wege ebnen. — Die Bemühungen, nach der Aufhebung der Consistorialverfassung einen leistungsfähigen Pariser „Kultusverein" zustande zu bringen, waren insofern erfolgreich, als bereits ks. 775000 Jahreseinkommen gesichert sindimmerhin ist es nur ein minimaler Bruchteil der reichen Pariser Juden, der sich der Gemeinde angeschlossen hat, und was das Charakteristischste ist, ein Teil dieser Mannesseelen will zwar zahlen — aber nicht in den Listen geführt sein! Es sähe doch — so meinen sie — nicht gut aus, sich vor der Oeffentlichkeit zum Judentum zu bekennen, sei's auch nur zu jüdischen Ettern. Da möchte man noch größeren Respekt vor den Herren der Union 1 bel-a'e haben, die jetzt von neuem ihr Ideal — den französisch-hebräischen Sonntagsgottesdienst — zu verwirklichen streben und das Consistorium (man nennt den Gemeindevorstand hier immer noch so) um Überlassung eines Synagogeulokales ersucht haben. Trotz dieser betrübenden Entartunassymptone dürfen wir glücklich sein, daß das französische Judentum den Staatspanzer losgeworden ist, unter dem nahezu alles Leben erstorben war. Träte jetzt ein Mann mit der Feuerseele eines Samson Raphael Hirsch auf den Plan, er fände die Bahn frei, um aus den orthodoxen Elementen der französischen Hauptstadt einen Kern neuen gesunden Lebens zu bilden, dem dann weiteres Wachstum sicher wäre. Amerika. Filterlei Fimeriftaniftfies. Baltimore, 1. Januar. Die letzten Wochen des alten Jahres haben hier in Amerika unter dem Zeichen der „Empfänge" gestanden, d. h. sogen. Massenmeetings zu Ehren eines fremden Gastes, die in der Regel einer großen Zahl lokaler Größen Gelegenheit geben, als „repräsentative men“ auf der Tribüne und in den Zeitungen zu figurieren. Der Empfang galt diesmal dem jüdischen Duma-Abgeordneten Dr. Schmarjohu Lewin aus Wilna, der seit einigen Wochen die Oststaaten bereist, um Vorträge zu halten und die Sympathieen für den Zionismus in Amerika zu steigern. Man wird zugestehen müssen, daß dies der sympathischen Persönlichkeit des Redners in vielen Fällen auch sehr wohl gelungen ist. Ueberhaupt ist hier in Amerika die allgemeine Stimmung dem Zionismus insofern viel günstiger, als irgendwelche Befürchtung, es könne ein Konflikt zwischen jüdischem und amerikanischem Nationalitätsgefühl entstehen, nach der Natur der Dinge ausgeschlossen ist. Vertragen sich ja auch bei den Deutsch-Amerikanern der amerikanische und der deutsche Patriotismus vorzüglich miteinander, obwohl die Interessen dieser beiden Länder jedenfalls eher einmal miteinander in Konflikt geraten könnten, als diejenigen des amerikanischen und des makkabäischen Sternenbanners. Einiges Aussehen hat ein in Me. Clures Magazin erschienener Aufsatz eines amerikanischen Schriftstellers über die „große jüdische Invasion" in Amerika erregt. Der Verfasser ist ein sorgfältiger und unparteiischer Beobachter des New-Aorker Ghettolebens, wenn es auch wahrscheinlich ist, daß er unbewußt den Wohlstand und den wirtschaftlichen Fortschritt der russischen Gesellschaft in New-Aork einigermaßen überschätzt. Richtig beobachtet ist vor allem die von dem Verfasser festgestellte Tatsache, daß den russischen Juden bis jetzt jedes Talent fehle, sich in großen Massen organisieren zu lassen. Da könnte in der Tat nur ein diese Massen mit Allgewalt durchdringendes einheitliches religiöses Gefühl Helsen, das auch sehr wohl zum Leben zu erwecken wäre, wenn sich hervorragende Persönlichkeiten als Führer fänden. Ein angenehmer Agitationsgegenstand für die jüdischen Zeitungen sind die in diesem Jahre vor Weihnachten wiederum sehr stark hervorgetretenen Versuche, in den öffentlichen, dem Programm nach konfessionslosen Schulen, spezifisch christliche Hymnen, Lieder, sogar Gebete sprechen zu lass.n, Versuche, gegen die natürlich sowohl die russisch-jüdische Bevölkerung als auch die eingeborenen Juden mit Energie protestieren. Bei der emsigen Tätigkeit, welche die Missionare im New-Aorker East-End entfalten — neuerdings sind sogar Gottesdienste in Jargon eingerichtet worden — ist's natürlich, daß man den an sich unschuldigen Schulbekehrungsversuchen mit größerer Nervosität aegenübersteht, als es vielleicht in Europa der Fall sein mag. Als Kuriosum sei schließlich noch erwähnt, daß der ehemalige Rabbiner der Bethel-Synagoge in New-Aork, Stephen Wise, im Begriffe ist, eine sogenannte „Freie Synagoge" — das erinnert Sie wohl stark an die verflossene „Freie Bühne" in Berlin? — ins Leben zu rufen. Dort können wie zu weiland Jacobsons Zeiten in Seesen Jud und Christ und Muselmann in einträchtigem religiösem Fühlen sich die Hände zum Menschheitsbunde reichen. Am 15. Januar findet der große Verbandstag amerikanisch-jüdischer Organisationen statt, über den ich Ihnen berichten werde. — i New - Aork, 5. Januar. Nach dem Berichte des Einwanderungscommissars landeten im Jahre 1906 nicht weniger als 1,166,353 Einwanderer in den Vereinigten Staaten. Davon wurden 12432 zurückgewiesen.