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Der Israelit · 1907-01-17 · Heft 3 (17.1.1907) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 3 (17.1.1907)
Date
1907-01-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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17. Januar 1907. Der Israelit. Nr. 3. Seite 7. Lich einen lapsüs calami sich zu schulden kommen ließen, denn es wird sich schon einmal Zeit und .Gelegenheit finden, den Herren nachzuweisen, daß sie zur rechten Zeit auf diese Inkorrektheit aufmerksam gemacht würden. Olim meminis&e iuvabit! Doch nun zur Sache. Es ist also erreicht) der Köder ist geworfen. Man hat die Mitgliedschaft zum Rabbinerverbande mit materiellen Momenten zu verquicken verstanden. Da sind denn doch die Herren Rabbiner im Bayernlande aus anderem Holze geschnitzt; als beven Konferenz eine Pensions- oder Reliktenkasse gründete/ da dachte niemand daran, eine Abhängigkeit derselben von der Konfereuzgeineinschaft zu konstruieren. Es ist nun freilich in dem § 3 des Statuts der Satzungen der „Witwen- und Waisenkasse der Rabbiner Deutschlands" vorgesehen, daß mau der Kasse auch dann noch als Mitglied angehören könne, wenn man aus den: Rabbinerverband ans religiösen Bedenken ausscheidet. Also die religiösen Bedenken, die etwa während der Zugehörigkeit zum Rabbinerverband austauchen, werden respektiert, solche dagegen, die a priori einen Eintritt in den Rabbinerverband unmöglich machen, haben eine gleiche Behandlung nicht erfahren. Oder glaubt man, daß der Eintritt in den Rabbinerverband die Empfindung für religiöse Bedenken abstumpft und daß die Verquickung mit der Reliktenkasse die Anästhesie noch erhöht? «Die Ausnützung der Reliktenkasse als Werbemittel ist dem Rabbinerverband unseres Erachtens nicht zu verübelnnod) welliger der g 3. Allerdings ist dieser Austrittsparagraph geeignet, feurige Kohleil auf das Halipt derer zli sammeln, die eillerseits durch ihr Gewissen zum A ll stritt aus dem Verbände sich gebrängt fühlen, andererseits zu vornehm denken, lim ails einer „ V.e r b a n d s k a s s e " Nutzen zu ziehen, ohne dem Verbände anzugehören. Unseres Erachtens ist die Tatsache, daß der exklusive Charakter der Kasse bei den Sammlungen nicht betont wurde, sehr wohl geeignet, diesen Konflikt zwischen religiösen Bedellken und kollegialer Vornehmheit zu schlichten. Red. d. Jsr.) Berlin, 12. Januar. Der Hilfsverein der Deutscheil Juden hat gemeinschaftlich mit der Großloge für Deutschland in Hamburg eine besondere Abteilung seines „Centralbureaus für Jüdische Auswanderungsangelegenheiten" errichtet. Die Adresse des neuen Bureaus ist: „Centralbureau für Jüdische Auswanderungsangelegenheiten (Hilfsverein der Deutschen Juden,' Großloge für Deutschland) Abteilung Hamburg, Kleine Bäckerstraße 21. Das Bureau untersteht dem Hamburger Lokalkomitee des Hilfsvereills. Die Tätigkeit des Burvaus hat bereits am 1. Januar begonnen. In Verbindung mit dem Hauptbureau in Berlin und mit den zahlreichen Schutzkomitees des Hilfsvereills an der Grenze und im Innern Deutschlands wird das Hamburger Bureau es als seine Aufgabe betrachten, die mit der Auswanderung verbundenen Härten und Beschwerlichkeiten für die Emigranten zu mildern und allen Auswanderern helfend und ratend zur Seite zu stehen. Frankfurt a. M., 15. Jan. Die „Freie Vereinigung für die Interessen des o r t h o d ox e n I u d e n t u m s " hat an das Reichsamt des Innern, sowie an die preußischen Ministerien des Innern und für Handel und Gewerbe ^ausführlich begründete Eingaben gerichtet, in denen die Wünsche der gesetzestreuen Judenheit hinsichtlich der bevorstehenden Novelle zur Gewerbeordnung dargelegt werden. Die Eingabe geht davon aus, daß gerade dem gesetzestreuen Judentum Geist und Tendenz der Sonntagsruheesetzgebung besonders sympathisch seien, so sehr seine Bekenner unter der im Jahre 1891 begonnenen gesetzgeberischen Ausgestaltung der Sonntagsruhe auch hätten leiden müssen. Es wird alsdann eine eingehende Darstellung der religiösen und wirtschaftlichen Schäden gegeben, die im Gefolge des Gesetzes von 1891 in der deutschen Judenheit zu Tage traten, der Maßnahmen, die man zur Abwehr dieser unheilvollen Konsequenzen eines an sich segensreichen Gesetzes auf dem Wege der Selbsthülfö anzuwenden versucht hat, und endlich auf das lebhafte Interesse hingewiesen, .das der Staat daran nehmen muß, den religiösen Verfall des deutschen Judentums und eine weitere wirtschaftliche Schwächung der religiös konservativen Kreise zu verhindern. Die Eingabe gipfelt tu der Bitte, der Gewerbeordnung unter § 105 c Zister 6 eine Bestimmung einzufügen, infolge deren es den am Sabbath feiernden Geschäften gestattet wäre, ihren Betrieb — eventualiter unter Ausschluß offener Verkaufsstellen — am Sonntag fortzusühren. Als Anlagen sind der Eingabe beigefügt: 1. eine Darstellung der amerikanischen Sonntagsgesetzgebung, 2. die in Betracht kommenden Bestimmungen der englischen „factory and workshop act" vom Jahre 1878, 3. Artikel 7 des holländischen Arbeiterschutzgesetzes vom 1. Mai 1889, 4. der zur Zeit dem englischen Parlamente vorliegende Antrag der Abgeordneten George White und Genossen betr. die Sonntagsruhe. In allen diesen ausländischen Gesetzgebungsakten sind die Interessen der sabbathtreuen Juden mehr oder minder berücksichtigt. Oldenburg, 15. Januar. Unseren jüdischen Gemeinden stehen — neben den politischen Wahlen — nun auch im Zeichen der Synagogengemeinderats-Wahlen. Durch Verfügung des Großherzogl. Landesrabbinats sind soeben die Wahlen in allen Gemeinden festgesetzt worden. Eine erhebliche Veränderung werden voraussichtlich die Wahlen diesmal nicht bringen. Von Wichtigkeit sind nur die ersten Vorsteher, da diese Mitglied des Landesgemeinderates sind, der offiziellen jüdischen gesetzgebenden Behörde. Die Bestätigung und Vereidigung der neugewählten Vorstandsmitglieder findet von seiten des Landrabbiners am 14. April in dessen Büro statt. Wahlproteste müssen bis 10. April beim Großherzogl. Landrabbinate eingereicht sein. Am stärksten macht sich immer die Wahl in der Hauptgemeinde Oldenburg bemerkbar. In Oldenburg nimmt man leider sogar oft die Tageszeitungen hierzu in Anspruch, weshalb Herr L a n d r a b b i n e r D r. Mannheimer vorher häufig eine Mahnung an die Gemeinde richtet, im Interesse der Judenheit innere Wahlkämpfe nicht vor der Oeffentlichkeit preiszugeben, was bei der letzten Wahl auch innegehalten wurde. Oesterreich. Lemberg, 10. Januar. Auf Einladung der jüdisch-galizischen Parlamentsabgeordneten fand am 7. Januar im Lemberger Rathaus eine von einigen hundert Delegierten besuchte Versammlung statt, die zu einer freien Organisation der Galizischen Judenschaft auffordern sollte. Landtagsabgeordneter Dr. Löwenstein, welcher die Versammlung, namens der jüdischen Landtagsabgeordneten begrüßte, verwies in seiner Ansprache darauf, daß sich die jüdische Bevölkerung Galiziens, angesichts der bevorstehenden Einführung des allgemeinen Wahlrechts an einem bedeutungsvollen Wendepunkte ihrer Entwicklung befinde, und das; es jetzt für die Juden an der Zeit wäre, sich zu organisieren, sich den übermächtigen Wogen der sozialen Strömung entgegenzustellen und die Forderung auf eine Ausgleichung ihrer Rechte und ihrer Pflichten durchzusetzen. Die Organisation, da die der jüdischen Bevölkerung prinzipiell zuerkannte volle Gleichberechtigung bisher faktisch nicht durchgeführt erscheint. Auch ihre ökonomischen Interessen bedürfen einer organisierten Abwehr jener Bestrebungen, welche auf Kosten der wirtschaftlichen Existenz der Judenschaft die ökonomische Stärkung anderer Gesellschaftsgruppen bezwecken. «Zustimmung.) Hierauf ergriff der Präsident der Lemburger Handelskammer, Samuel v. Horowitz, der zum Vorsitzenden der Versammlung mit Akklamation gewählt wurde, das Wort, um ebenfalls zu betonen, daß die Juden sich nunmehr vereinigen und hinsichtlich ihrer politischen Haltung eine Verständigung untereinander anbahnen und eine Organisation schaffen müssen, deren Aufgabe es sein soll, mit den leitenden politischen Kreisen des Landes in Fühlung zu treten und unter Wahrung der Interessen des Landes Galizien für die speziellen Interessen der Juden einzutreten. Man müsse öffentlich konstatieren, daß inso lange die den Juden gesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung bloß theoretisch bestehe und nicht praktisch in das Bewußtsein der Mitbürger dringt, die Juden nicht in jeder Hinsicht als vollberechtigt anzusehen sind. Man werde daher immer noch von den besonderen Interessen der Judenschast sprechen müssen Der gegenwärtige Moment könne für die weitere Gestaltung des öffentlichen Lebens in Galizien entscheidend werden, zumal mit der Einführung des allgemeinen Stimmrechts, unter Aufhebung der bisherigen Privilegien die gesamte Bevölkerung zur Teilnahme und Mitwirkung am öffentlichen Leben berufen werden soll. Es sei somit für die Juden ein Gebot der Notwendigkeit, zu der neuen Konstellation Stellung zu nehmen. Die Juden erklären sich solidarisch mit den übrigen Gesellschaftsklassen in politischer, ökonomischer und kultureller Richtung. Sie sind dem Lande anhänglich, in welchem sie wohnen, allein sie wünschen in Wirklichkeit, auch wahrhaft gleichberechtigte Bürger dieses Landes zu sein und als solche zu gelten. In dem Augenblicke, da alle Gesellschaftsklassen der Rechtsgleichheit in politischer Hinsicht teilhaftig werden, müssen die Juden dazu beitragen, das; diese demokratische Idee auch wirklich zur Geltung komnre und daß die veralteten Vorurteile gegenüber den Juden und die Exenttionen aufhören. Die Juden wollen an dem Kampfe für die Wohlfahrt des Landes sich beteiligen. Allein dieses Bestreben darf ihnen itidit erschwert werden. In den breiten Massen der jüdischen Bevölkerung sei eine Bewegung entstanden, welche daraus abziclt, der Ilnzusriedenheit und Verbitterung in leidenschaftlicher Weise und radikaler Form Ausdruck zu geben. Tie Mehrheit der Juden mißbillige die zionistische Bewegung und bekämpfe dieselbe. Nichtsdestoweniger müsse zugegeben werden, das; die Unzufriedenheit und Mißstimmung über die Lage der Judett sogar schon in gemäßigten Kreisen einen Widerhall zu finden beginnt, da gewissen Postulaten der jüdischen Jugend unmöglich die Berechtigung versagt werden kann. Jeder unvoreingenommene, einsichtige Politiker dürste zugestehen, daß endlich die Zeit gekommen sei, in diesem Belange Wandel zu schaffen. Da genügen aber nicht Vertröstungen für die Zukunft: mit bloßen Zusagen werde man angesichts des Ueberhmtdnehmens der radikalen Agitation nichlo ausrichten.' Redner schildert das materielle Elend und die furchtbare Notlage eines großen Teils der jüdischen Bevölkerung Galiziens. Sämtliche jüdische Gruppen, sagt er, stimmen darin überein, daß da geholfen werden müsse. Sonderbestrebungen jüdischer Parteien würden das Unheil nur noch vergrößern. Die Rede des Vorsitzenden wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Landtagsabgeordnetcr Tr. Fruchtmann besprach ebenfalls die Verhältnisse der Juden in Galizien. Reichsratsabgeordnetcr Tr. Kolischer trat in sehr energischer Weise gegen gewisse Schlagworte der zionistischen Partei auf, welche hinsichtlich der Existenzfrage der Judenschaft eine ganz unpraktische Auffassung bekunde. Durch Isolierung würden die Juden im künftigen Reichsrme, auch wenn sie ein ansehnlicheres Häuflein bilden würden, schwerlich etwas für sich erreichen. (Lebhafter Beifall). Gemeinderat Dr Aschkenase warnte die Juden davor, sich als Werkzeug einzelner nationalpolitischer Cliquen mißbrauchen zu lassen. Die Juden haben sich dem Volke anzuschließen und einzig und allein demokratischen Prinzipien Vorschub zu leisten. Der Bürgermeister der Stadt Stanislau, Dr. Nimhin, hob hervor, es wäre erwünscht, wenit die Juden ihre tostulate genau formulieren. Man niüsie es an geeigneter telle den Führern nahelegcn, daß es gerade kein Unglück sei, wenn in einem oder dem anderen Bezirke ein Jude in den Reichsrat gemühlt tverdc. Ebenso müsse man darauf dringest, daß die Juden in ihrer ErtierbSfähigkeit nicht beschränkt und beeinträchtigt werden. Der Bürgermeister von Skalat, Dr. Ehrlich behauptete, daß fortan die Juden in Galizien infolge Einführung des allgemeinen Wahlrechts das Zünglein an der Wage bilden werden und nach dem Grundsätze clara pacta kaciuni dono8 amico8 ihre Forderungen nachdrücklichst Vorbringen und entschieden auf deren Verwirklichung bestehen sollen. Robinsohn aus Przemhsl legte eine Lanze für die Zionisten ein, deren Kooperation in jedem Falle für alle ersprießlich wäre. ES geht nicht an, eine soweitreichende Bewegung und viele tausende von Anhängern der zionistischen Idee, wenn dieselbe vielleicht auch utopistisch sei, mit einem Federstrich zu vertilgen. In seinem Schlußworte mahnte Abg. Dr. Löwenstein zur Eintracht und erörterte neuerdings die zu erwartende gleichmäßige Behandlung der Juden. Einstimmig wurde nachstehende Resoltltion des Abg. Dr. Fruchtmann angenommen: „Die jüdische Volksversammlung beschließt, eine jüdische Landesorganisation zur Wahrung der politischeil Rechte und wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung des Landes zu schaffen, in der Neberreugung, daß niit dieser Aktion am erfolgreichsten den allgemeinen galizischen und nationalpolnischen Interessen gedient sein lvird. Die Versammlung wählt zu diesem Behufe ein Exekutivkomitee mit dem Sitze in Lemberg und nominiert in den Provinzstädten die Delegierten, welche im Einvernehmen mit dem Exekutivkomitee sich mit der Organisierung der Lokalwahlkomitees besaffeU werden. Das Exekutivkomitee wird aufgesordert, das Aktionsprogramm sestzustellen, die Poftulate der galizischen Judenschaft zu formulieren, energisch sich für die Verwirklichung dieser Poftulate einzusetzen und zu diesem Zwecke bei beit jrtootlichen und autonomen Behörden, sowie auch bei den öffentlichen Vereinigungen des Landes die geeigneten Schritte zu unternehmen."

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