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Der Israelit · 1907-01-17 · Heft 3 (17.1.1907) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 3 (17.1.1907)
Date
1907-01-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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WMW4.MM4WW«MVMM> 17. Januar 1907. Der JSraeltt. Religion, Sitte und Ordnung ein Interesse an einer gewissen Stabilität. Die Verfassungen des Katholizismus und Protestantismus garantieren ihm diese Stabilität/ in einer aus Paritätrücksichten dem Judentum verliehenen Organisation würde der Staat ein fluktuierendes, republikanisches Gefüge züchten. Und mag auch der Staat dan. schweigen, die Religion kann es nicht duldezn An einem Beispiele soll die entgegengesetzten Zielen zustrebende Wirkung der Organisation der christlichen und jüdischest Gemeinschaft dargelegt werden. Die „Fälle" Römer, Cäsar usw usw. haben den beteiligten Kirchengemeinden die Erwägung nahegelegt, die Entscheidungen der Kirchenbehörden mit dem Austritt aus der Landeskirche zu beantworten. Auch innerhalb des Preußischen Judentums besteht das Recht des Austritts/ es ist klar, daß nach Einführung eines paritätischen Organisationszwanges die Frage des Austritts in' erheblich zahlreicheren Fällen aktuell werden würde als gegenwärtig, wo doch nur der niedrigste Grad des Organisationszwanges, - der Gemeindezwang, besteht. In welcher Richtung bewegen sich nun die Fälle Cäsar re. innerhalb der protestantischen Organisation? In der Richtung des Austritts der Liberale«. Was zeigen entsprechende Fälle im Judentum? Den Anstritt Der Hefehestrenen! Worin aber findet dieser Gegensatz seine-Erklärung? In dem Fehlen der Stabilität. Die Vertreter des stabilen Elementes, die Gesetzestreuen werden majorisiert und aus dem staatlichen „Judentum" als „Dissidenten" hinausgedrängt. (siehe auch Rosin S. 26). Wer wollte die Gefahr solcher Entwicklung leugnen? Besteht sie aber in Wahrheit, dann zeigt sie zugleich, daß bei Erörterung der Grundlagen der Bedürsnisfrage hinsichtlich einer Gesamtorganisation dem Paritätsgedanken, bem Anspruch auf ,-gerechte" Gteichsetzung der Jndenheit mit den christlichen Konfessionen, allerernstefte Vorsicht entgegenzubringen ist. Gilt dies schon für die Prüfung der Bedürsnisfrage, so erheischt nun gar die Darstellung, die den Zuständen und Tatsachen zuteil wird, welche das Fundament der Organisation bilden sollen, peinlichste Obhut und strengste Nachprüfung. Denn hier ist das Unglaubliche Ereignis geworden/ hier feiert die Kühnheit wahre Orgien. Dreist wird der preußischen Jndenheit die innere „natürliche" Einheit substituiert (Rosin S 4). In plumper Verwegenheit wird „Uebereinstimmung" der Konservativen und Neologen in der Auffassung des Material- und Formalprinzips der Glaubenslehre behauptet (-Z. d. I. 1906, Nr. 35, S. 41?) und in noch plumperer Tollkühnheit belegt mit — der Rabbiner-Erklärung von 1893 mit 218 Unterzeichnern „aus allen Lagern". Den törichten Epigonen, welche bis jetzt in dem Wahn lebten, zwischen den Anschauungen eines Rabbi Hildesheimer V'xr und denen der zeitgenössischen anderen Rabbiner Berlins habe hinsichtlich des Religionswesens, der Religionsvorschriften, der Religionsverbindlichkeit, eine tiefe Kluft sich gedehnt, wird plötzlich mit i iftorischer Gewissenhaftigkeit aus historischem Dokumente die erstaunliche verblüffende Thatsache enthüllt, Uebereinstimmung, ganz wörtlich Uebereinstimmmtg habe obwaltet, Uebereinstimmung in betreff der kanonischen „Geltung" der verschiedenen Religions- Vorschriften, Uebereinstimmung in Bezug auf „die wichtigsten Lehrpunkte des Judentums". Kann es einen glänzenderen Wahrheitsbeweis für die Tatsächlichkeit der inneren „Einheit" geben?! So fragen sie und künden sie emphatisch urki et uroi und schielen — nach dem preußischen Kultusminister. Aber glücklicher Weise ist jenes Wunderdokument zu jung, um schon vergilbt zn sein, und dem neugierigen Auge entpuppt sich die vermeintliche Heilsbotschaft der einigen, ganz einigen Rabbinerschaft als ein — Protest, eine Verwahrung der Rabbiner gegen eilte antisemitische Verleumdung, gegen eine lügnerische Darstellung der religionsgesetzlichen Beziehungen des Juden zu den Nichtjuden. Nur in dieser Tendenz, der Tendenz der Negierung, nur zum Zwecke der Abwehr eines Angriffes aus die gesamte Jndenheit haben die Rabbiner zu einer „Erklärung" sich zusammengefunden, in der von Quellenschriften der Religion, von den Lehren des Sittengesetzes des Judentums gegenüber dem Nichtjuden allerdings gesprochen, aber die Frage der Verbindlichkeit des Ganzen der Religionsvorschriften überhaupt nicht berührt wird, darum unberührt bleiben mußte, weil ihre Aufrollung die Gemeinsamkeit der Abwehr wegen der unüberbrückbar gegensätzlichen Stellung zur Frage unmöglich gemacht hätte. Wer die Oeffentlichkeit — die jüdische und christliche — über den wahren Zweck und Inhalt dieser Erklärung in Unkenntnis läßt, wer sich unterfängt zu behaupten, sie enthalte irnd beweise die Uebereinstimmung eines Rabbi Israel Hildesheimer mit den von ihm zeitlebens in heiligem Eifer bekämpften Neologen, wer vorgibt, sie bezeuge die „Einheit", und mit dieser Fiktion der „Einheit" die Staatsbehörde zu überlisten versuchen wird, der hat der jüdischen Oeffentlichkeit und dem preußischen Staate gegenüber die Verantwortung dafür zu tragen, daß die Organisationsbestrebungen in die Bahnen der Unwirklichkeit, der Wahrheitswidrigkeit sich verirren, daß der Staat gutgläubig zur Schaffung eines Organi mus die Hand bietet, der, aus Lug und Trug geboren, den Beruf eines Mittlers der Religionsfestigung verfehle, statt dessen aber Entsittlichung, weil Gewissensknechtung, Religionslosigkeit, weil Religionsfesselung, unter den Bürgern des Staates nährt. (Schluß folgt) Aphorismen Über jüdische Geschichtsschreibung. Bon Dr. Ph. Krankl inFulda. Will man sich mit dem Studium der jüdischen Geschichte beschäftigen, so muß man erst versuchen, sich über beu Begriff „Geschichte" in Bezug auf das jüdische Volk Klarheit zu verschaffen. Sind doch auch die Geschichtsschreiber im allgemeinen nicht einig untereinander, welche Momente im Leben des Volkes es sind, die sein Schicksal bestimmen, die die Geschehnisse eigentlich bedingen, die die Geschichte machen. Dem Einen sind es die Politschen Momente, die die Marksteine in der Geschichte bezeichnen, indem sie in erster Reihe den Lauf der Geschichte eines Volkes beeinflussen sollen. Nach dem Anderen sind es mehr die wirtschaftlichen und sozialen Faktoren, die in die Geschichte bestimmend und richtunggebend eingreifen. Dieser Geschichtsauffassung gemäß sind es nicht einzelne hervorragende Persönlichkeiten gewesen, die umwälzend gewirkt und von Zeit zu Zeit der Weltkarte ein anderes Aussehen verliehen haben. Glicht Perikles, Caesar, Cromwell und Napoleon haben der Welt das Gepräge ihrer Persönlichkeit ausgedrückt, nicht sie haben Neues an die Stelle des Alten gesetzt. Sie sind nach der Ansicht dieser Schule nnr Werkzeuge der Ideen ihrer Zeit gewesen; der Ideen, wie. sie der Volksseele, aus der sie hervorgangen, entsprechend waren. Die leitenden Gedanken und Ideen eines Volkes ihrerseits sind das Produkt einer Entwickelung aus den jeweiligen Lebensbedürfnissen des betreffenden Volkes heraus. Dieser Streit über die Auffassung der Geschichte ist nicht von heute. In neuerer Zeit hat er nur insofern eine Verstärkung erfahren, als sich d e verschiedenen Meinungen mehr zugespitzt haben. So stehen sich heute schroffer denn je verschiedene historische Schulen gegenüber. Aus der einen Seite die individualistisch-idealistische, aus der anderen die radikalste sozialistischmaterialistische Richtung und zwischen ihnen stehen noch eine Anzahl vermittelnder, der einen oder der anderen extremen Richtung mehr zuneigender Richtungen und Schulen. Diese Gegensätzlichkeit der Auffassungen liegt |um großen Teil in dem politischen Credo der verchiedenen Historiker begründet, die.— wie dies iei Manchen der Fall sein mag— bei dem besten Bestreben, die Vergangenheit in möglichster Ob- Sette L jektivität darzustellen, doch nicht umhin können, ihre subjektiven Ideen in die Geschichte hineinzutragen. Daher so viele Meinungen in den wichtigsten Problemen der Geschichte als Darsteller der Geschichte/ daher die Verschiedenheit der Auffassungen über die grundlegenden Prinzipien, deren Wirkung das ist, was man „Geschichte" nennt. Sieht -man diese Uneinheulichkeit in der Darstellung der Weltgeschich e überhaupt, wie auch der einzelnen Völker, begreift man die Schwierigkeit, wenn nicht Unmöglichkeit, hier eine Uniformierung der Ansichten herbeizuführen, so wird man auch verstehen, wie unendlich schwierig es ist, in der Darstellung der jüdischen Geschichte eine Einheitlichkeit zu schaffen. Kommen doch hier noch eine ganze Anzahl Momente hinzu, die eine übereinstimntende Darstellung geradezu auss.t ließen. Vor allem ist es das religiöse Moment in der Weltanschauung der Geschieh sdarsteller, das von der Geschichte des jüdischen Volkes nicht lösbar ist), das trenttend gewirkt und in neuerer Zeit vielfach eine destruktiv-tendenziöse Darstellung der jüdischen Vergangenheit gezeitigt hat. Mehr noch als die Geschichte der Kirchenkämpfe irn Mittelalter und in der Neuzeit hat die jüdische Geschichte eine in Extremen sich bewegende Behandlung erfahren. Und da ferner in der Geschichte der Judeit das religiöse Moment stets im Vordergrund gestanden, es die Geschichte Israels eigentlich bestimmte und bedingte, so läßt natürlich jede religiöse Parteirichtung ben Lauf der Geschichte vott ihren Grundideen in erster Reihe beeinflussen oder sogar lenken. Mair kann auch hier mit dem.Propheten sprechen: mw -jyV?k rn -py -£dü „Wie die Anzahl deiner Städte, so auch deine Götter, Juda." Die Vielheit der Ueberzeugungen gerade in jüdischen Kreisen, die der Prophet schon zu jener Zeit als eine Hauptqnelle des Unglücks bezeichnet hat, der Umstand, daß sich bei uns Jeder, hält er sich auch nttr durch ein Mindestmaß der nötigen Kenntnisse hiezu befähigt, sein Glaubensbekenntnis selbst aufzusetzen berechtigt zu seilt glaubt, dieser Umstand maßte dazu führen, daß die jüdischen Historiker nicht nur über die äußere Geschichte des jüdischen Volkes, sondern auch über feine religiöse Entwicklung ihre subjektiven Ideen in die Darstellttng hineintrugen und sie aus der Geschichte zu beweisen strebten. Ein weiteres Moment noch mußte die jüdische Geschichtssch eibung sehr erschweren und auch in ihrer Einheitlichkeit stören, eilt Moment, das sonst bei keinem Volke der Erde vorliegt. Noch vor der Zerstörung des ersten jüdischen Staatskörpers, mit dein Untergange des Zehnstämmereiches, ist ein großer Ä.eil des jüdtichen Volkes in die Fremde gezogen uttd dort im weiten Assyrerland zerstreut angesiedelt worden. Es waren dies die Anfänge der Diaspora, der Beginn des unfteten Wanderns, die erste Etappe nur aus jenenr Jahrtatlsende lang währenden Leidensznge, den das jüdische Volk zu vollbringen hatte. Diese Leidenszüge hatten zur Folge, daß im Laufe der Fahrhtlnderte das jüdische Volk sich in alle Ecken und Enden der Windrose zerstreute, überallhin nur in geringer Anzahl, wodurch es die Einheitlichkeit des Volkstums einbüßte, die die Geschichte der übrigen Völker bezeichnet. Wenn sich auch bald in jedem Lande, wohin seirte Teile hingekommen, jüdische Gemeinwesen bildeten, wodurch die Jndenheit an sich auch fernerhin ein organisch-einheitliches Ganzes bildete, so traten doch jetzt verschiedene, die Geschichte der Inden gestaltende ttnd beeinflussende Faktoren von außen hinru, die ihr das Gepräge einer eigentlichen Geschilpte der Juden getrommen haben. Die Zerstreuung mußte n. a. zrtr Folge habett, daß sich das Schicksal der Juden in beit verschiedenen Ländern mit dem der übrigen Bewohner dieser Länder in gewissem Sinne konform bildete. Will man nun eine Darstellung der Vergangenheit des jüdischen Volkes in seiner Ganzheit bieten, so muß man dem Schicksal der Juden in allen Ländern ihres Aufenthaltes nachgehen, eine schwere Aufgabe, wenn man bedenkt, daß hiebei auch die Geschichte

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