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Der Israelit · 1907-01-17 · Heft 3 (17.1.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 3 (17.1.1907)
Date
1907-01-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Nr. 3 Gelte 4. Der ASraelit. Zurücksetzung ausschließt, ist ein schöner Traumseine Verwinlichung bietet ein neues Welträtsel dar. Um ihrer Selbsterhaltung willen, d. i. um sich selbst die unverbrüchliche Treue zum Thoraworte zu ermöglichen und zu bewahren, müssen die Gesetzestreuen, so lange das Problem der Gesamtorganisation nicht zur Ruhe gelangt ist, als grundsätzliches Leitmotiv in den Erörterungen über die Organisation immer wieder die Forderung nachdrücklichst zur Geltung bringen, daß die tradierte Thorareligion ungefährdet bleibe, daß ihre freie Entfaltung nicht künstlich oder gewaltsam unterbunden werde. Das gilt nicht nur von den Erwägungen über den Aufbau der Organisation, sondern auch von denen über die Grundlagen der Bedürsnisfrage. Dem Kenner der einschlägigen Tagesliteratur wird nicht entgangen sein, daß die Behauptung von der Dringlichkeit der Gesamtorganisation hauptsächlich durch zwei Erscheinungen belegt zu werden pflegt. Die eine ist der innere Rückgang des Preußischen Judentums. Die andere Erscheinung ist äußerer Art und besteht in dem formalen Gegensätze der Verfassung des Preußischen Judentums zu den Verfassungen der beiden christlichen Konfessionen. Der Katholizismus und der Protestantismus Preußens, jeder hat seine Gesamtorganisation - das Judentum Preußens hat sie nicht. Beide Erscheinungen sind in der Behandlung der Bedürfnisfrage sorgfältig auf ihre Beeinflussung durch eine Gesamtorganisation zu prüfen. Mahnt doch die Divergenz der Anschauungen von Streng- Ökeit bis zum Atheismus, wie sie bei den rigen jeder der beiden organisierten Kirchen zu Tage tritt, zur Vorsicht bei Beantwortung der Frage, wieviel denn wirklich das Fehlen einer Gesamtorganisation zur inneren Zerrüttung im Judentum beigetragen hat. Auch die Erfahrungen mit den Religionsverhältnissen in deutschen Staaten mit organisiertem Judentum sind nicht dazu angetan, an ideale Konsequenzen einer Gesamtorganisation, an die Wirkung religiöser Festigung, gar große Hoffnungen zu knüpfen. Noch größere Vorsicht aber gilt es zu üben in der Beurteilung der zweiten Erscheinung, des Verfassungsgegensatzes. Äuf diesen wirb nicht etwa nur um der Gleichgestaltung an sich willen, sondern auch mit Rücksicht auf die differienzelle Behandlung der Judenheit hingewiesen, zu welcher der Staat bei legislativen Maßnahmen moralischen oder auch rein finanziellen Charakters durch das Fehlen einer Organisation sich gezwungen sieht. Man begegnet dieser Anschauung u. a. in den Motiven zum Rosin'schen Entwurf (S. 26). Inwieweit auch auf die Entstehung und Gestaltung des vorliegenden Planes die gleiche Auffassung eingewirkt hat, entzieht sich unserer Kenntnis, obgleich die Bezugnahme auf 10 Januar 1907. den bei der letzten Schulgesetzkampagne hervorgetretenen Mangel einer Gesamtorganisation diesen Gedanken nicht ausschließt. Das Paritätsprinzip hat immer viel des Verlockenden, aber es erweist sich nicht selten als ein Herd tückischer Gefahren. So oft die äußere Gleichsetzung in Nichtachtung innerer Ungleichheiten Recht "und Gesetz wird, muß sie statt ausgleichender Gerechtigkeit Unrecht und Unheil erzeugen. Für das Judentum in Preußen ist aber keine einz ge Struktur einer Gesamtorganisation denkbar, die nicht infolge der Unterschiedlichkeit des Wesens und der Technik in krassem Gegensatz zu der katholischen und protestantischen Gesamtorganisation treten müßte. Zwar sind die Organismen des Katholizismus und des Protestantismus in sich auch wesentlich von einander geschieden Die katholische Kirche stellt ein imposantes und doch in sich geschloffenes Zentralisationssyftem dar, sie bildet einen Organismus, dessen Herz, die Kurie, in die entferntesten Glieder Leben und Bewegung ausstrahlt. Nur von einer Stelle, nur aus einer einzigen Quelle emanieren sämtliche Faktoren der Organisation, aus der Kirchenhoheit des Papstes. Die Verfassung des Katholizismus gibt den: päpstlichen Kirchenregiment keinerlei Korrektiv durch oen Volks-, den Gemeindewillen Den ganzen Organismus beherrscht der Wille des Papstes und der von ihm ressortierenden Behörden. Es ist eine Verfassung der Stabilität in optima korma. In dem Wesen des Protestantismus dagegen ist es mit inbegriffen, daß die Gemeinde als ein bestimmender Faktor in die Organisation der Kirche einlrittals solcher vermag sie bis in die oberen Kirchenbehörden ihren Einfluß zu erstrecken. Gleichwohl hat die Verfassung auch hier für die Kontinuierlichkeit, die Stabilität in unverkennbar reichem MaßeSorge getragen. Denn die Unstetigkeit der Willensentschließungen der breiten Massen, der Gemeinden, findet ihren Widerpart in dem Kirchenregiment des Königs von Preußen, des summus episcopas der Landeskirche Wägt man die Rechte der Gemeinde und des Landesherrn ab, prüft man den Anteil der Gemeinde und den des Landesherrn an der Zusammensetzung der kirchlichen Organe, so ergibt sich, daß die Kompetenz des Kirchenherrn der Kompetenz der Gemeinden gleichkommt, wenn nicht sie überragt. Man bedenke, daß der Landesherr stets die Generalsuperintendenten, in der Regel auch die Superintendenten ernennt, daß ein großer Teil des Oberkirchenrats unmittelbar und mittelbar durch ihn bestellt wird, daß auch die Generalsynode 30 vom Könige eigenwillig zu delegierende Mitglieder zählt, ganz zu schweigen von seinem mittelbaren Einfluß auf ihre Zusammensetzung. Beachtet man ferner, daß er die Entscheidungen kirchlicher Behörden nach Gutdünken sanktionieren, unter Umständen auch annullieren kann, und bringt man auch noch das den Konsistorien zustehenoe Recht der Ordination und Bestätigung und deren Rückwirkung auf die Besetzung und Gestaltung jeder Pfarrei in Ansatz, dann wird man nicht umhin können zuzugeben, daß der Preußische Staat es mit dem evangelischen Grundprinzip des Rechtes selbständiger Ordnung und Verwaltung des Kirchenwesens für vereinbar gehalten, daß der Staat es für notwendig erachtet hat, der Organisation des Protestantismus ein stabiles Gewicht durch ausgedehnte, unantastbare Rechte des Landesherrn und seiner Organe zu verleihen. Trotz ihrer Wesensverschiedenheit charakterisieren sich mithin die katholische und die evangelische Organisation in Preußen als Verfassungen, ausschließlich bezw. vornehmlich kontinuierlichen, konstanten Charakters. Die Organisation des Judentums dagegen kann niemals solches Antlitz tragen, in ihr wird der Fluktuation keine Stabilität entgegen gestellt werden können, es ist unmöglich — weil Preußen ein von christlichen Behörden regierter Staat ist, weil es einen jüdischen Landesherrn in Preußen nicht gibt. Sämtliche Behörden der organisierten Judenheit Preußens bis hinauf zum Oberrar würden immer nur aus der freien Wahl der' Gemöinben oder der von ihnen Erwählten zusammengesetzt werden müssen, der ganze Organismus trüge in weitem Gegensätze zum katholischen und evangelischen einen völlig republikanischen Charakterder Staat könnte aus eigener Urteilsbildung in die religiöse Ordnung nicht eingreifen; herrschend allein wäre der fluktuierende, der oft von ephemeren Zeitströmungen getragene Gemeindewille, durch kein Regiment des Oberhauptes eingedämmt, durch kein Zentralorgan in einheitliche Bahnen gelenkt, der Gefahr ewiger Balance, ewigen Wechsels preisgegeben. Nicht etwa, als ob dem Prinzip der Selbstbestimmung der Gemeinde das Judentum abhold wäre - im Gegenteil I Auch zur Zeit der monarchischen Verfassung des jüdischen Staates war das Religionswesen gegenüber dem Träger der Krone frei, unabhängig. Aber wenn das seinem Wesen nach selbstständige Religionsleben des Preußischen Judentums nunmehr von dem Rahmen einer staatlich gewährleisteten Organisation umspannt wird, wenn verm^e des Organisationszwanges der fluktuierende Wille der Volksmenge, heute dieser, morgen jener zunr staatlichen Judentum wird, dann hat die Organisation der preußischen Judenheit mit der Organi sation der preußischen Katholiken und Protestanten allerdings den Namen, aber nicht den Charakter, nicht die Bestimmung, nicht die Bedeutung für das Staatsinteresse gemeinsam. Der preußische- Staat hat insbesondere auf dem Gebiete der zur Neige auskosten. Da sah er in der armseligen Weberhütte den großen Napoleon gebrochen und gebeugt vor deni eisernen Bismarck fitzen, er sah ihn, den stolzen, großen Kaiser fich im Schlosse demütig vor dem König der Preußen am. Ein eigentümliches Gefühl beschlich ihn und schon e er auch seinerseits zu kapitulieren. Da sah er das spöttische hohnlachende Gesicht des Daitsch nach ihm gerichtet und sofort verwandelte sich seine weiche Stimmung in wilde Wut: „Alles Uebertreibung, Lug und Trug.' — schrie Oscher mit erregter Stimme. — Im Innern glaubte er selber nicht an seine Wortees war ihm nur darum zu tun, seinem Herzen in irgend einer Weise Luft zu machen. Als aber jetzt wie auf Kommando eine Lachsalve ertönte, in der die schallende Stimme Nochums am meisten hörbar war, da riß dem armen Franzosen vollends die Geduld. Er rückte so nahe an den Feind heran, als wollte er ihn tätlich angreifen und zitternd brachte er heraus: „Du bist ein Lügner, Uebertreiber, Du. . . von je her! Aufschneider! . . " Rochum erbleichte. Doch beherrschte er sich bald und er sagte ruhig: „Und Du ein Narr! . . ." Und unter schallendem Gelächter der Umstehenden gingen sie auseinander — für immer. Der Winter kam heran. Der Einzug in Paris. Der Frieden von Versailles. Der Frieden zwischen dem Daitsch und dem Franzosen in Erswil kehrte jedoch nicht mehr zurück. Letzteren sah man nur noch selten ausgehen. Und wenn sie sich doch trafen, da lachte Nochum höhnisch und siegesbewußt, während Oscher sich abwmdete, hustete und wütend ausspuckte. - Und als es gegen Frühjahr ging, starb Oscher: „Er war ein braver Mann, ein Lamdon und ein Maskil" hieß eS. Hinter der Bahre ging sein politischer Gegner Nochum her, still, gebeugt und in fich gekehrt. Bor dem offenen Grabe aber beugte fich Nochum über den Sarg und betete halblaut mit er.sttckter Stimme: „Verzeih' lieber Freund, so wie ich heute Dir alles verzeihe. Wie gern machte ich alles ungeschehen, wie gern wollte ich auf alle Siege verzichten, könnte ich nur noch das eine Wort von Dir vernehmen, daß Du mir mau che l bist. Ich konnte, Gott weiß es, nichts für das, was zwischen uns gekommen und wollte Dich auch nie damit beleidigen — —" Seitdem hatte Nochum von der Politik definitiv Abschied genommen. Die Erinnerung an den Freund, der ohne Aussöhnung von ihm schied, wich nicht mehr von ihm. Die Politik, sagte er bei jeder Gelegenheit, ist unser schlimmstes Unglück, sie trennt die Menschen und verdirbt die Charaktere. Auch die Jahre haben das ihrige an dem alten Kämpfer getan. Körperlich gebrochen und im Geiste vollständig apathisch wankt der Greis heute wie ein Schatten daher. Und man nennt ihn nur noch: Der alte Daitsch. — (Das interessanteste Buch des Jahres 1»««.) Der Herausgeber der englischen Zeitschrift „Bookman" hat an eine Reihe von hervorragenden Persönlichkeiten die Frage gerichtet, welche literarische Novität, des abgelaufenen Jahres sie an, meisten gefesselt habe. Unter anderen hat auch Chief Rabbi Dr. Adler die Frage beantwortet. Er gibt dem Werke von Prof. Sayce über die in Assuan entdeckten aramäischen Papyri den Preis, weil die dort veröffentlichten Inschriften auf Geschichte und Charakter der aramäischen Sprache ein neues Licht werfen und weil sie vor allem die Echtheit der aramäischen Dokumente in den Büchern EsraundNehemiabeweisen. (Jude und Kalviner.) Die Anekdote handelt von Defider Szilägyi aus seiner Ministerzeit und dem witzigen Chefredakteur der „Budapester Korrespondenz", Profi Albert Sturm. Der Minister ließ den Offiziosus rufen, um ihm ein Communiqub zu diktierrn. Nachdem das Diktat niedergeschrieben war, schlug Smrm einen Ausdruck vor, der verschieden war von dem, welchen der Minister gewählt hatte. Szilägyi fand die Korrektur gut und akzeptierte sie. Als das Communiquö nun in der neuen Fassung durchgelesen wurde, hatte Sturm abermals daran auszustellen und schlug wieder einen neuen Ausdruck vor. Szilägyi war in guter Laune und akzeptierte auch diese Aenderung. Als nun das fertige Communique zum letzten Male durchgelesen wurde, konnte Sturm es sich nicht versagen, befriedigt und auch ein bischen selbstgefällig auszurufen: „Was Exzellenz, es ist doch gut, wenn der Alte im Hause ist!" Da wurde Szilägyi böse und die Löwenstirn in drohende Runzeln legend, fuhr er den Professor barsch an: „Sie, Smrm! Nicht wahr, Sie sind Jude'?" „Warum Exzellenz'?" fragte Smrm eingeschüchtert. „Weil Sie vorlaut stno!" donnerte ihm die ministerielle Antwort entgegen. Sturm steckte die ungnädige Behandlung ein und schritt scheinbar gebeugt zur Türe. Als er außer Schußweite war, blieb er stehen und fragte den Minister: „Exzellenz, nicht wahr, Sie sind Kalviner?" „Warum?" knurrte Szilägyi grimmig. „Weil Sie undankbar sind", war die Antwort SMrms, der damit aber auch schon zur Türe hinaus war (Eine jüdische wnsikhall. in London.) Im Oftende Londons wurde am 1. Januar die erste ausschließlich jüdische Mufikhalle eröffnet. Es finden allabendlich zwei Vorstellungen statt. Sämtliche Aufführungen erfolgen im Saale. Die Halle hat den Namen „Princeß Mufic Halle" angenommen, sie liegt in der Nähe der Commercial Road. Die Eintrittspreise sind billig, für einen Logensitz wird nur ein Shilling bezahlt. Die Mehrzahl der Sitze kostet 3 Pence. Abgesehen von der Sparche unterscheiden sich die Aufführungen in keiner Weise von denjenigen anderer Mufikhallen.

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