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Der Israelit · 1907-01-17 · Heft 3 (17.1.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 3 (17.1.1907)
Date
1907-01-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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17. Januar 1907. Der JSraelit. Gelte 3. Nr. 3 der Deutlichkeit hervor. Man kann die galizifchjüdische Bevölkerung heute in drei Gruppen teilen: Orthodoxie, Zionisten und polonisierende Affimilationsjuden. Von diesen letzteren, von den jüdisch-polnischen Reichsratsabgeordneten, geht der Rus zur Sammlung aus. Die Herren fürchten, daß ihnen die erstarkende jüdischnationale Bewegung den Wind aus den Segeln nehme, und sie sind darum sogar so gnädig gewesen, die Orthodoxie „keineswegs auszuschließen" (Siehe Israelit No. 49, Seite 6), während sie die Vertreter des Zionismus weit von sich weisen. Leider scheint es der galizischen Orthodoxie an dem zu gebrechen, was ihr unter diesen Umständen am bittersten not täte, an einer eigenen straffen Organisation und an entschlossenen, politisch reifen Führern. Der Chassidismus mit all den organisatorischen Wundern, die er in der Vergangenheit vollbracht, hat offenbar grade diese Fähigkeit heute völlig eingebüßt, und so stellt denn die aalizische Orthodoxie eine wogende Masse von Einzelindividuen dar, deren Stimmzettel jeder reformjüdische oder zionistische Volkstribun für sich zu erbeuten vermag. Wir wissen nicht, ob die Möglichkeit ganz ausgeschlossen wäre, von Lemberg, von Krakau, vielleicht gar von Drohobtzxz^auß^Zen Ruf zu einer politischen Sammlung der orthodoxen Rabbiner und damit auch der Gemeinden ergehen zu lassen und den Versuch zu wagen, ob nicht die auf dem Boden des überlieferten Judentums stehenden Massen zu einer einheitlichen, bündnisfähigen und kampfbereiten Partei zus ammengeschmied et werden könnten. An einzelnen Männern, die einer solchen Partei, wenn sie nur erst da ist, Führer sein und sie vertreten könnten, würde es schließlich doch nicht fehlen. Ob das Werk heute gelingt oder erst morgen, bliebe sich gleich; jedenfalls müßte man der orthodoxen galizischen Judenheit die bange Wahl ersparen, im Schlepptau entweder der Reform oder des Zionismus zu segeln. MIerlel Sabbaküikreunge. Nachträglich wird eine interessante Episode bekannt, die sich als Präludium zur Tagung des Rabbinerverbandes in Berlin abgespielt hat und die einer tieferen Bedeutung nicht entbehrt. Als Vertreter des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde begrüßte Herr Justizrat Timendörser^ die ehrwürdige Versammlung und scheint dabei auch auf das in der Tagesordnung vorgesehene Thema „Sabbathheiligung" des Näheren eingegangen zu sein. Der Herr Justizrat meinte ungefähr — das ergibt sich unzweideutig aus der Er wider ung des Referenten —, es sei doch eigentlich gar nicht recht, zu gunsten der überlieferten Art der der Stimme und trockenem Witz. Oscher dagegen kränklich, hüstelnd und etwas gereizt. So standen sich die ungleichen Gegner entgegen, wobei es fast täglich Kämpfe, Ausfälle und kleine Scharmützel absetzte. „Die Deutschen müsien siegen und werden siegen" — dozierte Nochum mit der neuesten Nummer des „Hameliz" den Siegeszug der Deutschen in der Lust bezeichnend — Kleinigkeit, deutsche Politik, deutsches Herr! Bismarck! Moltke! Ha ha ha! hast Dich verrechnet lieber Franzose! —" Nochum lachte höhnisch und sah dabei so herausfordernd Oscher an, daß diesem die Galle überlief: „Sie müssen nicht siegen und werden nicht siegen — parierte Oscher — Warum auch gerade? Der Deutsch — hüstelte er weiter — Der Deutsche ist anmaßend, dabei dumm und unbeholfen!" „Dumm und anmaßend - lachte Nochum sehr anzüglich — ist derjenige, der Sachen spricht, von denen er nichts versteht. Hast Du schon, lieber Freund, jemals deutsche Soldaten gesehen, deutsche Pferde? deutsche Kanonen gehört?" „Und Du? Wo hast Du sie gesehen?" Alles lachte ob diesem geschickten Zug des Franzosen. Doch Nochum wußte als gewiegter Stratege sich die Position zu erhalten. Er führte alles Gelesene und Gehörte an und mit Hilfe einiger selbsterdichteten Zutaten gelang es ihm, das reiche Material zu einem solchen festen und anschaulichen Bild von der deutschen Wehrkraft zusammenzufügen, daß er bald auch alle Lacher in andächtige Lauscher verwandelte. Oscher hustete ein paar Mal dazwischen. Doch gelang es ihm nicht, die festen Barrikaden des Gegners dadurch zu zerstören. Da ging er kurzentschlosien zur Offensive über. „Es ist eine Schmach für jeden Menschen der auf Kultur hält, besonders aber einen Juden, der es weiß, was Freiheit und Menschenrechte bedeutet, gegen die Fran- Sabbathheiligung, der Werkenthaltung, vom Gesetzgeber Ausnahmebestimmungen in puncto Sonntagsruhe zu verlangen. Man vermöge ja dem Sabbath ebensogut auch durch Synagogenbesuch und Synagogenandacht seine Weihe zu geben und zu erhalten. — Tableau! Gegenüber den Optimisten, die unbegreiflicherweise meinen, man könne die Vertretung spezifisch religiöser Anliegen im Notfall ganz oder teilweise auch Männern überlassen, denen im Grunde ihres Herzens der religiöse Kern der zu verteidigenden Institution Hekuba ist — scheint es uns nicht unwichtig, auf diese Episode hinzuweisen. „Dem Klugen genügt eine Andeutung." — War doch auch in dem vor einigen Wochen versandten Rundschreiben des Verbandes d. D. I., der in der Sonntagsruhe-Angelegenheit rptima fide zugunsten der sabbathtreuen Juden wirken will, davon die Rede, daß „diese Art der Sabbathheiligung" (gemeint ist die Sabbathruhe, die eigentliche und einzige nföw rav) durch eine Erweiterung der Sonntagsruhe notleiden müsse!! Das war und ist ebenso unschuldig gemeint, wie die Ermahnung des Herrn Justizrat Timendörfer, und wir möchten weder diesem Herrn noch den Verfassern j nes Rundschreibens zu nahe treten, die gewiß nicht merkten, welche Degradation sie damit der raff m'öff zuteil werden ließen, aber beide Erscheinungen beweisen die alte Wahrheit: Selbst ist der Mann! Für religiöse Anliegen können nur diejenigen in die Schranken treten, denen diese Anliegen Gewiss en s s a ch e sind. Die gesetzestreue Judenheit kann sich nur auf Gott und'— auf sich selbst verlassen, nicht auf die hohen Herren, die auf Grund sozialer Vorzüge das Recht zu haben glauben, Führer der Gesamtheit zu sein. vrr neue vrganisallonsplan. Bon Rabbiner vr. iS. Munk in Berlm. in. Das Prinzip des Vf., die Gewissensfreiheit nicht anzutasten, muß folgerichtig zur entschiedenen Ablehnung seines Planes führen, eine Zwangsorganisation mit Zentralinstituten für Kultus- und Lehrzwecke, mit Gemeinschastsrabbinern und Wanderlehrern zu konstruieren. Scheiden aber die zwangsmäßigen Unierungszwecke aus dem Organisationsplane aus, dann wäre als Restinhalt der Vorschlag zu prüfen, daß eine Zentralkasse geschaffen werde, aus welcher jeder bedürftigen Gemeinde Zuschüsse behufs Bestreitung aller erforderlichen Institutionen — wir fügen hinzu: zosen aufzutreten!"-Das letzte Wort verlor sich in einem Hustenanfall. Kultur, Freiheit und Menschenrechte. Es waren gefährliche Waffen, deren sich Oscher bediente, um die bildungsbefliffene Jugend auf Seite der Franzosen zu locken. Dessen war sich der Deutsche bewußt und er holte zu einem geschickten Schlag aus: „Was Kultur und Zivilisation betrifft, stehe auch ich wie Du für Frankreich ein. Aber davon ist hier nicht die Redehier handelt es sich darum, wer stärker ins Feld zieht. Und da weiß doch jedes Kind, daß Moltke, v. Roon, und Steinmetz keine Trottel sind." „Und Napoleon? Mac Mahon?" keuchte Oscher. „Und wie ging es Napoleon I. damals in Rußland?" — gab Nockem Schnellfeuer. „Damals und heute! Ha ha ha!" lachte Oscher hustend. „Und mai benaihun, wo der Unterschied?" —sang Nochum in der Melodie eines Gemoroh lernenden. „Und wenn er, der Franzose, jetzt auch an dem Preußen für damals Rache übt?" — sang Oscher auch seinerseits schon etwas heiser. „Das wird sich zeigen!" — sagte Nochum abbrechend. „Es wird sich zeigen! " — brummte auch Oscher schon aufs Höchste erregt. Und mit diesen Worten trat jedes Mal der Waffenstillstand ein. Die Deutschen zogen mutig über den Rhein. Ueberall helle Begeisterung. Der Norden hatte sich mit dem Süden vereinigt, um mit vereinten Kräften den Schlag zu führen. Bon den Franzosen noch keine Spur. Die treuesten Anhänger fielen von Oscher einer nach dem anderen ab. Nochum triumphierte unter seiner großen Schar, der er die neuesten Depeschen mit Pathos vorlas. Oscher hörte in seiner verlaffenen Ecke jedes Wort. Es waren Messerstiche für ihn. Doch, sobald der Freund zu ihm lachend hinüberrief: „Run Oscher, was sagst Du jetzt dazu?" in völlig autonomer Verwaltung — zu gewähren seien. Auch korporierteAustrittsgemeinden, welcher religiösen Richtung auch immer, partizipieren an dieser Zentralkasse. Diese erhält ihre Mittel durch Besteuerung aller Gemeinden bezw. aller Juden des Landes. Hier wird ein Neues in die Judengesetzgebung eingeführt. Leistung ohne Gegenleistung! „Es liegt im Interesse aller Bekenner einer Religion, daß allen Bekennern dieser Religion die Möglichkeit der Befriedigung religiöser Bedürfnisse, der Erfüllung religiöser Vorschriften gegeben werde." Das diesem Novum zugrunde liegende Prinzip darf von den Gesetzestreuen um so eher beifällig begrüßt werden, als es nur in der staatlichen Ordnung des jüdischen Gemeindelebens ein Neues, in der religiösen Ordnung der jüdischen Allgemeinheit ein ehrwürdig Altes, eine dem ältesten Judentum ureigentlich ungehörige Idee darstellt. Die Verantwortlichkeit des Einzelnen für Aue ist ein hohes heiliges-Prinzip des Judentums, Verantwortlichkeit, wie für das leibliche Wohl, so auch für das seelische Heil. Der Inhalt, die Pflichtensumme, welche das Judentum dieser Verantwortlichkeit gibt, ist mit bestimmten Linien umzeichnet. Die Thorareligion leitet aus dem Grundsätze der gegenseitigen Bürgschaftsleistung eine zwiefache Pflicht ab, eine positive und eine negative. Die Erweckung und Befestigung der Gesetzestreue durch Anfeuerung und Aufklärung, durch selbstlosen Rat und opferfteudige Tat zugunsten des Einzelnen und der Gesamtheit — sie bilden den p ositivenJnhalt. Die negative Seite fordert energische Zurückhaltung der Glaubensbrüder — des Einzelnen und der Gesamtheit — von jedem Treubruch, jeder Untreue gegen das überlieferte Gesetz (Sanhedrin 43 b,- Sota 37 b; Raschi zu Deuteronomium 29,28). Iotgerichtig macht sie Bekämpfung treuörüchiger Hernie« und Bestrebungen, Gesellschaften tmb nstitutioueu z»r Pflicht. Bisher hat Vf. der Oeffentlichkeit nur seinen Plan kundgegeben; der auf diesem Plane sich erhebende Gesetzentwurf ist noch unbekannt. Ob der Weg, den der Plan eröffnet, in einzelner Ausführung der Gesetzesbestimmungen ohne Konflikt mit den Religionsvorschriften und speziell dem doppelseitigen Verantwortlichkeitsprinzip sich gangbar erweisen wird, das zu entscheiden wird erst die Kenntnis der einzelnen Gesetzesparagraphen ermöglichen. IV. Die Idee einer einheitlichen Gesamtorganisation, die, wenn auch der Neologie sich nicht verschließend, doch zum wenigsten den Fortbestand und die Ausbreitung des gesetzestreuen Judentums unberührt läßt, jegliche Gefahr einer Hemmung, Schwächung, wendete er verächtlich das Gesicht ab und brummte in seinen Bart hinein: „Kommt schon anders; wird sich zeigen!" Und es kam anders. Es kam die Nachricht von Saarbrücken, das erste Begegnis und die Deutslben zogen sich zurück. Glänzend vor Freude stürzte Oscher mit der Zeitung in der Hand ins Beshamedrasch. „Wo ist er?" — fragte er siegesbewußt. Er meinte Nochum. Doch hatte auch dieser die Botschaft vernommen und kam heute nicht ins Besmedrasch. Den sich um ihn sammelnden Gruppen las jedoch Oscher begeistert die Einzelheiten des Rückzuges vor und knüpfte daran auch die für seinen ParMer vorbereitete Rede in contumaciam an, in der er viel von Feigheit sprach. Es war schwer zu konstatieren ob er damit die Preußen bei Saarbrücken oder Nochum, der sich heute nicht in die Arena wagte, bezeichnen wollte. Doch hielt der Siegesrausch nicht lange an. Schon nach wenigen Tagen brachte der Draht die Eroberung von Weißenburg durch die Deutschen. Oscher glaubte all dem nicht. Aber bald kam es Schlag auf Schlag. Wörth. Völlige Vernichtung der Truppen Mac MahonS. Die festeste Stütze Ofchers. Belagerung Straßburgs. Heldenhafte Siegeszüge der Deutschen an der Mosel mrd dann die Schlacht bei Gravelotte und die Einschließung von Metz. Oscher kränkelte, hustete stark und kam nur noch selten ins Beshamidrasch. Und wenn er kam, saß er allein, von den anderen kaum beachtet, in seiner Ecke, horchte zuweilen mit halbem Ohr auf die Erzählungen Nochums, hustete und spuckte wütend und gab auf anzügliche Fragen nur kurze, verbiffene Antwort. In einem solchen Gemütszustände befand sich Oscher, als an einem der ersten trüben Septembertage das Wort Sedan ins Besmidrasch drang. Das Heer eingeschloffen, Napoleon gefangen, das Kaiserreich gestürzt. Nochum verstand es, so schön und anschaulich zu schildern, daß man die historischen Momente quasi mitzuerleben glaubte. Auch Oscher müßte unwillkürlich hören, er wollte den Kelch bis

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