Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-01-17 · Heft 3 (17.1.1907) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 3 (17.1.1907)
Date
1907-01-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449248--63183-2505713
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr 3. Sette 3. Der Israelit. 17. Januar 19V7. Die große Berliner Gemeinde kann die Erlaubnis der Staatsbehörden nicht dazu erlangen, daß den die christlichen Volksschulen besuchenden jüdischen Kindern von den an jenen Schulen bestellten jüdischen Lehrern irgendwelcher hebräischer Unterricht erteilt wird! Mag sein, daß den leitenden Männern im „Verbände der deutschen Juden" ein solcher Zustand, wenn er durch äußere Faktoren erzwungen wird, im Grunde ihres Herzens ganz willkommen ist. Der erdrückenden Mehrheit der jüdischen Gemeinden würden die papiernen Gleichberechtigungsideale der Verbandsregenten doch zu teuer erkauft sein, wenn die religiöse Zukunft ihrer Kinder den Kaufpreis bilden soll. Ein Moment, das die Wortführer des Verbandes als Entschuldigung für ihre Stellungnahme im Volksschulmmpf angeführt haben, wird durch die neueste Veröffentlichung noch in ein besonderes Licht gestellt. Damals hieß es: die 250 öffentlichen jüdischen Volksschulen fallen ja gar nicht ins Gewicht gegenüber den weit zahlreicheren Fällen, in denen jüdische Kinder christliche Schulen besuchen. Ist das wirklich der Gedankengang der Berbandspolitiker, nun so möchten wir fragen, warum denn plötzlich die vaar jüdischen Volksschulen eine so eminente Bedeutung erlangen, daß grade sie den Ausgangspunkt der verbändlichen „Ausführungsbestimmungen" bilden? Etwa darum, weil es sich damals um die Erhaltung, heute aber um die Auflösung dieser lästigen Ueberbleibsel einer fanatisch-religiösen Zeit handelt? Man braucht diese Frage nur zu stellen, um sofort Verständnis für den Aufbau der ganzen Anleitung zu gewinnen, die die Erhaltung und gar Errichtung jüdischer Volksschulen immer nur in letzter Linie als größtes Uebel in den Bereich der vorhandenen Möglichkeiten zieht und die schließlich 8ub III auch den jüdischen Privatschulen noch ein sanftes, schmerzloses Ende zu bereiten — anleitet. An die entgegengesetzte Möglichkeit, daß eine Gemeinde auf den ketzerischen, alle liberalen Grundsätze verletzenden Gedanken kommen könnte, eine Privatschule — horrbiledictu — in eine öffentliche jüdische Volksschule zu umwandeln, haben die Herren — natürlich aus Versehen! — gar nicht gedacht, ebenso wenig wie sie sub II 6 b auf den genialen Gedanken kamen, die Gemeinden an ihren Anspruch auf Zuschuß gemäß § 40 Abs. 1 zu erinnern!- Diese Vergeßlichkeit macht aber einer überraschenden Umsicht Platz, wenn es sich 8tib III 7 darum handelt, die Gemeinden daran zu mahnen, daß eine eigene Schule Geld kostet oder wenn, wie 8ab IV, ein § 37, der mit jüdischen Schulen absolut nichts zu tun hat, zur Interpretation des Gesetzes im Geiste des Verbandes mitverwendet werden soll. Es ist ein trauriges Dokument parteipolitischer Verblendung, das der „Verband der deutschen Juden" in seiner neuesten Leistung der jüdischen Oeffentlichkeit darbietet und man müßte wahrlich an der Zukunft der preußischen Judenheit verzweifeln, wollte man annehmen, daß dieses Dokument nicht von dem gesunden Sinn der preußischen Gemeindevorstände entsprechend gewürdigt werden sollte. Noch bedeutungsvoller aber ist dieses Dokument für alle diejenigen, die den „Verband der deutschen Juden" als ein überflüssiges und störendes Element im Körper der deutschen Judenheit bekämpfen zu müssen glauben. Nur die Sucht, überall den Ton anzugeben, konnte die vernünftigen Männer an der Spitze des Verbandes zu der sonst unbegreiflichen Torheit verleiten, vorErlaß der ministeriellen Ausführungsbestimmungen ein Schriftstück in die Welt zu schicken, das den „Verband" wieder einmal als die überall zum Eingreifen bereite und berufene Vertretung der preußischen Judenbeit erscheinen lassen und damit sein Recht auf Dasein erweisen soll. So wenig dieser Schein den Tatsachen entspricht, so gewiß weite Kreise der deutschen Judenheit dem „Verbände" Anerkennung und Gefolgschaft prinzipiell verweigern, so sicher hat der „Verband" mit dieser seiner neuesten Tat das Recht verwirkt, auch nur für einen gesetzestreuen Juden das Wort vor Staat und Gemeinden zu führen. Hat ja in diesen Tagen ein an sich verbandsfreun dliches Blatt sogar den Mut gefunden, diese Leistung des Verbandes als das zu kennzeichnen, was sie ist: alseinen Verrat an der jüdischen Volksschule. ochmMnöscha«. Carmen Sytoa unö die rumänifchen lugen. Die Worte der Verehrung, die Carmen Sylva, die warmherzige Dichterin auf dem Königsthron, dem Judentum und der Bibel in ihren Memoiren widmet, haben die Runde durch die gesamte Presse gemacht. Leider wird die Befriedigung über diese königliche Anerkennung stark durch die Wahrnehmung beeinträchtigt, daß Carmen Sylvas Auseinandersetzung über die rumänische Judenschmach dem Scharfblick oder der Ehrlichkeit der Verfasserin ein überaus schlechtes Zeugnis ausstellen. Sie behauptet frischweg, die rumänischen Juden seien ebenso „wie Protestanten und Katholiken" scharenweise ausgewandert, „weil sie keinen Lebensunterhalt mehr gefunden hätten". „Sie haben keinerlei Verfolgung erfahren, denn das Land leidet unter ihrem Weggang"! Man weiß nicht, was man einer liebenswürdigen Dame auf eine so verblüffende Behauptung erwidern soll. Daß man die rumänischen Juden wider Recht und Gesetz wie im alten Aegypten zu „Fremden" e klärt hat, daß sie allen behördlichen Chikanen schutzlos preis- A, wirtschaftlich boykottiert, von Huken nicht nur ausgesperrt, sondern an der Errichtung eigener Bildungsanstalten gehindert worden sind, daß es an Pogromen im kleinen nicht gefehlt und daß ganz nach russischem Muster die Vertreibung der Juden aus den Landgemeinden unendliches Elend über tausende von Existenzen gebracht hat — das alles sollte der Königin von Rumänien unbekannt sein? Wahrlich es liegt eine tiefe Berechtigung in deni Worte, das ein Wiener Journalist in einem dortigen Blatte der Königin auf ihre schönfärberische Darstellung hin entgegengeschleudert hat: „Carmen Sylva haL vor kurzem erst die Welt durch ihren HilftHMMMW^armen Blinden gerührt. Ist auch gegen die Menschheit schänden den Greuel in ihrem Lande?" Organisation in 6aii?ien? Die politischen Verhältnisse in Galizien beanspruchen augenblicklich, da man sich zur ersten praktischen Erprobung der großen österreichischen Wahlreform rüstet, auch im Auslande besonderes Interesse. Die verelendete jüdische Bevölkerung in Oesterreichisch-Polen leidet nicht zum wenigsten unter dem durch politischen Machtmißbrauch und politische Feindseligkeit hervorgerufenen wirtschaftlichen Druck, und es bedürfte noch nicht einmal einer positiv fördernden Politik der inneren Kolonisation, es genügte schon eine Abweisung des herrschenden Antisemitismus in Gesetzgebung und Verwaltung, um das Loos der armseligen jüdischen Massen um ein Weniges doch zu bessern. Diese Lage der Dinge ist nachgerade auch dem blödesten Auge sichtbar geworden, und man kann sich daher höchstens darüber, wundern, daß die qalizischen Juden erst jetzt den Versuch machen, sich zu einer Organisation der politischen Abwehr zusammenzuschließen. Ueber die große Versammlung, in der diese Organisation vorbereitet worden ist, berichten wir an anderer Stelle. Wie groß aber die Schwierigkeiten sind, die einer einheitlichen Aktion entgegenstehen, geht aus diesem Bersammlungsbericht nicht mit genügenleines Feuilleton. Neue Torscbungen über die Juden uls Russe. In Öen „Memoirs of the american Antrop. & Ethnol. Society Bö. I berichtet öex bekannte Antropologe Dr. Fiscbberg in New-Aork über seine an osteuropäischen Juden vorgenommenen ethnologischen Untersuchungen. Von seinem 2000 Personen umfassenden Material waren 124 in Amerika geboren, Öie übrigen aus Osteuropa eingewanöert. Wenn man öie Ergebnisse seiner Untersuchungen an öer Hanö eines in öer Naturwissenschaftlichen Wochenschrift enthaltenen Berichtes unbefangen prüft, so kommt man zu Öem Resultate, öaß eigentlich nur zwei Dinge feststehen: erstens, öaß öie heutigen Juden keine absolut reine Rasse find unö zweitens, öaß öie ganze Antropologie und insbesondere diese Rassenuntersuchungen im höchsten Grade unsicher unö zweifelhaft genannt werden müssen. Die Vermutung, öaß öie häufige dunkle Hautfarbe öer Juden unö das manchmal auftretende wollige Haar von den Tropfen kuschitischen Blutes herrühren sollen, Öie angeblich in Öie jüdische Bolksrasse in alter Zeit eingedrungen find, ist ebenso phantastisch, wie die Zurückführung des blonden Haares und Öer hellen Hautfarbe auf Öie Amoriter. Merkwürdig ist jedenfalls die Feststellung, daß Öie körperlichen Eigenschaften öer Juden jenen öer Völker ähnlich sind, unter denen fie während des letzten Jahrtausends, ohne nennenswerte eheliche Vermischung, gelebt haben. Dagegen kann man über eine Methode der Beweis führung, die aus einigen in den römischen Katakomben aufgefundenen jüdischen Schädeln aus Öem Jahre 150 und aus einer Ausgrabung mittelalterlicher Schübel aus dem jüdischen Friedhof zu Basel Öen Schluß ziehen will, Öaß die alten Juden kurzköpfig und nicht langköpfig gewesen seien — nur Öen Kopf schütteln. Möglicherweise wird bei jahrzehntelang fortgesetzter emsiger Forschung sich allmählich das eine oder andere sichere Ergebnis gewinnen lassen, heute schwebt die ganze Raffenforschung, namentlich soweit Öie Juden in Betracht kommen, völlig in Öer Luft, und es ist schon aus diesem Grunde durch und durch unwissenschaftlich, an Öie hypothetischen Resultate dieser Rassenforschungen weitgehende Folgerungen a la Chamberlain und Genossen zu knüpfen. ver ulte vuitscb. Ei« Bildchen aus Lithauen. Bon S. Schachnowitz—Endingen- Heute ist er ein alter, gebrochener Mann, Nochum oder der alte Daitsch, wie man ihn im Städtchen nennt. Man steht es dem gelben müden Gesicht nicht mehr an, wie viel Feuer und Kampfesfreude einst darin leuchtete, die wackelige Gestalt, die sich heute müde und gebeugt, nur mit Hilfe eines Stockes langsam fortbewegt, ist nur noch die eines gebrechlichen Invaliden. Doch damals war es anders, als er noch in Vollkraft seines Körpers und Geistes mitten im Leben und Kampfe stand und sich seinen Namen „Der Deutsche" ehrenvoll erworben, mutig und tapfer im Kriege erkämpft hat, den er von A bis Z vonEms bis Versailles— tmBeshamedrasch zuErswil mitgemacht hat. Als in den heißen Julitagen die Zeitungen in fettgedruckten spaltenlangen Artikeln die Kunde vom bevorstehenden Kriege wie im Feuerlauf durch die Lande brachten und die Namen Wilhelm, Napoleon, Bismarck, Benedetti bis ins kleinste Dorf trugen, da blieb auch das kleine Erswil von den Wogen dieser Ereignisse nicht unberührt. Ins Besmedrasch, wo man immer neben dem Talmudstudium auch eifrig Politik trieb, drang die Shmöe mit solcher Macht ein, daß sie monatelang alle Gemüter gefangen hielt. Auch da tobte der Kampf täglich, und die Meinungen prallten und platzten oft so wild und verheerend aneinander, daß es auch an Opfern nicht fehlte. Zu diesen Opfern gehörte auch die langjährige Freundschaft zwischen Nochum und Oscher. Nochum und Oscher waren die zwei Maskilim, die einzigen Kulturträger des Ortes und hielten stets gute Freundschaft. Politisch wichen ihre Ansichten etwas von einander ab. Nochum hielt den „Hameliz", während Oscher die „Hazefirah" las. Als der Krieg ausbrach, stellte sich Nochum sofort auf Seite der Deutschen, während sich Oscher für die Franzosen erklärte. Und als der erste Schuß jenseits des Rheines fiel, da war auch der Riß in der Freundschaft entstanden. Beiden fehlte es nicht an treuen Zuhörern und Anhängern. Natürlich gab es auck gewissenlose Verräter und Ueberläufer, die, je nach den einlaufenden Berichten, von dem einen Lager zum anderen sich schlugenauch solche, die strenge Neutralität bewahrten. Am unangenehmsten für beide Parteien machten sich jedoch die unvermeidlichen Schlachthyänen bemerkbar, jene frivolen Naturen, denen kein Ereignis hoch und ernst genug ist, um nicht Kapital für die Lachmuskeln daraus zu schlagen. Bald war das Register der Beinamen um zwei pikante Nummern reicher: Nochum der Daitsch und Oscher der Franzos. — Schon die äußeren Erscheinungen der beiden Heerführer ließen keinen Zweifel über den Ausgang des Krieges zu. Nochum groß und stark, mit jovialem Lächeln, schallen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.