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Der Israelit · 1907-01-10 · Heft 2 (10.1.1907) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 2 (10.1.1907)
Date
1907-01-10
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 2 des „Fsraelit". euilleton. mm Der Baal-Schern von Micdelstackt. Von Judäus. 1^ Nachdruck verboten. „Wie ich heute Morgen Euere Frau sah", enlgegnete Goldsticker, „Wie sie verschüchtert und gedrückt im Hause des Baal-Schem stand und wie sie jetzt in hellem Frohsinn da neben uns sitzt, der sollte meinen, der Sched habe in ihr gesteckt und jetzt sei sie davon befreit". „Damit könnt Ihr auch Recht haben" erwiederte lächelnd die durch Wiedererlangung ihres Familienglücks hocherfreute Frau. „Vielleicht waren auch deshalb zwei Rabbiner nötig, weil es sich um Austreibung von zwei Schadim handelte. Aber die Hauptsache ist und bleibt, daß sie keine Macht mehr über uns besitzen und wir nun für alle Zeit uns wiedergefunden haben". Goldsticker wollte sich nun über alle Details eingehend erkundigen, wie die bösen Geister sich geäußert, wie sie in die beiden wackeren Leute hineingekommen und wie sie wieder herausgefahren seien. Aber da hatte er von dem guten Paar zu viel verlangt. Glücklicherweise waren sie jetzt auch an den Weg gelangt, der von der Chaussee nach Momert abzweigt. Die beiden Fahrgäste verließen dankend den Wagen und gingen Arm in Arm ihrem Dorfe zu, während Goldsticker nachdenklich w.iter fuhr. — Jetzt war er überzeugt, daß Rabbi Seckel Löb ein wahrhaftiger Baal- Schem ist, der böse Geister in wenigen Stunde:: austreibt. Hatte er doch selber gesehen, wie die heute Morgen noch von einem Dämon besehene Frau in so wunderbarer Weise davon befreit worden war. Als Goldsticker auf seiner Rückreise nach Frankfurt kam und dort Berichte von zu Hause vorfand, daß in dem Befinden seiner Frau eine entschiedene Besserung eingetreten sei, wurde diese Ueberzeugung noch bestärkt. Er war sich keiner Unwahrheit bewußt, als er seinem Freunde erzählte, daß er soeben in Michelstadt selber Zeuge war, wie der Baal-Schem böse Geister ausgetrieben habe und wie die Befreiten seine Fahrgäste waren, aus deren Mund er das alles gehört und es zum Teil selber erlebt habe. Ebenso waren Ettel und Mendel Momert, welchen der Rabbi von Michelstadt den Geist der Zwietracht und den Dämon der Eifersucht gebannt hatte, von der Wundergröße des Baal-Schem überzeugt, und haben zu Hause ihren Kindern die volle Wahrheit berichtet, wenn sie glückstrahlend erzählten, sie seien kummerbeladen vor dem Baal- Schem erschienen um sich zu scheiden und hätten Dank seiner Vermittelung in neuer, ewiger Liebe das Haus des heiligen Mannes verlassen. XVI. Wir haben bei diesem Vorkommnis etwas länger verweilt, um an einem Beispiel die Art und Weise zu veranschaulichen, wie die Hochachtung und Verehrung des großen Mannes ganz von selbst einfache und an sich kleine Tatsachen mystisch verklärte, ohne sich dabei einer Abweichung von der Wahrheit bewußt zu sein. Daß jedoch selbst nach Abftreifen alles dessen, womit der Volksmund den Baal-Schem so reichlich bedacht, es in seinem Leben und Wirken noch viele für uns unlösbare Rätsel gibt, das muß als feststehende Tatsache des entschiedendsten betont werden. Aber das Rätselhafte liegt in der Großzügigkeit seines Charakters, in der Bescheidenheit und Selbstlosigkeit seines Wesens, in seinem starken Geiste und vor allem in seinem weichen, für alle Bedrängten so warm schlagenden Herzen. Diese maßlose Menschenliebe und Herzensgute, der alles an ihn herantretende Leid und Web so nahe ging, als ob es ihn selbst beträfe, kann wohl als Grundzug seines Charakters gelten. Die innige Teilnahme an den Sorgen und Leiden der Armen und Unglücklichen, getragen von einer beispiellosen Uneigennützigkeit, Wahrheit und Lebenserfahrung, brachten in der Tat Wunder zu Wege. Einem armen Manne mit zahlreicher Familie aus einer Nachbargemeinde ist sein altes, banfälliges Häuschen über Nacht eingefallen, er muß es neu aufbauen, aber er bat die Mittel nicht dazu. Daß da keiner ihm besser mit Rat und Tat an die Hand zu gehen weiß als Rabbi Seckel Löb, das steht dem armen Manne fest. Er läßt sich die drei Wegstunden nicht verdrießen und geht direkt von Beerfelden nach Michelftadt. Zaghaft und verschüchtert geht er an oie Tür des Rabbi. Aber das herzliche, wirklich einladende „Herein", das von drinnen herausklingt, hat dem Bittender: schon die Mutlosigkeit benommen, noch bevor er den Rabbi sieht. Wie dieser nun den armen Mann bewillkommnet, ihn zum Sitzen nötigt, ihm ein Frühstück anbietet und dann sein Anliegen anhört und darauf eingeht, die Herzlichkeit, Gastlichkeit und Bereitwilligkeit, die mußte man selber mit angesehen haben/ sie läßt sich in ihrer Eigenart nicht schildern. So verbindlich und zuvorkommend empfängt kein Geschäftsfreund einen andern, wenn er noch so große Summen an ihm zu verdienen hoffte, wie hier der Arme, Gedrückte empfangen wurde. Er bekommt auch nichts von schlechten Zeiten zu hören und von der Schwierigkeit jetzt eine größere Sunnne zu beschaffen, sondern der Baal-Schem frägt in seiner milden Weise, ehe er auf die Sache selbst eingeht: „Habt Ihr in Eurem eingefallenen Haus auch ein Sukko gehabt'?" „Nein, Rabbi!" lautete die kleinlaute Antwort. „Hab' rnir's' beinah' gedacht. Ich glaube, Euer Haus wäre auch nicht zusammengebrochen, wenn eine Sukko drinnen gewesen wäre. In Euerm neuen Haus müßt Ihr das besser machen. Ich gebe Euch die ersten 25 Gulden dazu, die verwendet Ihr für eine Sukko. Dann schreibe ich hier auf den Zettel: Ploni Ben Ploui 25 Gulden und darunter einige Namen von guten Freunden in Frankfurt und Mainz und Offenbach. Zu denen geht Ihr hin und zeigt ihnen den Zettel vor. Sie kennen alle meine Handschrift und werden Euch soviel geben als Ihr braucht. Esset heute Mittag bei mir rmd gegen Abend, wenn's kühler wird, geht Lechajim ul Scholaum nach Frankfurt. In zwölf Stunden könnt Jhr's bequem gehen und seid morgen früh zu Schachris schon dort. Ihr geht dann in die Löb Reis'sche Schule, dort fragt Ihr nach Beer Kann, dann richtet Ihr einen schönen Gruß von nur aus und ich lasse ihm sagen, er solle Euch mit Rat und Tat an die Hand gehen. Wenn dann alles gut geht, kommt Ihr auf dem Rückweg wieder zu mir und dann wollen wir sehen, ob's reicht. Ich werde meinen Leuten Auftrag geben, daß Ihr Wegzehrung für Euern Gang nach Frankfurt bekommt! also um zwölf Uhr heute Mittag!" Bei diesen Worten erhob sich der Baal- Schem, nahm aus einer Blechbüchse des Wandschranks 25 Gulden und zählte sie dem Manne in die Hand. Das war damals vor 80 Jahren eine Summe, die mehr bedeutete als heute der zehnfache Betrag. Der arme Mann war bereits reich/ soviel Geld hatte er wohl noch nie auf einmal gehabt. Kaum hatte dieser die Türe geschlossen, als es von neuem pochte. Diesmal war es ein Mann aus Michelstadt selbst. „Meier, was bringst Du Gutes?" fragte in vertraulicher Weise der Rabbi. „Ich bring nix Gut's und nix Schlecht's; ich bring gar nix, aber haben möcht ich was, eine gute Ezo (Rat). Der Rabbi »reiß doch, daß ich seit voriger Woche auSgezogeu bin und beim Nagelschmied Rexroth wohne/ was meint der Rabbi, der Roscho «Böse) will unter keiner Bedingung erlauben, daß ich Mesusos an meinen Türen anschlage, was soll ich da machen?" „Wenn er's auf keine Weise zugibt, so kannst Du sie ja von innen anschlagen." „Das tut er auch nicht/ er hat's mir schon beim Mieten gesagt, aber ich habe es damals für Spaß gehalte::, aber jetzt macht er Ernst und droht mit Polizei und allem Möglichen." „Was zahlst Du für Deine Wohnung?" „Geld genug, zwanzig Gulden für's Jahr." „Wenn er dreißig von Dir verlangt hätte, hättest Du dann auch bei ihm gemietet?" „Auf keinen Fall!" „Und Du hättest nicht geglaubt, daß die Forderung von zehn Gulden mehr nur ein Spaß ist. Warum hast Du bei Deiner Mesuso nicht auch so gedacht? Damals hätte man's noch machen können, aber jetzt ist's schwerer Laß ihm sagen, er soll einmal zu mir komn:en, aber sag's ihm nicht selber, damit er nicht vorher weiß, warum es sich handelt, und er am Ende gar nicht kommt." „Rabbi, seht, da unten steht er beim Friedlein, wenn ihn: der Rabbi an: Fenster klopft, kommt er sofort." „Gut, ich rverd' ihm rufen, aber Dich brauche ich nichr dabei, ich werde allein besser mit ihm fertig. Sorge dafür, daß er Dir nicht begegnet, wenn Du aus dem Haus gehst." Meier mußte sich in die Küche flüchten, denn kaum hatte der Rabbi am Fenster geklopft, als Rexroth und sein Begleiter schon atemlos zu dem Rabbi geeilt kamen. (Fortsetzung folgt). Daino« und Phintias ln der IrtdengaFe. Bon Arthur Kahn. [49] Nackdruck verboten. Hahnemann, feine Frau und Kinder weinten vor Freude und Rührung, wobei das Bildnis und der Zehndollarschein von Hand zu Hand wanderten. Karl, der Jüngste, der das Bild lange betrachtet hatte, meinte, da es etwas dunkel ausgefallen war, die sähen eher einem Schornsteinfegerpaar, als Bäckersleuten ähnlich. Dafür applizierte Hahnemann seinem Nesthäkchen wegen Profanation des Bäckerstandes eine Ohrfeige. Dann begab sich das glückliche Elternpaar, begleitet vonder Tochter, hinunter in Berez Schusterwerkftätte, wo im Beisein von Berez, Koppel, deren Frauen, des Gesellen und noch drei im Hause wohnenden Personen das Schreiber: nochmals verlesen wurde. Hahrremanns Rührung nahm auch beim zweitmaligen Vorleser: immer mehr zu, bis er schließlich leise weinte, sekundiert von dem Mitgefühl der übrigen Anwesenden. Nachdem er wieder sein seelisches Gleichgewicht gefunden, mit seinem farbig geblümelten Taschentuch seine Tränen getrocknet und sich trompetend geschneuzt hatte, wurde seine Stimmung wieder weltlicher. Er wandte nun seine Aufmerksamkeit dem wolkengrauen Geldschein zu, auf dem eine große Zehn und ein in seinen Fängen Bündel Blitze haltender Adler allgemeine Bewunderung erregte. Und die Sette hatte in ihrem Briefe versprochen, alle Vierteljahr ein solches wertvolles Zettelchen zu schicken. Fünf und zwanzig Gulden bedeuteten wirklich für den armer: Hilfsnachtwächter ein kleines Ver-

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