Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1907)
- Date
- 1907-01-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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10. Januar 1907._,_ mögen und waren auch in den damaligen Zeit- und Lebensverhältniffen sicher auch zehnmal so viel wert wie heute. So entstanden denn auch gar bald die kühnsten Pläne in seinem Hirn. Bor allem sollte ein festlicher Tag Zeugnis von der frohen Stimmung im Gäßchen oblegen, die zugleich ein hochzeitliches Nachfest für die plötzlich vielgefeierte Frau Fastenbretzel in Philadelphia bedeuten sollte. Hahnemann wurde sehr freigibig und forderte Berez und Koppel auf, an einem solennen Frühschoppen teilzunehmen. Berez hatte das nach Hahnemanns Ueberzeugung reichlich verdient, denn kein Schuster hätte, ohne Anspruch auf Arbeitslohn einer ganzen Familie das Schuhwerk geliefert. Trotzdem lehnten Vater und Sohn freundlich dankend die Einladung ab. Hahnemann fand aber doch noch im Laufe des Vormittags Freunde genug, die sich bereit fanden, auf Settchens Wohl einen Schoppen zu trinken. Der Freundeskreis wäre noch größer geworden, wenn nicht, als gerade eben ein Rundgesang verklungen war, Hahnemanns zweite Tochter erschienen wäre und den schon bedenklich freigebig gewordenen Vater mit resoluten Worten und Handgriffen aus der Mitte der Zecher herausgehoü hätte. Die Zeiten, in denen die Kinder sich von dem Musiko einwandlos durchprügeln ließen und Berez das normale Verhältnis wieder herzustellen pflegte, waren vorüber. Hahnemann, überaus friedlich gestimmt, der den Nutzen braver Kinder heute besonders erfreulich inne geworden, ließ sich ohne ernstern Einwand den Rest des gewechselten Geldscheines von Frau und Tochter aus der Tasche nehmen. Nach einem ausgiebigen Nachmittagsschläfchen war er wieder ganz nüchtern. Früher wie sonst zog er seinen großen, warm gefütterten Mantel an, um seines Amtes zu walten, denn er wollte zuvor noch seinen Vetter Peteranton aufsuchen und ihm erzählen, welche freudige Nachrichten aus Amerika eingetroffen waren. Dieser Weg sollte ihm aber verhängnisvoll werden, ohne daß er seine Absichten auch ausführte. Auf dem Wege zum Vetter bemerkte Hahnemann aus dem Weinkeller eines bekannten Weinhändlers Lichtschein durch die Kellerfenster blinken. Es war nicht häufig, daß nach den Feierabendstunden in einem Weinkeller noch gearbeitet wurde, kam aber zuweilen vor. Hahnemann beugte sich nun herab, preßte sein Gesicht fest an das Eisengitter und spähte im Keller umher. In einer der langen Fässerreihen entdeckte er endlich den Besitzer der hier verspundeten Schätze, der ein wegen seiner lustigen Streiche weit und breit bekannter Mann war. Eine Weile sah der Hilfsnachtwächter den Weinhändler aus verschiedenen Fässern Wein entnehmen und das Glas gegen das Licht halten, bevor er kostete. Da verspürte Hahnemann plötzlich einen brennenden Durst und alsbald blitzte auch schon ein schlauer Plan durch sein Hirn. Er brauchte ja nicht zu wissen, daß der Eigentümer noch um die zehnte Nachtstunde im Keller war; viel näher mußte ihm, dem Wächter der nächtlichen Sicherheit und Gesetzlichkeit, der Verdacht an einen Einbruch liegen. Also zeigen, daß das Auge des Gesetzes wacht und nicht nur der pflichtgetreue Nachtwächter, sondern auch der alte Bekannte, beinahe so etwas wie Freund, und der gute Bürger Hahnemann, zu jeder Stunde von zehn Uhr nachts an, bereit war, mit Gut und Blut das unantastbare Eigentum der Mitbürger zu schützen. Er näherte sich der schräg über den Bürgersteig herausragenden Falltür, die in den Keller führte, schlug fest mit dem Stiefelabsatz darauf und donnerte gegen das Kellerloch: „Aufgemacht, im Namen des Gesetzes! Wer ist da drunten in Herrn Kurtels Keller?" Ohne Antwort abzuwarten, schlug er jetzt mit beiden Fäusten gegen die Türe und schrie noch lauter: „'raus, Ihr Spitzbuben, Ihr Einbrecher! ich verhafte euch im Namen des Gesetzes und unseres Großherzogs! 'raus sag ich euch und aufgemacht, sonst-" Da hob sich die Türe und der Kopf eines _Der JSraelit._ bärtigen Mannes und gleich darauf dessen breitschulterige Gestalt ragte heraus. „Wer sind Sie? Ich verhafte sie hiermit im Namen der vereinigten Staaten vonvon-“ „Kerl, was schreist Du denn wie 'n leibhaftiger Brüllochse!" unterbrach der Mann den sich ganz wütend stellenden Nachtwächter. „Ei, des Kuckucks!" rief jetzt Hahnemann plötzlich besänftigt und ganz erstaunt tuend, „ich dacht' schon ein ganzes Diebesnest auszuheben- Der Weinhändler tat, als ob er Hahnemanns Pflichteifer verstehe und somit auch den Irrtum und nötigte den braven Wächter mit den Worten : „Komm rasch 'runter, hier ist mir's zu rauh und nebelig für meinen Rheumatismus", in den Keller und ließ dann die Falltür geräuschlos wieder nieder. Hier herrschte die behagliche Kellerwärme der Winterzeit und ein feiner Weinduft durchzog den hochgewölbten Raum. Hahnemann sog mit großem Behagen diese Luft ein und ließ sich nicht' lange zum Trinken nötigen. Von Faß zu Faß wandertett die beiden, in immer lebhafterer Unterhaltung und jedem der schwärzlichen Fässer wurde ein Glas nach dem andern entnommen. Der Musikus erzählte von dem Glück, das seine Tochter in Amerika gefunden, und der Weinhändler nötigte ihn immer wieder zum Trinken. Nach einer geraumen Zeit verließ Hahnemann, vom Weinhändler sorgfältig die Treppe hinaufgeleitet, das unterirdische Nektargebiet. „Donnerwetter", brummte er, als er auf der Gasse stand, „es muß schon zehn sein, am Ende gar-" Seine Sinne verwirrten sich,' er mußte sich fest auf seinen eisenbeschlagenen Stock stützen. Wo war sein Feuerhorn? Er tastete an sich herum. Richtig, das war nach hinten gerutscht, hing aber unversehrt am Riemen. Mit unsicherem Gang lenkte er zur Grabengaffe ein. Oben an der Straßenecke brannte die Nachtlaterne. Ein blutroter Schein schien sie in dem grauweißen Nebel zu umgeben. Hahnemann stierte mit verschleierten Blicken bin. Das sah fast wie Feuerschein aus. So rot brennt keine Gaslaterne; und nun begann dieser Schein sich zu bewegen, bald hell zu lodern, bald zusammenzusinken. Sollte das gar am Ende Feuer sein? Dem Nachtwächter brauste es in den Ohren, es flimmerte ihm mit tausend roten Punkten vor den Augen, die unabgewandt dem schwankenden Lichtschein folgen mußten. Jetzt war er seiner Sache gewiß,' doch gewohnheitsgemäß wollte er sein Liedchen von der elften Nachtstunde singen, aber er konnte den Text nicht finden und der rötliche Schein bannte ihn. Er öffnete weit den Mund und schrie laut in die stille Nacht hinein: „Feuer, Feuer!" Ein Schauer durchrieselte ihn, er erschrak vor seiner eigenen Stimme, die unheimlich durch die Stille gellte. Er kam sich in diesem Augenblick ungemein wichtig vor, wie ein Schicksalsbote, und wiederum schrie er mit Stentorstimme, lang hingezogen : Feu-er, Feurijo,-es — brennt, es brä—ä —ä— ä—änt! Bürger, ra—a—a—aus!" Dann umfaßte er, immer weiterschwankend und laufend, sein Feuerhorn und stieß machtvoll hinein, daß sich der ausströmende Hauch mit dem Nebel verdichtete. Die Wirkung dieses unheimlichen Weckrufes ließ nicht lange auf sich warten. Rouleaux wurden in die Höhe gezogen, aus den eben noch dunkel daliegenden Fenstern blitzte Lichtschein auf, Fenster wurden geöffnet und aus den schnell aufgeschlossenen Türen stürzten die aus dem ersten Schlaf geschreckten Menschen hervor. Männer mit weißen, spitzen Nachtmützen beugten sich heraus und riefen laut zu den Nachbarn hinüberdie nur mit dem Nötigsten bekleideten, ratlos auf der Straße Hin- und Herrennenden, die ein groteskes Bild darboten, srugen sich gegenseitig vergeblich nach der Brandstätte, die in dem dem diäten Nebel nicht zu erspähen war. Einige Besonnene aber eilten zum Rathaus, um die Feuerglocke läuten zu lassen, Nr. 3. Sette 13. schlugen aber vergebens gegen die verschlossene Rathaustür, denn Meister Engelhart, der RatSdiener schlief samt Frau und Kindeen so fest, daß sie vielleicht nur noch vom Kanonendonner einiger Belagerungsgeschütze geweckt worden wären. Eine kleine Zai,l Stammgäste des „goldenen Pflug" und verspätete Besucher des „Kasinos", die zur Feuerwehr gehörten, eilten, von ihrem Glas Wein aufgeschreckt, zunächst nach Hause, um ihre Feuerwehruniform anzulegen, was nach Paragraph neununddreißig der Statuten, die erste und wichtigste Maßregel bei einem ausgebrochenen Feuer war. Diese Maßregel war umso wichtiger, als es eine freiwillige und eine städtische Feuerwehr gab, und die freiwillige, aus den Honoratioren gebildete, an ihrer blauen Uniform rote Aufschläge trug, dieweil die „städtische", nach einem Reglement für Städte unter zehntausend Einwohner, weniger fteiwillige, nur graue Uniform mit grüner Litze trug und zumeist aus der mistra plebs gebildet war. Obwohl nun die sechsundneunzig Paragraphen der Feuerwehrstatuten bis ins kleinste Detail ausgearbeitet waren, so zum Beispiel, daß die freiwillige Feuerwehr sich bei einem Brand am Rathaus, die städtische sich fünfzig Schritt weiter auf dem Marktplatz aufzustellen habe, des Ferneren, daß eine Viertelstunde nach erfolgtem Feuerzeichen von der Sturmglocke oder vom Feuerwehrbläser auf noch nicht erschienene Führer nicht gewartet werden dürfe, so war doch ein höchst wichtiger Umstand bei Feuersgefahr nicht vorgesehen, wie sich jetzt herausstellte. Nämlich, wie sich die Feuerwehr zu verhalten habe, wenn die Brandstätte nicht entdeckt werden könnte - ob dann Männer, wie zu Josuas Zeiten, als Ku dichafter ausgesandt werden sollten, oder ob man so lange vor dem Rathaus und auf dem Marktplatz ruhig ausharren sollte, bis der Feuerherd mit voller Sicherheit festgestellt sei. Inzwischen rannte Hahnemann, ununterbrochen „Feuer! Feuer!" rufend, und mit seinem Horn schauerlich tutend, immer weiter durch alle Gaffen und Gäßchen alle Einwohner geweckt hatte, mit Ausnahme des Ratsdieners, in dessen treuer Obhut sich die Schlüffel zur Feuerglocke und zu den Feuerspritzen befanden. (Fortsetzung folgt.) Für de« Reklameuteil ißt die Redaktio» nicht verantwortlich; insbesondere ist es ausschließlich Sache der Leser, die im Reklameteil enthaltene» Empsehlungeu ritueller Waren oder sonstige Angabe» religionsgrsetzlichen Charakters «ms ihre Zuverlässigkeit zu vrüse«. Kaiser Friedrich Quelle 6346) —- Offenbaclk e. H. - Oegen Gieh t ». Khewnatismua bewMirt.“ Natttrlicüer X Biliner Saoirbmoi fötetisches Tafelwasser erfrischend - wohlschmeckend - reine Ilafurfülluns in 7i u. 7, 51. überall erhältlich. Hauptniederlage in (6687) Frankfurt a.M.bei H. Kölsch Kachf., Rebstock 1. Wie artig das Kind zur Schule geht! — SS Ja, und es ist eigentlich nie krank. 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